JMB startet digitale Veranstaltungsreihe zu Menschenrechten, Migration und jüdischer Geschichte
Auftakt mit Seyla Benhabib
Pressemitteilung vom Mo, 11. Mai 2026
Am 27. Mai 2026 startet das Jüdische Museum Berlin (JMB) eine fünfteilige, digitale Veranstaltungsreihe: die Digital Lecture Series Menschenrechte als letzte Utopie. Migration und jüdische Geschichte. Der Titel greift ein Zitat des Historikers Samuel Moyn auf, der 2013 von den Menschenrechten als einer „letzten Utopie“ sprach, die frühere politische Utopien wie den Sozialismus abgelöst habe.
Wie sind seit den 1930er Jahren angesichts von Massenauswanderungen, Bevölkerungstransfers, von Verfolgung und Displacement die Grundlagen eines internationalen Flüchtlingsrechts erarbeitet worden? Und welche Bedeutung kommt ihnen heute zu? Das erörtert die Journalistin Dinah Riese in jeder Veranstaltung mit je einer Wissenschaftlerin bzw. einem Wissenschaftler vor dem Hintergrund jüdischer Flüchtlings- und allgemeiner Menschenrechtspolitik. Ein zentrales Dokument der internationalen Abkommen ist die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951.
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Hetty Berg, Direktorin des JMB, führt aus: „Die digitale Vorlesungs- und Gesprächsreihe greift ein gesellschaftlich wichtiges Thema auf und wendet sich an ein internationales Publikum. Sie hebt hervor, welche visionären Konzepte hinter heute oft selbstverständlich erscheinenden, menschenrechtlichen Errungenschaften stehen, und diskutiert, inwieweit diese heute wieder in Frage gestellt werden. Die Reihe trägt dazu bei, den heute oft verengten Blick auf Migration zu weiten. Und sie untersucht, welche Ereignisse, welche juristischen oder philosophischen Texte Anregungen liefern, um eine bessere Zukunft zu entwerfen.“
Jede Veranstaltung beginnt mit einem Vortrag der eingeladenen Persönlichkeit, an den ein Gespräch mit Dinah Riese anschließt. Danach hat das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Alle Vorträge und Gespräche werden auf Englisch stattfinden. Dinah Riese leitet das Inlandsressort der Tageszeitung taz. Davor war sie taz-Redakteurin für Migration und Integration.
Wir danken der Berthold Leibinger Stiftung für ihre Unterstützung der Digital Lecture Series.
Die Veranstaltungsreihe findet in Kooperation mit der taz statt. Jede Veranstaltung wird im Livestream übertragen und erscheint als taz talk auf YouTube.
27. Mai 2025, 19 Uhr, Seyla Benhabib im Gespräch mit Dinah Riese: The 1951 Refugee Convention and the Collapse of the International Order Post 1945
In der ersten Lecture sprechen die Philosophin Seyla Benhabib und Dinah Riese über die Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Jahr 1951. Es wird dabei um Dilemmata gehen, die dem Dokument seit Beginn anhaften: den Ausschluss von Ländern des globalen Südens, die den Kategorien „geschützter Gruppen“ zugrundeliegenden problematischen Annahmen sowie die bürokratischen und rechtlichen Schwierigkeiten beim Nachweis einer „begründeten Furcht vor Verfolgung“ für die Anerkennung als Flüchtling.
Die Hoffnung der Genfer Konvention, sichere Zufluchtsorte und eine Welt ohne Verfolgung zu schaffen, liegt gegenwärtig in Trümmern. Wichtige Unterzeichnerstaaten wie die Vereinigten Staaten und die Europäische Union haben Einreiseverbote, Auslieferungs- und Vertreibungstechniken entwickelt, die „rechtsfreie Zonen und rechtlose Subjekte” geschaffen haben. Benhabib erläutert, warum sie in der Genfer Konvention – angesichts der Zerstörung einer auf internationalem Recht und Menschenrechten basierenden Weltordnung – das erste Anzeichen eines Scheiterns sieht.
Seyla Benhabib zählt zu den einflussreichsten politischen Philosoph*innen und politischen Theoretiker*innen der Gegenwart. Bis zu ihrer Emeritierung war sie Eugene Meyer Professor for Political Science and Philosophy an der Yale University, lehrte zudem an der Harvard University und an der New School for Social Research. Seitdem forscht und lehrt Benhabib in New York an der Columbia Law School.
9. Juni 2026, 19 Uhr, Itamar Mann im Gespräch mit Dinah Riese: Humanity at the Sea
Die zweite Lecture richtet den Fokus auf das Mittelmeer: Es ist seit vielen Jahrhunderten ein Raum des Austausches und der Migration – auch für jüdische Migrant*innen. Am gegenwärtigen Umgang mit Migration über das Mittelmeer und mit Initiativen der Seenotrettung lassen sich Schwachstellen des internationalen Rechts und der Menschenrechte aufzeigen: Das Mittelmeer ist zu einem Massengrab geworden. Itamar Mann hat in seinem Buch Humanity at the Sea. Maritime Migration and the Foundations of International Law (2016) juristische, politische und ethische Fragen untersucht, die mit dieser Migrationsbewegung bis heute verbunden sind. In einer historischen Perspektive auf jüdische Migration nach Palästina, vietnamesische Boat People und syrische Geflüchtete seit 2015 entwickelt er – anschließend an Hannah Arendt und Emanuel Levinas – den utopischen Ansatz eines “rights of encounter“, insbesondere vor dem Hintergrund weiterer Verschärfungen der nationalen und europäischen Migrationspolitiken.
Itamar Mann ist Professor für Internationales Recht an der Universität Haifa (beurlaubt) und Gastprofessor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster.
21. Juli 2026, 19 Uhr, Ayelet Shachar im Gespräch mit Dinah Riese: Shifting Borders. Human Rights and Territorial Sovereignity
Im Rahmen der Digital Lecture Series wird die Juristin Ayelet Shachar mit der Journalistin Dinah Riese über die spannungsgeladenen Beziehungen zwischen Menschenrechten und territorialen Vorstellungen von Souveränität sprechen. Shachar wird grundsätzliche Entwicklungen benennen, die das Feld von Recht und Mobilität bestimmen, und rechtliche Strategien herausarbeiten, die es ermöglicht haben, dass sich die Grenze von der Landkarte gelöst hat. Entgegen der verbreiteten migrationspolitischen Behauptung, dass praktikable Lösungen unerreichbar oder unvorstellbar seien, hält Shachar rechtliche Möglichkeiten bereit, mit denen der gegenwärtige Stillstand überwunden werden könnte.
Ayelet Shachar ist Professorin für Rechtsvergleichung an der University of California, Berkeley.
1. September 2026, 19 Uhr, Maximilian Pichl im Gespräch mit Dinah Riese: Repressive Migrationskontrolle und autoritärer Umbau in Europa
Die europäische Asyl- und Migrationspolitik ist seit drei Jahrzehnten gleichzeitig durch Offenheit und Abschottung gekennzeichnet: Die Vergemeinschaftung liberalisierte das Asylrecht in vielen Staaten, schuf aber gleichzeitig mit Frontex und Migrationspakten Instrumente der repressiven Migrationskontrolle.
Dieser historische Kompromiss aus liberal-menschenrechtlichen und national-konservativen Strängen ist nun gescheitert. Das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) stellt eine erhebliche Verschärfung des bisherigen Asylsystems dar. Im EU-Parlament beschließen konservative und extrem rechte Parteien gemeinsam Maßnahmen für Abschiebungen. Die Verschärfung des Asylrechts ist dabei Teil eines generellen autoritären Umbaus, in dem es aber immer noch menschenrechtliche Pflöcke gibt, die eine Vollabschottung Europas verhindern. Der Vortrag gibt einen Überblick über die dreißigjährige Geschichte der europäischen Asylpolitik und erläutert, warum es gerade zu einer neuen Zäsur kommt.
Maxiliman Pichl ist Professor für Recht der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences.
29. September 2026, 19 Uhr, Miriam Rürup im Gespräch mit Dinah Riese: Statelessness and Visions of Belonging
Der Besitz der Staatsbürgerschaft ist in Einwanderungsgesellschaften Garant gleichberechtigter Teilhabe, sozialer Rechte und politischer Mitbestimmung. Zugleich ist er Voraussetzung für menschenrechtlichen Schutz. Was bedeutet es also, staatenlos zu sein? Wie wurde und wird Staatenlosigkeit noch immer zu einem Massenphänomen, und welche lebensweltlichen Konsequenzen hat dies? In dieser Veranstaltung wird erörtert, wie das „Recht, Rechte zu haben“ jenseits nationalstaatlicher Zugehörigkeit juristisch und gesellschaftlich reflektiert wurde. Staatsbürgerschaftliche Rechte zu gewähren, war und ist ein politisch umkämpftes Feld. In diesem Gespräch soll der Zusammenhang von Citizenship und Menschenrechten in historischer wie utopischer Perspektive, mit Blick auf Möglichkeiten der Erweiterung und politischen Solidarität diskutiert werden.
Miriam Rürup ist Professorin für europäisch-jüdische Studien und Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam.
Aktuelle Informationen zur Digital Lecture Series finden Sie hier.