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Laissez-passer

Passierschein der Grande Armée für Maurice Bouchard, Berlin, 1808, Schenkung von Dr. Walter Borchardt-Ott und Ruth Jarecki geb. Borchardt-Ott, 2012

Historisches Dokument, mit einem Siegel versehen

Dieses Dokument ermöglichte dem Besitzer, von Berlin nach Frankfurt an der Oder zu gehen, um die französische Armee zu versorgen; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2012/249/15, Schenkung von Dr. Walter Borchardt-Ott und Ruth Jarecki geb. Borchardt-Ott. Weitere Informationen finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

„Die zivilen und militärischen Behörden werden gebeten, Herrn Maurice Borchard, Lieferant der französischen Armee, Überbringer des Vorliegenden, ungehindert nach Frankfurt an der Oder gehen zu lassen, um dort Versorgungs­geschäfte zu tätigen, und ihm bei Bedarf Hilfe und Unter­stützung zu gewähren.“

Am 8. Mai 1808 stellte die französische Grande Armée diese Bescheini­gung in Berlin aus. Anderthalb Jahre zuvor war Napoleon Bonaparte am 27. Oktober 1806 mit seiner Armee durch das Brandenburger Tor geritten, zwei Wochen nach dem Sieg über das preußische Heer bei den Schlachten von Jena und Auerstedt. Es folgte eine zwei­jährige Besetzung Berlins durch die Franzosen, während der die fremden Truppen einquartiert, versorgt und die Grande Armée an vielen Orten beliefert werden musste.

Versorgung der französischen Truppen

Hinter dem französisch klingenden Maurice Borchard, dem dieser Passier­schein ausgehändigt wurde, verbirgt sich ein 27-jähriger Jude namens Moritz (Mendel) Borchardt. Geboren 1781 in Berlin, hatte er bereits in jungen Jahren eine Speditions­firma in Hamburg gegründet. Als er um 1805 in die preußische Haupt­stadt zurückkehrte, kamen ihm seine Erfahrungen mit dem Tran­sport von Gütern im besetzten Berlin zugute. Bereits 1807 wurden er und sein Bruder Heinrich mit der Versorgung der französischen Truppen beauftragt und lieferten große Mengen Getreide, Stroh und Heu.

Der Passierschein

Das vorliegende Dokument ziert oben in der Mitte das napo­leonische Kaiser­wappen. Die genaue Beschreibung von Statur und Aussehen Moritz Borchardts ist nicht ausgefüllt, ebenso fehlt seine Unterschrift. Von einem ein Jahr später aus­gestellten Reisepass wissen wir aber, dass er 5 Fuß und drei Zoll groß war (160 cm), schwarzes Haar, einen schwarzen Bart, blaue Augen, einen runden Mund, ein breites Kinn, eine lange Nase und ein längliches Gesicht hatte. Unter­schrieben ist die Be­scheinigung von dem General der Division und Komman­danten von Berlin und Mittelmark (Moyenne Marche) Jean-Baptiste Joseph Noël Borrel. Ein hand­schriftlicher Vermerk für eine weitere Reise nach Prenzlau im Oktober 1808 befindet sich unten links, während auf der Rückseite eine Fahrt von Berlin nach Küstrin im November und die Rüc­kreise nach Berlin im Dezember desselben Jahres bescheinigt sind, beide Garnisonsstädte, in denen französische Truppen zu versorgen waren.

Abzug der Franzosen aus Berlin

Ende 1808 zogen die Franzosen aus Berlin ab. Im folgenden Jahr stellte die Königlich Preußische Kur­märkische Regierung den Gebrüdern Borchardt eine Bescheini­gung aus, dass sie "bedeutende Lieferungs-Geschäfte aller Art" für die Grande Armée zur Zufrieden­heit betätigt hatten. Vier Jahre später, nach der Nieder­lage der Franzosen bei der Völker­schlacht bei Leipzig, wurde Moritz Borchardt nunmehr mit der Belieferung des preußischen Heers beauftragt. Mehrere Geschäfts­reisen brachten ihm in der Folge­zeit nach Frank­reich, unter anderem im Juli 1815 in das Haupt­quartier des Generals Gebhard Leberecht von Blücher, der Napoleons endgültige Nieder­lage in Waterloo nur einen Monat zuvor besiegelt hatte.

Aubrey Pomerance, Archivleiter

Dokument mit Siegel

Bescheini­gung über die Belieferung der Grande Armée; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2012/249/8, Schenkung von Dr. Walter Borchardt-Ott und Ruth Jarecki geb. Borchardt-Ott, Foto: Roman März. Weitere Informationen finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Zitierempfehlung:

Aubrey Pomerance (2021), Laissez-passer. Passierschein der Grande Armée für Maurice Bouchard, Berlin, 1808, Schenkung von Dr. Walter Borchardt-Ott und Ruth Jarecki geb. Borchardt-Ott, 2012.
URL: www.jmberlin.de/node/8215

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