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„Wohltuend aus­gewogene Gebrauchs­gegen­stände in Silber”

Emmy Roth, Kaffee- und Teeservice, Ankauf 2010

Silbernes Kaffee- und Teeservice bestehend aus Kaffeekanne, Teekanne, Sahnekännchen, Zuckerschale und Tablett

Kaffee- und Teeservice von Emmy Roth; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Wenn ich zwei Jahrzehnte Sammeltätigkeit Revue passieren lasse, kommt mir ein fünfteiliges Kaffee- und Teeservice in den Sinn. Es wurde vor etwa achtzig Jahren, 1931, hergestellt. Vermutlich können sich die wenigsten Menschen für Teekannen und Milchkännchen begeistern, aber vielleicht stimmt Sie dieses Service um.

Die besten Haushalts­gegenstände sind zweck­mäßig, angenehm in der Hand­habung, benutzer­freundlich und schön anzusehen. All das zeichnet dieses Set aus. Jedes Teil strahlt Kraft und Würde aus und spiegelt die Handschrift seiner Gestalterin, der deutschen Silber­schmiedin Emmy Roth (1885–1942), wider.

Frauen wurden in die Bereiche Textilien, Keramik und Buch­binderei gedrängt.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahr­hunderts erwartete man von Frauen immer noch, dass sie sich auf „weibliche“ Disziplinen wie Nähen, Weben und Klöppeln beschränkten. Sie durften nicht an Kunst­akademien studieren, und selbst am Bauhaus, das 1919 seinen Betrieb aufnahm, wurden Frauen in die Bereiche Textilien, Keramik und Buch­binderei gedrängt.

Insofern ist es bemerkens­wert, dass Emmy Roth Anfang des Jahrhunderts eine aufreibende Gold- und Silber­schmiedelehre bei Conrad Anton Beumers in Düsseldorf absolvierte und auch in anderen Werk­stätten lernte. Die 1885 geborene Roth dürfte damit die erste aus­gebildete Silber­schmiedin der deutschen Moderne gewesen sein.

Emmy Urias war die Tochter eines jüdischen Kaufhausbesitzers in der Kleinstadt Hattingen. Die bürgerlichen Eltern hatten sich die Zukunft ihrer Tochter vermutlich anders vorgestellt, doch die willensstarke Emmy hatte 1907/08 bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung, den ersten ihrer drei Ehemänner geheiratet und eine eigene Werkstatt eröffnet.

Auf der Suche nach einem eigenen Stil

Frauen, die im frühen zwanzigsten Jahr­hundert mit Edel­metallen arbeiteten, stellten in der Regel Schmuck her, da dies körperlich weniger anstrengend ist als das Hämmern und Löten schwerer Bleche bei hohen Temperaturen. Auch Roth fertigte anfangs eher kleine ornamentale Stücke an, indem sie Silber mit Halb­edelsteinen kombinierte oder feines Elfenbein verwendete. Spätestens von 1920 an bis 1933 betrieb Roth eine Werkstatt und einen Ausstellungs­raum in Berlin-Charlottenburg. In dieser Zeit fand sie zu ihrem eigenen Stil, der ihr hohes hand­werkliches Können mit zeit­genössischen Vorstellungen von schlichtem, modernem Design verband.

Das Tee- und Kaffeeservice des Jüdischen Museums stammt aus dieser Zeit, die den Höhepunkt von Roths Karriere als Silberschmiedin markiert. Die Silberteile des Service sind allesamt aus Sterlingsilber gefertigt und kunstvoll von Hand gehämmert. Da in Deutschland zu dieser Zeit eher minderwertige Silberlegierungen üblich waren, deutet Roths Verwendung von Sterlingsilber darauf hin, dass sie es sich leisten konnte, mit teuren Materialien zu arbeiten, und dass sie ein Auge auf den internationalen Markt hatte, auf dem das hochwertigere Sterlingsilber bevorzugt wurde. Auch die Tatsache, dass das Wort „Germany“ auf dem Boden einprägt ist, verrät, dass das Set für den Export bestimmt war. Zu dieser Zeit war die Nachfrage nach schön gestalteten Silberobjekten für den modernen Haushalt groß, und Auftragsarbeiten waren für ihr Geschäft unerlässlich.

Emmy Roth steht vor einem Regal, in dem Kaffee- und Teeservice sowie Kerzenleuchter stehen

Emmy Roth 1932 in ihrem Berliner Ausstellungsraum; bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Roths einzigartigen Entwürfe und ihre Talente als Silber­schmiedin wurden auch im Ausland anerkannt.

Roth hatte ein hervorragendes Gespür für Vermarktung und wusste, wie wichtig es war, ihre Arbeiten publik zu machen und auszustellen – regelmäßig präsentierte sie ihre Entwürfe auf der Grassi­messe in Leipzig. Doch gutes Marketing allein hätte nicht gereicht, um ihre exklusiven Arbeiten zu verkaufen – ihre einzigartigen Entwürfe und ihr Talent als Silber­schmiedin verschufen ihr Ansehen im Ausland wie in Deutschland.

Zu den zahlreichen Ausstellungen, an denen Roth teilnahm, gehörten die Woman's National Exposition im St. Louis Coliseum 1928 und die bahnbrechende Berliner Ausstellung Die gestaltende Frau von 1930, die erste Ausstellung des Deutschen Staats­bürgerinnen­verbandes e.V. Sie fand im ersten Stock des Kaufhauses Wertheim statt und präsentierte unter anderem ausgewählte Malerinnen, Architektinnen, Fotografinnen, Kunst­handwerkerinnen und Innen­architektinnen. Emmy Roth war die einzige Silber­schmiedin, und ihr fünf­teiliges Silberservice wurde im Begleit­katalog ganzseitig abgebildet.

Elegante Schlichtheit

Zu dieser Zeit entwarf Emmy Roth jüdische Zeremonial­objekte sowie dekorative Haushalts­waren. Einige dieser Entwürfe wurden 1931 in der Berliner Ausstellung „Kunst und Form“ ausgestellt, die zeitgenössische christliche und jüdische Ritual­gegenstände zeigte. Wir haben das Glück, zum 20-jährigen Bestehen des Jüdischen Museums Berlin in unserer Dauer­ausstellung eine Etrog-Dose und einen Kiddusch-Becher als Leihgabe zeigen zu können, die beide von Roth entworfen und hergestellt wurden. Es sind die einzigen erhalten gebliebenen zeremoniellen Objekte von Roth, von denen man bislang weiß.

Ihre innovativen, funktionalen Stücke besaßen eine elegante Schlichtheit und verzichteten auf die im späten neun­zehnten Jahr­hundert so beliebte florale Ornamentik. Als solche standen sie stilistisch im Einklang mit ihren profanen Arbeiten. Doch was ist eigentlich das Besondere an Emmy Roths Werk?

Um auf das Kaffee- und Tee­service zurückzukommen, könnte man die anmutigen, harmonischen Linien anführen, die mit technischer Virtuosität ausgeführt wurden. Was mich jedoch immer wieder fesselt, sind die durchdachte Konstruktion wie auch die materiellen Aspekte, die man leider nicht selbst erleben kann, da das Service nicht mehr in Gebrauch ist, sondern im Museum verwahrt wird. Doch wenn wir es uns genauer ansehen, finden wir einige Anhaltspunkte. So haben die Gefäße angenehme Griffe aus Horn, und man kann davon ausgehen, dass sie sich nicht erhitzen und die Hand verbrennen, wenn die Kannen mit kochendem Wasser gefüllt würden. Zudem sieht man, dass die Kannen nicht für große Hände gemacht wurden; sie wurden von einer Frau für eine Frau entworfen. Wer sich fragt, wie es wohl wäre, wenn er das Glück hätte, eines dieser Gefäße in der Hand zu halten (wobei er natürlich Museums­handschuhe tragen würde), dem kann ich versichern, dass sich das vollkommen ausgewogen und äußerst angenehm anfühlt.

Ein Zeitungs­artikel in der jüdischen Presse von 1934 spricht von „den formal so wohltuend ausgewogenen Gebrauchs­gegenständen in Silber der Emmy Roth“1. Und genau das trifft es. Wenn eine Designerin, so wie Emmy, alles richtig macht, ist es zutiefst wohltuend, ihre Kreationen anzuschauen oder in der Hand zu halten. Und das sind gute Gründe, sich für Teekannen zu begeistern.

Michal Friedlander, Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst


  1. CV Zeitung, Nr. 22, 2. Beiblatt, 31.5.1934 [278] ↩︎

Zitierempfehlung:

Michal Friedlander (2021), „Wohltuend aus­gewogene Gebrauchs­gegen­stände in Silber”. Emmy Roth, Kaffee- und Teeservice, Ankauf 2010.
URL: www.jmberlin.de/node/8397

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