Otto Rothmann
(1896–1914)

»Wen die Götter lieben, der stirbt jung.«

So lautet der griechische Spruch auf der seidenen Gedenkschleife für den erst 18-jährigen Otto Rothmann, die der Vater für seinen ältesten Sohn anfertigen ließ.

Otto Rothmann starb am 23. Oktober 1914 im Lazarett von Douai in Nordfrankreich, infolge einer elf Tage zuvor erlittenen Verwundung. Kaum drei Monate zuvor hatte er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet.

Militärische Tradition

Der im Januar 1896 in Berlin geborene Otto Rothmann ist gewiss mit Geschichten von Heldentaten und Vaterlandstreue aufgewachsen.

Schon sein Großvater, Oscar Rothmann, nahm als Sanitätsarzt im Preußischen Heer an den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 teil, wurde mehrfach militärisch ausgezeichnet und hielt seine Erlebnisse in umfangreichen Memoiren und auf zahlreichen Fotografien fest.

Schwarz-weiß-Foto: Sitzender Junge, Atelieraufnahme

Otto Rothmann im Matrosenanzug, Berlin, ca. 1910; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von John und Ellen Rothmann, Bill und Renée Rothmann und Susan Rothmann Seeley, Foto: Jens Ziehe.

Militärorden mit Ordensbändern

Ordensspange von Oscar Rothmann mit neun deutschen Orden, 1861–1897; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von John und Ellen Rothmann, Bill und Renée Rothmann und Susan Rothmann Seeley, Foto: Jens Ziehe

Sein Vater Max Rothmann, ein bekannter Nervenarzt, diente 1876/77 als »Einjährig-Freiwilliger«.

Kriegsfreiwilliger

So war es selbstverständlich, dass sich Otto Rothmann mit dem Ausbruch des Krieges im August 1914 freiwillig meldete, um seinem Vaterland zu dienen.

Er wurde in das traditionsreiche, 1815 gegründete 1. Garde-Dragoner-Regiment aufgenommen, das zur preußischen Kavallerie gehörte.

Am 4. August, zwei Tage nach der Mobilmachung, wurde das Regiment auf dem Güterbahnhof in Charlottenburg verladen. Der Weg in den Krieg führte über Köln, die Eifel und Luxemburg nach Belgien, das Otto Rothmann und seine Kameraden am 9. August erreichten.

Schwarz-weiß-Foto: Vier uniformierte Soldaten mit Biergläsern, in einem Waldstück

Max Rothmann (oben) mit drei Kameraden, Jüterbog, um 1900; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von John und Ellen Rothmann, Bill und Renée Rothmann und Susan Rothmann Seeley, Foto: Jens Ziehe

Visitenkarte: gedruckt, handschriftlich ergänzt

Visitenkarte mit handschriftlicher Notiz »z. Zt. [zur Zeit] im Felde«, Berlin, 1914; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von John und Ellen Rothmann, Bill und Renée Rothmann und Susan Rothmann Seeley, Foto: Jens Ziehe

Die ersten Toten gab es bereits vier Tage später bei Gefechten in Assesse, südlich von Namur.

Am 23. und 24. waren die Dragoner an der Schlacht bei Mons beteiligt, am Tag danach überschritten sie die französische Grenze in der Nähe des Dorfes Clairfayts.

Am 7. September erlitten sie in einem Gefecht bei Fretoy hohe Verluste. Das Regiment zog sich von der Marne zurück und marschierte in den folgenden 30 Tagen von Condé-en-Brie bis nach Lens.

12. Oktober 1914

Am 11. Oktober rückte die Brigade über Hantay in Richtung des Dorfes Haisnes vor. Die 4. Eskadron (eine Untereinheit des Regiments), zu der Otto Rothmann gehörte, verlor an diesem Tag ihren Anführer, den Rittmeister Freiherr von Buddenbrock.

Was am darauffolgenden Tag geschah, beschrieb nach dem Krieg einer der beteiligten Offiziere, Carl Freiherr Gayling von Altheim, so:

»Am 12.10.14 sammelte sich das Regiment morgens im Brigadeverband am Ostausgang von Haisnes. Die Vorhut (...) trat erneut den Vormarsch auf Auchy an, das übrige Detachement [Truppenteil] folgte mit unseren beiden anderen Eskadrons am Anfang. Aber Cuinchy war immer noch von starken Feinden besetzt. So blieb das Gros am Westausgang von Haisnes in Fliegerdeckung. Nur die beiden Eskadrons der Vorhut wurden mittags am Bahndamm eingesetzt, um das Feuer gegen den schon gestern bekämpften Feind wieder aufzunehmen.«

Schwarz-weiß-Foto: Junger Mann in Soldatenuniform mit weißem Gürtel, Pickelhaube und Degen, Atelieraufnahme

Otto Rothmann in Soldatenuniform mit Pickelhaube und Degen; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von John und Ellen Rothmann, Bill und Renée Rothmann und Susan Rothmann Seeley, Foto: Jens Ziehe

Im Laufe dieses Tages erlitt Otto Rothmann seine schwere und letztendlich tödliche Verletzung.

Trauerfeier

Der Leichnam von Otto Rothmann wurde von Douai nach Berlin überführt, wo am Sonntag, den 1. November eine Trauerfeier im Krematorium in der Gerichtstraße stattfand.

Die tags zuvor erschienene Annonce im Berliner Tageblatt zeigte seinen »Heldentod für das Vaterland« an und tat den Lesern kund, dass Otto Rothmann »auf den Ruf seines Kaisers zu den Fahnen [eilte], wie einst sein Grossvater.«

Die Gedenkschleife für Otto Rothmann ist Ausdruck der unerschütterlichen patriotischen Gesinnung der Familie, die im Tod des jungen Mannes seine vaterländische Pflicht erfüllt sah.

Das 35 cm lange Seidenband ist mit Bildern und Texten bedruckt. Im oberen Teil ist Rothmanns Porträt mit Pickelhaube zu sehen, zusammen mit den lateinischen Worten »Morte accepta« – ein angenommener Tod.

Darunter folgt eine Abschiedsszene zwischen einer weinenden Frau und einem jungen Mann mit Hellebarde. Im Hintergrund sitzt ein Soldat des Deutschen Heeres auf einem Pferd.

Als drittes Bild ist ein Trauerzug zu sehen: Der von vier Soldaten getragene Sarg ist mit Girlanden geschmückt, obenauf liegt ein Helm.

Darunter wird der Verstorbene mit einem deutschen Vers besungen:

»Ein junges, strahlendes Sein,
Ein junger begeisterter Tod,
Kein Hauch von der Erde Not,
Ward nicht ein Glückslos sein?«

Letzte Ruhestätte

Das Grab auf dem städtischen Friedhof in der Gerichtsstraße sollte indessen nicht die letzte Ruhestätte von Otto Rothmann bleiben.

Weißes Seidenband, bedruckt mit Eisernem Kreuz (oben), drei Illustrationen sowie Siegerkranz und Jahreszahl 1914 (unten)

Gedenkschleife aus Seide für Otto Rothmann, Berlin, 1914; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von John und Ellen Rothmann, Bill und Renée Rothmann und Susan Rothmann Seeley, Foto: Jens Ziehe

Am 12. Juli 1936, drei Wochen nach dem Tod seiner Mutter Anna, wurde seine Urne zusammen mit der ihren sowie der seines Vaters in ein Erbbegräbnis auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee umgebettet.
Max Rothmann hatte seinen im Feld gefallenen Sohn nur um zehn Monate überlebt. Niedergeschmettert durch den Verlust von Otto und die Ablehnung der Marine, seinen zweiten, erst 15-jährigen Sohn Hans als Kadetten aufzunehmen, nahm er sich im August 1915 das Leben.

Weitere Dokumente, Fotografien und Objekte zu Otto Rothmann und seiner Familie finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Aubrey Pomerance, Archiv

Farbfoto: Grabstein mit stark verwitterter Inschrift, Efeu berankt, im Hintergrund weitere Gräber

Grab von Familie Rothmann auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee mit rohbehauenem Granitstein, Berlin, 2016; Foto: Jörg Waßmer

Zitierempfehlung: 
Aubrey Pomerance (2016), Otto Rothmann
(1896–1914).
URL: www.jmberlin.de/node/3850

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