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Ab 23. August 2020 präsentiert die vollständig neu gestaltete Dauer­ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Bis dahin bleibt das Jüdische Museum Berlin wegen Umbaus geschlossen.

Im Augenblick

Fotografien von Fred Stein

Diese Retrospektive präsentierte Fred Steins vielschichtiges und umfangreiches Werk erstmals in Deutschland und zeigte über 130 Schwarz-Weiß-Fotografien mit Straßenansichten aus Paris und New York, aber auch zahlreiche Porträts.
Zur Veranschaulichung von Biografie und Arbeitsweise des Fotografen wurden zudem private Dokumente, Original- und Kontaktabzüge ausgestellt.

Ausstellung bereits beendet

  Gebäudeplan mit Markierung des Libeskindbaus

Ort

Libeskind-Bau EG, Eric F. Ross Galerie

Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin

Fred Stein

Ein Augenblick kann entscheidend sein – im Leben wie in der Fotografie. Für den Fotografen Fred Stein waren es diese kurzen Momente, die sein Leben bestimmten, persönlich wie beruflich.

Die Kuratorinnen Theresia Ziehe und Jihan Radjai geben eine kurze Einführung in die Ausstellung; Jüdisches Museum Berlin

Als Sohn eines Rabbiners 1909 in Dresden geboren, wurde der überzeugte Sozialist Fred Stein nach der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen gezwungen, seine Position als Jurist aufzugeben und Deutschland zu verlassen. 1933 konnte er unter dem Vorwand einer Hochzeitsreise mit seiner Frau Lilo nach Paris fliehen.

Dort stand er vor der Herausforderung, aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen zu müssen. Eine Kleinbildkamera der Marke Leica, die sich Fred und Lilo Stein gemeinsam zur Hochzeit schenkten, gab den entscheidenden Impuls: Die Fotografie wurde seine neue Profession.

Die Aufnahme zeigt Fred Stein im Seitenprofil beim Fotografieren. Er trägt ein Nadelstreifen-Jackett und ein Hemd ohne Krawatte.

Fred Stein, fotografiert von Lilo Stein (1910-1997), Paris 1937; Estate of Fred Stein CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

»Dresden vertrieb mich; so wurde ich Fotograf.« (Fred Stein)

In Paris konnte Fred Stein nach kurzer Zeit ein eigenes Fotostudio einrichten. Bereits ab 1935 beteiligte er sich an mehreren Ausstellungen, zusammen mit namhaften Fotografen wie Ilse Bing, Brassaï, Man Ray, Dora Maar und André Kertész.

Nach Ausbruch des Krieges mussten die Steins mit ihrer 1938 geborenen Tochter erneut fliehen.

1941 erreichte Familie Stein mit einem der letzten Schiffe New York. Dort nahm Fred Stein die Fotografie wieder auf und nutzte, neben der Leica, eine Mittelformatkamera der Marke Rolleiflex. Die einfache Handhabung dieser Kameras ermöglichte es ihm, durch die Straßen zu flanieren und die Stadt und ihre Menschen in kurzen, aber entscheidenden Augenblicken festzuhalten. Zeit seines Lebens konzentrierte Fred Stein sich auf Straßenansichten und Porträts.

Ilse Bing (1899–1998)

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Brassaï (1899–1984)

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Man Ray (1890–1976)

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Dora Maar (1907–1997)

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André Kertész (1894–1985)

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1909 Alfred (Fred) Stein wird am 3. Juli als Kind der Religionslehrerin Eva Stein (geb. Wollheim) und des Rabbiners Leopold Stein in Dresden geboren
1919–1927 Besuch des König-Georg-Gymnasiums in Dresden
Mitglied der sozialistischen Jugendbewegung und der jüdischen Jugendgruppe »Die Kameraden«
1927–1932 Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, Berlin und Leipzig, anschließend Referendariat in Dresden und Bautzen
Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), einer linken Abspaltung der SPD
1933 Entlassung als Rechtsreferendar und Ablehnung der Doktorarbeit aufgrund des Berufsverbots
im August: Heirat mit Liselotte (Lilo) Salzburg
im Oktober: Flucht nach Paris
ab 1934 Aufenthalt in Paris
Fotografiert mit der Leica Straßenansichten und Porträts
Gründung eines eigenen Fotostudios
1935 Erste Ausstellung gemeinsam mit namhaften Fotografen wie Ilse Bing, Brassaï, Man Ray, Dora Maar und André Kertész
1938 Geburt der Tochter Marion
1939–1941 Deportation und Internierung in verschiedenen Lagern für feindliche Ausländer
Flucht durch Südfrankreich zu Fuß, dort Wiedersehen mit Frau und Tochter
1941 im Mai: Ausreise von Marseille in die USA auf der SS Winnipeg mit Hilfe von Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee – im Gepäck seine Negative und einige ausgewählte Abzüge
Fotografiert in New York weiterhin Straßenansichten und Porträts, jetzt auch mit der Rolleiflex
1943 Geburt des Sohnes Peter
1950 Fred Stein muss wegen eines schweren Hüftleidens die Straßenfotografie aufgeben
1952 Einbürgerung in die USA
1958 Erste Deutschlandreise nach der Flucht vor 25 Jahren
1967 Fred Stein stirbt am 27. September im Alter von 58 Jahren in New York

Soziologie der Straße

In den Städten seiner Emigration – in den 1930er-Jahren in Paris und ab den 1940er-Jahren in New York – fotografierte Fred Stein unzählige Straßenansichten, darunter auch Aufnahmen aus den jüdischen Vierteln.

»Du hast nur diesen einen Moment. Wie ein Jäger, der sein Ziel anvisiert, wartest du auf den Augenblick, der aussagekräftiger ist als alle anderen.« (Fred Stein)

Neben klassischen Motiven der beiden Metropolen entstanden zahlreiche Milieustudien und Charakterbilder. Sie stehen in einem soziologischen Kontext von Armut und einfachem Leben in der Stadt und zeigen Straßenarbeiter*innen, Verkäufer*innen, Obdachlose und Familienszenen.

Fred Steins Blick verbindet das Alltägliche mit einem Sinn für den außergewöhnlichen Moment. Ebenso fällt sein Humor ins Auge, der in vielen seiner Bilder aufblitzt.

Psychologie des Porträts

Fred Stein bemühte sich, die Personen, die er porträtierte, vor der Aufnahme kennenzulernen. Er setzte sich mit deren Werk und Denken auseinander. Nicht selten trat das Foto zugunsten hitziger Diskussionen in den Hintergrund. Oft wurde erst am Ende eines Treffens das Negativ belichtet. Viele Porträts enthalten so noch Spuren der Gespräche.

»Die Kamera unterscheidet nicht zwischen Berühmtheiten und einem Niemand, zwischen einem guten Freund und einem völlig Fremden, wenn sich der Verschluss öffnet.« (Fred Stein)

Über 1200 Porträts entstanden auf diese Weise. Sie lesen sich heute wie ein Who's who prominenter Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Fred Stein verzichtete auf dramatische Lichteffekte oder nachträgliche Retuschen. Der Sinn der Porträtfotografie bestand für ihn darin, »einen Ersatz (im Wege der Fotografie) für den lebenden Menschen zu schaffen, ein Bild, das über den äußeren und inneren Menschen aussagt«, wie er in einem Brief darlegte.

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin, kuratiert von Theresia Ziehe und Jihan Radjai.

Fred Stein

Die Website des Fred Stein Archives bietet zahlreiche Fotografien von Fred Stein: Porträts ebenso wie Straßenansichten aus Paris und New York. Dort finden sich aber auch weitere interessante Angebote, etwa ein Film über Fred Stein und Ausstellungsansichten der Fred Stein-Retrospektive im Jüdischen Museum Berlin.
Website des Fred Stein Archives (auf Englisch)

Mitschnitt der Ausstellungseröffnung am 21. November 2013 mit den Redebeiträgen der Kuratorinnen Theresia Ziehe und Jihan Radjai; Jüdisches Museum Berlin

Peter Stein

Der 1943 in New York geborene Kameramann Peter Stein ist Fred Steins Sohn und Nachlassverwalter.
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Informationen zur Ausstellung im Überblick

  • Wann

    22. Nov 2013 bis 4. Mai 2014

  • Wo

    Libeskind-Bau EG, Eric F. Ross Galerie
    Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin
    Zum Lageplan

Fred Steins Sohn Peter spricht bei der Ausstellungseröffnung am 21. November 2013 (auf Englisch); Jüdisches Museum Berlin

Düsseldorf Fred Stein: Auf dem Weg. Dresden – Paris – New York
17. Jan bis 4. Jun 2017
Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Dresden Fred Stein. Dresden – Paris – New York
28. Apr bis 7. Okt 2018
Stadtmuseum Dresden

Unterstützer

Für die freundliche Unterstützung danken wir Peter Stein und Dawn Freer und der US-Botschaft.

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