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Ab 23. August 2020 präsentiert die vollständig neu gestaltete Dauer­ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Bis dahin bleibt das Jüdische Museum Berlin wegen Umbaus geschlossen.

„Dieser Vier-Minuten-Auftritt bedeutet drei bis vier Monate Training“

Interview mit Susanne Benizri, Leiterin des Jewrovision-Teams der Jüdischen Jugend Baden 2017

David Studniberg

2017 findet zum 16. Mal die Jewrovision statt, der größte Gesangs- und Tanz­wettbewerb für jüdische Jugendliche in Europa. Allein im vergangenen Jahr saßen über 2.000 Zuschauer*innen im Saal des Mannheimer Rosen­gartens und begleiteten die fulminanten Bühnen­shows der Jugend­zentren mit frenetischem Applaus.

Vom Abend­programm bei jüdischen Freizeit­lagern zum Großevent

Schwer vorzustellen, dass die Jewrovision 2002 noch eins von mehreren Abend­programmen während eines jüdischen Freizeit­lagers (Machané) war. Damals, im Freizeitlager­haus in Bad Sobern­heim, traten sechs Gruppen aus verschiedenen Städten auf einer drei Meter breiten Bühne auf. Heute, 15 Jahre später, sind es bereits 18 Teams, die auf riesigen Bühnen in noch größeren Veranstaltungs­hallen ihre multimedial unterstützten Bühnen­performances präsentieren. Eine unglaubliche Entwicklung. Seit 2013 trägt der Zentral­rat der Juden in Deutschland die Schirm­herrschaft über die Groß­veranstaltung. Austragungs­ort wird in diesem Jahr Karlsruhe sein. Als Teil der Jüdischen Jugend Baden (JuJuBa) trainieren die Karlsruher Kids seit mehreren Monaten zusammen mit ihren Freund*innen aus den jüdischen Jugend­zentren Mannheim, Rottweil und Pforzheim für den großen Auftritt am 18. Februar 2017.

Dunkelblau-rote Kippot mit Davidstern

Kippot-Fanartikel zur Jewrovision; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

Ich stellte im Vorfeld Susanne Benizri, Jugend­referentin für Baden und Leiterin des Teams „Or Chadash Mannheim feat. JuJuBa“, ein paar Fragen:

Liebe Frau Benizri, Sie sind seit über 30 Jahren in der jüdischen Jugend­arbeit, und insbesondere für die jüdischen Jugend­zentren in Baden tätig. Was beutet, Ihrer Meinung nach, die Jewrovision für die jüdische Jugend?

Ich sage immer: Die Jewrovision müsste man erfinden, wenn es sie noch nicht gäbe. Es geht nicht nur um den Vier-Minuten-Auftritt auf der Bühne und um ein Wochen­ende, an dem sich alle treffen – auch wenn diese drei Tage schon extrem wichtig sind. Dieser Vier-Minuten-Auftritt bedeutet drei bis vier Monate Training, und zwar jeden Sonntag. Kinder und Jugendliche im Alter von 12–17 Jahren zu motivieren, sonntags morgens aufzustehen, ihre Playstation und ihren Computer alleine zu lassen, ins Jugend­zentrum zu kommen und über so eine lange Zeit zusammen an einem Projekt zu arbeiten, das finde ich unglaublich. Die Jewrovision begeistert Jugendliche in einem Alters­bereich, den man sonst nur schwer erreichen kann. Dass der Zentralrat dieses Event möglich macht, dafür kann ich ihm gar nicht genug danken.

Was passiert bei den Jugendlichen während der Proben? Wodurch profitieren Sie am meisten?

Die Gruppen­dynamik ist hierbei der entscheidende Punkt. Alle arbeiten gemeinsam an einem Thema, das sie tänzerisch, gesanglich und durch die Auswahl der Kostüme umsetzen. Zwischen einem 12-Jährigen und einem 17-Jährigen liegen normalerweise Welten. In diesem Projekt aber trainieren sie Seite an Seite, erleben Höhen und Tiefen zusammen, lernen mit Frustration umzugehen und fair zu den anderen zu sein. So etwas schafft Verbundenheit unter den Kids und schweißt ein Jugend­zentrum extrem zusammen.

„Die Kids sollen Spaß auf der Bühne haben, das ist wichtiger als alles andere.“

Das Motto der Jewrovision 2017 heißt „United Cultures of Judaism“. Wie haben Sie und Ihr Team dieses Thema interpretiert?

Wir kommen aus verschiedenen Ländern, und egal wohin wir reisen, gehen wir in eine Synagoge und werden zum Schabbat eingeladen. Das, was wir essen, die Art, wie und was wir beten, und welche Feste wir feiern, ist das, was uns Juden auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Das haben wir uns bewusst gemacht. Danach haben wir uns gefragt, was unsere jüdischen Werte darüber hinaus bedeuten können. Ein starker jüdischer Wert, den ich als Religions­lehrerin immer gerne hervorhebe: Es gibt nicht nur einen Weg, an G’tt zu glauben und ein guter Mensch zu sein, sondern verschiedene. Ich glaube, dass wir alle aus diesem universellen jüdischen Grundsatz etwas lernen können. Egal, woher wir kommen, egal, an wen oder an was wir glauben, wichtig ist, wie wir zusammenleben. Deswegen haben wir als Team unseren Schwerpunkt auf die friedliche Koexistenz der Religionen und Kulturen gesetzt und somit das Motto „United Cultures of Judaism“ zu „United Cultures of Humanity“ erweitert.

„Wir haben das Motto ‚United Cultures of Judaism‘ zu ‚United Cultures of Humanity‘ erweitert.“

Ihr Team „Or Chadash Mannheim feat. JuJuBa“ durfte in den letzten beiden Jahren den Siegerpokal mit nach Hause nehmen. Wie hoch schätzen Sie Ihre Chancen für ein „Triple“ ein?

Alle 18 Teams haben hart für diesen Auftritt trainiert und jedes möchte am Ende ganz weit vorne sein. Ich finde, dass wir uns zum Vorjahr noch einmal gesteigert haben und ich mag unsere Message. Ich würde es mir natürlich wünschen, dass wir gewinnen, aber ich möchte nicht so vermessen sein zu sagen, dass wir es auf jeden Fall schaffen. Dass wir in den beiden Jahren zuvor gewonnen haben, ist einfach unglaublich. Diese positive Energie wollen wir nutzen und versuchen, unser Bestes zu geben. Am Wichtigsten ist ohnehin die Zeit davor, die Zeit danach, und dass wir alle zusammen sind. Das ist kein Lippen­bekenntnis, genau so meinen wir es, und so sagen wir es auch den Kids. Sie sollen Spaß auf der Bühne haben, das ist wichtiger als alles andere.

Das Interview führte David Studniberg, der das Team „Or Chadash Mannheim feat. JuJuBa“ als Vocal Coach in den Proben begleitete.

Zitierempfehlung:

David Studniberg (2017), „Dieser Vier-Minuten-Auftritt bedeutet drei bis vier Monate Training“. Interview mit Susanne Benizri, Leiterin des Jewrovision-Teams der Jüdischen Jugend Baden 2017.
URL: www.jmberlin.de/node/6845