»Fahrt einer glücklichen Zukunft entgegen!«

Die Kindertransporte 1938/39 in unseren Familiensammlungen

20.000 Kinder konnten durch die Kinder­transporte vor der national­sozialistischen Gewalt­herrschaft im Deutschen Reich gerettet werden. Für alle bedeutete es die Trennung von den Eltern; manchmal für Monate, manchmal für Jahre und häufig für immer. Im Archiv des Jüdischen Museums befinden sich auch Dokumente von Kindern, die auf diese Weise in Sicherheit gebracht wurden. Dokumente, die oft ein eindrückliches Bild geben von der Lebens­freude und Neugierde der Kinder, genauso wie von ihrer Sorge um das Schicksal der Zurück­gebliebenen, von den Ängsten und Nöten der Eltern, von Abschied und Verlust.

Schwere Trennung

Eines dieser Kinder ist Erika Freundlich aus Hamburg. Sie ist 16 Jahre alt, als sie mit einem Kinder­transport nach England geht. Ihr Vater Paul schreibt in einem Brief an seine ältere Tochter über den Abschied:

»Ich kann es mir noch nicht so recht vorstellen, dass Erika nicht mehr hier sein soll. […] Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen den Abschied, den Eltern u. Kinder von­einander nahmen. Da sah ich drei kleine Kinderchen, das Jüngste mochte 5 Jahre alt gewesen sein und ihre Händchen in die der Geschwister, die vielleicht ein oder zwei Jahre älter waren, gelegt. Das Kleinchen wollte sich gar nicht von der Mutter trennen. Das ganze Bild, das die aus­wandernden Kinder zeigten, war bejammerns­wert.«

Zum Abschied

Rundes Pappschild »Kindertransport Nr. 8434«, Vordruck mit handschriftlicher Ergänzung, mit Schnur zum Festmachen

Kindertransport-Nummernschild von Beate Rose; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/217/99, Schenkung von Beatrice Steinberg. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen. Mehr über Beate Rose erfahren Sie in einem Beitrag, den Archivmitarbeiterin Franziska Bogdanov zum 75. Jahrestag des ersten Kindertransports schrieb (Beitrag lesen).

Typoscript des Gedichts mit handschriftlicher Unterschrift

Gedicht von Max Heymann (1877–1944) für seine Tochter Eva zum bevor­stehenden Kinder­transport nach England zum 20. Mai 1939; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2000/95/6, Schenkung von Frithjof und Eva Haas. Weitere Informationen zu diesem Dokument finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Zum 20. Mai 1939

Du ziehst hinaus, wir bleiben hier,
Es grünt, es blüht, es mait.
Du bist so jung, und alt sind wir
Benütze Deine Zeit.

Dir steht das Leben offen nun,
Kein Neid, kein Hass, kein Harm.
Wir möchten alles für Dich tun,
Doch lahm ist unser Arm.

Wenn fremd die neue Welt Dir deucht,
Sei stark und fühl' Dich ein.
Die alte Welt hat uns enttäuscht.
Neu soll dein Leben sein!

Dein Vater

So schmerzhaft es ist, die Kinder weg­gehen zu lassen, so ist es doch oft die einzige Hoffnung, dass wenigstens sie eine sichere Zukunft haben werden. Max Heymann aus Berlin schreibt seiner 14-jährigen Tochter Eva zum Abschied am 20. Mai 1939 ein Gedicht und beendet es mit den ermunternden Zeilen: »Wenn fremd die neue Welt Dir deucht, Sei stark und fühlʼ Dich ein. Die Alte Welt hat uns enttäuscht. Neu soll Dein Leben sein!« Eva Heymann wird ein neues Leben in England beginnen, ihren Vater aber nie wiedersehen. Er kommt 1944 im Ghetto Theresien­stadt um.

Wer Glück hatte, kam nach

Dem Abschied von seinen 14- und 9-jährigen Kindern Ursula und Wolfgang sieht auch Alfred Dienemann aus Berlin mit Angst entgegen. Mitte Dezember – er ist eben erst aus dem KZ Sachsen­hausen entlassen worden – schreibt er an seine Geschwister in Palästina:

»Wir hoffen, dass wir beide Kinder in den nächsten Wochen nach England auf Schulen bringen. Sie sollen später nach USA, auf Schulen u. sonstwie. Die endlosen Ver­handlungen schweben noch. Dann sind wir die Kinder ›los‹. Was hinter diesem Wort steckt, brauche ich Euch nicht zu sagen. Gleich­zeitig geht der Kampf um uns.«

Einige Monate nach der Rettung ihrer Kinder gelingt es Alfred Dieneman und seiner Frau, nach England zu folgen.

Die 16 und 11 Jahre alten Brüder Kurt und Günter Treitel verließen Berlin im März 1939. In ihrem Gepäck befand sich ein Abschieds­brief der Mutter:

»Meine Gedanken, meine Wünsche, meine Grüße folgen und erreichen Euch immer. Fahrt einer glück­lichen Zukunft entgegen, unser Segen begleite Euch!«

Hanna Lilly Treitel schrieb diese Zeilen in der Un­gewissheit, ob sie ihre Söhne je wiedersehen wird. Sie weiß zu diesem Zeit­punkt nicht, dass es auch ihr, ihrem Mann und der jüngeren Tochter im Juli 1939 gelingen wird, nach England einzu­reisen. Der ältere Sohn Kurt, der seit einigen Monaten mit seinem Bruder bei einem Onkel lebt, hat bereits begonnen, dem Rat der Flüchtlings­organisationen zu folgen, sich möglichst schnell den britischen Gepflogen­heiten anzupassen. Eine Postkarte, die er den Eltern und der Schwester zu ihrer Ankunft in South­hampton schickt, schreibt er auf Englisch: »Dear Parents, dear Sis, A hearty welcome in England. Hope to see you soon« und unter­zeichnet mit »Yours Kenneth (Kurt)«.

Cardboard labeled with chalk reading “Treitel Kurt Israel,” and the number “3499” on the back

Namensschild von Kurt Treitel mit dem Zwangszusatz »Israel«; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2007/129/76, Schenkung von Kurt Treitel. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

... doch Glück war rar

Die Briefe sind meist die einzige Möglichkeit für Eltern und Kinder, den Kontakt noch aufrecht zu erhalten. Mit Kriegsausbruch wird es den Kindern wegen der Zensur schwer, noch auf Deutsch zu schreiben. Der Postweg dauert oft Wochen oder Monate und bricht in manchen Fällen ab, wenn die Eltern deportiert werden.

Für die Geschwister Stefan und Carola Prager aus Berlin, die 14 und 11 Jahre alt sind, als sie Deutschland verlassen, ist die Trennung von den Eltern eine endgültige. Am 26. Oktober 1941, kurz vor ihrer Deportation, schreiben die Eltern noch einmal nach Schweden. Nachdem der Vater Wolfgang Prager angekündigt hat, dass sie »in der nächsten Zeit eine größere Reise machen« werden, fügt er hinzu:

»Vergesst nie Eure Eltern, die stets und immer nur das Allerbeste im Auge hatten. Haltet treu zueinander und stützt einer den anderen im Falle der Not.«

Und die Mutter Ruth Prager schreibt darunter:

»Ich weiß gar nicht was ich Euch sagen soll, weil mir mein Herz so voll ist, und Worte so klein sind und so wenig sagen. Ich habe nur immer auf ein Wiedersehen mit Euch gehofft, aber wahrscheinlich stehen wir jetzt an einer Schicksalswende.«

Freude und Not

Herta Silzer aus Wien wandert im Februar 1939 nach England aus. Als die 11-Jährige britischen Boden erreicht, überwiegt nach der Angst der letzten Tage und Wochen die Euphorie über das Neue. Sie schreibt ihren Eltern:

»Ich bin heute um 2 h in London angekommen. […] Es ist fabelhaft. […] Der Eindruck der Stadt ist überwältigend.«

Herta kommt zu Ver­wandten nach Glasgow und schreibt ihren Eltern von hier aus fast täglich Briefe und Postkarten. Sie macht sich große Sorgen um die Eltern und fragt am 23. März 1939:

»Seit Eurem letzten Brief habe ich keine Post von Euch, hoffentlich bekomme ich bald eine. – Wie geht es Euch? Seid Ihr gesund? Ist gar nichts Neues? Es würde mich so interessieren, was eigentlich los ist.«

Schließlich bietet sich die Möglich­keit, dass die Eltern mit dem Passagier­schiff St. Louis nach Kuba aus­reisen, doch sie dürfen nicht an Land gehen und müssen nach Europa zurück­kehren. Herta Silzers Eltern wird die Ein­reise nach England gewährt. Am 21. Juni 1939 treffen sie dort ein, sehen endlich ihre Tochter wieder und können noch im Herbst gemeinsam in die USA aus­wandern.

Light brown teddy bear from the Steiff company with the manufacturer’s trademark “button in the ear.”

Dieser Teddybär begleitete Herta Silzer während des Kinder­transports von Wien nach Groß­britannien; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/4/0, Schenkung von Herta Weinstein geb. Silzer, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Ein neues Leben

Annemarie Fleck aus Danzig geht mit 13 Jahren auf einen Kinder­transport nach England. Sie kommt bei einer Pflege­familie unter und berichtet den Eltern am 28. Oktober 1939:

»Ich freue mich so sehr, dass Ihr gesund seid. Hier ist alles genau wie immer, vom Krieg merkt man fast nichts, alle sind vergnügt und ich esse ent­setzliche Mengen. Ich helfe jetzt viel mehr im Haus­halt, bis auf das Kochen kann ich nun wohl schon fast alles. Meine Pflege­mama sagt, sie weiß gar nicht, wie sie einmal ohne mich aus­kommen soll.«

Für Annemarie hat in England ein neues Leben begonnen. In ihren wöchent­lichen Briefen an die Eltern, die nach deren Emigration nach Schanghai 1941 oft monate­lang unterwegs sind, erzählt sie ausführlich von ihrem Alltag, von Er­lebnissen mit Freunden, ihrer ersten Liebe , von der Schule. Ihre Eltern in Schanghai scheinen verstört, haben das Gefühl, dass sich ihre Tochter von ihnen entfremdet, worauf Annemarie am 20. Juli 1940 erwidert: »I’m sorry […], that you seem to know me so little as to have any doubt about my feelings.« Und sie versichert, dass sie alle diese »little, stupid events« nur schreibt, um optimistisch zu bleiben und das Leben zu genießen, was sie sich auch von ihren Eltern wünscht, denn »Who knows what may happen in the Future?«

Black-and-white group photo of seven children in coats with baggage.

Annemarie Fleck (oben, 2.v.l.) bei ihrer Ankunft in England, 5. Mai 1939; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. NDA/1003/0, Schenkung von Diane Shavelson

Heute sind nur noch wenige der mittlerweile hoch­betagten »Kinder« am Leben. Umso wichtiger ist es uns, dass wir ihre Geschichten in unserem Archiv bewahren können, so dass sie nicht in Vergessen­heit geraten.

Franziska Bogdanov

Zitierempfehlung: 
Franziska Bogdanov (2018), »Fahrt einer glücklichen Zukunft entgegen!«. Die Kindertransporte 1938/39 in unseren Familiensammlungen.
URL: www.jmberlin.de/node/5935