Direkt zum Inhalt

Derzeit ist das Jüdische Museum Berlin aufgrund der Corona-Beschränkungen geschlossen.

Ein Beschwerde­brief von Jakob
Steinhardt

Das Projekt Topographie der Gewalt dokumentiert Zerstörungen von Friedhöfen, Blockaden von Geschäften sowie körperliche Gewalt gegen Personen. In unserem Archiv sind jedoch auch Fälle überliefert, die die Ausübung psychischer Gewalt belegen. Zu nennen wäre hier der Psychoterror, den die Familie Steinhardt durchleben musste, und der von Jakob Steinhardt in einem Brief festgehalten wurde.

Der bekannte expressionis­tische Maler und Grafiker Jakob Steinhardt wurde im März 1933 Opfer einer will­kürlichen Verhaftung durch die SA. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er seit 12 Jahren in seiner Atelier-Wohnung in der Pariser Straße 27 in Berlin-Wilmersdorf, zusammen mit seiner Frau Minni und der gemeinsamen 9-jährigen Tochter Josefa.

Jakob Steinhardt

Mehr bei Wikipedia

Familienfoto in schwarz-Weiß: Minni und Jakob Steinhardt sitzen, zwischen ihnen steht Josefa in einem karierten Kleid mit weißem Spitzenkragen. Minni Steinhardt trägt eine glänzende, dunkle Tunika; Jakob eine Wollweste mit Hemd und Krawatte

Minni (1895–1977) und Jakob Steinhardt (1887–1968) mit ihrer Tochter Josefa (geb. 1927), Berlin, ca. 1933; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2003/153/5, Schenkung von Josefa Bar-On Steinhardt. Weitere Dokumente und Fotos sowie Kunstwerke von Jakob Steinhardt finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Nach seiner Flucht verfasste Steinhardt ein Schreiben, mit dem er sich vermutlich bei den Berliner Polizeibehörden beschweren wollte. Darin schildert er seine Verhaftung und drückt zugleich sein Unverständnis darüber aus „wie es möglich sein kann, dass völlig harmlose und unpolitische Menschen solchen Situationen ausgesetzt werden können“.

Auslöser seiner Flucht war die Nacht vom 3. auf den 4. März, als um 4 Uhr morgens fünf SA-Männer an seiner Wohnung Sturm klingelten. Als Steinhardt öffnete, erklärten sie ihm, sie hätten Befehl, die Wohnung zu durchsuchen und ihn selbst zu verhaften. Weder ein Durch­suchungs- noch ein Haft­befehl lagen vor.

Steinhardt rief die Polizei, die nach ihrem Eintreffen die SA tatsächlich veranlasste, die Wohnung zu verlassen. Doch zu diesem Zeit­punkt hatten die SA-Männer bereits eine Wohnungs­durchsuchung vorgenommen. Eineinhalb Stunden später standen die SA-Männer abermals vor der Tür, verhafteten Jakob Steinhardt im Beisein eines Beamten der Schutz­polizei und verhörten ihn in einer Privat­wohnung. Man warf ihm vor, einen Geheim­sender zu betreiben, aber nach einigen Stunden wurde er wieder entlassen.

In der darauf­folgenden Nacht erhielt er jedoch einen Anruf und wurde am Telefon bedroht:

„Nun Herr Steinhardt, wie hat es Ihnen gestern gefallen? Wir sind dort nette Leute nicht wahr? Haben sie nun [schon] etwas gemerkt? Es ist Zeit, dass Sie jetzt nach Palästina fahren. Wir werden jetzt öfter zu Ihnen kommen, wir haben ja Ihre Schlüssel und kommen jederzeit rein. Mit dem Portier werden wir fertig [...]“

Durch die psychisch extrem belastende Situation und die Androhung, sich jederzeit Zutritt zur Wohnung verschaffen zu können, erlitt Minni Steinhardt am Folgetag einen Nerven­zusammenbruch. Aufgrund ihrer psychischen Verfassung sprach ihr Arzt die Empfehlung aus, die Stadt zu verlassen, woraufhin die Familie am 7. März in den jugoslawischen Kurort Bled aufbrach, wo sie ein paar Tage blieb. Dort verfasste Jakob Steinhardt den oben erwähnten Beschwerde­brief. Es ist jedoch unklar, ob er das Schreiben tatsächlich an die Berliner Polizei­behörden abschickte.

Mitte März gelang es den Steinhardts schließlich, nach Palästina auszureisen, wo sie sich in Jerusalem niederließen.

Sabrina Akermann

Ein Mann mit Pinsel und Palette in einer Hand kniet vor einer Staffelei. Im anderen Arm hält er ein Mädchen, beide schauen auf das Bild, an dem er gerade zu arbeiten scheint

Jakob Steinhardt (1887–1968) im Atelier mit seiner Tochter Josefa (geb. 1927), Berlin, ca. 1930; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2003/153/6, Schenkung von Josefa Bar-On Steinhardt

Zitierempfehlung:

Sabrina Akermann (2020), Ein Beschwerde­brief von Jakob Steinhardt.
URL: www.jmberlin.de/node/7411

Teilen, Newsletter, Feedback