„Quasikristalle“

Eva Menasses Roman als Anlass für ein Gespräch über jüdische Fragen, weibliche Lebens­entwürfe und Erwartungen an Literatur

Im Zentrum des Romans Quasikristalle (2013) von Eva Menasse steht Xane Molin, eine zunächst junge, dann älter werdende Frau, die versucht, ihren Beruf mit dem Wunsch unter einen Hut zu bringen, für die eigenen Kinder da zu sein und ein gutes Leben zu führen. Unser von 2012 bis 2019 bestehender Museum­blog Blogerim wurde 2013 von drei Frauen redigiert, die zwischen Mitte dreißig und vierzig Jahre alt waren, Literatur­wissenschaften studiert haben und ebenfalls versuchten, berufliches Engagement, ihre Interessen und ihr Privat­leben aufeinander abzustimmen. Quasikristalle wirft in jedem Kapitel einen anderen Blick auf Xanes Leben und die Blog-Redakteurinnen im Gespräch auf den Roman.

Mirjam Bitter: Ich habe unsere Literatur-Blogserie geschlechter­gerechter in „junge jüdische Autorinnen und Autoren“ umbenannt. Dabei ist mir allerdings aufgefallen, dass wir bisher nur männliche Autoren besprochen haben. Wie wär’s, als nächstes eine Autorin vorzustellen?

Mirjam Wenzel: Ich lese gerade Quasikristalle von Eva Menasse und ich frage mich, was ihr wohl zu dem Buch sagt?

Naomi Lubrich: Tja… Eva Menasse ist eine angesagte Autorin, nur weiß ich nicht, ob es ergiebig ist, Quasikristalle in unserem Blog unter jüdischen Aspekten zu betrachten. Judentum ist im Roman nur an wenigen Stellen Thema und dort ausschließlich auf die Bewältigung der Vergangenheit bezogen. Mich hat gewundert, dass im Roman ein gelebtes Judentum, zum Beispiel im Sinne eines modernen Gemeinde­lebens oder die Begehung der jüdischen Feste, nicht stattfindet. Versteht ihr diesen Lebens­entwurf als eine zutreffende Beschreibung des heutigen deutsch-europäischen Judentums?

Buchcover Eva Menasse »Quasikristalle. Roman«

Mirjam Bitter: Man muss den Roman ja nicht gleich als paradigmatisch für ‚das‘ jüdische Leben im deutsch­sprachigen Europa lesen. Das Jüdische ist nur eine von verschiedenen thematisierten Facetten der Hauptfigur Xane. Bei ihr scheint sich die Frage nach jüdischer Identität tatsächlich vor allem an der Verfolgungs­vergangenheit des Vaters aufzuhängen. Dass Xane durch ihre Auseinander­setzung mit der Verfolgungs­geschichte des Vaters „fortan als ‚jüdische Intellektuelle‘ galt“, wird dabei als Fremd­wahrnehmung thematisiert.

Zugleich kritisiert der Roman, wenn immer nur von toten Jüdinnen und Juden geredet und die Gegenwart wegen Geschichts­versessenheit ausgeblendet wird:

„Was sind die schönen, gebildeten, toten Juden doch für ein Verlust! Die lebenden dagegen sind meistens recht schwierig.“

Da ist es eigentlich inkonsequent, dass er den heutigen vielfältigen Weisen, Jude oder Jüdin zu sein, selbst recht wenig Aufmerksam­keit schenkt. Uninteressant ist das Buch aus jüdischer Perspektive trotzdem nicht und literarisch hat es überdies seine Qualitäten: Eva Menasse beherrscht die Form der kürzeren Erzählung perfekt (das hat sie schon in Lässliche Todsünden [2009] bewiesen) und auch hier fand ich einige Kapitel äußerst gelungen und habe das Buch zwischen­durch kaum weglegen können.

Mirjam Wenzel: Ich kann eure Kritik verstehen und möchte euch zugleich wider­sprechen: Das Thema jüdische Identität wird tatsächlich vor allem im zweiten Kapitel, der Gruppen­reise in das Konzentrations- und Vernichtungs­lager Auschwitz, verhandelt. Also mit einem – zugleich konkreten wie über­determinierten – Bezug zum ikonischen Ort der Vernichtung. In diesem Kapitel, in dem der Erzähler (Bernays) die Hauptfigur (Xane) und sich selbst zum „klassischen Fall einer halb­jüdischen Doppel­helix“ erklärt, spielt aber auch die abwesende Geliebte Pauline eine zentrale Rolle. Ihr scheint an jüdischem Gemeinde­leben durchaus gelegen zu sein – zumindest steht bei ihrer Tochter die Bat Mitzwa an. Je mehr sich Bernays von Xane angezogen fühlt, desto häufiger meldet sich auch Pauline telefonisch zu Wort – ohne jedoch Gehör zu finden. Insofern reflektiert der Roman die Verstrickung in die Doppel­helix explizit als Abwenden des Erzählers von der Schilderung entschieden jüdischer Lebens­weisen.

Alle jüdischen Figuren des zweiten Kapitels werden als Personen dargestellt, deren Biografie maßgeblich von Auschwitz geprägt wird. Dies scheint mir symptomatisch für das Porträt zu sein, das Eva Menasse von mutter­sprachlich deutschen Juden und nicht etwa von Juden in Deutschland und Österreich zeichnet. Ihre Diagnose zielt also nur auf einen – immer kleiner werdenden – Personen­kreis innerhalb der heutigen jüdischen Gemeinden, deren Strukturen, Entwicklungen und Eigenarten ansonsten keinerlei Erwähnung finden. Im Unterschied zu euch gefällt mir, dass der Roman nicht versucht, die Vielfalt jüdischer Lebens­wirklichkeiten zu repräsentieren, nur weil seine zentrale Bezugs­person einen jüdischen Vater hat. Er entzieht sich damit nämlich en passant begrifflichen Bestimmungen wie ‚jüdische Literatur‘ und den mit diesen verbundenen Erwartungen.

Naomi Lubrich: Wenn ich deine Gedanken zum ‚über­determinierten Bezug‘ der Figuren zu Auschwitz weiterführe, sind die Implikationen des Vergangenheits­bewältigungs­prozesses nicht ausschließlich pessimistisch zu deuten. Immerhin treibt die Auseinander­setzung mit der jüdischen Identität Xane und Bernays zur beruflichen Erfüllung – Xane zu ihrer Politkunst und Bernays zur akademischen Forschung – und wird zur motorisierenden Kraft eines entsprechenden gesellschaft­lichen Diskurses. Kunst und Wissen­schaft entwickeln sich für beide Figuren zu einer virtuellen Ersatz­gemeinde, die versöhnlich wirkt. Diese Vorstellung lässt das Buch tatsächlich ergiebig erscheinen. Wer von uns schreibt denn nun die Rezension?

Mirjam Wenzel: Ich muss jetzt los zu meinem nächsten Meeting. Ich würde vorschlagen, wir überlegen alle noch einmal, wer von uns Lust dazu hat, und stimmen uns dann erneut ab, okay?

Drei Tage später ...

Naomi Lubrich: Wir haben uns ja kürzlich über Eva Menasses Roman Quasikristalle unter­halten, aber noch nicht geklärt, wer von uns das Buch jetzt für Blogerim rezensiert. Ich persönlich hätte schon Lust dazu und einiges zu sagen, sowohl zur jüdischen Thematik wie auch übrigens zu Menasses Frauenbild, das ich unrealistisch und ideell über­zeichnet fand. Xane ist regel­recht die Karikatur einer „Powerfrau“: eine fürsorgliche Mutter und Stief­mutter von drei zum Teil schwer­erziehbaren Kindern, gleichzeitig eine ton­angebende Filme­künstlerin und einfluss­reiche Intellektuelle. Während­dessen führt sie eine harmonisch-komplikationsfreie Ehe, lässt sich aber auch auf zahlreiche weitere Männer ein ...

Drei Redakteurinnen sitzen um einen Tisch und diskutieren.

Redaktionssitzung; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Michael Butschkau

Mirjam Bitter: Ich fand die Idealisierung von Menasses Heldin ebenfalls zunehmend schade. In den ersten Kapiteln schwankte die Beschreibung der Haupt­figur noch zwischen Durchschnittlich­keit und Mystifizierung. Es wurde auch deutlich, dass alle Aussagen über sie von der jeweiligen Figuren­perspektive des Kapitels geprägt werden. Aber je mehr der Text fortschreitet, desto mehr verschenkt er das Potential seiner Konstruktion und seines Titels. Statt eines Quasi­kristalls mit scheinbar ungeordneter Struktur läuft es doch immer mehr auf ein kristall­klares und idealisiertes Bild von Xane heraus. Zwar fallen die Bewertungen von Xanes Leben durch die verschiedenen Erzähler­stimmen unterschiedlich aus, aber diejenigen, die sich negativ äußern, entlarven sich damit vor allem selbst (die Stief­tochter als pubertäres Monster, Xanes Angestellter als männlicher Selbst­überschätzer und Krystyna als nachtragende, Hilfe verweigernde Freundin).

Auch dass Xane im siebten Kapitel plötzlich selbst spricht, fand ich schade. Es hätte mich mehr überzeugt, sich das Bild der Figur nur aus den Außen­perspektiven zusammen­reimen zu müssen. Aber vielleicht war die Ich-Perspektive notwendig, um das Thema postnatale Depression und weibliche Midlife-Crises zu erzählen? Vielleicht ist sogar die idealisierende Figuren­zeichnung letztlich eine Hilfe, solche Themen wie Fehl­geburten aufzugreifen, ohne ein larmoyantes Buch zu schreiben? Ob es ein Ideal ist, im Alter zwar nochmal einen Typen abzukriegen, sich aber mit der besten Freundin zerstritten zu haben, steht außerdem in Frage.

Mirjam Wenzel: Ich teile eure Kritik nicht, dass die Figur unrealistisch konzipiert sei oder idealisiert dargestellt werde. Meiner Ansicht nach kommt dieser Eindruck durch die Konstitution des Romans, also die verschiedenen Perspektiven zu Stande, unter denen die Haupt­figur in den Blick genommen wird. Denn diese Perspektiven basieren – wie etwa die Metapher des Spiegels unterstreicht – durchaus auf voyeuristischen Zuschreibungen und Projektionen. Dass Xane nach dem miss­lungenen Liebes­abenteuer selbst zu Wort kommt, um ihrerseits das Gelingen des Liebes­abenteuers ihrer Freundin zu antizipieren, stellt einen Bruch in der Konstitution des Romans dar, der genau auf eben diesen Zusammen­hang zwischen Erzählung, Projektion und Begehren hinweist. Es ist eben diese Trias, die den Roman einen Bogen von der ersten bis zur letzten Liebe schlagen lässt und die einzelnen Kapitel im Innersten zusammenhält.

Was unsere Rezension angeht: Wie wäre es, wenn wir einfach unser Gespräch verschriftlichen und im Blog veröffentlichen? Mit etwas Glück führen unsere Leserinnen und Leser das Gespräch dann im Kommentar­modus fort.

Literaturangabe

Eva Menasse, Quasikristalle, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2013.

Zitierempfehlung: 
Mirjam Bitter, Naomi Lubrich, Mirjam Wenzel (2013), „Quasikristalle“. Eva Menasses Roman als Anlass für ein Gespräch über jüdische Fragen, weibliche Lebens­entwürfe und Erwartungen an Literatur.
URL: www.jmberlin.de/node/6157
Rezensionen (2) Junge jüdische Autor*innen Alle anzeigen

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Mitarbeiter*innen des Jüdischen Museums Berlin teilen hier ihre Meinung zu zeitgenössischen Büchern jüdischer Autor*innen.

Quasikristalle von Eva Menasse

Ein Gespräch von Mirjam Wenzel, Naomi Lubrich und Mirjam Bitter über jüdische Fragen, weibliche Lebens­entwürfe und Erwartungen an Literatur anhand von Eva Menasses Roman

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Mirjam Bitter rezensiert Schindels virtuosen Roman über die sogenannten „Waldheim-Jahre“ 1985 bis 1989 in Wien.

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