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Ein anonymer Brief

Dokumente und Schmuck aus dem Besitz von Alice (1879-1943) und Georg Dorpalen (1874-1942), anonyme Schenkung, 2009

Armband, Amulett, zwei Ringe, vergilbte Postkarten und Briefe

Der Inhalt des anonym versendeten Briefumschlages; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

Im Jahr 2009 erreichte uns ein Briefumschlag, der einen goldenen Armreif, zwei Eheringe, ein Medaillon mit Haarlocke sowie paar Dokumente enthielt. Der Name des Absenders und eine schriftliche Erläuterung zur Sendung fehlten. Aus den vorhandenen Puzzleteilen ergaben sich recht schnell die Umrisse eines größeren Bildes: Angesichts ihrer bevorstehenden „Evakuierung“ im Herbst 1942 hatten Alice (1879-1943) und Georg (1874-1942) Dorpalen offensichtlich diese Dinge zusammengestellt und einer Vertrauten übergeben. Vermutlich schickten deren Nachfahren Jahrzehnte später den Brief an das Jüdische Museum.

Selten senden uns anonyme Stifter*innen Objekte zu. Die Frage nach ihrer Herkunftsgeschichte spielt beim Erwerb von Sammlungsgegenständen eine wichtige Rolle. Bei anonymen Zusendungen stellt uns die Recherche vor andere Herausforderungen, da die Stifter*innen nicht zu den Objekten befragt werden können.

Das Ehepaar Dorpalen: Leben und Deportation

Über Alice und Georg Dorpalen ließ sich einiges herausfinden. Die beiden heirateten 1909 in Berlin, damals noch unter dem Namen Davidsohn. 1919 änderten sie ihren Namen, wohl wegen des aggressiven Antisemitismus, der nach Ende des Ersten Weltkriegs immer offensichtlicher wurde.

Die Dorpalens führten eine moderne Ehe. Georg Dorpalen war Arzt, seine Frau Alice, geb. Kuczynski kam aus einer Berliner Bankiersfamilie und machte eine Ausbildung als Kindergärtnerin und Sozialarbeiterin im Pestalozzi-Fröbel-Haus. Dort leitete sie später auch lange Jahre den Kindergarten. Gemeinsam mit ihrer Freundin Hildegard von Gierke gab sie seit 1912 in der Reihe Kleine Beschäftigungsbücher für Kinderstube und Kindergarten das Buch Allerlei Papierarbeiten heraus, das bis 1926 in mehreren Auflagen erschien. Das Ehepaar hatte vier Kinder, seit 1925 lebte die Familie in der Charlottenburger Kantstraße.

„Wenn wir es nur überleben! – Der Gedanke, die Kinder draußen zu wissen, gibt uns Ruhe und Kraft. Für sie wollen wir versuchen es durchzuhalten.“ (Alice Dorpalen)

Allen vier Kindern gelang die Emigration. Im Abschiedsbrief (weitere Infos in unseren Online-Sammlungen), den Alice und Georg Dorpalen kurz vor ihrer Deportation an „Frau Gertrud“ schickten, heißt es: „Wenn wir es nur überleben! – Der Gedanke, die Kinder draußen zu wissen, gibt uns Ruhe und Kraft. Für sie wollen wir versuchen es durchzuhalten.“ Und sie danken ihr „für die Freundschaft und Hilfsbereitschaft, die Sie uns in schweren Zeiten bewiesen haben und für Ihre unerschütterliche Treue“. Das Ehepaar wurde am 25. September 1942 mit dem zweiten Alterstransport nach Theresienstadt deportiert, wo beide umgekommen sind.

Auch die Nachfahren der Familie wissen, dass sich die Erinnerungsstücke von Alice und Georg Dorpalen im Jüdischen Museum befinden. Ein Museumsbesucher, Arbeitskollege eines Familienmitglieds, wurde darauf aufmerksam, als sie vor einigen Jahren in der Holocaust-Achse mit dem Hinweis auf die anonyme Zusendung ausgestellt waren. Daraufhin setzte sich ein Enkelsohn von Alice und Georg Dorpalen mit dem Museum in Verbindung, und es entwickelte sich ein kurzer, intensiver Briefwechsel.

Renate, die jüngste der vier Geschwister lebte zu diesem Zeitpunkt noch, sie war gerade dabei, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie ließ das Museum wissen, dass sie dankbar für die zusätzlichen Einblicke war, die sie zu einem Kapitel ihres Lebens erhielt, von dem sie dachte, es wäre für sie bereits abgeschlossen. Ihre Erinnerungen sind nun auch im Museum der Öffentlichkeit zugänglich.

Leonore Maier, Sammlungskuratorin

Zitierempfehlung:

Leonore Maier (2021), Ein anonymer Brief. Dokumente und Schmuck aus dem Besitz von Alice (1879-1943) und Georg Dorpalen (1874-1942), anonyme Schenkung, 2009.
URL: www.jmberlin.de/node/8247

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