Erinnerungen aus dem Leben Walter Frankensteins

Mit vielen Fotos aus der Sammlung Walter und Leonie Frankenstein

Die Aufnahme zeigt zwei Erwachsene und zwei Kindern in einer Wohnung mit gemusterten Vorhängen. Die beiden Jungs stehen rechts und links neben den Erwachsenen, in der Mitte sitzt eine Frau mit Brille, rechts neben ihr befindet sich ein Mann im Anzug.

Familie Frankenstein in ihrer Wohnung in Bandhagen bei Stockholm, ganz links Michael, in der Mitte Leonie und Walter, rechts Peter-Uri, ca. 1956 bis 1957; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/165/5/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Wer sind unsere Stifter*innen? Wie kommt es zu Schenkungen? Und was kann ein Museum mit gestifteten Objekten so alles machen?
Hier finden Sie am Beispiel der Sammlung Walter und Leonie Frankenstein, die in weit über 1.000 Fotografien von zentralen Ereignissen des 20. Jahrhunderts und deren Auswirkungen auf das Leben einer Familie sehr anschaulich erzählt, einige Antworten auf diese Fragen ...

Wie alles anfing

Walter und Leonie Frankenstein und Theresia Ziehe, Kuratorin für Fotografie im Jüdischen Musem Berlin, lernten sich bereits 2008 in Stockholm kennen.

Schon damals war Theresia Ziehe nachhaltig von dieser Begegnung und der innigen Partnerschaft der Frankensteins beeindruckt. Nach 66 Jahren Ehe strahlte das Paar noch immer Verliebtheit und einen tief empfundenen Respekt füreinander aus. Der Autor Klaus Hillenbrand, der in Nicht mit uns die Lebensgeschichte der Frankensteins erzählt, bringt diesen Eindruck ganz am Ende seines Buches mit einer Frage an das Paar treffend auf den Punkt:

„‚Gibt es das: die ideale Liebe?‘ Leonie sieht Walter an. Und Walter Leonie. Und dann kommt wie aus einem Mund die kürzestmögliche Antwort: ‚Ja!‘“

Beim ersten Treffen schenkten Walter und Leonie Frankenstein dem Museum erste Fotoalben und Dokumente. Auch nach Leonies Tod im Mai 2009 suchte Walter das Gespräch und übergab weitere Erinnerungsstücke, sodass sich heute der gesamte Vorlass in der Sammlung des Jüdischen Museums befindet – bestehend aus mehr als 1.100 Fotografien, Dokumenten und Objekten.

Gerade im fotografischen Kontext ist diese Sammlung herausragend, da sie das gesamte Leben Walter Frankensteins und die sich darin widerspiegelnden geschichtlichen Ereignisse visuell abbildet: Walter, geboren 1924, wächst in Flatow auf. Aufgrund der antisemitischen Anfeindungen kommt er 1936 ins Auerbach’sche Waisenhaus nach Berlin und lernt dort Leonie kennen. Es folgen eine Lehre und Zwangsarbeit. 1942 heiraten Leonie und Walter. Ein Jahr später entscheiden sich beide, in die Illegalität zu gehen. 1943 und 1944 kommen ihre zwei Söhne zur Welt. Alle überleben die Zeit des Nationalsozialismus. Bereits im November 1945 gelingt es Leonie, mit den zwei Söhnen nach Palästina auszuwandern. Walter wird nach seiner Arbeit im DP-Lager Greifenberg, beim Versuch ebenfalls nach Palästina zu emigrieren, auf Zypern interniert. Im Spätsommer 1947 kommt er frei und die Familie findet endlich zusammen. 1956 ziehen sie weiter nach Stockholm. Dort wohnt Walter Frankenstein bis heute.

Die Fotografie zeigt Walter Frankenstein, der rechts Theresia Ziehe und links Anna Rosemann im Arm hält

Walter Frankenstein mit Anna Rosemann und Theresia Ziehe in Stockholm 2017; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Theresia Ziehe

2017 wurden zahlreiche Abbildungen aus diesem Bestand in den Online-Sammlungen des Jüdischen Museums veröffentlicht. Begleitend zu dieser Veröffentlichung erschien der weiter unten folgende Text von Anna Rosemann, zunächst als sechsteilige Serie im Blog des Jüdischen Museums Berlin.

Diese Präsentation der Sammlung Frankenstein erforderte eine intensive Vorarbeit: Sämtliche Fotografien wurden inventarisiert, wissenschaftlich erschlossen und durch aufwändige Recherchen kontextualisiert. Wichtigste Grundlage für diese zeitintensive Aufarbeitung der Sammlung waren zahlreiche Treffen mit Walter Frankenstein und sein Vertrauen in unsere Arbeit, für das wir ihm herzlich danken möchten. Sein eindrückliches Erinnerungsvermögen lieferte viele Kontextinformationen zu einzelnen Fotografien bis hin zu genauen Namen der Abgebildeten.

Walter Frankenstein hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst vielen Menschen von seinen Erfahrungen zu erzählen. Als Zeitzeuge ist er auch immer wieder Gast im Jüdischen Museum. Bei jeder Veranstaltung ist seine Frau bis heute in Form eines großen gerahmten Fotoporträts mit dabei, das er einleitend für alle gut sichtbar platziert.

Eine Kindheit in Flatow

Anna Rosemann
Wenn ich das Bild von dem Säugling in seinem Kinderwagen betrachte, ist für mich nur schwer vorstellbar, dass dies dieselbe Person ist, die mir noch vor wenigen Wochen in Stockholm im Alter von beinahe 93 Jahren gegenübersaß. Noch schwerer vorstellbar ist für mich das bewegte Leben, das zwischen diesen Momenten liegt und vielfach von plötzlichen und zum Teil tragischen Wendungen sowie mutigen Neuanfängen geprägt war.

Ich spreche hier von Walter Frankenstein, der dem Jüdischen Museum Berlin über 1.100 Fotografien geschenkt hat. Bilder, die sein gesamtes Leben von den frühesten Tagen seiner Kindheit bis ins hohe Alter abbilden.

Die Aufnahme im Kinderwagen ist das älteste Foto in der Sammlung. Es zeigt Walter im Februar 1925 im Alter von siebeneinhalb Monaten auf einem Gehweg in seiner Geburtsstadt Flatow (heute Złotów), in der er am 30. Juni 1924 zur Welt kam. Sein Vater Max Frankenstein besaß dort einen Landhandel und eine Gastwirtschaft, die er von den Eltern seiner ersten Ehefrau, Emma Frankenstein, übernommen hatte. Nachdem Emma 1917 an einer Blutvergiftung gestorben war, hatte er 1923 Walters Mutter, Martha Frankenstein geb. Fein, geheiratet.

Die hochformatige, oval vignettierte Aufnahme zeigt einen Säugling (Walter Frankenstein) im Kinderwagen aus geflochtenem Korb

Walter Frankenstein im Alter von siebeneinhalb Monaten im Kinderwagen, Flatow Februar 1925; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/10/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Obwohl Walter Frankenstein auf dem Foto vom Herbst 1928 etwas missmutig dreinschaut,verbrachte er seine ersten unbeschwerten Lebensjahre in einer liebevollen Umgebung. Auf dem hier erwähnten Foto ist Walter als preußischer Husar verkleidet. Das Kostüm war ein Geschenk seines Onkels Selmar Frankenstein, der im Ersten Weltkrieg als Oberstabsarzt in Hindenburgs Hauptquartier bei Tannenberg sowie als Leibarzt des Kronprinzen Rupprecht von Bayern gedient hatte und dafür mit mehreren Orden ausgezeichnet worden war. Seine patriotische, deutschnationale Einstellung wollte er auch auf seinen Neffen übertragen. Der Versuch gelang, Walters Gesichtsausdruck nach zu urteilen, jedoch nur mäßig.

Fotografie Walter Frankensteins als Kind, kostümiert auf Kopfsteinpflaster vor einer Hauswand stehend

Walter Frankenstein als preußischer Husar verkleidet, Flatow Herbst 1928; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/10/007, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Walter Frankenstein interessierte sich weniger für das Militär, sondern mehr für allerhand Fortbewegungsmittel. Zu Ostern 1931 bekam er einen Roller geschenkt, der seine Abenteuerlust jedoch nur teilweise stillen konnte. Um seine Chancen auf einen Flug mit einer Junkers zu erhöhen, „verlobte“ er sich noch im gleichen Jahr mit seiner christlichen Freundin Ingeborg Abraham, deren Vater Postflieger war. Der Flug kam jedoch nie zustande, da Ingeborg kurz darauf mit ihren Eltern fortzog.

Ab 1933 begannen sich die in Flatow verbliebenen christlichen Freunde zunehmend von Walter zurückzuziehen. Im Jahr 1934 emigrierte Walters Bruder Martin Frankenstein nach Palästina – eine weitere frühe Folge der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen.

Martin hatte in Bischofsburg in Ostpreußen, der Heimatstadt seines Vaters, eine kaufmännische Ausbildung in dem Bekleidungs- und Konfektionsgeschäft der Familie absolviert und arbeitete nach seinem Umzug nach Rischon leZion in Palästina als Postbote.

Fotografie Walter Frankensteins als Kind in feiner Kleidung und mit Roller vor einem Zaun stehend

Walter Frankenstein mit seinem neuen Roller, Flatow Ostern 1931; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/11/003, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Fotografie der Geschwister Frankenstein, Walter steht zwischen seinen Brüdern

v. l. n. r.: Martin Frankenstein (1914–1982) mit seinen Brüdern Walter und Manfred (1910–1969) am Tag vor seiner Emigration, Flatow 1934; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/13/003, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Das Erinnerungsfoto, das einen Tag vor seiner Abreise entstand, zeigt auch Walters und Martins Bruder Manfred, der ihm 1937 nach Palästina folgte. Sowohl Martin als auch Manfred wurden von ihrem kinderlosen Onkel Selmar enterbt. Er betrachtete die Emigration nach Palästina als Verrat am Vaterland.

Walter hingegen blieb in Deutschland und erlebte so die zunehmenden Repressalien der nationalsozialistischen Regierung gegen Jüdinnen*Juden. Bereits am 1. April 1933, als zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen worden war, hatten Unbekannte auf die Fenster des Ladengeschäfts der Frankensteins geschossen, das Martha Frankensein seit dem Tod ihres Mannes 1929 alleine führte.

Walter sagte in dieser Nacht zu sich:

„Lieber Gott, wenn dieser Mann nicht auf den nächsten 50 Metern tot umfällt, dann glaube ich nicht mehr an Dich.“

Heute resümiert er:

„Er ist nicht umgefallen, und ich war Atheist. Ich bin es bis heute geblieben.“

Trotz dieses einschneidenden Erlebnisses führte Walters Mutter das Ladengeschäft zunächst weiter. Es ist auf dem folgenden Foto abgebildet, auf dem Walter und Martha Frankensein (1885–1943) im Ladeneingang stehen.

Die Aufnahme zeigt ein Wohnhaus. Über der Eingangstür ist ein Schild mit der Aufschrift „Schankwirtschaft // Kaufhaus S. Klein jr. Inh. Max Frankenstein“. In der Eingangstür stehen eine Frau im hellen Kleid (Martha Frankenstein) und ein junger Mann.

Ansicht des Hauses der Familie Frankenstein in Flatow, Flatow 1935; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/8/006, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Das Bild ist zugleich die letzte erhaltene Aufnahme Walters in seiner Geburtsstadt. Kurz darauf, im Sommer 1936, wurde dem zwölfjährigen Walter verboten, weiterhin die christliche Schule in Flatow zu besuchen. Er musste nach Berlin in das Auerbach’sche Waisenhaus umziehen, womit das nächste Kapitel in seinem Leben den Anfang nahm.

Eine Jugend im Auerbach’schen Waisenhaus

Jesse Owens – dieser Name ist den meisten Menschen heute noch ein Begriff. Der Schwarze US-Athlet entschied sich 1936 – entgegen den Erwartungen und Ängsten seiner Familie, Freund*innen und einer großen Zahl der US-Amerikaner*innen – an der Olympiade in Berlin teilzunehmen. Angesichts des politischen Klimas am Austragungsort, das durch Antisemitismus, Propaganda und Gewalt gegen Minderheiten geprägt war, zweifelte eine internationale Öffentlichkeit an der Chancengleichheit der Teilnehmer*innen.

Für Walter Frankenstein ist der Name Owens bis heute eng mit seinem Umzug von seiner im damaligen Westpreußen gelegenen Heimatstadt Flatow (heute Złotów) nach Berlin verknüpft. Als er am 27. Juli 1936 mit dem Zug am Bahnhof Alexanderplatz ankam, waren die Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele in der deutschen Hauptstadt in vollem Gange. Walter besuchte das Spektakel mit einem Onkel mütterlicherseits und hatte so die Möglichkeit, Jesse Owens im Berliner Olympiastadion live zu erleben. Owens ging mit vier Goldmedaillen als erfolgreichster männlicher Sportler aus den Spielen hervor.

In jenem Olympiasommer wurde Walter von seinem Onkel Selmar Frankenstein in den Baruch-Auerbach’schen Waisenerziehungsanstalten (kurz: Auerbach’sches Waisenhaus) untergebracht. Bei dem 1832 gegründeten Waisenhaus handelte es sich um eine private Stiftung, die sich sowohl um Jungen als auch um Mädchen kümmerte. Die Institution bezog 1897 einen Neubau mit eigener Synagoge in der Schönhauser Allee 162.

Walter war nicht nur begeisterter Besucher von Sportveranstaltungen, er betrieb selbst aktiv Leichtathletik, boxte und spielte Hand- und Fußball im jüdischen Verein Makkabi. Auch im Auerbach’schen Waisenhaus war Sport ein wichtiger Teil der Erziehung. Regelmäßig fanden Sportfeste mit Wettkämpfen zwischen den einzelnen Zöglingen, aber auch gegen die Schüler* der jüdischen Schule in der Rykestraße statt.

Die Aufnahme zeigt das Auerbach’sche Waisenhaus von der Schönhauser Allee aus gesehen. Im oberen Teil ist ein Spitzgiebel mit Fenstern zu sehen (Schwarz-Weiß-Fo­to)

Außenansicht des Auerbach’schen Waisenhauses, Berlin ca. 1940-1944; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/311/79/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Im Bildvordergrund ist ein rennender Junge zu sehen, der im Begriff ist, die Ziellinie zu erreichen, im Bildhintergrund zuschauende Jungs (Schwarz-Weiß-Fo­to)

Kurt Gumpert (1924–1943) beim Wettlauf, Berlin 1936-1942; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/311/45/002, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Walter hielt Szenen dieser Veranstaltungen, wie den Zieleinlauf seines Freundes Kurt Gumpert, mit seiner Kamera fest, die er 1936 zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Neben herausgehobenen Ereignissen dokumentierte Walter auch den Alltag im Waisenhaus. So ist Erwin Panthauers Gesichtsausdruck beim Anblick des zwei Mal wöchentlich servierten Reisschleims überliefert. Das Gericht wurde auf Anweisung Selma Plauts, der Frau des Direktors, an alle Zöglinge ausgeteilt, die etwas „schwach“ aussahen. Walter, der zu dieser Gruppe gehörte, konnte sich des Reisschleims durch einen Handel entledigen: Erwin aß Walters Brei und im Gegenzug bekam Erwin Walters Stück Kuchen, das jeder Zögling* am Samstagmorgen zum Schabbat erhielt.

Bis dato war das Auerbach’sche Waisenhaus ein Refugium für 200 Kinder und Jugendliche gewesen. Walter berichtet über diese Zeit: „Wir wohnten dort wie auf einer geschützten kleinen Insel. Wir haben die Verfolgungen bis zur Pogromnacht 1938 gar nicht so richtig mitbekommen“. In besagter Nacht drang ein brandschatzender SA-Trupp in das Waisenhaus. Walter und drei weitere Jugendliche stellten sich den Eindringlingen entgegen. Sie betonten, dass viele Kinder und Jugendliche in dem Haus lebten, und aufgrund der dichten Bebauung das Feuer auch auf die Nachbargebäude übergreifen würde. Die SA-Männer zogen ab, löschten jedoch im Gehen das Ewige Licht in der Synagoge und drehten den Gashahn auf. Glücklicherweise bemerkten Walter und seinen Freunde das austretende Gas und konnten das Schlimmste verhindern.
Danach stiegen die vier Jugendlichen auf das Dach des Waisenhauses. Von dort aus konnten sie die Brände in der ganzen Stadt beobachten. Ein Foto von dieser Nacht ist nicht überliefert. Allein die Vorstellung des Bildes, das sich Walter und den anderen in diesem Moment geboten haben muss, lässt mich, die die Sammlung Frankenstein betreut und sich intensiv mit Walters Leben auseinandersetzt, schaudern.

Zwei Jungen an einem Tisch, einer sitzend mit einer Tasse, einer schräg hinter ihm stehend (Schwarz-Weiß-Fo­to)

Erwin Panthauer (1925–2008) bekommt von Gerd Punscher (1924–1942) Reisschleim serviert, Berlin 1936-1938; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/311/31/002, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Sieben Männer in Arbeitskleidung und mit Schubkarre, Schaufeln und weiterem Arbeitsgerät (Schwarz-Weiß-Foto)

Auszubildende der Jüdischen Bauschule in Berlin bei Maurerarbeiten, Berlin 1938-1941; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/311/72/005, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Kurze Zeit später verließ Walter Frankenstein Auerbach und zog in das Jüdische Waisenhaus Pankow. Er war bereits seit seinem Abschluss an der Jüdischen Volksschule 1938 als Maurer-Lehrling in der Jüdischen Bauschule am Ostbahnhof tätig. Sein Aufenthalt in Pankow war jedoch nur von kurzer Dauer. Das dortige Waisenhaus wurde 1940 geschlossen und die verbliebenen Kinder und Jugendlichen wurden in das Auerbach’sche Waisenhaus verlegt. Walter kehrte an den Ort zurück, an dem er eine glückliche Jugend verlebt hatte und an dem er die Frau seines Lebens kennenlernen sollte.

Leben im Untergrund

„Die und keine andere“, beschloss Walter Frankenstein, als er seine zukünftige Frau Leonie zum ersten Mal auf dem Hof des Auerbach’schen Waisenhauses sah. Leonie Rosner stammte aus Leipzig und hatte in Berlin eine Ausbildung am jüdischen Kindergärtnerinnen*-Seminar begonnen, ehe sie nach dessen Schließung als Praktikantin an das Auerbach’sche Waisenhaus kam.

Leonies Zimmer avancierte bereits kurz nach ihrer Ankunft zum Treffpunkt für die Lehrlinge, die im Waisenhaus wohnten. Bei Gesprächen über Religion, das Judentum, die Auswanderung nach Palästina und ihren Alltag kamen sich der 17-jährige Walter und die drei Jahre ältere Leonie näher. Nachdem Leonie von der Direktorin aufgrund ihres Verhältnisses zu einem Zögling die Kündigung angedroht worden war, beschloss das junge Paar im Herbst 1941 „das Auerbach“ zu verlassen. Walter und Leonie zogen zur Untermiete in ein Zimmer bei Familie Mendel im Prenzlauer Berg. Bereits kurz darauf entschlossen sie sich zu heiraten. Sie hatten gehört, dass Ehepaare von der Deportation verschont bleiben würden. Die Hochzeit, für die der minderjährige Walter das Einverständnis seiner Mutter hatte einholen müssen, fand am 10. Februar 1942 statt.

Walter Frankenstein verdiente zu diesem Zeitpunkt seinen Lebensunterhalt als Handwerker bei der Jüdischen Gemeinde, nachdem die jüdische Bauschule 1941 geschlossen worden war. Als Angestellter der Gemeinde musste er Zwangsarbeit leisten, die ihn eines Tages auch an den Dienstsitz von Adolf Eichmann in der Kurfürstenstraße führte. „Ein Fleck und du bist morgen in Auschwitz“, drohte der SS-Obersturmbannführer, als Walter in Eichmanns Arbeitszimmer eine Telefonleitung verputzte.

Auch Leonie Frankenstein musste Zwangsarbeit leisten. Sie war bereits kurz nach der Heirat schwanger geworden und zum Dienst in einer Fabrik für Fesselballons abgestellt worden. In der Fabrik roch es unerträglich stark nach Leim. Regelmäßig fiel Leonie bei der Arbeit in Ohnmacht. Sie bat die Aufseherin darum, verlegt zu werden, und kam in eine Fabrik für Transformatoren-Spulen. Dort arbeitete sie bis eine Woche vor der Geburt ihres Sohnes Uri Frankenstein am 20. Januar 1943. Uri erblickte im Jüdischen Krankenhaus das Licht der Welt und wurde gegen den Willen seiner Eltern beschnitten. Leonie und Walter fürchteten, dass ihr Kind so leicht als jüdisch identifizierbar wäre.

Ein junger Mann sitzt vor einem Haus (Schwarz-Weiß-Foto)

Walter Frankenstein vor der Turnhalle des Jüdischen Waisenhauses Pankow, Berlin 1938-1940; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/311/55/006, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Die Frau trägt ein mittelhelles, gemustertes Kleid sowie eine Brille. Das Kind sitzt rechts neben ihr. Es trägt ein helles Kleid und ein mittehelles gemustertes Kopftuch (Schwarz-Weiß-Fotografie)

Leonie Frankenstein (1921–2009) mit ihrem Sohn Peter-Uri (geb. 1943) auf einer Wiese sitzend, Briesenhorst Mai 1944; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/41/004, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Anfang des Jahres 1943 wurde die Situation für Jüdinnen*Juden in Deutschland immer gefährlicher. Die Deportationen der deutschen Jüdinnen*Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten waren bereits weit vorangeschritten. Wie gefährlich die Situation für seine Familie war, offenbarte sich Walter eines Morgens Ende Februar 1943: An seiner Arbeitsstelle am Bayerischen Platz in Berlin-Schöneberg fand er lediglich einen Gestapobeamten vor. Keiner seiner Kollegen* erschien. Von dem Beamten erfuhr er, dass sie in der Nacht zuvor deportiert worden waren. Als der Aufseher Erkundigungen einholte, wie nun mit Walter zu verfahren sei, floh Walter kurzerhand. Nachdem auch Leonie mit ihrem sechs Wochen alten Sohn nur knapp einer Einberufung in das Sammellager Große Hamburger Straße entgangen war, beschloss die Familie, dass der Gang in den Untergrund die einzige Möglichkeit war zu überleben.

Als Leonie 1944 zum zweiten Mal schwanger wurde, meldete sie sich unter falscher Identität bei einer Ausgebombtenstelle. Gemeinsam mit Uri schickte man sie als „deutsche Mutter“ nach Briesenhorst. Dort lebte sie das Frühjahr und den Sommer über bei einer Bäuerin und deren Tochter. Aus dieser Zeit stammen auch die einzigen überlieferten Fotografien zum Leben der Familie Frankenstein in der Illegalität. Sie zeigen Leonie und Uri auf dem Hof der Bäuerin. Ende September setzten bei Leonie die Wehen ein. Sie musste sich in ein Krankenhaus in Landsberg an der Warthe begeben und dort nach der Geburt ihres Sohnes Michael am 26. September 1944 aufgrund einer Entzündung drei weitere Wochen bleiben. Stets dachte sie daran, dass Uri beschnitten und damit für die Bäuerin klar als jüdisches Kind erkennbar war. Als sie jedoch zum Hof zurückkehrte, fand sie Uri wohl genährt und versorgt vor. Die Bäuerin verlor kein Wort über die Herkunft des Jungen und seiner Mutter.

Auch Walter hatte einige Male großes Glück. So fuhr er 1944 nach einer weiteren Nacht in einer ausgebombten Ruine mit der S-Bahn. Üblicherweise blieb er wegen der Kontrollen immer an der Tür stehen. Nun aber war er sehr müde, setzte sich hin und nickte ein. Er wurde erst wach, als ein sogenannter „Kettenhund“ vor ihm stand und seine Ausweispapiere verlangte. Walter gab mit gefälschtem Akzent an, dass er ein ausländischer Zwangsarbeiter sei und seinen Ausweis in der Arbeitskleidung vergessen habe. Der Offizier schlug daraufhin vor, am Bahnhof Friedrichstraße auszusteigen. Dort wollte er sich auf einem Polizeirevier telefonisch bei Walters angeblichem Arbeitgeber nach dessen Identität erkundigen. Nachdem beide ausgestiegen waren, sah Walter keinen anderen Ausweg, als dem Offizier zu gestehen, dass er Jude sei, illegal in Berlin lebe und falls er nun verraten werden würde, am Tag darauf nach Auschwitz deportiert werden würde. Nach kurzer Überlegung ließ der Kettenhund Walter schließlich mit den Worten: „Verschwinde, ich suche keine Juden, ich suche Deserteure“, gehen.

Die beiden Geschichten sind nur zwei Beispiele dafür, wie Walter, Leonie, Uri und Michael die Zeit in der Illegalität überstanden. Am 27. April 1945 erlebten alle vier Frankensteins die Befreiung durch die sowjetische Armee. Ihr Schrecken und ihre Angst hatten ein Ende – nun lag eine ungewisse Zukunft vor der Familie.

Die Aufnahme zeigt ein Kleinkind, welches von einer Frau an den Händen gehalten wird (Schwarz-Weiß-Fotografie)

Leonie Frankenstein hält ihren Sohn Peter-Uri an den Händen, Briesenhorst 1944; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/73/41/003, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Ein Neuanfang

Wie sollte es jetzt weitergehen? Nichts vom alten Leben der Frankensteins war übrig geblieben. Verwandte und Freunde, darunter auch Walters und Leonies Mütter, waren ermordet worden. Ganz Europa lag in Trümmern.

Ein schlichter Verwaltungsakt war der erste Schritt der Frankensteins ins neue Leben: Walter und Leonie meldeten sich bei der Jüdischen Gemeinde Berlin. Dort wies man ihnen eine Wohnung zu, riet ihnen jedoch aufgrund der schlechten Versorgungslage, Berlin schnellstmöglich zu verlassen. Nichtsdestotrotz entschieden sich die Frankensteins, den Sommer in Berlin zu verbringen. Walter engagierte sich als ehrenamtlicher Leiter bei den Neuköllner Freizeitspielen. Gleichzeitig nahm er Kontakt zur Jüdischen Brigade auf. Die britische Mandatsregierung hatte im Zuge des Krieges die legalen Einreisemöglichkeiten nach Palästina stark reduziert. Dadurch war für die rund 250.000 Displaced Persons (kurz: DP) in den Lagern in Westeuropa die illegale Einreise häufig die einzige Möglichkeit nach Palästina zu gelangen. Walter schaffte es, über die Mitglieder der Jüdischen Brigade eine Möglichkeit zur legalen Emigration für Leonie und die Kinder auszuhandeln. Im Gegenzug verpflichtete er sich, für die Brigade junge Jüdinnen*Juden durch Deutschland in Richtung Süden zu schleusen. Ziel waren die Häfen am Mittelmeer, wo jüdische Untergrundorganisationen Schiffe zur illegalen Einreise nach Palästina vorbereiteten.

Mitte November 1945 verließ Leonie mit ihren beiden Söhnen Berlin in Richtung Palästina. Walter wurde vier Wochen später von der Jüdischen Brigade über München und das DP-Lager Landsberg nach Greifenberg am Ammersee geschickt. Dort war in einer ehemaligen BDM-Gauführerinnenschule eine Art Kibbuz errichtet worden. Junge Männer und Frauen, die das Konzentrationslager überlebt hatten sowie Partisan*innen, sollten in der Gemeinschaft psychisch wieder aufgebaut und auf die Emigration vorbereitet werden.

Auf der Schwarz-Weiß-Fotografie sitzt Walter Frankenstein auf einem Stuhl, nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln abgestützt.

Walter Frankenstein während seiner Zeit im Kibbuz, Greifenberg ca. Dezember 1945-Mai 1946; Jüdisches Museum Berlin, Inv.,-Nr. 2010/164/10/006, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Auf der Schwarz-Weiß-Fotografie sitzen circa 100 Frauen und Männer auf einer Veranda. Über ihnen hängt ein Banner mit einem hebräischen Zitat aus einem Lied von Pooa Grinshpon.

Gruppenbild von Bewohner*innen des Kibbuz, Greifenberg ca. 1946; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/164/6/003, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Anhand dieses Gruppenbildes der Bewohner*innen lässt sich das Leitbild des Kibbuz nachvollziehen. Das Zitat auf dem Banner, unter dem die Männer und Frauen posieren, stammt aus einem Lied von Pooa Grinshpon und bedeutet übersetzt: „Solange noch das Herz Israels [gemeint ist das Volk Israel] [irgendwo] auf der Welt schlägt – Das Land Israel!“.

Deutlich zeigt sich, wie ausgeprägt die Solidarität mit der zionistischen Bewegung, der Wille zur Emigration nach Palästina und die Bereitschaft zur Gründung eines Staates Israel bei den Bewohner*innen zu diesem Zeitpunkt waren. Walter, der im Kibbuz Jiu-Jitsu unterrichtete, die Küche leitete und den Personenschmuggel über die Grenze organisierte, war keine Ausnahme. Auf einem Porträt aus seiner Zeit in Greifenberg posiert er mit einer Jacke, auf der das Abzeichen der Jüdischen Brigade zu sehen ist.

Obwohl man Walter zugesichert hatte, Leonie und den Kindern innerhalb von sechs Wochen nach Palästina folgen zu können, waren inzwischen Monate vergangen. Im Mai 1946 reiste er endlich nach La Ciotat in der Nähe von Marseille. Auf dem illegalen Einwandererschiff „Latrun“ sollte er für die Versorgung der Passagiere mit Lebensmitteln und Wasser sorgen. Die „Latrun“ legte am 19. Oktober 1946 in Richtung Haifa ab, wobei sich ca. 1.248 Menschen an Bord des ursprünglich für 75 Passagiere ausgelegten Schiffes befanden. Nach eigenen Angaben rauchte Walter während der Überfahrt 140 Zigaretten täglich und schlief sieben Tage lang kaum. 140 Zigaretten, eine Zahl, die – selbst wenn sie nicht genau stimmen sollte – symbolisch für die extreme Situation stehen kann, unter der die Menschen die illegale Emigration nach Palästina wagten. Sie hatten vor allem ein Ziel: weg aus Europa.

Den Passagieren der „Latrun“ gelang es nicht auf Anhieb, Europa den Rücken zu kehren: Nachdem das Schiff auf der Höhe von Zypern die israelische Flagge gehisst hatte, wurde es von den Briten bei der Einfahrt in palästinensische Gewässer geentert und danach in den Hafen von Haifa geleitet. Statt jedoch an Land zu gehen, mussten sich die Passagiere auf zwei britische Kreuzer verteilen, die sie in ein Internierungslager auf Zypern brachten. Walter begann wieder, für eine Gruppe von 20 Personen zu kochen und bemühte sich darüber hinaus, die Freizeit der Männer und Frauen so angenehm wie möglich zu gestalten.

Im Mai oder Juni 1947 wurde Walter schließlich in das Transitlager Atlit in Palästina verlegt. Durch den auf dem Foto abgebildeten Stacheldrahtzaun sah er nach ca. 19 Monaten der Trennung zum ersten Mal seine Familie wieder. Nach einem kurzen Aufenthalt im Lager Kiryat Shmuel wurde Walter im August/September 1947 entlassen. Endlich konnte er damit beginnen, gemeinsam mit Leonie ein Leben in Palästina aufzubauen …

Nicht das, was sie erwartet hatten

Endlich wiedervereint nach 19 Monaten! – Wie sehr sich Leonie, Uri und Michael Frankenstein über Walters Freilassung freuten, lässt sich anhand des Fotos von Leonie und ihren beiden Söhnen vom Sommer 1947 ablesen. Gelöst blicken alle drei in die Kamera.

Schwarz-Weiß-Fotografie: Leonie sitzt in der Mitte und lächtelt breit. Auf ihrem Schoß sitzt Michael, der sich mit der Zunge über den rechten Mundwinkel fährt. Links steht Peter-Uri mit hellen Locken, ebenfalls breit lächelnd.

Leonie Frankenstein mit ihren Söhnen Peter-Uri (geb. 1943) und Michael (geb. 1944), Chadera 1947; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/139/3/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Walter zog zunächst in die Einzimmer-Sozialwohnung in Chadera, die Leonie und den Kindern nach ihrer Emigration nach Palästina zugewiesen worden war. Leonie hatte in der Zwischenzeit Hebräisch gelernt und eine Anstellung in einem Schokoladengeschäft gefunden. Durch ihre Arbeit war sie in der Lage gewesen, sich und ihre beiden Söhne in Abwesenheit ihres Mannes zu versorgen.

Auf der Schwarz-Weiß-Fotografie hocken die beiden Kinder in einem Garten und streicheln einen Hundewelpen.

Die Brüder Peter-Uri und Michael Frankenstein mit einem Hundewelpen, Chadera 1949; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/139/4/005, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Nach ihrer Wiedervereinigung zogen die vier Frankensteins in ein Haus in Neve Chaim, einem Stadtteil von Chadera. In ihrem neuen Zuhause gab es keinerlei Elektrizität und die Familie musste sich mithilfe eines Spirituskochers, Petroleumlampen und warmem Wasser aus einem Ofen versorgen. Walter Frankenstein fand durch seine Kontakte zur Haganah, einer zionistisch-paramilitärischen Untergrundorganisation, schnell Arbeit als Fliesenleger und Maurer in Palästina. Für kurze Zeit konnte die Familie einen geregelten Alltag leben.

Die Ruhe währte nicht lange. Nur eine Stunde, nachdem am 14. Mai 1948 der Staat Israel seine Unabhängigkeit erklärt hatte, wurde Walter zum Wehrdienst einberufen. Er erhielt die Personalnummer 27.009 (die Zählung begann bei 25.000) – und wurde den Givʿati-Brigaden zugeteilt. Seine Einheit stoppte zunächst den Einmarsch der Ägypter vor Tel Aviv und gewährleistete anschließend die Versorgung des eingeschlossenen Jerusalems.

Auf der Schwarz-Weiß-Fotografie legt Leonie im dunklen Kleid ihre Hände auf die Schultern der links und rechts stehenden und in weißen Shorts und Hemden gekleideten Kinder. Im Hintergrund ist eine Hauswand zu sehen.

Leonie Frankenstein mit ihren Söhnen Peter-Uri und Michael Frankenstein vor ihrem Wohnhaus stehend, Neve Chaim (Chadera) 1951; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/139/16/002, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Walter war stolz, Israel dienen zu dürfen und fühlte sich als kleines Rädchen, das die Gründung des Staates mittrug. Er und seine Frau waren Idealisten und so ließ Leonie ihren Ehemann auch ohne Zweifel in den Krieg ziehen, wenngleich dies nicht einfach gewesen sein mag. Zeugnis dafür ist eine Fotografie von Walter Frankensteins Militärurlaub, die im Gegensatz zu dem Foto von Leonie und ihren Söhnen aus dem Jahr davor steht. Auf dem Bild wirken Walter und Leonie angespannt.

Grund zur Sorge war durchaus gegeben. Aus Walters Einheit überlebten von 75 Männern lediglich fünf. Walter hatte Glück. Während der schwersten Kämpfe Mitte Juli 1948 lag er mit einer Knieverletzung im Militärhospital. Nach der Unterzeichnung der Waffenstillstandsabkommen im Frühjahr und Sommer 1949 wurde Walter im Herbst 1949 schließlich aus dem Militärdienst entlassen und nahm im Anschluss seine Tätigkeit als Maurer und Fliesenleger wieder auf.

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto hält Walter Frankenstein seine Frau Leonie im Arm. Er trägt Militäruniform, sie ein Sommerkleid. Sie lächeln nicht. Am Bildrand ist, halbabgeschinittem einer ihrer Söhne zu sehen. Im Hintergrund wächst Buschwerk.

Walter Frankenstein mit seiner Frau Leonie während seines Militärurlaubes, Chadera Sommer 1948; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/139/5/009, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

1953 machte Walter sich gemeinsam mit einem Freund selbstständig. Ihre Firma wurde zunächst mit dem Bau eines kalifornischen Bewässerungssystems in verschiedenen Kibbuzim im Jordantal, dann mit der Konstruktion von Entwässerungskanälen für Salzbecken am Toten Meer beauftragt.

Die hohen Temperaturen und die schwere Arbeit setzten Walter Frankenstein körperlich stark zu. Angesichts seiner gesundheitlichen Schäden und der unkomfortablen Lebenssituation für seine Familie, die nach elf Jahren immer noch ohne Elektrizität leben musste, wurde ihm „alles zu viel“, wie er heute sagt. Die Familie entschloss sich, nach Schweden zu emigrieren, wo Walters Freund Rolf Rothschild lebte. Somit nahmen die vier Frankensteins im Sommer 1956 Abschied von Israel und wagten ein letztes Mal einen Neuanfang.

Die Aufnahme zeigt einen Mann, eine Frau und zwei Jungen im Freien. Die Kinder knien auf dem Boden. Links hinter ihnen steht die Frau, rechts neben ihr steht der Mann. Im Hintergrund sind ein Garten und ein Gebäude zu sehen.

Familie Frankenstein während ihres letzten Sommers in Israel, Neve Chaim (Chadera) Sommer 1956; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/139/19/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Neue Heimat Schweden

Noch einmal von vorne beginnen. – Wenn ich mir den Werdegang Walter Frankensteins und seiner Familie anschaue, bin ich stets erstaunt, dass sie sich nie entmutigen ließen und immer wieder neue Kraft für die zahlreichen Veränderungen in ihrem Leben fanden. 1956 sollte eine weitere große Herausforderung im Leben der vier Frankensteins ihren Anfang nehmen.

Im Juli reiste die Familie von Haifa über Neapel nach Dortmund, wo Leonies Stiefvater Theodor Kranz lebte. Nachdem Walter am 27. Juli in Schweden angekommen war, seine Arbeitserlaubnis erhalten und eine Anstellung auf einer Baustelle in einer U-Bahnstation in Stockholm gefunden hatte, folgten ihm Leonie, Uri und Michael im September.

Zunächst wohnten die vier Frankensteins in der Einzimmerwohnung von Walters Freund Rolf Rothschild. Wie Walter hatte Rolf seine Jugend im Auerbach’schen Waisenhaus verbracht und war bereits 1939 nach Schweden emigriert. Später überließ er den Frankensteins seine Zweizimmerwohnung in dem Stockholmer Vorort Bandhagen, die er einige Zeit zuvor bei einer Wohnungsbaugesellschaft beantragt hatte. Am 15. November 1956 bezogen Walter und Leonie mit ihren Söhnen ihr neues Zuhause. Sie sollten dort 53 Jahre ihres Lebens verbringen.

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto steht Rolf Rothschild in der Mitte und hat seine Arme um die beiden Jungen gelegt. Alle tragen Anzug.

Rolf Rothschild (1923–1985) mit Peter-Uri und Michael Frankenstein, Stockholm ca. 1956; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/165/3/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto steht die Familie vor gemusterten Vorhängen und Zimmerpflanzen. Alle vier lachen oder lächeln. Das Bild wirkt bewegt.

Familie Frankenstein in ihrer Wohnung in Bandhagen bei Stockholm, ganz links Michael, in der Mitte Leonie und Walter, rechts Peter-Uri, ca. 1956-1957; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/165/5/001, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Walter war anfangs weiterhin als Maurer beschäftigt, konnte diese Tätigkeit ab 1965 aus gesundheitlichen Gründen jedoch nicht länger ausüben. Er fing beruflich noch einmal ganz von vorne an. Zunächst holte er sein Abitur nach, an das er ein Studium als Bauingenieur anschloss. Nach seinen 1969 und 1970 erfolgreich bestandenen Examen fand er einen Job als Statiker und Konstrukteur in einer international agierenden Firma, in der er unter anderem am Bau von Atomkraftwerken beteiligt war. Leonie Frankenstein besuchte ab Ende der 1950er Jahre eine Handelsschule und fand schließlich eine Anstellung in der Buchhaltung eines Unternehmens.

In Schweden hatten die Frankensteins nun endlich auch die Möglichkeit, ihre Freizeit aktiv zu gestalten. Jeden Sommer fuhren sie zu ihrem Ferienhaus in Sörmland, das ca. 110 km südlich von Stockholm lag. Die Winter verbrachten sie in und um Bandhagen mit sportlichen Aktivitäten. Nicht nur Walter, der sich seit seiner Jugend für Sport begeisterte, auch Leonie und die beiden Söhne genossen Schnee und Eis auf Schlitten, Ski und Schlittschuhen.

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto fährt Walter auf Skiern einen kleinen Abhang hinab.

Walter Frankenstein beim Skifahren, Umgebung von Stockholm ca. 1956-1957; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/165/8/005, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Im Dezember feierte die Familie in ihrer kleinen Wohnung neben Chanukka auch Weihnachten. Darauf hatten die vier Frankensteins während ihrer Zeit in Israel verzichten müssen, da es in Israel schlicht keine Weihnachtsbäume zu kaufen gegeben hatte. Uri und Michael schien es unter den Tannennadeln jedenfalls zu gefallen, wie das Foto von einem ihrer ersten Weihnachtsfeste vermuten lässt.

Nach seiner Pensionierung 1984 unternahm Walter mit Leonie Reisen ins europäische Ausland und nach Israel. Auch Deutschland und besonders ihre alte Heimat Berlin besuchten die beiden regelmäßig.

Walter und Leonie Frankensteins gemeinsame Zeit endete nach 66 Ehejahren am 19. Mai 2009 mit Leonies Tod.

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto sitzen die beiden Jungen vor einem Weihnachtsbaum und blicken lachend auf die Gaben, die darunter drapiert sind.

Peter-Uri und Michael Frankenstein unter dem Weihnachtsbaum sitzend, Stockholm ca. 1956-1957; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/165/6/005, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto sitzt Leonie im Sommerkleid auf der Balkonbrüstung. Walter steht neben ihr, hat den linken Arm um sie gelegt und hält in der rechten Hand eine Zigarette.

Leonie und Walter Frankenstein auf dem Balkon eines Sommerhauses, Elgö Sommer 1957; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/165/16/005, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Nachdem seine Frau verstorben war, setzte Walter seine Arbeit als Zeitzeuge fort. Für sein Engagement wurde er am 30. Juni 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Den Orden bewahrt er heute gemeinsam mit seinem „Judenstern“ in einer Schatulle auf. Beide Symbole sind für ihn untrennbar miteinander verbunden:

„Die Nazis haben mich gezeichnet, Deutschland hat mich ausgezeichnet.“

Egal wie oft ich mich mit Walter Frankensteins Biografie auseinandersetze, so bin ich doch jedes Mal von seiner Lebensleistung beeindruckt. Walter persönlich kennengelernt zu haben und ihn bis heute in regelmäßigen Abständen zu treffen, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Sein Werdegang und seine daraus resultierende Philosophie spiegeln sich meiner Meinung nach am besten in dem Satz wider, mit dem Walter, sobald er auf seine jüdische Herkunft angesprochen wird, stets antwortet:

„Ich bin der Sohn Deutscher jüdischen Glaubens und selbst bin ich schwedischer Bürger und Atheist.“

Anna Rosemann, Fotografische Sammlung

Zitierempfehlung: 
Anna Rosemann (2017/18), Erinnerungen aus dem Leben Walter Frankensteins. Mit vielen Fotos aus der Sammlung Walter und Leonie Frankenstein.
URL: www.jmberlin.de/node/6137
Für Nachfragen zu dieser Sammlung wenden Sie sich bitte an:
Theresia Ziehe
Kuratorin für Fotografie
Tel.: 
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Fax: 
+49 (0)30 259 93 409

Literaturhinweis

Wenn Sie tiefer in die Lebensgeschichte von Walter und Leonie Frankenstein eintauchen möchten, empfiehlt sich das Buch Nicht mit uns – Das Leben von Walter und Leonie Frankenstein von Klaus Hillenbrand, das 2008 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erschienen ist.