Islam und Judentum in Schriften deutschsprachiger jüdischer Orientalisten (1833–1955)

Unser Fellow Walid Abd El Gawad und sein Forschungsvorhaben

Seit November 2016 ist der Islamwissenschaftler Walid Abd El Gawad als erster W. Michael Blumenthal Fellow am Jüdischen Museum Berlin. Gefördert wird er für sein Postdoc-Forschungsprojekt »Wer eine Religion kennt, kennt keine.« Reflexionen über Islam und Judentum in Schriften deutschsprachiger jüdischer Orientalisten (1833–1955). Seine Arbeit leistet einen Beitrag zur kaum berücksichtigten jüdisch-islamischen Beziehungsgeschichte in der Moderne. Sie bietet dabei zugleich Perspektiven für die heutige Judaistik und Islamforschung sowie für Begegnung zwischen Jüdinnen*Juden und Muslim*innen inner- und außerhalb Israels.

Fruchtbarer Austausch zwischen Judentum und Islam

Die mediale Darstellung jüdisch-islamischer Beziehungen wird in Europa gegenwärtig von polarisierenden Bildern eines vermeintlich unlösbaren Konflikts dominiert. Wer der geglaubt ewigen Feindschaft zwischen den Anhänger*innen beider Traditionen etwas entgegensetzen will, greift meist auf positive Beispiele friedlichen Zusammenlebens aus dem idealisierten islamischen Mittelalter zurück. Doch die Beziehung zwischen Islam und Judentum begann schon in der Frühgeschichte des Islam, setzte sich im Mittelalter fort und reicht bis in die Moderne hinein.

In der Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Orientforschung des 19./20. Jahrhunderts finden sich eine Reihe jüdischer Orientalisten aus der Wissenschaft des Judentums, die sich mit dem Islam beschäftigten und zu innovativen Erkenntnissen nicht nur über den Islam, sondern auch über das Judentum gelangten. Dieser Forschungstradition setzte in Europa die Katastrophe der Schoa ein abruptes Ende. Zudem wurde sie durch die gewaltsamen Konflikte in Palästina/Israel im 20. Jahrhundert als »idealistisch naiv« marginalisiert.

Porträtfoto von Walid Abdelgawad

Walid Abd El Gawad; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Moderne jüdische Orientalisten: Horovitz, Weil und Goitein

Walid Abd El Gawad Forschungsprojekt nimmt die Schriften dreier Orientalisten aus dieser fast vergessenen Forschungstradition in den Fokus: Josef Horovitz (1874–1931), Gotthold Weil (1882–1960) und Shlomo Dov Goitein (1890–1985). Horovitz verband mit Weil und Goitein nicht nur ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern auch ein Forschungsansatz, der sich insbesondere der Exploration von Verbindungen zwischen Judentum und Islam widmete. Mit unterschiedlichen Nuancen teilten die drei Gelehrten die Vorstellung einer Verwandtschaft zwischen jüdischer und arabischer Kultur.

Abd El Gawads Arbeit geht daher folgenden Fragen nach: Wie reflektierten diese Orientalisten im Einzelnen das Verhältnis zwischen Judentum und Islam sowie zwischen Jüdinnen*Juden und Araber*innen? Wie sind ihre diesbezüglichen Ansichten in der oben beschriebenen Tradition der Orientforschung einzuordnen? Wie trugen sie zur Transformation der Wissenschaftstradition in Israel bei?

Walid Abd El Gawad

Walid Abd El Gawad stammt aus Kairo, wo er an der Universität Al-Azhar Islamische Theologie und Islamwissenschaft studierte. Anschließend machte er in Leipzig seinen Magister in der Islamwissenschaft, Arabistik und Orientalischen Philologie. Bei seiner Doktorarbeit weitete er seinen Blick um die jüdische Ideengeschichte in der Islamforschung und ihre Überschneidungen mit der islamischen Ideengeschichte im 19.–20. Jahrhundert aus. Er schrieb seine Dissertation in Leipzig am Simon-Dubnow-Institut und am Orientalischen Institut über die Rezeption von Ideen deutschsprachiger jüdischer Orientalisten bei dem muslimischen ägyptischen Reformgelehrten Amin al-Khuli (1895–1966).

Publikationsliste

Stand Juli 2017

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Kontakt
Walid Abd El Gawad
W. Michael Blumenthal Fellow
Tel.: 
+49 (0)30 259 93 526

Gefördert wird das Fellowship durch die Berthold Leibinger Stiftung.