Silke Helmerdig, Baudokumentation des Jüdischen Museums Berlin, 26.5.1995; Gestaltung: buerominimal
„Pass dich nicht an, mach etwas anderes, rebelliere!“
Interview mit Daniel Libeskind
Daniel Libeskind ist als Kind von Holocaust-Überlebenden 1946 in Polen geboren. Die Familie wandert aus, zunächst nach Israel, dann in die USA. Trotz seiner großen Musikalität entscheidet sich Libeskind für ein Architekturstudium an der Cooper Union in Manhattan und an der University of Essex in England.
Als Architekturtheoretiker verfolgt Libeskind bis heute einen multidisziplinären Ansatz. Lange ist er vor allem für seine künstlerischen Architekturzeichnungen und Modelle bekannt, bei denen er nicht zwischen Theorie und gebautem Projekt unterscheidet.
Ihr Entwurf des Jüdischen Museums Berlin (JMB) enthält zahlreiche Inschriften und Bezüge, unter anderem ein Zitat aus Jeremia 12:7. Warum haben Sie gerade diese Stelle ausgewählt?
In der Passage geht es um Trostlosigkeit und Verwüstung:
„Ich verlasse mein Haus, ich verstoße mein Erbteil. Meinen Herzensliebling gebe ich preis in die Hand seiner Feinde.“
Als ich Ende der 1980er-Jahre am Entwurf für das Museum arbeitete, brachten diese Verse für mich zum Ausdruck, wie Berlin auf mich wirkte. Und in gewisser Weise beschreiben sie auch einen Void, einen Hohlraum. Allerdings sind solche Bibelzitate dermaßen facettenreich, dass sie sich immerzu auf fast alles beziehen! Jede Stelle bei Jeremias könnte als Prisma dienen, durch das sich viele andere Dinge betrachten ließen, die mir beim Entwerfen des Gebäudes durch den Kopf gingen.
Daniel Libeskind, Closeup mit Neubaufassade im Hintergrund, 2021; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorf
Neben diesem Bibelzitat haben Sie auch sehr poetische Passagen aus Walter Benjamins Einbahnstraße ausgewählt: Sie nennen sämtliche Gebäude und Orte, die er in dem Abschnitt „Reiseandenken“ erwähnt. Warum?
Nun, ich habe damals in meinen Plänen eine imaginäre Ausstellung entworfen: Ich habe keine leeren Grundrisse gezeichnet, sondern die Räume enthielten sogenannte Exponate. Ich wollte die Einbahnstraße einbeziehen und die Richtung anhand der Topografie des Museums umkehren, also die spezifischen Orte bei Benjamin in einen Zusammenhang mit einer Umkehr der Einbahnstraße bringen. So als würde man sie durch das Museum von der anderen Seite aus sehen.
Das war im Wesentlichen, was mich inspiriert hat! Benjamins Beschreibung Berlins hat mir damals sehr viel bedeutet und tut es auch weiterhin.
1985, ein paar Jahre bevor Sie die Ausschreibung für das Gebäude des Jüdischen Museums gewannen, haben Sie die Installation Three Lessons in Architecture. The Machines ausgestellt. Jede dieser Maschinen, The Reading Machine (die Lese-Maschine), The Memory Machine (die Erinnerungs-Maschine) und The Writing Machine (die Schreib-Maschine), bezieht sich auf eine bestimmte Epoche. Zwischen The Writing Machine und dem Jüdischen Museum Berlin besteht eine Verbindung; könnten Sie sie erklären?
Es gibt viele Verbindungen, aber die unmittelbarste, konkreteste Verbindung besteht darin, dass ich versucht habe, mit dem heutigen Garten des Exils ein Pendant zur „Writing Machine“ zu schaffen. Exil und Schreiben sind eng miteinander verbunden; eigentlich existiert das Exil nur im Schreiben. Genau das ist die Botschaft von The Writing Machine. Später habe ich dann das Konzept umgearbeitet, denn selbstverständlich erfordert ein Gebäude einen ganz anderen Ansatz als eine Kunstinstallation.
Garten des Exils; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Was fasziniert Sie so an Maschinen? Was für eine Maschine würden Sie heute bauen?
Le Corbusier sagte, das Haus sei eine Wohnmaschine. Doch was für eine Art von Maschine ist ein Haus? Ist es jene Maschine, die Le Corbusier erfand und die eine technologische, funktionalistische Auffassung vom menschlichen Körper beinhaltet, oder hat es eher etwas mit Erinnerung, mit Schreiben und mit Lesen zu tun?
Was für eine Art von Maschine ich heute bauen würde? Wahrscheinlich eine Maschine für die Erinnerung der Erinnerung, das Schreiben des Schreibens oder das Lesen des Lesens. Schließlich sind wir heute von KI-Robotern umgeben!
Ihre Arbeit schöpft aus so unterschiedlichen Quellen wie Literatur, Musik oder Geschichte. Wie würden Sie Ihren Beruf definieren, ohne dabei das Wort „Architektur“ zu verwenden?
Nun, mein Beruf gehört zu den freien Künsten. Wissen Sie, die Leute denken immer, die Grundlagen der Architektur seien Mathematik, Geometrie, die Naturwissenschaften und so weiter. Aber ich sage, meine Arbeit gehört zu den freien Künsten, denn Architektur ist eine Kunst der Freiheit. Sie wird nicht nur von der Schwerkraft bestimmt. Zudem vergessen viele Menschen, dass Architektur eng mit Gedankenfreiheit im demokratischen Sinne verbunden ist.
Können Sie diese Beziehung zwischen Architektur und Demokratie etwas näher erläutern?
Jedes architektonische Bauwerk – das gilt selbst für die Pyramiden – muss eine Tür haben. Es geht also immer um den anderen, darum, dass jemand anderes eintritt. Das ist der Anfang einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem anderen. Und dieser Gedanke wiederum ist der Anfang eines demokratischen Bewusstseins: Wer ist der andere, wer sind die anderen? Wie können wir zivilisiert miteinander umgehen?
Heute ziehen überall in der Welt Katastrophen herauf – sie haben viel mit geschlossenen Türen, mit Ausgrenzung und mit Abschottung zu tun.
Wir wissen, dass die Musik bei all Ihren Projekten eine große Rolle spielt. Inwiefern spiegelt sich das in der Architektur des JMB wider?
Zum einen fand ich Schönbergs Oper Moses und Aaron sehr interessant und versuchte sie in die Geometrie des Gebäudes einzubeziehen; zum anderen wollte ich den akustischen Raum verstehen. Ich baute ein Modell, um es wie ein Instrument zu spielen, ein Modell, das man anschlagen kann, um zu erfahren, wie sich die Voids im Verhältnis zu allen anderen Räumen klanglich auswirkten. Wenn es um Orientierung geht, ist für mich das Ohr viel wichtiger als das Auge; das Ohr gibt uns den Gleichgewichtssinn.
Ihr Entwurf des Jüdischen Museums Berlin bindet diverse Berliner*innen und Deutsche ein – nicht nur Walter Benjamin, sondern auch Rahel Varnhagen, Paul Celan und Heinrich Heine; Sie bezeichnen sie als „geistige Entitäten“. Was haben diese Menschen, von denen einige jüdisch, andere zum Christentum konvertiert sind, gemeinsam?
Ich hatte mich intensiv mit der Geschichte Berlins auseinandergesetzt und war mit vielen dieser Persönlichkeiten seit Langem vertraut. Ich wollte sie an einem Ort zusammenbringen, um die Idee einer Art engen Verbindung der Kulturen zu veranschaulichen, um zu zeigen, wie diese unterschiedlichen Menschen tatsächlich jenes Gebilde geschaffen haben, das wir Berlin und Deutschland nennen, und das 20. Jahrhundert. Sie einander nahezubringen, war wie ein chemischer Prozess. Man nimmt eine Adresse, man nimmt ein geometrisches Element, man kombiniert beides und fragt sich: Was ergibt sich daraus für den Museumsraum? Vielleicht ein Fenster, ein Ausblick, ein Blickwinkel der Erinnerung?
Was für ein Modell könnte denn Klänge entstehen lassen? Sind nicht die Modelle alle aus Papier und weichem Material, das eigentlich kein Geräusch erzeugt?
Selbst Papier oder Pappe gibt Klänge ab! Wissen Sie, wenn man genau hinhört, erwacht sogar ein zusammengeknülltes Stück Papier wieder zum Leben, wenn man es glattstreicht.
Wir werden versuchen, einmal unbemerkt mit dem Modell zu experimentieren, um zu sehen, welche Geräusche wir damit erzeugen können!
Daniel Libeskind: Modell für den Neubau des Jüdischen Museums Berlin („Namenmodel“), 1989–1991, 19 x 121,6 x 118,3 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. N-2003/9/0, Foto: Jens Ziehe
Mit Ihren architektonischen Werken und insbesondere mit dem Jüdischen Museum gelingt es Ihnen, den historischen Bruch des Holocaust in Gebäude zu übersetzen. In gewisser Weise haben Sie das auch bei einem Projekt in Oranienburg im Norden Berlins getan, bei dem es darum ging, ein ehemaliges SS-Truppenlager zu „urbanisieren“: Ihr Entwurf stellt die Geschichte des Ortes klar in den Mittelpunkt, sodass sie von niemandem mehr ignoriert werden kann. Gibt es einen Prozess, durch den Sie zu diesem sehr beeindruckenden Ergebnis gelangen?
Ich bin fest davon überzeugt – und war es schon immer –, dass die Welt nach den Ereignissen der Schoa und nach Hiroshima eine vollkommen andere ist. Wir können nicht mehr so wie vorher über Realität, Geschichte und Kontinuität nachdenken. Diese Ereignisse erfordern eine völlig neue Sicht auf die Geschichte, auf den physischen Raum, auf Orte und darauf, wie wir mit all dem umgehen sollten. Auch die Architektur hat sich grundlegend verändert, und an historischen Stätten gibt es etwas, das thematisiert werden muss, etwas, das da ist, aber nicht mehr so ist, wie es früher war. Solche Orte kann man nicht auf die gleiche Weise wie andere weiterentwickeln.
Was bedeutet Holocaust?
Holocaust (griech. für Brandopfer), Schoa (hebr. für Katastrophe, Unheil), beides biblische Begriffe, verwendet für den Massenmord an etwa sechs Millionen Jüdinnen*Juden in ganz Europa während der Nazi-Herrschaft, ein bis dahin unvorstellbares Verbrechen
Wenn Sie das Jüdische Museum heute bauen würden, was würden Sie anders machen?
Ich würde die Voids größer anlegen und die Brücken über sie hinweg schmaler. Ich glaube, dass meine Idee der Voids, mit denen ich die physische Leere thematisiert habe, die durch die Vertreibung, Zerstörung und Auslöschung jüdischen Lebens in der Schoa verursacht wurde, zutreffend ist und dass sie in der Welt nach dem Holocaust noch an Bedeutung gewonnen hat. Wir sehen heute, wie falsch es war zu glauben, das Ende der Schoa würde das Ende des Antisemitismus bedeuten. Die Voids müssen größer ausfallen.
Die Voids beeindrucken alle Besucher*innen des JMB. Was sollte Architektur leisten können und vermitteln?
Meines Erachtens sollten sie eine Erfahrung auslösen, die sich nicht in Worte fassen lässt, etwas, das über bloße Information hinausgeht und das man nicht durch Lektüre rezipieren oder vermitteln kann. Architektur sollte etwas verkörpern, das man in Raum und Zeit erfahren muss, statt es intellektuell aufzunehmen.
Memory Void mit der Installation Schalechet von Menashe Kadishman; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Glücklicherweise erfreut sich das Jüdische Museum Berlin großer Beliebtheit. Was würden Sie unsere Besucher*innen, die oft mehrere Stunden in Ihrem Gebäude verbringen, fragen?
Wenn Sie nicht jüdisch sind, haben Sie nach dem, was Sie durch das Gebäude und die Ausstellungen erlebt haben, eine Vorstellung davon, wer Juden sind und was es bedeutet, jüdisch zu sein? Haben Sie etwas Wesentliches gelernt, etwas, das nicht nur die Fakten betrifft, sondern auch in Bezug auf die Menschen selbst? Sind Sie beim Verlassen des Museum ein kleines bisschen verändert im Vergleich zu vor Ihrem Besuch?
Sollte ein Gebäude je abgerissen werden?
Schwierige Frage. Ich persönlich bin gegen das Abreißen, weil es so viel Mühe kostet, ein Gebäude überhaupt zu errichten! Aber was ist mit einem Gefängnis, würde man das abreißen? Würde man die Spuren einer dunklen, bösen Vergangenheit tilgen? Darüber müsste man sorgfältig nachdenken. Was wir abreißen oder auch bloß von den Spuren der Geschichte befreien, ist verloren. Nehmen wir zum Beispiel das Reichsluftwaffenministerium in Berlin, heute das Bundesfinanzministerium. Es ist so ein bedeutendes Gebäude! Jedes Mal stört es mich, dass man es restauriert und herausgeputzt hat und dass nur noch eine kleine Gedenktafel daran erinnert, dass dies Görings Ministerium war. Man hätte etwas tun sollen, das verhindert, dass die Leute unbedarft an diesem Gebäude vorbeigehen! Jedem sollte klar sein, dass dieses Gebäude einen Anteil an der Vernichtung von Millionen von Menschen hatte.
Was weckt Ihre Neugier?
Ich glaube, mehr als Neugier ist es das Gefühl des Mich-Wunderns: Was tun wir hier? Warum wurden wir geboren? Warum gerade in dieser Zeit? Was soll uns das zeigen? Wohin führt uns das alles?
Sich zu wundern ist etwas Schönes, weil dadurch unsere Komfortzonen auf den Kopf gestellt wird. Es sagt: Pass dich nicht an, gehorche nicht, mach etwas anderes, rebelliere! Man könnte sagen, Neugier ist eher etwas Sanftes; sie ist gewissermaßen der geistige Kern einer kleinen Erschütterung. Aber sich zu wundern ist gewaltig, es ist eine Rebellion, eine Rebellion gegen Konventionen!
Lieber Daniel Libeskind, vielen Dank für dieses Gespräch!
Das Interview führten Miriam Goldmann und Marie Naumann. Es wurde zuerst veröffentlicht im JMB Journal Nr. 28: Neugierig bleiben!, der Ausgabe zum 25. Jubiläum des Museums.
Zitierempfehlung:
Miriam Goldmann/Marie Naumann (2026), „Pass dich nicht an, mach etwas anderes, rebelliere!“. Interview mit Daniel Libeskind.
URL: www.jmberlin.de/node/10936
Alle Angebote zur Ausstellung Between the Lines Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin
Über die Ausstellung
Between the Lines Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin – 8. Mai bis 1. Nov 2026
Begleitprogramm & Führungen
Gespräch mit Daniel Libeskind, Filmvorführungen, JMB Buchclub, Podiumsgespräch und öffentliche Führungen – alle Termine im Kalender
Publikationen
JMB Journal #28: Neugierig bleiben! – das Journal zum 25. Jubiläum des Museums widmet sich u.a. dieser Ausstellung
Digitale Angebote
- Aktuelle Seite: Interview mit Daniel Libeskind – über seinen Entwurf für das Jüdische Museum Berlin, Rebellion und die Kraft des Sich-Wunderns, 2026
- Interview mit der Ausstellungskuratorin – Miriam Goldmann über Museumsarchitektur, Erinnerungskultur und poetische Entwurfszeichnungen, 2026
Siehe auch
- Der Libeskind-Bau – aus unserer Serie Gebäude und Gärten
- Daniel Libeskind, Architekt
- Wie es zur Gründung des Museums kam – ausführliches Online-Feature in vier Teilen von 2020
- Diagonale der Vielfalt – Die Berliner Lindenstraße zwischen Vergangenheit und Zukunft, Essay 2016
- 25 Jahre Jüdisches Museum Berlin – alle Angebote im Jubiläumsjahr