Silke Helmerdig, Baudokumentation des Jüdischen Museums Berlin, 26.5.1995; Gestaltung: buerominimal
„Nach vorne gewandt, aber nicht geschichtsvergessen“
Interview mit Miriam Goldmann, Kuratorin der Ausstellung Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin
Vom 8. Mai bis 1. November 2026 zeigen wir die Ausstellung Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin. Die Kuratorin der Ausstellung, Miriam Goldmann, spricht hier im Interview über die deutsche Erinnerungskultur der späten Achtzigerjahre, Libeskinds Museumsarchitektur als willkommene Störung, die Anwesenheit der Abwesenden, Begeisterung für gut gestaltete Räume und poetische Entwurfszeichnungen.
Blick von oben auf den Libeskind-Bau mit Holocaust-Turm und Exilgarten; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Die von dir kuratierte Ausstellung befindet sich in dem Gebäude, dessen Architektur im Mittelpunkt der Ausstellung steht. Was bedeutet das für dich, Glücksfall oder Herausforderung?
Es ist eher ungewöhnlich, dass man eine Architekturausstellung in dem Gebäude sieht, um das es in der Ausstellung geht. Wegen des 25. Jubiläums des Museums haben wir uns dafür entschieden. Und es ist beides: eine Herausforderung, aber es macht auch unglaublich viel Spaß. Hoffentlich bekommen die Besucher*innen diesen Kurzschluss mit, dass die Ausstellung in einem Raum stattfindet, den sie in einem der drei ausgestellten Modelle selbst ausmachen können.
Libeskind hat in einem Interview für unsere JMB App auf die Bedeutung von Licht und Dunkelheit in der Architektur des Jüdischen Museums Berlin aufmerksam gemacht. Wird das Spiel von Licht und Schatten in der Ausstellung erlebbar sein?
Die Ross Galerie, in der wir die Ausstellung zeigen, hat viele schöne Libeskind-Fenster, die schräg eine Wand durchschneiden. Wir versuchen möglichst viele davon zu öffnen, sofern wir das dem sehr empfindlichen Papiermodell zumuten können. Es soll möglichst luftig werden, so wie der Architekt den Raum gestaltet hat.
Was die Frage nach dem Dunkel angeht: Die Ross Galerie zieht sich ja sehr lang hin und führt dann zu der Installation Schalechet von Menashe Kadishman, mit ihrem überraschenden und anschaulichen Bezug zum Holocaust. Da verändert sich das Licht noch mal: Es wird weniger hell. Das passt gut zusammen. Aber es ist an keiner Stelle wirklich dunkel oder düster.
Memory Void, Installation Schalechet von Menashe Kadishman; Jüdisches Museum Berlin, Dauerleihgabe von Dieter und Si Rosenkranz, Foto: Jens Ziehe
Du hast den Bezug des Gebäudes zum Holocaust erwähnt. Wie sah die erinnerungskulturelle Landschaft in der BRD Ende der Achtziger Jahre aus, bevor 1989 Daniel Libeskinds Entwurf für das Jüdische Museum Berlin prämiert wurde?
Die Beschäftigung in der Bundesrepublik mit dem Holocaust hat sehr viele unterschiedliche Stadien durchlaufen. In den 1940er- und 50er-Jahren waren die Deutschen, allgemein gesagt, nicht bereit, sich irgendwie damit zu beschäftigen. Ressentiments gegen Jüdinnen und Juden, die ja von den Nationalsozialist*innen auch kräftig geschürt wurden, waren mitnichten weg. Für die 1972 angebrachte erste Gedenktafel am Haus der Wannseekonferenz beispielsweise stritt der Historiker Joseph Wulf jahrelang vergeblich.
Vielleicht kann man sich klarmachen, dass das Thema über die vierteilige U.S.-Serie Holocaust, die 1979 ausgestrahlt wurde, also über eine Hollywoodproduktion, in der allgemeinen Bevölkerung präsent wurde. Das hat tatsächlich etwas ausgelöst. 1982, also drei Jahre später, gab es dann eine zweite, veränderte Gedenktafel am Haus der Wannseekonferenz. Es gab erste Debatten über die Topographie des Terrors, und der Film Shoah ist 1985 erschienen und wurde dann 1986 auf der Berlinale ausgezeichnet.
Was bedeutet Holocaust?
Holocaust (griech. für Brandopfer), Schoa (hebr. für Katastrophe, Unheil), beides biblische Begriffe, verwendet für den Massenmord an etwa sechs Millionen Jüdinnen*Juden in ganz Europa während der Nazi-Herrschaft, ein bis dahin unvorstellbares Verbrechen
Was ist Shoah (Film 1985)?
Shoah, 1985, von Claude Lanzmann (1925–2018), 566 Minuten Länge, filmisches Monument über den systematischen Mord an den europäischen Jüdinnen*Juden, verzichtet vollständig auf das Zeigen von Archivbildern
Im November 1988 entstand in Berlin das Mahnmal in der Levetzowstraße. Dort stand eine sehr große Synagoge der Berliner jüdischen Gemeinde, und wie viele Synagogen war sie ein Sammelort für Deportationen gewesen. Ebenfalls im November 1988 hat das Jüdische Museum in Frankfurt eröffnet, und in Ost-Berlin wurde der Grundstein für die Neue Synagoge gelegt.
Alles dreht sich um den 9.11.1988, den 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938. Der Wettbewerb, an dem Libeskind teilgenommen hat, wurde schließlich auch 1988 im Dezember ausgeschrieben und dann im Sommer 1989 entschieden.
Was bedeutet „Kristallnacht“ oder Novemberpogrome?
„Kristallnacht“ oder Novemberpogrome, Begriffe für die NS-Terrorakte gegen Juden*Jüdinnen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im gesamten Deutschen Reich
Was hat sich durch Libeskinds Herangehensweise geändert?
Libeskind hat sich intensiv mit der deutschen und der Berliner Geschichte befasst. Er ist in Polen geboren, hat in Israel gelebt, ging noch als Schüler in die USA, wurde dann dort und in England ausgebildet. In den 1980er-Jahren hat er zudem in Mailand gelebt und gearbeitet. Aber er kam aus einer Familie von Holocaustüberlebenden. Das heißt, er kam natürlich nicht unbefangen nach Deutschland, aber doch von außen.
Und er hat sich mit seiner klugen Beobachtungsgabe und seiner großen Bildung mit Deutschland beschäftigt. Es sollte ja ein Erweiterungsbau werden für das Berlin Museum, das stadthistorische Museum von West-Berlin. Daher hat er sehr viel von Berlin in seiner Architektur berücksichtigt und in das Gebäude implementiert, und zugleich die gesamte Geschichte Deutschlands.
Er ist keineswegs nur auf den Holocaust fixiert, aber er hat dafür Sorge getragen, dass ein stadthistorisches Museum den Holocaust nicht vergessen kann. Das Thema ist in die Architektur dieses Erweiterungsbaus, heute unser Haupthaus des Jüdischen Museums, massiv eingesetzt – und das finde ich schon eine Leistung, damit hat er etwas bewirkt.
Gab es dafür auch Kritik?
Viele Leute fanden das sehr unangenehm und wollten genau das nicht. Aber er hat es getan und das schon bereitete Feld, das sich mit der deutschen Vergangenheit und dem Holocaust beschäftigt hatte, so noch mal verstärkt. Sein Gebäude ist der erste Versuch, in ein Museumsgebäude eine Aussage über den Holocaust einzupflanzen.
In der Jury unter den Wettbewerbsrichter*innen war in gewisser Weise die ganze Gesellschaft präsent. Dementsprechend geteilt waren auch die Meinungen, und es wurde heftig diskutiert. Aber letztendlich überzeugte der Entwurf und es stand außer Frage, dass er gewinnen würde.
Der Vorsitzende des damaligen Preisgerichts, der Architekt Josef Paul Kleihues, nannte Libeskinds Entwurf in einem Podiumsgespräch 1999 „eine willkommene Störung“. Kannst du mit dieser Bezeichnung etwas anfangen? Was wird aus deiner Sicht wie produktiv gestört?
Gestört wird die deutsche Bequemlichkeit, die Fähigkeit, Dinge auszublenden, die lästig sind. Die Störung entsteht, und es gibt kein Entkommen. Man kann dieses Gebäude nicht wahrnehmen, ohne mit dem Holocaust konfrontiert zu werden.
Willkommen war diese Störung für Kleihues, weil er das Anliegen anerkannt hat in seiner Bedeutung und dass es ein berechtigtes und für Deutschland wichtiges Anliegen ist, den Holocaust in seiner Wirkung wahrzunehmen.
Blick von der Lindenstraße auf den Libeskind-Bau, 2002; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Welchen Blick auf Berlin und auf jüdisches Leben in Deutschland kann man Libeskinds Entwurf entnehmen?
Berlin war die Zentrale für die Planung des Mordes an den europäischen Jüdinnen und Juden, der auch Libeskinds Familie in Polen erreicht hat. Das ist Teil der Geschichte Berlins, ob uns das passt oder nicht. Hier wurde diese Idee geschaffen und umgesetzt und geplant.
Genauso intensiv hat Libeskind sich aber auch mit der Berliner Geschichte und Kultur beschäftigt. Das heißt, er hat sich an jüdischen und nichtjüdischen Berliner Geistesgrößen orientiert, die in irgendeiner Weise kulturelle, intellektuelle Beiträge zum Leben ihrer jeweiligen Zeit geleistet haben.
Was das jüdische Leben in Berlin angeht: Ich nehme an, dass Libeskind Kontakt zur jüdischen Gemeinde und zur jüdischen Community in Deutschland gehabt hat. Er ist ja ein sich seines Judentums bewusster und in dem Sinne selbstbewusster Jude. Aber es war nicht das Einzige, was ihn interessiert hat. Der damalige Leiter der jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, musste sich zunächst von seiner Vorstellung von einem eigenständigen Gebäude für das Jüdische Museum lösen. Über die inhaltliche Ebene hat er das Besondere an diesem Gebäude und seine Relevanz für Berlin und Deutschland verstanden und es schließlich ebenfalls unterstützt.
Viele Dinge, über die wir heute selbstverständlich sprechen, waren Ende der 1980er-Jahre nicht selbstverständlich, und dann kam ja auch noch die Wende dazu.
Genau, zwischen Prämierung des Entwurfs und Realisierung lag die deutsche Wiedervereinigung. Hatten diese politischen Umwälzungen Einfluss auf die Architektur oder auf die Nutzung des entstandenen Gebäudes?
Ausgeschrieben hatte den Architekturwettbewerb der Berliner Senat als Hausherr und Eigentümer des Berlin Museums. Es war sein Gebäude, und er hat 1989 entschieden: Ja, das ist der erste Preis, und ja, wir wollen es bauen. Dann kam die Wende. 1990 hat der rot-grüne Senat den Entschluss bekräftigt, den Entwurf zu realisieren. 1992 hieß es, es sollte nun zügig umgesetzt werden mit Baubeginn spätestens 1993. Und daran wurde auch nicht mehr gerüttelt.
Zehn Jahre nach der Wende war dann nicht mehr der Berliner Senat Träger des Museums, sondern der Bund. Eine Bundesinstitution zu sein, ist für Museen in der Regel vorteilhaft, weil die Finanzierung besser gewährleistet ist.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen verschiedene Architektur-Modelle für den Libeskind-Bau des Museums. Eines davon heißt „Namenmodell“. Was hat es mit den Namen auf sich?
Statt des sogenannten Massenmodells mit seinen klaren Gestaltungs- und Materialvorgaben, die Vergleichbarkeit im Wettbewerb garantieren sollen, ist dieses „Namenmodell“ dasjenige, das Libeskind selbst als sein Wettbewerbsmodell bezeichnet, weil es seine Idee, sein Konzept verkörpert.
Silke Helmerdig, Baudokumentation des Jüdischen Museums Berlin, 23. April 1994; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/352/28/001
Daniel Libeskind, Modell für den Neubau des Jüdischen Museums Berlin („Namenmodel“), 1989–1991, Holzwerkstoff und Karton mit bedrucktem und grau gefärbtem Papier beklebt, Holz bemalt, Metall, 19 x 121,6 x 118,3 cm (Außenmaße mit auskragender Stange); Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2003/9/0, Foto: Jens Ziehe
Die Grundfläche ist mit einem Papier bezogen, das bedruckt ist mit Seiten aus dem vom Bundesarchiv herausgegebenen Gedenkbuch für die jüdischen Opfer der Verfolgung in Deutschland. Das sind Deportationslisten, auf denen immer ein Name, ein Datum – das Deportationsdatum – und dahinter „verschollen“, „für tot erklärt“ steht. Da wird der genannte Holocaustbezug sehr stark.
Hier und auch in den anderen gezeigten Modellen erkennt man gut die Voids, die das Gebäude durchziehen. Kannst du etwas zu diesen Leerräumen sagen?
Libeskind hat den Zickzackbau durchschnitten mit einer geraden Linie, und an diesen Schnittpunkten entstehen die sogenannten Voids, die Leere. Das ist architektonisch reizvoll, weil man eine Leere eigentlich nicht bauen kann – also muss man sie um-bauen. Er hat in das Gebäude Schächte eingeschnitten, die sich vom Untergrund bis zum Dach erstrecken und ein bisschen verschoben sind. Dadurch entstehen interessante Räume. In diesen Voids manifestiert sich also die Leere, die kennzeichnet, was in Berlin und Deutschland nicht mehr vorhanden ist: Die Abwesenden, die verschollenen und für tot erklärten Jüdinnen und Juden haben hier ihren Raum.
Das Abwesende sichtbar zu machen, gehört zu Libeskinds Grundgedanken. Auch der Titel „Between the Lines“, „Zwischen den Zeilen“ spielt genau darauf an, dass sich zwischen den Dingen, zwischen den Worten und Informationen, mit denen wir umgehen, immer noch ein Raum befindet, der auch eine Bedeutung haben kann. Das hängt zusammen mit Jacques Derridas „Writing Architecture“, mit der Libeskind in seiner Theorie eng verbunden ist.
Innenansicht des Holocaust-Turms im Libeskind-Bau; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Außer den Modellen für das Jüdische Museum Berlin zeigt die Ausstellung noch ein weiteres Modell, das Libeskind 1993 für einen anderen Wettbewerb eingereicht hat, nämlich für den Bebauungsplan „Ehemaliges SS-Truppen Lager Sachsenhausen“. Wieso hast du dich entschlossen, auch dieses Modell in die Ausstellung zu nehmen?
Zwischen der Prämierung des Entwurfs von Libeskind 1989 und der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin 2001 liegt eine lange Zeit. In dieser Zeit, 1993, hat die Stadt Oranienburg einen Wettbewerb zur Urbanisierung des ehemaligen SS-Truppengeländes neben dem KZ Sachsenhausen ausgeschrieben, von dem aus alle europäischen Konzentrationslager verwaltet wurden. Anscheinend gab es Wohnraummangel in Oranienburg, also hat die Stadt sich überlegt, dieses sehr zentral liegende Gelände zu urbanisieren. Und sie hat Libeskind explizit eingeladen, sich am Wettbewerb zu beteiligen.
Libeskind hat das getan, war aber ziemlich konsterniert über die gesamte Situation. Das Lager war grauenvoll, das Gelände war schrecklich, die ganze Idee war für ihn schwer nachvollziehbar. So hat er einen Entwurf präsentiert, der der Geschichte Raum geben sollte. Er wollte große Teile des Geländes unter Wasser setzen und Bäume pflanzen und dann auch etwas bauen – aber eben nicht nur klassische Wohnbebauung, sondern vor allem kommunale Gebäude, mit der Idee, dass die Oranienburger*innen sich irgendwie mit dieser Geschichte beschäftigen müssen, um in die Zukunft denken zu können.
Daniel Libeskind: Wettbewerbsmodell „Bebauung ehemaliges SS-Truppenlager KZ Sachsenhausen“, Berlin, 1993, Holz, Metall, Papier, Kunststoff, 24,00 x 162,00 x 113,80 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2026/47; courtesy of Studio Libeskind, Foto: Roman März
Man weiß ja: Dinge, über die man gar nicht spricht, lassen einen in der Regel nicht los. Also ist es klüger, sich damit zu beschäftigen, um dann in einen Zustand danach zu kommen, in dem man nach vorne denken kann. Libeskind ist grundsätzlich niemand, der permanent zurück auf schlechte Dinge guckt, sondern seine Architektur zielt immer auch auf die Zukunft, ist nach vorne gewandt, aber eben nicht geschichtsvergessen.
Und hatte er auch hier mit seiner Idee Erfolg?
Die Jury hat einen österreichischen Architekten mit dem ersten Preis ausgezeichnet, der eine massive Bebauung vorschlug, mit zehntausend Wohneinheiten, darunter auch Raum für kommunale Nutzungen. Das wäre, glaube ich, ein Fünftel der Oranienburger Einwohner*innen gewesen. Die Stadt war aber angetan von Libeskinds Idee und hat ihm einen Sonderpreis gegeben, an der Jury vorbei sozusagen.
Besonders frappierend ist ein Statement der Jury, sie hätten Libeskind auch deshalb nicht prämiert, weil die Umsetzung seiner Planung eine „Retraumatisierung der Oranienburger“ bedeutet hätte. Das zeigt wieder die ganze Bandbreite an Haltungen, die in Deutschland noch virulent da waren, wie groß die Ablehnung war, sich damit zu beschäftigen. Dabei würde kein Mensch – und Libeskind ganz sicher auch nicht – behaupten, dass alle Oranienburger kausal an der Planung von Konzentrationslagern und der Ermordung von Juden beteiligt waren. Doch es ist vor ihrer Nase geschehen, und vermutlich waren auch die ein oder anderen in irgendeiner Form tätig für diese Konzentrationslager.
Zu der Pattsituation bei der Preisvergabe kam erschwerend hinzu, dass auch der Landesdenkmalschutz von Brandenburg und die sich bildende Gedenkstättengruppe ein Mitspracherecht hatten. Wirklich erstaunlich ist, dass Daniel Libeskind und sein Büroleiter, der Architekt Matthias Reese, wahnsinnig viel Zeit investiert haben, um im Gespräch mit der Stadt und dem Denkmalamt machbarere Lösungen zu finden. Aber letztendlich ist es an der Finanzierung gescheitert.
Und was ist heute auf dem Gelände?
Es gibt keine großen baulichen Veränderungen. Im sogenannten T-Gebäude sitzt heute, soweit ich weiß, das Finanzamt von Oranienburg. Und dann gibt es noch Baracken, Unterkünfte für die Truppe, die wie die meisten Gebäude hier Großteils von den KZ-Häftlingen gebaut wurden. Diese Gebäude werden zum Teil von der Brandenburgischen Polizeiakademie genutzt. Die arbeitet aber eng mit der Gedenkstätte zusammen. Mit deren Hilfe wird das ganze Thema in der Ausbildung der Polizeibeamt*innen ausführlich behandelt. Trotz des reflektierten Umgangs ist es eine bizarre Situation, dass dieses Gelände weiter genutzt wird.
Silke Helmerdig, Baudokumentation des Jüdischen Museums Berlin, 26. Mai 1995; Jüdisches Museum Berlin, 2013/352/119/001
Du hast vorhin gesagt, Libeskind baut auch für die Zukunft. Jetzt steht sein Gebäude hier schon 25 Jahre, wir sind sozusagen die Zukunft von damals. Hat das Gebäude aus deiner Erfahrung mit Besucher*innen seine Faszination behalten?
Das Gebäude funktioniert auch nach 25 Jahren noch sehr gut, vor allem die Grundidee, das Abwesende in dem Gebäude sichtbar zu machen und anwesend werden zu lassen. Da passen einfach Form und Inhalt besonders gut zusammen.
Ausgewählte Interviewausschnitte als Audio
Als Kuratorin, die regelmäßig spannende Ausstellungen in dieses Gebäude zaubert: Was antwortest du Menschen, die immer noch davon schwärmen, dass der Libeskind-Bau leer am eindrucksvollsten war?
Das kann ich verstehen, weil Architektur etwas ungeheuer Faszinierendes sein kann und wir alle viel zu wenig große, leere, aber eben gut gestaltete Räume erleben. Ich kenne es mit ganz kleinen Kindern, die sich gerade erst frei bewegen können. Wenn man da in große Räume kommt, wirkt das: Sie laufen dann unter Umständen juchzend los. Und das tun wir in moderaterer Form ja auch. Auch wir begeistern uns für Räume.
Früher waren es die Kirchen, die ja oft eine sehr gute Architektur haben und Menschen anzogen, nicht nur als Gemeinschaftsraum und religiöser Raum, sondern vielleicht auch, weil das ein guter Ort war, also mit einer Proportion und Gestaltung, die Menschen guttun. Was sind heute noch die großen Räume? Es können Bibliotheken sein, öffentliche Räume, Flughäfen, die meistens nicht so schön sind oder nur in den seltensten Fällen interessante Architektur haben, und eben Museen.
Insofern verstehe ich den Gedanken, dass es leer doch am schönsten wäre. Aber das ist nicht die Aufgabe dieses Hauses gewesen. Weder wollte der Senat oder der Bund, dass das Gebäude leer bleibt, noch wollte es der Architekt, und die Museumsbetreiber natürlich schon gar nicht, weil wir ja ganz andere Dinge tun wollen. Libeskind geht zwar luxuriös mit dem Platz um, es gibt auch Winkel und Ecken, die sich schwierig nutzen lassen. Aber im Großen und Ganzen funktioniert das Gebäude gut als Museum.
Welches Ausstellungsobjekt hat dich bei deinen Recherchen für die Ausstellung am meisten fasziniert oder überrascht?
Es ist ja eine thematisch eng gefasste und übersichtliche Ausstellung, bei der sich alles um dieses Gebäude dreht. Was mich dann doch überrascht und sehr viel Spaß gemacht hat, ist, die Entwurfszeichnung von Libeskind genau anzugucken, weil er da so viel hineingeschrieben und gedichtet hat. Das hat für mich eine poetische Qualität. Er kann auf einen reichen Bildungsschatz zurückgreifen, und das sieht man auch an diesen Planzeichnungen. Es gibt zum Beispiel ein langes hebräisches Zitat aus Jeremias, das er selbst über diese drei Meter Länge ganz akkurat geschrieben hat.
Damals war es eine große Überraschung für die Stadt, das Libeskind den Holocaust so massiv in seinen Entwurf hineingeholt hat, und eine Erinnerungskultur war erst noch im Entstehen, oft bottom up von Bürgerinitiativen – heute ist eher eine Diskrepanz zwischen scheinbarer Übersättigung an Erinnerungskultur zum Holocaust und faktischem Nichtwissen über dessen Geschichte zu konstatieren. Was können wir als Museum, kannst du als Kuratorin tun, dass die Auseinandersetzung damit nicht bloß formelhaft bleibt und als von oben verordnet wirkt?
Wir reden schon sehr lange über dieses Thema, aber es wachsen immer neue Generationen nach. Und es geht ja nicht darum, dass man die Jahreszahlen irgendwie runterbeten kann. Es geht eher um das dahinter liegende Verständnis. Und die Grundlehre, die man aus dem Holocaust vielleicht ziehen kann, nämlich allen Menschen dasselbe Recht auf Freiheit und Leben und Ausübung ihrer persönlichen Vorlieben zuzugestehen, muss vielleicht jede Generation wieder neu lernen. An diesem Prozess können sich Museen beteiligen.
Das Jüdische Museum Berlin beschäftigt sich mit der Geschichte und Gegenwart der Jüdinnen und Juden in Deutschland, aber man kann hier etwas allgemein Menschliches erfahren und lernen, was sich auch übertragen lässt. Wir haben die Möglichkeit, das Thema der Vielfalt von Menschen immer wieder an anderen Themen und Lebensbereichen durchzudeklinieren, wir können Verständnis schaffen für andere Menschen und deren Recht auf Anderssein als man selbst. Nicht nur das Jüdische Museum, viele Museen können das tun. Das halte ich für äußerst wichtig, um Empathiefähigkeit zu erhalten und zu pflegen.
Herzlichen Dank für das spannende Gespräch!
Das Interview führte Mirjam Bitter, Online-Redaktion.
Zitierempfehlung:
Mirjam Bitter (2026), „Nach vorne gewandt, aber nicht geschichtsvergessen“. Interview mit Miriam Goldmann, Kuratorin der Ausstellung Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin.
URL: www.jmberlin.de/node/10951
Alle Angebote zur Ausstellung Between the Lines Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin
Über die Ausstellung
Between the Lines Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin – 8. Mai bis 1. Nov 2026
Begleitprogramm & Führungen
Gespräch mit Daniel Libeskind, Filmvorführungen, JMB Buchclub, Podiumsgespräch und öffentliche Führungen – alle Termine im Kalender
Publikationen
JMB Journal #28: Neugierig bleiben! – das Journal zum 25. Jubiläum des Museums widmet sich u.a. dieser Ausstellung
Digitale Angebote
- Interview mit Daniel Libeskind – über seinen Entwurf für das Jüdische Museum Berlin, Rebellion und die Kraft des Sich-Wunderns, 2026
- Aktuelle Seite: Interview mit der Ausstellungskuratorin – Miriam Goldmann über Museumsarchitektur, Erinnerungskultur und poetische Entwurfszeichnungen, 2026
Siehe auch
- Der Libeskind-Bau – aus unserer Serie Gebäude und Gärten
- Daniel Libeskind, Architekt
- Wie es zur Gründung des Museums kam – ausführliches Online-Feature in vier Teilen von 2020
- Diagonale der Vielfalt – Die Berliner Lindenstraße zwischen Vergangenheit und Zukunft, Essay 2016
- 25 Jahre Jüdisches Museum Berlin – alle Angebote im Jubiläumsjahr