Direkt zum Inhalt

Hinweis: Wir liefern alle Bilder im WebP-Format aus. Seit September 2022 wird dieses Format von allen modernen Browsern unterstützt. Es scheint, dass Sie einen älteren Browser verwenden, der keine Bilder im WebP-Format anzeigen kann. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser.

„Neugierig machen mich vor allem Menschen“

Interview mit Hetty Berg zum 25. Jubiläum des Museums

Porträtfoto von Hetty Berg im Inneren des Libeskind-Baus

Hetty Berg ist seit dem 1. April 2020 Museumsdirektorin; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin (JMB) – Direktorin Hetty Berg spricht über die Entwicklung des Museums von den Anfängen bis heute, über Herausragendes und Herausforderndes und darüber, was es braucht, um die Zukunft positiv zu gestalten: Vielfalt, Unvoreingenommenheit und Neugier. 

Liebe Hetty, was macht dich neugierig?

Menschen! Andere Menschen machen mich neugierig: Ich finde interessant und vor allem schön, was auf das erste Wahrnehmen einer Person folgt, was sich nach einem ersten Eindruck alles eröffnen kann! Man kann so viel mehr erfahren und entdecken. Ich nehme oft ein Taxi und komme meistens mit den Fahrer*innen ins Gespräch. Neulich fuhr ich mit einem Mann, der aus Togo kam. Es stellte sich heraus, dass er Hebräisch lernt, weil er sich zu einem der verlorenen Stämme Israels zählt. Wir sprachen ein bisschen Hebräisch und er zeigte mir Fotos. 

Das JMB feiert in diesem Jahr sein 25. Jubiläum. Worauf freust du dich?

Dieses Jubiläum ist ein Anlass, um die Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf unser Museum zu lenken und so auch jene Menschen anzusprechen, die wir bisher nicht erreicht haben. Ich freue mich auf die vielen Aktivitäten, Programme und auf unsere Ausstellungen, aber auch auf die Kampagnen, die das alles begleiten. Im Rahmen unseres digitalen Projekts Jewish Places planen wir zum Beispiel eine interessante Initiative im öffentlichen Raum: In ausgewählten Städten möchten wir dazu anregen, online Informationen zu jüdischen Orten zu sammeln. 

Zwei Ausstellungen setzen in diesem Jahr starke Akzente: Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin reflektiert ab Mai 2026 Architektur, Gründung und frühe Selbstverortung des Hauses. Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart richtet den Blick ab September 2026 nach vorn – auf Ambivalenzen, Kontroversen und verschiedene Möglichkeiten, die Gegenwart zu verändern. Und die Kinderwelt ANOHA wird 5 Jahre alt – dieser Geburtstag mit großer Party wird ein echtes Highlight! Und dann freue ich mich schon jetzt darauf, wenn wir zu Chanukka auf ein reiches und gelungenes Jubiläumsjahr zurückblicken können.

Daniel Libeskind: Modell für den Neubau des Jüdischen Museums Berlin („Names Model“), 1989–1991, 19 x 121,6 x 118,3 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. N-2003/9/0, Foto: Jens Ziehe

„Da findet ein echter Austausch statt, und es werden verschiedene Perspektiven diskutiert.“ 

Das JMB gilt als Vorreiter hinsichtlich seiner Bildungs- und Outreach-Programme. Welche Formate begeistern dich?

Die Bildungsarbeit hatte im JMB von Anfang an eine große Bedeutung und ist gerade in dieser Zeit besonders wichtig. Wir setzen auf unterschiedliche Angebote und Zugänge: In der Dauerausstellung haben wir einen Debattenraum, in dem wir Filme zeigen, die zur Reflexion und Diskussion über Diskriminierung und gesellschaftliche Vielfalt anregen. Das funktioniert sehr gut.

In dem Projekt JMB on.tour besuchen Vermittler*innen mit einer mobilen Ausstellung Schulklassen in ganz Deutschland und machen mit den Jugendlichen Workshops dazu. Seit Projektbeginn 2007 haben sich in diesem Rahmen schon mehr als 85.000 Schüler*innen aktiv mit der Vielfalt jüdischer Kultur, Religion, Geschichte und Gegenwart auseinandergesetzt. Da findet ein echter Austausch statt, und es werden verschiedene Perspektiven diskutiert. 

Dasselbe gilt auch für die verschiedenen thematischen Workshops und Führungen, die im Zusammenhang mit unseren Ausstellungen und aktuellen gesellschaftlichen Diskursen stehen, und die das JMB für unterschiedliche Zielgruppen anbietet: Immer geht es um ein Gespräch miteinander, und das ist mir sehr wichtig.

JMB-Direktorin Hetty Berg und Dr. Kristina Hasenpflug, Geschäftsführerin der Deutsche Bank Stiftung; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Auch digitale Angebote spielen seit der Gründung des JMB eine wichtige Rolle. Warum sollen sich Museen im digitalen Raum engagieren? 

Mehr und mehr Menschen sind in den digitalen Medien, da müssen und wollen wir präsent sein. Wenn unsere Inhalte Teil der selbstverständlichen Erfahrungen jetziger und kommender Generationen sind, und wenn das JMB die wichtigste Plattform im digitalen Raum für Fragen jüdischen Lebens in Deutschland wird, haben wir es richtig gemacht. Wir machen verschiedenen Zielgruppen Angebote – auf TikTok und Instagram, auf unserer Website, durch Jewish Places, mit digitalen und hybriden Vortragsformaten und auf der Lern- und Lehrplattform JMB di.kla. Wir machen unsere Sammlung auf attraktive Weise digital zugänglich, denn im Museum können wir immer nur einen Bruchteil davon zeigen, und nicht alle können sich aufmachen und uns vor Ort besuchen.

„Es gehört zu unseren Aufgaben, gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen.“

Das JMB wurde im September 2001 eröffnet. Am 11. September änderte sich mit dem Anschlag auf die USA unsere Wahrnehmung der Welt. In deiner Amtszeit als Direktorin des JMB hast du weitere historische, gesellschaftspolitische Umbrüche erlebt: Als du 2020 die Museumsleitung übernahmst, war das JMB – wie alle Kultureinrichtungen – wegen der Pandemie geschlossen. Seit dem 7. Oktober 2023 und seinen einschneidenden Folgen wird anders auf die jüdischen Gemeinschaften geschaut als vorher. Wie beeinflussen solche Zäsuren die Arbeit des Museums?

Es gehört zu unseren Aufgaben, gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen. Wir ergänzen Debatten um ihre historische Dimension und bringen möglichst viele, oft auch widersprüchliche jüdische Perspektiven ein. Wir geben unserem Publikum keine Einsichten vor, sondern vermitteln ihm Wissen, Erfahrungen, Argumente, mit denen es sich eigene Einsichten formen kann. Ich erlebe das JMB als einen Zwischenraum zwischen der jüdischen und der nicht-jüdischen Welt, einen Ort, an dem sich diese Welten begegnen, als einen Vermittler zwischen ihnen. Dieser Vermittlungsprozess ist durch die Zäsuren nicht unterbrochen worden, er dauert an. Der 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg war eine solche Zäsur und wir müssen uns seit fast drei Jahren dazu verhalten, jeden Tag. Was mich beeindruckt, ist, dass wir im Museum auch im Kollegium keine Schwierigkeiten haben, miteinander zu sprechen. Es gibt Diskussionen, aber keinen Streit oder Verwerfungen, sondern Raum für Perspektiven. 

Was siehst du heute als wichtigste Aufgaben, als größte Herausforderungen für das Museum an? Sind das andere als vor 25 Jahren?

Vor 25 Jahren stand das JMB im Zentrum der deutschen Museumslandschaft, es war Ausdruck der Haltung des wiedervereinigten Deutschlands und einer als positiv bewerteten deutschen Erinnerungspolitik. Bei meinem Amtsantritt wurde mir gesagt, dass unsere Themen inzwischen nicht mehr die zentralen Fragen der Gesellschaft berühren. Die Erinnerungspolitik ist nicht mehr so unumstritten wie vor 25 Jahren, im Gegenteil: Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust wird in Frage gestellt, die Auseinandersetzung mit Kolonialismus ist in den Vordergrund gerückt.

Seit dem 7. Oktober 2023 sehen wir, dass unsere Themen wieder im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Diskussionen stehen, aber jetzt negativ konnotiert. Das wiederum zeigt, wie wichtig die Arbeit des JMB ist. Deshalb muss das JMB mehr Menschen in Deutschland erreichen, deshalb starten wir eine Bildungsoffensive. Um Menschen mit unseren Angeboten – die vor Ort und die digitalen Formate – noch wirksamer anzusprechen, wollen wir Methodik und Programme weiterentwickeln. Mit Führungen und Workshops vermitteln wir nicht nur Fakten. Wir stellen uns den Fragen von Schulklassen und Besucher*innen und stärken zentrale demokratische Kompetenzen: kritisches Denken, Medienreflexion, Perspektivenwechsel, Dialogfähigkeit.

Du betonst, dass „wo auch immer uns Judenfeindlichkeit begegnet, wir sie mit allen Mitteln bekämpfen sollten“. Kannst du ein Beispiel nennen, wie das – am JMB oder auch anderswo – gelingt?

Jede und jeder, der oder die bei antisemitischen Äußerungen und anderen Diskriminierungen nicht weghört, sondern widerspricht, nimmt diesen Kampf auf. Es ist schon viel gewonnen, wenn das Gegenüber ins Nachdenken kommt, bestenfalls gelingt es, die Vorurteile auszuräumen, darauf ist unsere Arbeit ausgerichtet. Ein jüdisches Museum ergänzt den Blick der Mehrheitsgesellschaft auf Vergangenheit und Gegenwart um jene jüdische Dimension, die die Nationalsozialisten auslöschen wollten – und in Teilen ausgelöscht haben. Letztendlich geht es nicht nur um Feindlichkeit gegenüber Jüdinnen und Juden, es geht grundsätzlich um Feindlichkeit gegenüber Gruppen oder Menschen. Wir beschäftigen uns mit der jüdischen Perspektive, und setzen damit gleichzeitig bei der demokratischen Bildung an: Ich hoffe, dass man bei uns am Museum ein Bewusstsein für die Mechanismen entwickelt, die jeder Art von Feindlichkeit zugrunde liegen, und diesen so entgegenwirken kann. 

„Vielfalt als Wert zu betrachten hilft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie zu stärken.“

Das viele Geld, das über viele Jahre in Projekte gegen Antisemitismus geflossen ist, hat offenbar nicht genug bewirkt. Sich mit Judentum und jüdischer Geschichte zu beschäftigen, sich nicht nur über negative Begriffe wie Schoa und Antisemitismus, sondern auch über positive Begriffe auseinanderzusetzen, und die Vielfältigkeit jüdischen Lebens hervorzuheben, bringt meines Erachtens viel mehr. Das JMB schafft Gesprächsräume für Teilhabe, kritische Reflexion und diskriminierungskritisches Lernen. Vielfalt als Wert zu betrachten hilft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie zu stärken.

Neugier treibt uns alle an. Museumsarbeit ist Forschen, Zeigen, Erklären, Geschichtenerzählen. Mit jeder neuen Ausstellung wird beim Publikum Neugier sowohl geweckt als auch befriedigt. Im September 2026 wird das Museum die Jubiläumsausstellung „Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart“ eröffnen; worauf bist du bei dieser Ausstellung neugierig?

Auf die unterschiedlichen Werke der einzelnen Künstler*innen, wie sie in der Ausstellung zusammenspielen – und wie die Besucher*innen darauf und auf das Begleitprogramm reagieren. Und ob unser Plan Erfolg hat: Dass unser Publikum die Auseinandersetzung mit der oft bedrückenden Gegenwart aufnimmt und ihr eigene Vorstellungen entgegensetzt, nach Ansätzen zur Veränderung sucht.

Wie stellst du dir eine andere Gegenwart vor?

Ein bessere Gegenwart wäre für mich auf jeden Fall eine, in der sich die Menschen nicht gleich im ersten Augenblick beurteilen oder gar ablehnen. Das wäre eine Vision, die vielleicht gar nicht so schwer umzusetzen ist, und die die Zukunft stark beeinflussen würde. Wenn man sich die Zeit nimmt und ein bisschen genauer hinguckt, entdeckt man zwischen sich selbst und dem Gegenüber Übereinstimmungen, Ähnlichkeiten und Differenzen. Und genau die sind interessant! Das hat viel mit Neugierde auf die anderen zu tun. 

Was wünscht du dir, was Besucher*innen von einem Besuch im Museum mitnehmen?

Ich würde mich freuen, wenn der Besuch als positives und bewegendes Erlebnis nachhallt, das zum Nachdenken anregt, als Begegnung mit anderen Erfahrungen und anderen Menschen. Unserem Leitbild entsprechend: Jüdische Perspektiven zeigen, Menschen begegnen und bewegen. Wichtig ist mir hier wieder, dass unsere Besucher*innen unser Museum eben nicht nur unter dem Eindruck des Holocaust verlassen: In der Dauerausstellung gibt es 1.700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte und Gegenwart zu entdecken, dort findet man auch viel Leichtes, Fröhliches, Überraschendes.

Yael Bartana, Farewell, 2024, video still, courtesy of Annet Gelink Gallery, Amsterdam; Sommer Contemporary Art, Tel Aviv; Galleria Raffaella Cortese, Milan; Petzel Gallery, New York; Capitain Petzel, Berlin and Cecilia Hillström Gallery, Stockholm

Du bist nun seit sechs Jahren Direktorin des JMB – worauf blickst Du zurück? 

Zuallererst möchte ich meinem Team danke sagen, das hier im JMB eine so großartige Arbeit leistet! In meiner Zeit in Berlin ist es mir gelungen, die Aufmerksamkeit auf die Inhalte der Museumsarbeit zu lenken und einen Reflexionsraum zu bieten, der die Besucher*innen zur eigenständigen Beurteilung relevanter Fragen anregt. Dass es ANOHA gibt, hat das Angebot für Kinder in der Stadt in den letzten 5 Jahren sehr bereichert – es wird so gut angenommen, von Schulklassen, Kitas, Familien aus Berlin und von anderswo. Stolz bin ich darauf, dass das JMB zu den Top Ten der meistbesuchten Museen in Berlin zählt.

Liebe Hetty, wir danken Dir für dieses Gespräch! 

Das Interview führten Marie Naumann und Katharina Wulffius

ANOHA – Die Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Zitierempfehlung:

Marie Naumann, Katharina Wulffius (2026), „Neugierig machen mich vor allem Menschen“. Interview mit Hetty Berg zum 25. Jubiläum des Museums.
URL: www.jmberlin.de/node/10925

Kuchenstücke und Schriftzug auf lila Hintergrund.

Alles rund ums Jubiläum

Begleitprogramm & Führungen

Familiensonntage, Sommerfeste, Konzerte und mehr – alle Termine im Kalender

Ausstellungen

Publikationen

Bestände und Projekte

Siehe auch

  • ANOHA – die Kinderwelt des Jüdischen Museum Berlin feiert ihren 5. Geburtstag!
  • FREUNDE DES JMB – seit 25 Jahren verbunden: Erfahren Sie mehr über unseren Freundeskreis!
  • di.kla – der digitale Klassenraum des Jüdischen Museum Berlin
  • Jewish Places – entdecken Sie Orte jüdischen Lebens in Deutschland!
  • JMB APP – der Audioguide des Jüdischen Museum Berlin