Zwi Sofer

Ein Sammler und seine Sammlung

Drei Interessen prägten das bewegte Leben des Sammlers Zwi Sofer (1911–1980): Musik, Volks­erzählungen sowie das Auf­spüren und Zusammen­tragen jüdischer Kunst- und Kultur­güter. Letzteres mündete in einer Sammlung von mehr als 300 jüdischen Zeremonial­objekten, aber auch Gemälden, Zeichnungen und Alltags­gegenständen. 1981 wurde diese Sammlung für die Jüdische Abteilung des Berlin Museums erworben und zu einem Meilen­stein auf dem Weg zur späteren Gründung des Jüdischen Museums in Berlin.

Wer war der Mann, der diese Sammlung ursprünglich zusammen­trug? Warum tat er es und was lässt sich durch die Beschäftigung mit seiner Biografie über die Objekte und die Entstehung der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin erfahren?

Schwarz-weiß-Foto eines Mannes im Anzug, der einen großen Chanukka-Leuchter hält

Zwi Sofer präsentiert einen großen Chanukka-Leuchter aus seiner Sammlung. Der Ort der Aufnahme ist nicht eindeutig bestimmbar, sie wurde 1975 in Lübeck, Duisburg oder Hannover angefertigt; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Von Galizien nach Palästina

Zwi Sofer, auch Gersch Sofer (Jiddisch) oder Grischa Sofer (Russisch) genannt, kam am 28. Januar 1911 in der Klein­stadt Jaltuszkow in der heutigen Ukraine auf die Welt. Schon seit 1793 zählte ein Teil dieser Region zum Russischen Reich und bildete dort das Gouverne­ment Podolien.

Sofer entstammte einem orthodox jüdischen Eltern­haus und bescheidenen Verhältnissen: Als er sechs Jahre alt war – im Jahr der russischen Revolution – starb sein Vater. Seine Mutter musste den Lebens­unterhalt verdienen und gab ihren Sohn in die Obhut von Groß­mutter und Tante.

Sofer besuchte den Cheder, die jüdische Religions­schule, in dem er – nach eigenen Angaben – bereits mit fünf Jahren die Lektüre des Pentateuchs, mit sieben Jahren die Lektüre von Raschis Kommentar und mit acht Jahren das Talmud­studium begann. Seit seinem zehnten Lebens­jahr und bis zur »gymnasial-Reifeprüfung humanist. Typs« im Jahr 1929 besuchte er im galizischen Brody die höhere Schule.

Schwarz-weiß-Gruppenfoto: Ein bärtiger Mann und ein junge sitzend, ein jüngeres und ein älteres Mädchen dahinter stehend, alle in Mänteln

Der junge Zwi Sofer, vermutlich umringt von Familien­angehörigen; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Zwi Sofer war musikalisch. Schon als Kind lernte er Geige zu spielen und die Musik begleitete zeitlebens auch seine berufliche Laufbahn. Nach Abschluss der Schule schloss er sich – wohl auch auf Grund der ökonomisch schwierigen Lage der Familie – der vierten Alija (1924–1939) an und lebte knapp sechs Jahre in Palästina. Dort arbeitete er am Aufbau des Landes mit; der junge Sofer war in Ziegeleien und verschiedenen Werk­stätten tätig. In den frühen 1930er Jahren gab er zudem als Solo-Musiker Konzerte, leitete aber auch mehrere Jugend- und Schul­orchester.

Schwarz-weiß-Foto eines jungen Mannes mit Hut, der Ziegelsteine im Arm hält, im Hintergrund ebenfalls Ziegelsteine

Zwi Sofer arbeitet in einer Ziegelei in Palästina; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Studium in Wien

1935 verließ Zwi Sofer Palästina und über­siedelte nach Wien. Dort studierte er ab 1936 am Wiener Pädagogischen Institut, dem Konservatorium und der Universität Kunst­geschichte, Erziehungs­wissenschaften, Musik­wissenschaften und praktische Musik in der Violoncello- und Dirigenten­klasse – wie man seinen Immatrikulations­unterlagen entnehmen kann.

Wien blieb für Sofer ein Leben lang als Zentrum der multi­ethnischen K&K-Monarchie sowie auch osteuropäisch-jiddischer und chassidischer Kultur ein positiver Bezugsort. Denn Sofer interessierte sich schon während seines Studiums für die zeit­genössischen Bemühungen um eine russisch-jüdische Geschichts­schreibung und damit für die »Arbeit am nationalen Gedächtnis« im Sinne der Ideen des russisch-jüdischen Historikers Simon Dubnow. Dies ist in Hinblick auf Sofers spätere Sammlungs­tätigkeit sehr aufschlussreich.

Der Historiker Simon Dubnow hatte 1891 alle russischen Jüdinnen*Juden zur aktiven Arbeit am nationalen Gedächtnis aufgerufen. Damit hatte er eine jüdische Geschichts­schreibung angeregt, die gerade die einfache Bevölkerung und damit auch die Konservierung jüdischer Folklore in den Fokus rückte. Jede*r russische Jude*Jüdin sollte zum*zur freiwilligen Sammler*in werden und teilhaben an dieser neuen Geschichts­schreibung:

»Ich wende mich an alle gebildeten Leser, zu welcher Partei sie auch gehören: an alle Frommen ebenso wie an die Aufgeklärten, an die Alten wie an die Jungen, an traditionelle Rabbiner wie auch an ›Kronrabbiner‹ …: Packt mit an beim Bauwerk der Geschichte! Nicht jeder Mensch mit normaler Schul­bildung kann ein großer Schriftsteller oder Historiker sein, aber jeder von euch kann Dokumente sammeln und beim Aufbau unserer Geschichte helfen.«

1936 reiste der Student Sofer nach Vilnius, um das damalige Zentrum der literarischen, linguistischen, folkloristischen und ethno­grafischen Arbeit des Jiddischen wissenschaftlichen Instituts, kurz YIVO genannt, zu besuchen. Auch das YIVO vertrat die Position, es sei die »Aufgabe des jüdischen Volkes, das Übrig­gebliebene zu sammeln und vor Zerstörung zu bewahren« – als Reaktion auf Zerstörung durch Pogrome, aber auch auf die zunehmenden Erscheinungen der Moderne, wie Säkularisierung, Auflösung von Land­gemeinden und Verstädterung.

Rückkehr nach Palästina

Nach dem »Anschluss« Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 emigrierte Sofer zurück nach Palästina, genauer Haifa, wo er als Kunst­erzieher für Gesang und Zeichnen an einer Schule, als Heraus­geber musik­pädagogischer Schriften und Inhaber eines Musik­ladens tätig war.

Diese Lebens­phase in Palästina war zum einen von den Schatten des Krieges in Europa, den Berichten über die Schoa und der unwiderruflichen Zerstörung jüdischen Lebens in Sofers Herkunfts­region geprägt. Zum anderen gab es auch in Palästina sich immer häufiger ereignende Anschläge und Unruhen und nach der Staats­gründung Israels schließlich den Palästina-Krieg.

Schwarz-weiß-Foto eines Mannes vor einem Schaufenster mit Musikinstrumenten und hebräischer Beschriftung

Zwi Sofer vor seinem kleinen Musik­laden in Haifa; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Folklore­forschung und Ethnologie

Sofer knüpfte in den späten 1940er Jahren an sein Interesse für jüdische Geschichte und Folklore an. Auch in Haifa, wo Zwi Sofer zu diesem Zeitpunkt lebte, gab es institutionelle Bestrebungen im folkloristisch-ethnologischen Bereich: Ein Archiv jüdischer Volks­erzählungen wurde dort in den 1950er Jahren aufgebaut, das zunächst Teil des Ethnologischen Museums in Haifa war und seit dessen Schließung 1983 von der Universität Haifa beherbergt wird. Zwi Sofer unterstützte den Aufbau dieses Archivs aktiv, denn ihn faszinierten nicht nur Objekte, sondern zunehmend auch das Sammeln von Erzählungen, Witzen und Märchen verschiedener Kultur­kreise und Zeiten. Sofer soll auch selbst ein guter Erzähler gewesen sein.

Sofer betrieb bereits in den 1940er Jahren ethnologische Feldstudien, etwa zum Pessach-Fest der Samaritaner*innen in Nablus. Darüber verfasste er auch wissenschaftliche Artikel und erwarb in diesem Kontext wohl auch ein Objekt seiner späteren Sammlung – ein Textil, das sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums befindet.

Durch seine Mitarbeit am Aufbau des Israeli Folktales Archives in Haifa fasste Sofer immer stärker Fuß in den wissenschaftlichen Bereichen Folklore­forschung und Ethnologie.

»Durch meine in Israel begonnene Arbeit für das Folklore-Archiv angeregt, habe ich mich in Deutschland hauptsächlich dem Studium der Volkskunde gewidmet.« (Zwi Sofer)

Akademische Karriere in der Bundes­republik Deutschland

Im Auftrag des Archivs reiste er von 1959 bis 1963 zu internationalen Kongressen der so genannten Volks­erzähl­forschung: 1959 nach Kiel und Kopenhagen, 1962 nach Antwerpen, Paris, Santo Tirso (Portugal), Cloppen­burg und Budapest. Bei der Reise 1959 nach Kiel erhielt Sofer vor Ort von Prof. Kurt Ranke das Angebot zu einem Promotions­studium im Fach volkskundliche Erzähl­forschung.

Sofer ergriff die Chance, seine zwangs­weise in Wien abgebrochene akademische Karriere wieder aufzunehmen, verlegte seinen Wohn­sitz nach Kiel und zwei Semester später nach Göttingen, wo er schließlich das Studium 1965 mit dem Doktor­titel abschloss.

Auch nach dem Abschluss des Studiums ergab sich für Sofer eine weitere Chance in der Bundes­republik: 1966 wurde ihm von Prof. Rengstorff eine feste Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institutum Judaicum Delitzschianum (IJD) in Münster vorgeschlagen.

Schwarz-weiß-Foto eines jüngeren Mannes mit dekoriertem Zylinderhut und eines älteren Mannes, der auf ihn zeigt

Nach der Disputation: Zwi Sofer (r.) mit Doktor­vater Prof. Kurt Ranke; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Karl Heinrich Rengstorf war ein bekannter deutscher evangelischer Theologe. Er war Professor für Neues Testament an den Universitäten Kiel und Münster. Rengstorf setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg dafür ein, unter der Trägerschaft des Evangelisch-Lutherischen Zentral­vereins für Mission unter Israel ein Institutum Judaicum Delitzschianum in Münster neuzugründen. Dies geschah 1952 und Rengstorf war bis zu seiner Emeritierung dessen Direktor. Das ursprüngliche Institutum Judaicum war 1886 von Franz Delitzsch in Leipzig gegründet worden und geprägt vom Gedanken der Juden­mission. In der Nachkriegs­neugründung in Münster trat der Judenmissions­gedanke in den Hinter­grund. Ab den 1960er Jahren stand vor allem der Christlich-Jüdische Dialog, das Nachdenken über das Christlich-Jüdische Verhältnis im Fokus.

Zwi Sofer in Münster: Eine Ausnahme­erscheinung

Neben Editions­projekten nahm die Lehre an der Universität in Münster viel Raum in Sofers Arbeits­alltag ein. Er veranstaltete »Einführungen in den jüdischen Gottesdienst und das Gebetbuch«, gab Seminare zu »Chassidischen Legenden zum Buch Genesis«, zu »Jiddischer Dichtung von Bialyk und Marc Chagall« oder unterrichtete »Modernes Hebräisch«.

Fotografie von drei Männern mit Anzug und Kippa

Das Dreier­gespann: Karl Heinrich Rengstorf (l.) mit Bernhard Brilling (m.) und Zwi Sofer (r.); Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Die Lehr­veranstaltungen von Zwi Sofer sollen äußerst beliebt gewesen sein, so dass sich bald ein Kreis von begeisterten Studierenden um ihn scharte. Neben Rabbiner Bernhard Brilling war Zwi Sofer im dominant katholisch geprägten Münster in diesen Jahren eine Ausnahme­erscheinung.

Über seine berufliche Tätigkeit hinaus engagierte sich Sofer für den Wieder­aufbau und Erhalt mehrerer der immer kleiner werdenden jüdischen Gemeinden in Nordwest­deutschland. Als Vorbeter, Religions­lehrer und Trauer­redner fungierte er beispielsweise über lange Zeit in der kleinen jüdischen Gemeinde Lübeck, in die er lange Zeit jede Woche von Freitag- bis Samstag­abend fuhr; er war aber auch in Essen und vor allem Münster als Chasan (Kantor) tätig.

Schwarz-weiß-Foto eines stehenden Mannes mit Tallit und aufgeschlagenem Buch in den Händen

Zwi Sofer singend in der Synagoge; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Verdienste für den christlich-jüdischen Dialog

Zwi Sofer war zudem ein prägendes Mitglied der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammen­arbeit. Dem in der Bundes­republik in den 1960er Jahren auf­keimenden Interesse an jüdischer Geschichte und Kultur begegnete Sofer mit Synagogen­führungen, populären Kursen zu jüdischer Kultur an der Volks­hochschule und jiddischen Konzerten. Zudem veröffentlichte Sofer ein jüdisches Kochbuch und zwei Schall­platten mit Synagogal­musik und populären jiddischen Erzählungen von Leib Peretz.

Diese facetten­reichen Aktivitäten für den christlich-jüdischen Dialog blieben nicht unbemerkt. Im Herbst 1977 erhielt Zwi Sofer feierlich das Verdienst­kreuz am Bande verliehen, insbesondere für seine Bemühungen um eine Verständigung zwischen Jüdinnen*­Juden und Christ*innen.

Grünes Buchcover mit einem Muster aus Menoras und Kochtöpfen

Buch­cover von Zwi Sofers kleinem jüdischem Koch­buch, Hölker Verlag 1986; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Anna-Carolin Augustin

Doch ihm stieß nicht nur Wohlwollen entgegen: Nur kurze Zeit später, an Heiligabend 1977, wurde das Institutsgebäude, in dem er arbeitete, außen mit einem 25 Meter langen, antisemitischen Spruch und einer Zeichnung beschmiert, die sich direkt auf ihn persönlich bezogen. Der Rektor der Universität erstattete sofort Straf­anzeige und ließ Sofer wissen, dass er bestürzt und betroffen von dem Vorfall sei. Dieses Geschehnis wirft wiederum ein Schlag­licht auf den nach wie vor virulenten und verbreiteten Antisemitismus dieser Jahre in der Bundes­republik.

Sofers Aufbau der Judaica-Sammlung

Nur zwei weitere Lebens­jahre waren Zwi Sofer vergönnt. Er starb unerwartet am 25. Januar 1980. In jeder erdenk­lichen Ecke seiner kleinen Wohnung stieß man nun auf die völlig ungeordneten, teilweise verpackt, aber auch offen gelagerten Judaica, die er zusammen­getragen hatte: silberne Leuchter, Lampen, Gewürzbüchsen, Tora-Kronen, Zeichnungen, Bücher, Manuskripte, groß­formatige Textilien und vieles mehr.

Zeitungsartikel mit der Überschrift »Anzeige gegen Schmierer«

Kurzer Artikel zum antisemitischen Vorfall in Münster, Westfälische Nachrichten Nr. 301, 29. Dezember 1977

Zwi Sofer baute seine Sammlung vermutlich unsystematisch durch Gelegenheits­ankäufe im Antiquitäten- und Kunst­handel, auf Floh­märkten, von Privat­personen und durch Schenkungen auf. Er trug die Objekte in der Bundes­republik und auf Reisen im europäischen Ausland (v. a. Schweiz, Belgien, Niederlande, Israel) zusammen. Weder wurden die Objekte katalogisiert noch ihr Erwerb von Sofer dokumentiert.

Im Nachlass des Sammlers ist aber eine andere interessante Quelle vorhanden: eine teilweise annotierte Visitenkarten-Sammlung, die Aufschluss darüber gibt, mit welchen Händler*innen, Sammler*innen und sonstigen Personen er vernetzt war.

Viele Visitenkarten nebeneinander auf einem Tisch ausgebreitet

Visitenkarten von Händler*innen aus dem Nachlass Zwi Sofer; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Anna-Carolin Augustin

Auffällig viele der Händler*innen waren selbst jüdisch und hatten ein Verfolgungs­schicksal, wie die in Amsterdam tätigen Schwestern Bettina und Carola Wolf oder Karol und Gustava Geller in Wien. Wertet man dazu Zwi Sofers mit unzähligen Stempeln versehenen Reisepässe aus, lassen sich dessen internationale Erwerbs­routen visualisieren und zentrale, europäische Nachkriegs-Umschlagplätze für Judaica ausmachen – insbesondere Amsterdam und Antwerpen.

Die Konservierung materieller Zeugnisse jüdischer Kultur lag Sofer bereits vor der Schoa am Herzen, bemühte er sich doch um eine jüdische Geschichts­schreibung im Sinne des Historikers Simon Dubnow. Sofers folkloristisch-wissenschaftliches Interesse und seinen beruflicher Werde­gang ließen ihn die Judaica vor allem als kultur­historische Objekte wert­schätzen. Die Sammlung lässt sich daher in einen kausalen Zusammen­hang mit den volks­kundlichen Studien des Sammlers bringen. Sofer verwendete die Objekte aber auch als pädagogische Material­sammlung, als praktisches Anschauungs­material für seine Vorträge und Seminare, die sich größten­teils an ein interessiertes nicht-jüdisches Publikum richteten.

Aufgeschlagener Reisepass mit vielen bunten Stempeln, u.a. vom »Consulat de France à Kiel«

Zwi Sofers Reisepass voller Stempel; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Anna-Carolin Augustin

Schwarz-weiß-Foto einer Schabbat-Feier

Eine Schabbat-Feier mit Objekten aus der Sammlung Sofer in Reckling­hausen, November 1978 (Foto aus: Unsere Kirche. Kirchenkreisnachrichten, Nr. 46, 19.11.1978.); Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Ausstellungen seiner Sammlung

Wegen des »außer­gewöhnlichen Interesses an den wenigen bisherigen Ausstellungen zur jüdischen Kultur­geschichte und der lebhaften Nachfrage nach Synagogen­führungen und Vorträgen über die Welt des Judentums« begann Sofer in den 1970er Jahren damit, mehrere Wander­ausstellungen zu organisieren, die seine Sammlung präsentierten.

Er bezweckte damit, wie er selbst im Katalog beschrieb, »durch originale Zeugnisse und Information über Sitten und Bräuche einen Einblick in den Alltag und den Festtag von Synagoge und jüdischem Haus zu geben«. Die Aus­stellungen in Münster, Lübeck, Duisburg und Hannover stellte er unter das Motto: »Mögen sie beitragen zum gegen­seitigen Verstehen zwischen Christen und Juden«. Diese Regional­ausstellungen fanden fulminanten, internationalen Anklang: Über sie wurde bundesweit sowie in Österreich, Israel und der Schweiz berichtet.

»Erinnerungs­welle« in Deutschland

Einem immens steigenden Interesse an jüdischer Geschichte und Kultur durch die »Erinnerungs­welle« der 1970er Jahre stand diametral der Mangel an Expertise zu jüdischem Leben, religiöser Praxis und auf dem Gebiet der Judaica gegenüber. Die Wissens­träger*innen zu den Objekten, ihrer Verwendung und ihren kultur­historischen Kontexten waren ermordet worden oder im Exil. Die Objekte aber waren teilweise noch da oder migrierten, den Gesetzen des Marktes folgend, frei auf dem internationalen Antiquitäten­markt. Ab den 1970er Jahren gelangten sie so immer häufiger auch zurück nach Europa und in die Bundes­republik.

Das Engagement Sofers für die Musealisierung jüdischer Kultur­geschichte reiht sich zeitlich und regional in die Vor- und Früh­geschichte der jüdischen Museen in Deutschland nach dem Krieg ein.

Nordwest­deutschland bildete in den 1960er Jahren das Epi­zentrum dieser Entwicklung: Von hier gingen impulsgebende Wander­ausstellungen wie die Monumenta Judaica in Köln und Synagoga in Reckling­hausen aus. All diese Ausstellungs­projekte waren allerdings zeitlich limitiert.

Sofers Plan für ein jüdisches Museum

Sofer dachte bereits einen Schritt weiter: Er betrachtete seine Sammlung Mitte der 1970er Jahre als den Grund­stock für ein zu errichtendes permanentes Jüdisches Museum und hatte sogar recht konkrete Pläne dafür: Im März 1975 traf er sich mit Vertreter*innen des christlich-jüdischen Dialogs in Köln, um seinen »Plan zur Errichtung eines jüdischen Museums in der Bundes­republik« zu besprechen . Man verständigte sich auf die Einrichtung eines ständigen Jüdischen Museums für die Bundes­republik, das, nach Vorbild des jüdischen Museums in Wien, eine Bundes­einrichtung sein, mit Mitteln aller Bundes­länder finanziert und möglichst in Köln situiert sein sollte. Da sich der Plan in Köln nicht realisieren ließ, bot Sofer ein paar Jahre später der Essener Stadt­gemeinde schriftlich den Ankauf seiner Sammlung an und führte dafür noch konkreter seine Museums­pläne aus:

»Ich habe in mehreren Jahr­zehnten eine Judaica-Sammlung zusammengetragen – die m. W. die größte Privat­sammlung in der Bundes­republik ist. Sie besteht aus Kult­gegenständen, Gemälden, Erst­drucken, insgesamt über 500 Exponate unterschiedlicher Größe. Ziel meiner Sammlung: Ein ständiges Museum Judaicum. Angeschlossen sein sollte ein Archiv für Wissenschaft und Geschichte des Judentums als Forschungs­stelle (wozu ich ebenfalls Material besitze). Meine Exponate, die allein schon zur Errichtung eines kleinen Museums ausreichen würden, könnten in ihrem Haus, verstärkt durch die vorhandenen einschlägigen Bild- und Ton­dokumente der Essener Stadt­geschichte, die Grundlage für das 1. Judaica-Museum in Deutschland bilden.«

In gewisser Weise sollte Sofers Plan sich realisieren, bildeten die Objekte aus seinem Besitz doch den ursprünglichen Kern der Sammlung des Jüdischen Museums in Berlin. Zwar eröffnete dieses erst 2001, gut zwanzig Jahr nach Sofers Tod, doch war seine Sammlung ein wichtiges Argument beim politischen Ringen um dessen Realisierung in den 1980er und 1990er Jahren. Auf diese Weise wurde Zwi Sofer zu einem Bestand­teil der Institutionen­geschichte des Jüdischen Museums Berlin. Das Wissen um die Biografie des Sammlers und den Aufbau seiner Sammlung ist so ein Stück haus­eigene Geschichte. Darüber hinaus kann es heute vor allem beim Versuch der Klärung offener Provenienz­fragen zu einzelnen Objekte seiner Sammlung behilflich sein.

Anna-Carolin Augustin

Schwarz-weiß-Foto eines Mannes, der am Schreibtisch sitzt und in einem Buch liest

Zwi Sofer bei der Arbeit; Nachlass Zwi Sofer, Münster, Foto: Unbekannt

Zitierempfehlung: 
Anna-Carolin Augustin (2019), Zwi Sofer. Ein Sammler und seine Sammlung.
URL: www.jmberlin.de/node/6035