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Ab 23. August 2020 präsentiert die vollständig neu gestaltete Dauer­ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Bis dahin bleibt das Jüdische Museum Berlin wegen Umbaus geschlossen.

Schawuot

Schawuot ist das jüdische Wochenfest und wird jedes Jahr am 6. Siwan gefeiert. Das ist sieben Wochen nach Pessach – daher der Name Wochenfest – und fällt auf die Monate Mai oder Juni des gregorianischen Kalenders. In Israel dauert das Fest einen Tag, in der Diaspora zwei Tage.

Zusammen mit Pessach und Sukkot gehört Schawuot zu den drei Wallfahrts­festen Israels. An ihnen „sollen alle deine Männer vor dem Antlitz des Herrn erscheinen“ (2. Buch Mose, 34:23). In biblischen Zeiten brachte man daher Opfer­gaben (die Erstlinge der Ernte) zum Tempel von Jerusalem und überreichte sie den Priestern.

Neben diesem Bezug zur Natur hat mit der Zeit der religiös-historische Hintergrund des Feiertags eine weitaus größere Bedeutung bekommen.

Schwarz-Weiß-Foto: Zwei junge Männer in kurzen Hosen auf einem geschmückten Wagen tragen einen Balken, an dem eine überdimensionierte Weinrebe hängt

Die Erstlinge der Ernte, 1953; The Education Center of the National Library of Israel CC BY-SA 3.0, via Wikicommons

„Das Wochenfest sollst du für dich feiern mit den Erstlingsfrüchten von der Weizenernte.“ (2. Buch Mose, 34:22)

Laut talmudischer Überlieferung wurden an Schawuot dem jüdischen Volk von Gott die Zehn Gebote am Berg Sinai verkündet. Die „Zehn Worte“ (hebr.: Asseret ha-Dibrot) stellten das allererste Moral­gesetz in der Geschichte der Menschheit dar, auf das sich bis heute unser ethisches Rechts­verständnis gründet.

Omer-Zählen

Die sieben Wochen zwischen Pessach und Schawuot entsprechen der Zeitspanne, während der sich die Israelit*innen nach dem Auszug aus Ägypten in der Wüste aufhielten und sich auf den Empfang der Tora (zu Deutsch: „Weisung“, „Lehre“) am Berg Sinai vorbereiteten. In dieser Zeit findet das sogenannte Omer-Zählen (Sefirat ha-Omer) statt. „Omer“ bezeichnet die „Garben“ bei der ersten Ernte im Frühling. Sie wurden zu Zeiten des Tempels als Opfer am zweiten Tag des Pessach­fests dargebracht.

Das Omer-Zählen verdeutlicht die besondere Verbindung zwischen den beiden Feier­tagen: Pessach steht für die physische Befreiung und Schawuot für die geistige. Der moralische Standard des jüdischen Volks war in der Zeit der Sklaverei in Ägypten auf ein niedriges Niveau gesunken. So ist die Zeit zwischen Pessach und Schawuot als Zeit des Wachstums und der Weiterentwicklung zu sehen, um überhaupt fähig zu sein, die Tora zu empfangen. Die 49 Tage der Omer-Zeit stehen auch für die 49 Tore der Umkehr.

Kunstdruck eines Baums und zweier Gesetzestafeln mit hebräischer Inschrift

Hugo Steiner-Prag, Und das ganze Volk gewahrte die Donner und die Flammen (Exodus, 20,15). Aus der Mappe „Designs for a Machzor“, 1963, nach einem Entwurf von 1936; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2002/229/11. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Die 49 Tage der Omer-Zeit stehen auch für die 49 Tore der Umkehr.

Aus dem ursprünglich festlichen Charakter dieses Jahres­abschnitts entwickelte sich aufgrund der Erfahrung von Pogromen und anderen Äußerungen von Juden­feindlichkeit eine Art Trauerzeit. Daher finden während der Omer-Zeit zum Beispiel keine Hoch­zeiten statt.

Eine Ausnahme ist Lag ba-Omer, der 33. Tag nach Pessach. Es heißt, dass an diesem Tag der jüdische Freiheits­kämpfer Bar Kochba im Aufstand gegen die römische Besatzungs­macht (132–135 n. u. Z.) einen Sieg über seine Feinde errang. Eine andere Quelle erzählt, dass in der damaligen Zeit eine Seuche unter den Schülern des berühmten Rabbi Akiva (gest. 135 n. u. Z.) grassierte, die genau am 33. Tag nach Pessach aufhörte. Aus diesem Grund dürfen an Lag ba-Omer freudige Ereignisse, wie Hochzeiten und andere Familien­feste, gefeiert werden.

Im Morgengottesdienst werden die Zehn Gebote aus der Tora vorgelesen.

Gottesdienst

Da an Schawuot die „Lehre“ (Tora) offenbart wurde, ist es in der ersten Nacht des Fests üblich, eine „Lernnacht“ (Tikun Leijl Schawuot) abzuhalten. Gläubige Jüdinnen*Juden kommen in der Synagoge bzw. in den Räumlich­keiten der jüdischen Gemeinden zusammen und lernen die ganze Nacht hindurch Tora. Die Text­sammlung wird von den Organisator*innen der Lern­nächte vorbereitet. Sie enthält unter anderem Verse aus allen Wochen­abschnitten (Paraschot), aus jedem Buch der schriftlichen Überlieferung (Tora), das gesamt Buch Ruth, Traktate aus der Mischna (Talmud), die 613 Ge- und Verbote (Mizwot), und ausgewählte Stellen aus der Kabbala. Manchmal stehen die Lernnächte unter einem speziellen Thema, wie zum Beispiel „Judentum und Sexualität“, das in Bezug zu den ausgewählten Texten bis spät in die Nacht diskutiert wird.

Das Buch Ruth enthält viele Themen, die zum Feiertag passen. Ruth, die zum Judentum konvertierte, zeichnet sich durch ihren unbeirrbaren Glauben und ihre starke Entschlossenheit aus, den Bund mit Gott einzugehen und nach den Gesetzen der Tora zu leben. Ohne, dass sie von äußeren Einflüssen angetrieben wurde, zögerte sie keine Sekunde, den königlichen Hof ihres Vaters zu verlassen und sich dem Volk Israel anzuschließen: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ (Buch Rut, 1:16)

Im Morgen­gottesdienst werden dann die Zehn Gebote aus der Tora vorgelesen.

Schwarz-weiß-Foto eines Kuchens in Form einer Tora-Rolle auf einem Tisch mit Spitzentischdecke

Kuchen in Form einer Tora-Rolle, angefertigt von Vernon Kahn (geb. 1923), San Diego, USA 1952; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2009/306/42. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Traditionell werden an Schawuot milchige Speisen gegessen.

Bräuche

Trotz der großen Bedeutung des Wochen­festes, gibt es nicht so viele volks­tümliche Rituale wie bei den anderen beiden Wallfahrts­festen. Zu Hause zündet man die Feiertags­kerzen an und lässt jede Arbeit ruhen. Ein Brauch ist es, die Synagoge mit Blumen und Pflanzen zu schmücken, um an den landwirt­schaftlichen Ursprung des Festes zu erinnern.

Traditionell werden an Schawuot milchige Speisen gegessen, wie zum Beispiel Pfannkuchen, Käsekuchen, Pizza oder Quiche. Für diesen Brauch gibt es eine Reihe von Gründen:

  • Bis das Volk Israel die ersten Gebote empfing, kannte es noch keine speziellen Speise­gesetze (Kaschrut). Durch die Verkündung der Tora stellte sich heraus, dass alles Geschirr unrein war, denn darin hatte man unreines Fleisch gekocht. Da die Tora am Schabbat übergeben wurde, durfte man zunächst noch kein reines Fleisch nach den Kaschrut­geboten zubereiten und noch nicht das alte Geschirr kaschern. Diese Arbeiten durften erst nach dem Ende des Ruhe­tags ausgeführt werden. Aus diesem Grund aßen die Israelit*innen zunächst Milch­speisen sowie Obst und Gemüse.
  • Im Hohelied Salomos wird die Tora mit Honig und Milch verglichen (Hoheslied 4:11). Am Tag der Gesetz­gebung erinnert man sich an diese Worte, indem man isst, womit die Tora verglichen wurde.
  • Das hebräische Wort für Milch – Chalaw– hat einen Zahlenwert von vierzig. Damit wird an die vierzig Tage und Nächte erinnert, die Moses auf dem Berg Sinai verbrachte, bis er die Stein­tafeln mit den Zehn Geboten erhielt.
Geöffneter Eierpfannekuchen mit eingemachten Kirschen und Sahne

Pfannekuchen als milchige Speise wird an Schawuot gerne gegessen; CC BY-SA 3.0, via Wikicommons.