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Ab 23. August 2020 präsentiert die vollständig neu gestaltete Dauer­ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Bis dahin bleibt das Jüdische Museum Berlin wegen Umbaus geschlossen.

Die lange Nacht des Tikkun

Oder was wir von liebenden Frauen lernen können

Avner Ofrath und Mirjam Wenzel

Vor Kurzem entdeckten wir beim Stöbern im Netz, dass drei junge Jüdinnen eine Gruppe gegründet haben, die sich „für die Vielfalt an unter­schiedlichen Facetten jüdischer Identität und … ein sinn­stiftendes jüdisches Leben in Berlin“ einsetzen möchte. Sie nennt sich Hamakom (hebräisch: „der Ort“) und will unter anderem die Begegnung von Israelis und jüdischen Deutschen fördern. Als erste Veranstaltung führt diese Gruppe nun einen Tikkun lel Schawuot zum Thema „Frauen & Liebe“ durch.

Der Veranstaltungs­name ist Programm: Er knüpft an die Tradition an, in der Nacht zu Schawuot bestimmte biblische Texte und deren Auslegungen zu studieren und zu diskutieren. Diese Wahl zeigt, welche Bedeutung das Fest in diskursiv angelegten jüdischen Selbst­verständigungs­prozessen hat.

Schawuot ist ein Feiertag von ungewöhnlich vielfältiger Bedeutung, der in jeder Epoche neu entdeckt und definiert wurde. Ursprünglich war er dem Beginn der Erntezeit gewidmet, die eine Pilgerreise in den Jerusalemer Tempel umfasste. Dort brachte man Erstlings­früchte und zwei Weizen­brote dar. Im Talmud gilt Schawuot als das Fest, an dem das Volk Israel die Tora empfing. Um sich auf diese Gabe vorzubereiten, wird der Feiertag hier auch als Azeret beschrieben, eine feierliche Versammlung, die vor allem eine Nacht des gemeinsamen Nach­denkens und Diskutierens währt. Das Tikkun lel Schawuot, wie dieses nächtliche Symposium im Hebräischen heißt, bedeutet wörtlich übersetzt: „die Verbesserung in der Nacht des Wochenfests“. Es wurde zum ersten Mal im kabbalistischen Sohar-Buch erwähnt und gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung.

Holzschnitt: Rut und Noomi im Feld

Jakob Steinhardt, Illustration zum Buch Rut, 1955-1959, Holzschnitt; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. VAR 95/10/370, Schenkung von Josefa Bar-On Steinhardt, Naharyia, Israel

Die jüdische Version des gemeinsamen Studierens und Diskutierens unterscheidet sich von ihrem griechischen Pendant, denn das Tikkun lel Schawuot kreist vor allem um die Lektüre der hebräischen Bibel, des Talmud und des Sohar. Wer mit dem Wort „Symposium“ also den platonischen Dialog und das Gastmahl assoziiert, missversteht zwar den Charakter der nächtlichen Versammlung, liegt aber dennoch im Trend: Denn das Spektrum des Tikkun wurde in jüngster Zeit deutlich erweitert, so dass diese Tradition nun auch im progressiven Judentum, ja selbst in säkularen Kreisen gepflegt wird.

Diese Entwicklung mag unter anderem auf das biblische Buch Rut zurückzuführen sein, das an Schawuot gelesen wird. Es erzählt, wie das Thema des kommenden Tikkun lel Schawuot in Berlin unterstreicht, von weiblicher Solidarität. Im Zentrum des Buchs stehen Noomi, eine israelitische Frau, und ihre Schwieger­tochter Rut, die dem Volk Moab angehört. Nachdem Noomis Sohn – Ruts Mann also – gestorben ist, folgt diese ihrer Schwieger­mutter mit den Worten:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Rut 1:16).

Schwarz-weiß-Druck eines Holzschnitts: Gesichter von zwei Frauen mit Kopftüchern im Profil, die jüngere schaut zur älteren auf, im Hintergrund ein Berg

Jakob Steinhardt, Ruth und Noemi, Druckgrafik aus der Mappe Biblical Woodcuts; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/73/4, Schenkung von Josefa Bar-On Steinhardt, Nahariya, Israel. Mehr zu diesem Objekt erfahren Sie in unseren Online-Sammlungen.

Der israelische Künstler Adi Nes widmete dieser Geschichte im Jahr 2007 ein Werk, das Teil eines Zyklus zu biblischen Figuren ist. Noomi und Rut werden hier beim Sammeln von übrig­gebliebenen Zwiebeln im armen Süden von Tel Aviv gezeigt und mit marginalisierten Gruppen im sozialen Gefüge Israels assoziiert.

Dass die nicht-jüdische Rut in der Bibel ohne Weiteres im israelitischen Bethlehem aufgenommen wird und König David, aus dessen Haus einst der Messias stammen soll, einer ihrer Nachfahren ist, stellt eine außer­gewöhnliche Öffnung gegenüber dem Fremden dar. Es wäre schön, wenn diese biblische Geschichte von weiblicher Solidarität und gesellschaftlicher Integration eines Tages den Sprung von der langen Nacht des Tikkun in den heutigen Alltag schaffen könnte.

Mirjam Wenzel und Avner Ofrath, Medien

Künstlerisch inszeniertes Foto: Zwei weibliche Figuren sammeln übriggebliebene Zwiebeln vom Boden auf

Adi Nes, Rut und Noomi, 2007 © Adi Nes 2007, gezeigt in diesem Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Zitierempfehlung:

Mirjam Wenzel, Avner Ofrath (2013), Die lange Nacht des Tikkun. Oder was wir von liebenden Frauen lernen können.
URL: www.jmberlin.de/node/6995

Feiertage: Alte Riten, neue Bräuche (14)

Alte Riten, neue Bräuche

Mitarbeiter*innen des Museums erzählen von besonderen Traditionen zu einzelnen jüdischen Feiertagen.

Taschlich-Schiffchen statt Brotkrumen

Shlomit Tripp über einen alten Neujahrsbrauch, neu praktiziert

Bild von Gelehrten mit Talar und Hut und Büchern in der Hand

Das Kol Nidre und die „bürgerliche Verbesserung der Juden“

Haim Mahlev über einen jahrhundertelangen Streit

Äpfel in Honig und Gefilte Fisch

Wie Museums­mitarbeiter*innen die Hohen Feiertage verbringen und was sie persönlich damit verbinden

Interview
2013

Das Fest des Fahrrads

Avner Ofrath über Jom Kippur in Israel

Jüdisches Halloween

Naomi Lubrich über Süßigkeiten an Simchat Tora

Menurkeys für Thanksgivukka?

Signe Rossbach liefert Gedankenfutter und Rezepte für den außergewöhnlichen Fall, dass Thanksgiving und Chanukka zusammenfallen.

„8 Facts“ rund um Chanukka

David Studniberg über den Tempel, die Makkabäer, Dreidel, Leuchter und Öl

„If I were a rich mouse ...“

Michal Friedlander über Micky, Minnie und das Chanukkageld


2015

Mit zehn Klappmaulpuppen und einer Reise-Chanukkia im Schlafwagen

Shlomit Tripp über ihre Chanukka-Tage mit der bubales-Familie

Israelische Traditionen zu Tu bi-schwat

Avner Ofrath über Bäume, Obst und einen Hauch von New Age

„Die schlaue Esther“ – nichts für Kinder?!

Shlomit Tripp berichtet über das Buchprojekt mit ihrer kindgerechten Neuerzählung der biblischen Esther-Geschichte.

Mit dem Mazze-Mobil durch Mannheim

David Studniberg erzählt vom Zusammenhalt der jüdischen Gemeinde in Zeiten des Corona-Virus.

Bericht
Apr 2020

Das große Putzen

Dana Akrish über Pessach in Jerusalem

Essay
Mär 2018

Die lange Nacht des Tikkun

Mirjam Wenzel und Avner Ofrath zeigen am Beispiel der biblischen Figuren Rut und Noomi, was wir von liebenden Frauen lernen können.

Essay
Mai 2013