Didaktik des Nahostkonflikts

Unsere Fellow Rosa Fava und ihr Forschungs­vorhaben

Seit Januar 2017 ist die Erziehungs­wissenschaftlerin Dr. Rosa Fava als zweite W. Michael Blumenthal Fellow am Jüdischen Museum Berlin. Gefördert wird sie für ihr Postdoc-Forschungs­projekt Didaktik des Nahost­konflikts. Ziel ist eine Bestands­analyse von Projekten, die Angebote für Schulen und Jugend­gruppen zur Auseinander­setzung mit dem Nahost­konflikt entwickeln und Fortbildungen für Lehrer*innen und andere Fachkräfte anbieten. Ob speziell der israelisch-palästinensische Konflikt im Fokus steht oder andere Akteure einbezogen sind, ist Teil der Frage­stellung nach dem didaktischen Zuschnitt.

Bedeutungs­wandel des Nahost­konflikts

Sowohl in der Schule als auch in Politik und Öffentlichkeit wächst die Bedeutung des Nahost­konflikts, nicht zuletzt seit Bundes­kanzlerin Angela Merkel 2008 in der Knesset Israels Sicherheit quasi zur deutschen Staats­räson erklärte.

So verändert sich seit einigen Jahren auch das Lernen über den Nahost­konflikt; er erhält eine besondere Stellung und ist nicht länger lediglich ein Beispiel für »internationale Beziehungen und Konflikte«, wie in vielen Lehrplänen vorgesehen. Gleichzeitig gibt es Klagen, dass der Nahost­konflikt zu selten Thema an Schulen sei: Wachsendem, gegen Israel und jüdische Einrichtungen oder Personen hierzulande gerichtetem Anti­semitismus werde so nichts entgegengesetzt. Lernen und Lehren über den Nahost­konflikt ist somit vielfach überfrachtet, emotional aufgeladen und oft unmittelbar politisch.

Fokus auf Fort­bildungen für Multi­plikator*innen

Im Fokus des Forschungs­projekts liegen Fortbildungen für Lehrer*innen und andere Multiplikator*innen in der außer­schulischen Bildungs­arbeit. Es lässt sich beobachten, dass viele Lehrkräfte den Nahost­konflikt einerseits für sehr wichtig halten, sich andererseits aber nicht zutrauen, Unterricht dazu durchzuführen, vor allem, wenn ihre Schüler*innen aus arabischen und/oder muslimischen Familien kommen. Sie wünschen sich daher Fortbildungen und auch externe Partner*innen zur Umsetzung von Workshops. Oft ist es ihnen wichtig, dass die Expert*innen enge persönliche Bezüge zum Nahost­konflikt mitbringen, wie etwa die Zugehörigkeit zu Islam oder Judentum, die Herkunft aus einem arabischen Staat, den palästinensischen Gebieten oder aus Israel.

Porträtfoto von Rosa Fava mit Mikrofon in der Hand

Rosa Fava bei der Verleihung des Lars Day Preises 2016; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ernst Fesseler (mehr über den Lars Day Preis in der aktuellen Ausschreibung auf unserer Website)

Fragen an die neuen Lehr­konzepte und -materialien

Vor allem seit der Zweiten Intifada im Jahr 2000 und den Anschlägen in den USA 2001 sind viele Projekte und Initiativen entstanden, die den islamistischen und den israelbezogenen Antisemitismus und seine Rolle im Nahost­konflikt als Thema mit neuen Materialien und Seminar­konzepten aufgreifen.

Rosa Fava untersucht, wie die neuen Projekte in ihren Methoden und Materialien mit der emotionalen Aufladung des Nahost­konflikts umgehen und welche besonderen Kompetenzen sie Lehrer*innen und anderen Pädagog*innen vermitteln wollen. Wer sind die Akteur*innen in den neuen Bildungs­trägern und welche Anliegen bringen sie mit? Wie sind die geschichts- und politik­didaktischen Prinzipien der Kontroversität, Multi­perspektivität und Pluralität umgesetzt – wenn gleichzeitig Konflikte in Jugend­club und Klassen­zimmer vermieden werden sollen? Wie werden Sach­wissen und Emotionen zueinander in Beziehung gesetzt? Wie werden die unterschiedlichen Involvierungen in den Konflikt und identifikatorischen Bezug­nahmen beachtet – gerade auch bei den sich oft als neutral und nicht direkt betroffen verstehenden Lehrenden und Teamenden?

Kurz: Was muss man können, um über den Nahost­konflikt zu unterrichten? Und gibt es allgemeine Leitlinien, die sich auf andere internationale Konflikte anwenden lassen, in die Jugendliche und Erwachsene unterschiedlich involviert sind und sich involvieren? Nicht zuletzt stellt sich die Frage: Wie übersetzt sich deutsche Staatsräson in Bildungsarbeit?

Material­analysen, Hospitationen von Fortbildungs­veranstaltungen und Interviews bilden die empirische Grundlage der Untersuchung. Aus den Ergebnissen sollen Empfehlungen entwickelt und veröffentlicht werden.

Dr. Rosa Fava

Rosa Fava hat Chemie und Geschichte für das Gymnasiallehramt studiert und war viele Jahre in der historisch-politischen Bildung tätig, unter anderem in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme/Hamburg und für Arbeit und Leben Hamburg. 2004 gehörte sie zu den Mitbegründer*innen der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus/Berlin. 2013 promovierte sie in Hamburg zur Neuausrichtung der Erziehung nach Auschwitz in der Einwanderungs­gesellschaft. Eine rassismus­kritische Diskurs­analyse (erschienen 2015, Inhaltsverzeichnis abrufbar auf der Website des Metropol-Verlags). Sie publizierte zudem eine Reihe von Aufsätzen u. a. zu den Themen Erinnerung an Schwarze als Opfer des National­sozialismus und Antisemitismus in der deutschen Einwanderungs­gesellschaft.

Schon vor Antritt ihres Fellowships war Rosa Fava am Jüdischen Museum Berlin tätig: Von Mai bis Dezember 2016 leitete sie in Elternzeit­vertretung unsere Akademie­programme. 2012 bis 2015 war sie Leiterin des Projekts Vielfalt in Schulen, das das Jüdische Museum Berlin in Zusammen­arbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und gefördert von der Stiftung Mercator durchführte.

2016 erstellte Rosa Fava eine Expertise für den Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages über Bildungs- und Begegnungs­projekte muslimischer Akteur*innen zur Prävention von Antisemitismus (erscheint online im Sommer 2017) und führte 2015 eine unveröffentlichte Befragung von Multiplikator*innen in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus im Auftrag der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus durch. Rosa Fava hält Vorträge und leitet Workshops zu ihren Arbeits­feldern und berät zurzeit ein Projekt zur Aufarbeitung des Armenier­genozids in Deutschland.

Kontakt
Dr. Rosa Fava
W. Michael Blumenthal Fellow
Tel.: 
+49 (0)30 259 93 472

Gefördert wird das Fellowship durch die Berthold Leibinger Stiftung.