Geschichte unseres Museums, Teil 3

Politische Entscheidungen

Der Konflikt um die inhaltliche Ausrichtung sowie die finanzielle und administrative Eigenständigkeit des Jüdischen Museums Berlin hatte mit der Kündigung Amnon Barzels seinen Höhepunkt erreicht. Mit der Ernennung W. Michael Blumenthals zum Direktor des Museums war schließlich eine Lösung in Sicht. Blumenthal setzte die Eigenständigkeit des Hauses durch und entwickelte gemeinsam mit einem Team aus Expert*innen ein Ausstellungskonzept.

Lösung des Konflikts

Im Herbst 1997 bat der Senat von Berlin den ehemaligen US-amerikanischen Finanzminister W. Michael Blumenthal, ihn bei der Lösung des Konflikts um das Jüdische Museum zu beraten und eventuell das Amt des Direktors zu übernehmen. Blumenthal stammte aus Berlin und war 1939 mit seinen Eltern zunächst nach Shanghai emigriert.

Blumenthal lehnte den Plan ab, den Libeskind-Bau sowohl als jüdisches wie auch als stadtgeschichtliches Museum zu nutzen. Er setzte die administrative Eigenständigkeit des Jüdischen Museums Berlin durch, das zum 1. Januar 1999 zunächst unter der Schirmherrschaft des Senats den Status einer unselbständigen Stiftung des öffentlichen Rechts erhielt. Zum Januar 2001 wurde es vom Bund übernommen.

Unter der Leitung von Tom Freudenheim, der als Direktor an verschiedenen jüdischen Institutionen in den USA gearbeitet hatte, und Jeshajahu (Shaike) Weinberg (sel. A.), dem ehemaligen Direktor des Holocaust Memorial Museums in Washington, wurde eine kulturgeschichtlich ausgerichtete Ausstellung entwickelt.

Porträtfoto von W. Michael Blumenthal

W. Michael Blumenthal, seit 1997 Direktor des Jüdischen Museums Berlin (Foto 2006); Jüdisches Museum Berlin, Foto: Sönke Tollkühn

Der Konflikt um das Jüdische Museum fand vor dem Hintergrund politischer Umwälzungen statt: die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und die Verlegung des Regierungssitzes von Bonn auf das historisch kontaminierte Terrain der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin. Dies führte einerseits zur Zuspitzung des Konflikts, andererseits aber auch zu seiner Lösung – die politischen Ereignisse brachten nämlich die vom Kalten Krieg überlagerten deutschen Verbrechen der NS-Zeit und die Frage nach einer angemessenen Form der Erinnerung auf die Tagesordnung. Zur selben Zeit wurde über das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« und die »Topographie des Terrors« diskutiert. Das Jüdische Museum Berlin erschien nunmehr als das komplementäre Gegenstück zu diesen Gedenkstätten.

Die Einsetzung eines Beauftragten für Kultur und Medien durch die neue Bundesregierung 1998 und die Unterstützung des ersten Amtsinhabers, Michael Naumann, ermöglichten im Januar 2001 die Überführung des Jüdischen Museums Berlin in die Trägerschaft des Bundes. Seitdem beschäftigt es sich nicht mehr allein mit der jüdischen Geschichte Berlins, sondern mit der gesamten Geschichte der deutschen Jüd*innen bzw. der Jüd*innen im deutschsprachigen Raum.

Konzeption der Ausstellung und Museumseröffnung

Nach der Übernahme durch den Bund wurde das Jüdische Museum Berlin zum alleinigen Nutzer des Gebäudeensembles in der Lindenstraße: dem barocken Altbau und dem Erweiterungsbau von Daniel Libeskind. Die Ausstellungsflächen in beiden Gebäuden sollten für die Dauerausstellung und die zukünftigen temporären Ausstellungen genutzt werden.

W. Michael Blumenthal wählte nach dem Tod Weinbergs für die Realisierung der Ausstellung den neuseeländischen Anthropologen und Museumsmanager Kenneth C. Gorbey und seinen Mitarbeiter Nigel Cox. Beide waren am Aufbau des Nationalmuseums Te Papa in Wellington, Neuseeland, beteiligt gewesen und koordinierten nun ein Team von Mitarbeiter*innen, um die Dauerausstellung termingerecht zu eröffnen.

Porträtfoto von Ken Gorbey

Ken Gorbey, Projektdirektor des Jüdischen Museums Berlin von 2000–2002; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Die Ausstellung folgt einem chronologischen Konzept, setzt jedoch innerhalb der Epochen thematische Schwerpunkte. Sie erzählt von jüdischer Kultur im deutschsprachigen Raum und den Wechselbeziehungen zwischen Jüd*innen untereinander sowie zwischen Jüd*innen und Christ*innen bzw. Jüd*innen und Deutschen. Von der ersten Präsenz von Jüd*innen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland zur Römerzeit über eine erste Blüte im Mittelalter folgt der Weg der Emanzipation im 19. Jahrhundert bis zur Massenemigration und dem Massenmord an den europäischen Jüd*innen in der Zeit der NS-Herrschaft. Den Abschluss bildet die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland.

Der Gründungsdirektor unseres Museums W. Michael Blumenthal über den Aufbau und die Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin.

Das Ausstellungskonzept widersprach jenen Stimmen, die in der Debatte um die Errichtung des »Denkmals für die ermordeten Juden Europas« den Libeskind-Bau zum Holocaust-Mahnmal erklärt hatten. Entgegen der häufig erhobenen Forderung, die eindrucksvollen Räume leer zu belassen, verstanden W. Michael Blumenthal und seine Mitarbeiter*innen das Jüdische Museum nicht allein als Ort der Erinnerung, sondern setzten den Schwerpunkt auf die lebendige Vermittlung jüdischer Geschichte.

Eine als Schabbat-Tisch bestückte Vitrine im Inneren des Libeskind-Baus mit Fensterschlitzen

Schabbat-Tisch und Vitrinen im Ausstellungsbereich »Tradition und Wandel« kurz vor der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Marion Roßner

Am 9. September 2001 eröffnete das Jüdische Museum Berlin mit einem festlichen Konzert unter der Leitung von Daniel Barenboim. Beim anschließenden Gala-Dinner sprachen der damalige Bundespräsident Johannes Rau und W. Michael Blumenthal vor 850 prominenten Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aus dem In- und Ausland.

Die Öffnung für das Publikum war für den 11. September 2001 geplant und musste wegen der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York um zwei Tage verschoben werden.

Weiter zum nächsten Kapitel der Museumsgeschichte »Das Museum seit der Eröffnung«.

Museumsgeschichte (5) Ideen, Debatten, Entscheidungen, Eröffnung Alle anzeigen

Ideen, Debatten, Entscheidungen, Eröffnung

Hier finden Sie die Entstehungsgeschichte unseres Museums in vier Kapiteln und einer chronologischen Übersicht – vom ersten Jüdischen Museum in Berlin, das 1938 zwangsweise geschlossen wurde und an dessen Sammlungskonzept unser Museum anknüpft, bis zur Benennung unserer Akademie nach dem Gründungsdirektor W. Michael Blumenthal im Jahr 2016.

Vorgeschichte (1971–1992)

1971 entstand in West-Berlin die Idee eines Jüdischen Museums, das an das Berlin Museum angebunden sein sollte. 1992 wurde schließlich der Grundstein des dafür vorgesehenen Gebäudes nach dem Entwurf von Daniel Libeskind gelegt.

Kontroversen und Widersprüche (die 1990er-Jahre)

In den 1990er-Jahren spitzen sich die Konflikte zwischen denjenigen, die für ein eigenständiges Jüdisches Museum in Berlin eintraten, und denjenigen, die es als Teil des Berlin Museums verstanden, immer mehr zu.

Politische Entscheidungen (2001)

Die Ernennung W. Michael Blumenthals zum Museumsdirektor sowie die Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin führten schließlich zu einem eigenständigen Jüdischen Museum Berlin, das am 9. September 2001 eröffnete.

Seit der Eröffnung (2001–heute)

Mit Ausstellungen und Publikationen, der pädagogischen Arbeit und einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm entwickelte sich unser Museum zu einem lebendigen Ort der Reflexion über jüdische Geschichte und Kultur sowie über Migration und gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland.

Zeitleiste (1933–2015)

Ein Überblick anhand von Daten:
Von der Eröffnung des ersten Jüdischen Museums in Berlin 1933 bis zur Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz 2015 an W. Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des heutigen Jüdischen Museums Berlin.