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Die Malerei auf dem Weg ins Gebethaus zeigt eine Schlange älterer Menschen in einer Dorf ähnlichen Kulisse

Die Vorderseite des Gemäldes von Jakob Steinhardt mit der Darstellung „Auf dem Weg ins Bethaus“ nach der Restaurierung, 1921, Öl auf Lein­wand; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2000/200/0, Foto: Roman März

Wenn die Leinwand die Malerei nicht mehr trägt

Neue Konservierungsmethode für das Gemälde Auf dem Weg ins Bethaus von Jakob Steinhardt

Franziska Lipp

Bevor ein Gemälde in der Dauerausstellung an seinem Platz hängt, prüfen wir Res­taurator*innen den Zustand und führen bei Bedarf konser­vatorische Maß­nahmen durch. Als wir das gerahmte Gemälde Auf dem Weg ins Bethaus von Jakob Steinhardt zum ersten Mal sichteten, konnten wir zunächst keine gravierenden Schäden fest­stellen.

Umso größer war unsere Über­raschung, als wir es aus dem Zier­rahmen nahmen: stark wechselnde Luft­feuchtigkeit, rostige Nägel und eine lose Befestigung im Zier­rahmen hatten zu großen Rissen und Löchern an den Außen­kanten des Gemäldes geführt. Jetzt lag im Rahmen eine braune Staub­schicht aus abge­fallenen, kleinsten Lein­wand­fasern. In diesem Zustand bot die Lein­wand kaum Stabilität für die schwere, dick auf Vorder- und Rück­seite aufgetragene Öl­malerei. Meine Aufgabe war es, eine neue Methode zu entwickeln, um die Lein­wand zu stabilisieren.

Schritt 1: Das geeignete Material finden

Eine Möglichkeit, um stark beschädigte Leinwandkanten eines Gemäldes zu konservieren, ist das Bekleben der Rückseite des geschwächten Randes mit einem Textil – unter Restauratoren als „Randdoublierung“ bezeichnet. Zur besseren Stabilisierung wird diese oft auf der Rückseite der Leinwand bis hinter den bemalten Bereich der Vorderseite geklebt. Da sich in meinem Fall auf der Rückseite von Steinhardts Gemälde aber ebenfalls Malerei befindet, sollte die Randdoublierung diesen Bereich so wenig wie möglich verdecken.

Eine junge Frau steht an einem Arbeitstisch in einem Atelier, vor ihr liegt ein altes Ölgemälde.

Franziska Lipp entwickelte für das beid­seitig bemalte Gemälde eine neue Methode der Konser­vierung; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Stephan Pramme

Die Wahl fiel auf zwei Japan­papiere, zwei dünne Leinen­stoffe und ein feines Seiden­gewebe.
Man sieht die beiden Gemälde nebeneinander; eines zeigt eine Schlange ältere Menschen in Dorf ähnlicher Kulisse, das andere ein Porträt eines jungen Mannes

Das Gemälde vor der Restaurierung: Jakob Steinhardt, Auf dem Weg ins Bethaus, 1921 (Vorderseite), Porträt eines jungen Mannes, undatiert (Rückseite, quer zur Vorderseite), Öl auf Leinwand, 61,6 x 63,6 x 2,4 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2000/200/0, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu diesem Gemälde finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Aufgrund dieser speziellen Problematik, verglich ich zunächst mit Hilfe einer Test­reihe verschiedene Materialien, die sich zur Stabili­sierung von stark zerstörten Lein­wand­rändern eignen könnten. Durch Recherchen und Gespräche mit Restaurator*innen verschiedener Speziali­sierungen konnte ich zahlreiche Materialien für die Test­reihe identifizieren. Bei den Stabilisierungs­geweben fiel meine Wahl auf zwei Japan­papiere, zwei dünne Leinen­stoffe und ein feines Seiden­gewebe. Als Klebe­mittel entschied ich mich für eine Acrylkleber­mischung sowie einen gebrauchsfertigen Klebe­mittel­film, der sich in der Restaurierung von Lein­wänden bewährt hat.

In der Restaurierung sind zwei Kriterien besonders wichtig: die Materialien müssen lange halten, ohne sich zu verändern und im Ideal­fall wieder vollständig entfernbar sein. So können Restaurator*innen sicherstellen, dass das Gemälde nicht beschädigt wird und zukünftige Restaurierungen nicht beeinträchtigt werden.

Da kein Stabilisierungs­material alle meine Anforderungen gleichermaßen erfüllen kann, war das Ziel der Test­reihe herauszufinden, welche Kombination aus Gewebe beziehungsweise Papier und Klebe­mittel am besten für Steinhardts Gemälde geeignet ist. Um den beklebten Bereich weiterhin zu sehen, suchte ich ein dünnes Textil oder Papier, welches gemeinsam mit dem Klebe­mittel eine hohe Transpa­renz bekommt. Gleichzeitig sollte die Rand­doublierung die empfindliche Leinwand ausreichend stabilisieren, um ein erneutes Auf­spannen auf einen neuen Keil­rahmen zu ermöglichen.

Schritt 2: Die Testreihe

Für die Test­reihe kombinierte ich die ausgewählten Textilien und Papiere jeweils mit einem der beiden Klebe­mittel und klebte sie auf eine kleine Test-Leinwand, die in ihrer Webart und Stärke dem Original ähnelte. So konnte ich die Kombinationen direkt miteinander vergleichen und die folgenden Eigen­schaften bewerten.

  • Wie gut hält das aufgeklebte Textil/Papier an der originalen Lein­wand, auch beim Falten und unter Zug?
  • Wie gut stabilisiert das aufgeklebte Textil/Papier den beschädigten Lein­wand­bereich?
  • Wie gut ist der Zustand des Unter­grundes durch das Textil/Papier sichtbar?
  • Wie viel dicker ist der Bereich mit einer Textil-/Papier­beklebung im Gegensatz zur einfachen originalen Lein­wand?
  • Wie flexibel oder steif ist der Bereich mit einer Textil-/Papier­beklebung im Gegensatz zur originalen Lein­wand?
  • Wie leicht lässt sich die Rand­doublierung wieder entfernen?

Die besten Ergebnisse erzielte ein feines Seidengewebe, das ich mit einer dünnflüssigen Acrylklebermischung bestrichen hatte. Die Wärme eines Heizspachtels reichte aus, um den Kleber auf der Seide zu erweichen, sodass er wieder klebrig wurde und das Seidengewebe an der Leinwand haftete, ohne diese mit Klebemittel zu tränken. Auch bei einem Test an der Ecke der Original-Leinwand überzeugte diese Kombination.

Schritt 3: Die Restaurierung

In Vorbereitung auf die Rand­doublierung hatte ich bereits vor der Test­reihe die Mal­schicht auf der Vorder- und Rück­seite vorsichtig gereinigt. Da der originale Keil­rahmen sehr scharfkantig und instabil war, nahm ich ihn ab, um ihn später durch einen neuen mit abgerundeten Ecken zu ersetzen. Zur Trennung von Lein­wand und Keil­rahmen legte ich das Gemälde mit der Vorder­seite nach unten auf einen gepolsterten Tisch und sah für lange Zeit nur die Rück­seite des Gemäldes.

Durch die Vergrößerung des Mikroskops konnte ich die Risse in der Lein­wand mit feinen Leinen­fäden schließen.

Für die Stabilisierungs­arbeiten an den Beschädi­gungen der Gemälde­ränder nutzte ich das Mikroskop unserer Werkstatt. Unter dieser Vergrößerung schloss ich zunächst die Risse und Löcher mit feinen Leinen­fäden und kleinen Lein­wand­stückchen, die exakt in die fehlende Stelle ein­geklebt werden. Durch die Verwendung von hellem Leinen ist die Ergänzung deutlich von der dunklen Original-Leinwand zu unterscheiden. Im nächsten Schritt brachte ich an den Rändern der Lein­wand-Rückseite das Seidengewebe aus der Test­reihe an. Da viele Löcher in der Lein­wand direkt bis an die Mal­schicht heranreichten, konnte ich eine ausreichende Stabilisierung nur erreichen, indem ich das Seiden­gewebe teilweise bis zu 5 Millimeter auf die Mal­schicht klebte. Durch die Transparenz der Seide sind diese Malschicht­bereiche dennoch weiterhin sichtbar.

Nach der erfolgten Stabilisierung der Lein­wand, konnte ich das Gemälde auf seinen neuen Keil­rahmen aufspannen. Erst zu diesem Zeit­punkt sah ich die Vorder­seite mit der Dar­stellung Auf dem Weg ins Bethaus nach monate­langer Arbeit an der Rück­seite wieder. Abschließend kontrollierte ich die allgemeine Stabilität der Mal­schicht, füllte kleine Fehl­stellen mit Kitt und retuschierte diese Bereiche.

Der originale Keil­rahmen war für eine erneute Verwendung zu instabil und hätte mit seinen scharfen und splitternden Außen­kanten die Lein­wand erneut beschädigt. Da wir vermuten, dass Jakob Steinhardt diesen Keil­rahmen selbst baute, lagern wir ihn im Museums­depot.

Schritt 4: Vorbereitung für die Ausstellung

Für die Ausstellung wurde das Gemälde gerahmt und bekam einen durch­sichtigen Rück­seiten­schutz. Dieser ermöglicht uns Restaurator*innen, den Zustand der Lein­wand sowie die rück­seitige Malerei zu sehen, ohne das Gemälde aufwendig aus dem Zier­rahmen nehmen zu müssen.

In der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin befinden sich mehrere doppel­seitig bemalte Gemälde von Jakob Steinhardt. Bei Bedarf können diese mit einer angepassten Version der von mir entwickelten Methode gesichert werden. Das Gemälde Auf dem Weg ins Bethaus sowie weitere Werke des Künstlers hängen in der Dauerausstellung im Themenraum Kunst und Künstler. Weitere Werke von Jakob Steinhardt finden Sie in unserer Online-Sammlung.

Zitierempfehlung:

Franziska Lipp (2020), Wenn die Leinwand die Malerei nicht mehr trägt. Neue Konservierungsmethode für das Gemälde Auf dem Weg ins Bethaus von Jakob Steinhardt.
URL: www.jmberlin.de/node/7665

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