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Der Architekt denkt mit den Augen

Zvi Hecker, Jüdische Grundschule Berlin: Entwurfsskizze „rainwater collection“, Berlin, 1993, Ankauf, 2001

Farbige Entwurfszeichnung von Zvi Hecker mit Spirale aus Keilen, Halbzylindern und Pyramiden

Zvi Hecker, Jüdische Grundschule Berlin (Heinz-Galinski-Schule): Entwurfsskizze „rainwater collection“ (Maßstab 1:100), Berlin, 1993, Bleistift, Buntstift, Deckweiß auf Diazotypie; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2001/49/1, Foto: Jens Ziehe

Die Heinz-Galinski-Schule war der erste Neubau für eine jüdische Schule in Berlin nach dem Holocaust. Darüber hinaus war es der erste Neubau der jüdischen Gemeinde seit dem 1959 eröffneten Gemeindezentrum in der Charlottenburger Fasanenstraße.

Dringend benötigt als Bildungseinrichtung für die wachsende jüdische Gemeinde, hatte das Projekt auch eine große symbolische Bedeutung. Bei seiner Fertigstellung 1995 stand der Bau auch für das Wiederaufleben der Gemeinde durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, wiewohl die Planungen bereits lange zuvor begonnen hatten.

Der am Rande des Grunewalds gelegene Bauplatz verlangte nach einem locker gefügten Baukörper. Zvi Hecker entwarf ein Ensemble, dessen Bauteile durch einen schlangenförmigen Gang verbunden sind: eine kleine Stadt, in der Höfe, Plätze und Straße vielfältige Erlebnisräume bieten.

Entwurfsmodell aus Holz des im Fließtext beschriebenen Gebäudes

Entwurfsmodell von Zvi Hecker für die Jüdische Grundschule Berlin (Heinz-Galinski-Schule); Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2015/539/0, Schenkung, Foto: Jens Ziehe

Zvi Hecker

Zvi Hecker, 1931 in Krakau geboren, studierte Architektur am Technion in Haifa und Malerei in Tel Aviv. In Israel realisierte er Bauten, die, aus polyedrischen Kristallstrukturen entwickelt, heute zum architekturgeschichtlichen Kanon des Landes zählen. Er erfuhr zahlreiche Ehrungen; seine Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, unter anderem mehrere Male auf der Architekturbiennale in Venedig.

Sonnenblume und aufgeschlagenes Buch

Zvi Heckers Entwürfe entwickeln sich aus dem Wechselspiel zwischen der Bestimmung der Gebäude, den örtlichen Gegebenheiten und Materialien und Bildern des kulturellen Gedächtnisses – aus der Verbindung einer geometrischen Struktur mit einem poetischen Bild. Im Fall der Heinz-Galinski-Schule ist es die kreisende Spirale aus Keilen, Halbzylindern und Pyramiden, die die Form einer Sonnenblume aufnimmt, in der aber auch die des aufgeschlagenen Buches enthalten ist: die Schule als „Haus des Buches“, wie das hebräische Wort dafür lautet.

Schwarz-weiß-Porträt von Zvi Hecker

Zvi Hecker (geb. 1931), 1997; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2001/238/2, Foto: Udo Hesse. Weitere Informationen zu diesem Foto finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Entwurfszeichnung  mit einer kreisenden Spirale aus Keilen, Halbzylindern und Pyramiden

Zvi Hecker, Entwurfszeichnung eines Fassadendetails für die Heinz-Galinski-Grundschule in Berlin-Charlottenburg, Berlin 1993, Bleistift, Buntstift auf Diazotypie; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2001/49/2, Foto: Jens Ziehe

Zvi Heckers Arbeitsweise

An der Skizze wird Zvi Heckers Arbeitsweise deutlich, der seine Entwürfe zunächst zeichnet und dessen Zeichnungen auch eigenständige Kunstwerke sind. In diesem Fall schrieb er einen als Diazotypie reproduzierten Plan fort, indem er darauf mit Bleistift, Buntstift und Deckweiß Lösungen für spezielle Fragestellungen, wie das Auffangen von Regenwasser, suchte.

„Ich zeichne, weil ich denken muss“, sagt Zvi Hecker und schreibt über die Bedeutung des Zeichnens für seine Arbeit als Architekt:

„Computerzeichnungen sind ein notwendiges Kommunikationsmittel zwischen dem Architekten und seinen Mitarbeitern und schließlich mit den Bauleuten vor Ort.
[…] Die Bedeutung und Einzigartigkeit von Handzeichnungen liegen nicht in der Klarheit ihrer Aussage, sondern in der ihnen innewohnenden Unvollkommenheit. […] Da unser Geist nie die vollständige Kontrolle über unsere Hand hat, kann sie Zeichen schaffen, die für Interpretationen offenbleiben. Nicht nur einmal war ich überrascht, wie das Zeichnen mit der Hand Möglichkeiten hervorbringen kann, die ich mir höchstwahrscheinlich nicht bewusst hätte vorstellen können. […] In dieser Hinsicht helfen Handzeichnungen, die vagen Überlegungen des Verstandes in visuelle Bilder eines sich entwickelnden Konzepts zu kanalisieren. Es liegt dann an den Augen, sie nachzuvollziehen und ihre Bedeutung zu entschlüsseln.
Der Architekt denkt mit den Augen.“ (Zvi Hecker: I Draw Because I Have to Think, in: Andres Lepik (Hg.): Zvi Hecker. Sketches, Ostfildern (Hatje Cantz) 2012, S. 21, Übersetzung Inka Bertz)

Werke von Zvi Hecker in unserer Sammlung

Neben den Zeichnungen für die Heinz-Galinski-Schule (1990 –1995) erwarb das Jüdische Museum schon 1996 die beiden Modelle „The school as an open book“ und „Berliner Berge“. Nach den 2001 erworbenen beiden großformatigen Zeichnungen zur Heinz-Galinski-Schule gelang 2015 mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums Berlin der Ankauf eines umfangreichen Konvoluts, das Zvi Hecker durch Geschenke und Dauerleihgaben erweiterte. Dazu zählen vor allem Zeichnungen und Modelle für das Gemeindezentrum in Duisburg (1996–1999) und ein Modell seines Entwurfs für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Seit den 1990er Jahren waren die kleinen jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik durch neue Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion stark angewachsenen. Unter den dafür neu errichteten Synagogen und anderen Gemeindebauten zählen Zvi Heckers Entwürfe zu den bedeutsamsten. Darüber hinaus zeigen seine Wettbewerbsbeiträge, wie derjenige für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, seine Beteiligung an der Gestaltung der historischen Topographie Berlins – der Stadt, in der er lebt, seit ihn das Projekt der Heinz-Galinski-Schule hierherführte.

Inka Bertz, Kuratorin für Bildende Kunst

Entwurfszeichnung in Bleistift und Grüntönen mit Strahlen-Anmutung

Zvi Hecker, Jüdisches Gemeindezentrum Duisburg: Enwurfsskizze mit Detailskizzen, 1998, Bleistift, Buntstift auf Elektrofotografie; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2015/526/0, erworben mit Unterstützung der Freunde des Jüdischen Museums Berlin, Foto: Jens Ziehe

Zitierempfehlung:

Inka Bertz (2021), Der Architekt denkt mit den Augen . Zvi Hecker, Jüdische Grundschule Berlin: Entwurfsskizze „rainwater collection“, Berlin, 1993, Ankauf, 2001.
URL: www.jmberlin.de/node/8271

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