„Wir sind nicht mehr nur zu Gast, sondern gehören dazu“

Ein Interview mit Elena Bashkirova

Sylvia Winkler

Mit Händels „Ankunft der Königin von Saba“ wurde am 21. April 2018 die siebte Ausgabe des Kammermusikfestivals „intonations“ im Glashof des Jüdischen Museums Berlin eröffnet. Im Anklang an unsere Ausstellung Welcome to Jerusalem griff das Programm immer wieder Stücke auf, die die Heiligkeit Jerusalems verhandeln. Elena Bashkirova, künstlerische Leiterin des Festivals, ließ sich durch die Ausstellung führen und sprach mit uns im Anschluss über die „heilige Stadt“, die Etablierung der intonations in Berlin und die Musik der kommenden Festival-Tage:

Frau Bashkirova, Sie haben sich heute die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ angeschaut. Welche Beziehung haben Sie zu dieser Stadt?

Jerusalem hat für mich eine ganz eigene Aura: die Architektur der Stadt, ihre Geschichte, ihre Bewohner*innen und ihr magisches Licht. Die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin gibt einem das Gefühl, sich mitten in der Stadt zu befinden. Obwohl ich schon oft in Jerusalem war, habe ich viele neue Details entdeckt. Die Ausstellung macht Lust auf mehr. Ich werde sie mir auf jeden Fall noch ein zweites Mal anschauen.

1998 haben Sie das „Jerusalem International Chamber Music Festival“ in Jerusalem gegründet. Warum haben Sie sich gerade für diesen Ort entschieden? Haben Sie nicht größere biografische Bezüge zu Städten wie Moskau oder Berlin?

Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, das Festival in Jerusalem zu gründen. Mit der zunehmenden religiösen Restriktion stirbt Jerusalem seit 1998 kulturell immer mehr aus. Viele Musiker*innen und Künstler*innen zieht es ins liberalere Tel Aviv. Mit der Gründung des Festivals wollte ich ein Zeichen gegen diese Entwicklung setzen, die sich bis heute fortsetzt.

Auf dem Farbfoto ist Elene Bashkirova in schwarzem Blazer und violett gemustertem Schal zu sehen. Im Hintergrund ist die Jerusalem-Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin zu erkennen.

Elena Bashkirova; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jule Roehr

Ihr Kammermusikfestival „intonations“ findet seit 2012 auch im Jüdischen Museum Berlin statt. Gab es in den vergangenen Jahren während des Festivals ein Erlebnis, das Sie besonders in Erinnerung behalten haben?

Es gibt viele schöne Anekdoten von Erlebnissen auf und hinter der Bühne, da kann ich mich gar nicht so recht entscheiden. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist der große Zuspruch der Musiker*innen und des Publikums. Auch für das diesjährige Festival reist wieder ein Paar aus Neuseeland an, um sich alle sechs Konzerte anzuhören. Das finde ich großartig. Mittlerweile ist intonations ein wiederkehrender und damit fester Bestandteil des Museums geworden. Es hat sich ein Gefühl von Selbstverständlichkeit eingestellt. Wir sind nicht mehr nur zu Gast, sondern gehören dazu.

Eigentlich sieht man Sie selten mit Ihrem Ehemann Daniel Barenboim Musik machen. Wie kam es dazu, dass Sie diesmal bei „intonations“ gemeinsam zu sehen sind?

Wir haben uns darauf geeinigt, Privat- und Berufsleben voneinander zu trennen. Zu Hause sind unsere Arbeit und die Musik aber trotzdem ständig Thema. Als ich Daniel das Programm und die Künstler*innen für das diesjährige Festival gezeigt habe, hat er mich angeschaut und gesagt: „Mich hast du nicht eingeladen?“ (lacht) Doch das habe ich natürlich getan und ich freue mich sehr, dass er die Zeit gefunden hat, am Sonntag mit mir vierhändig am Klavier aufzutreten. Damit ist er bei intonations schon zum dritten Mal dabei.

Welchen Themenschwerpunkt setzen Sie als Festivalleiterin in diesem Jahr?

In diesem Jahr gibt es zwei Themenschwerpunkte: Zum einen die Musik der Wiener Klassik aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Neben Kompositionen der drei bedeutendsten Vertreter dieser Epoche, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven, werden auch Werke von Franz Schubert, Johannes Brahms und Gustav Mahler zu hören sein. Zum anderen sind begleitend zur Ausstellung Welcome to Jerusalem immer wieder Stücke zu hören, die die Stadt in den Fokus rücken.

Welches Highlight erwartet das Publikum in diesem Jahr?

Liebhaber*innen der französischen Kammermusik kommen am fünften Festivaltag, dem 25. April, ganz besonders auf ihre Kosten. An diesem Abend sind Werke von Darius Milhaud, Jean Marie Leclair, Guillaume Lekeu, Ernest Chausson und Jean-Baptiste Barrière zu hören und der israelische Shootingstar Lahav Shani spielt zweimal am Klavier. Am Tag darauf wird dann eines meiner Lieblingsstücke dargeboten: Das Streichoktett von Felix Mendelssohn Bartholdy. Wie jedes Jahr bildet es den krönenden Abschluss des Festivals. Es gibt kein Stück, das so gute Laune verbreitet und uns so positiv in die Zukunft schauen lässt wie dieses. Ich freue mich, dass diesmal Liza Ferschtman als erste Geige zu hören sein wird. Sie ist in diesem Jahr zum ersten Mal mit dabei.

Die Fragen stellte Sylvia Winkler, die gemeinsam mit ihrer Mutter dem Streichsextett „Souvenir de Florence“ von Tschaikowsky am dritten Festivaltag entgegenfieberte.

Auf dem Farbfoto deutet im Vordergrund Margret Kampmeyer auf ein Objekt außerhalb des Bildausschnitts. Elena Bashkirova betrachtet das Bild lachend.

Die Kuratorin Margret Kampmeyer führt Elena Bashkirova durch die Ausstellung Welcome to Jerusalem; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jule Roehr

Zitierempfehlung: 
Sylvia Winkler (2018), „Wir sind nicht mehr nur zu Gast, sondern gehören dazu“. Ein Interview mit Elena Bashkirova.
URL: www.jmberlin.de/node/6449
Hintergrund-Infos (9) Beiträge zur Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ Alle anzeigen

Beiträge zur Ausstellung „Welcome to Jerusalem“

Unsere Ausstellung Welcome to Jerusalem war von 11. Dezember 2017 bis 1. Mai 2019 zu sehen. Begleitend zur Ausstellung schrieben Mitarbeiter*innen darüber, wir führten Interviews mit unseren Guides oder sprachen mit unseren Besucher*innen. Alle Blogbeiträge über die Ausstellung finden Sie ab jetzt hier.

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