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„Die Fragen kamen erst im Nachhinein“

Ein Gespräch über eine rituelle Beschneidung, die gemischte Gefühle auslöste

Naomi ist vor sechs Jahren zum Judentum übergetreten. Wenig später wurde sie schwanger, zog zu ihrem Freund Avishay nach Tel Aviv und bekam einen Sohn, Yair, der nach traditionellem Ritus beschnitten wurde. Mittlerweile leben alle drei – wenn auch getrennt – in Berlin. Im Gespräch hat Naomi mir die Fotos gezeigt, die sie von der Beschneidungsfeier machte, und erzählt, was sie damals und heute beschäftigt.

Was war dein erster Gedanke, als du erfuhrst, dass du einen Sohn bekommst?

Ich habe mich sehr gefreut. Avishay und mir war auch immer klar, dass wir ihn beschneiden lassen würden, aber wir haben uns darüber keine weiteren Gedanken gemacht und auch keinerlei Vorbereitungen getroffen. Im Judentum ist es nämlich so, dass man erst einmal abwartet, bis das Kind geboren wird und auch erst dann Babysachen kauft und sich um die Beschneidung kümmert. Vor der Geburt kann schließlich noch alles Mögliche passieren.

Das heißt für dich war klar: ich bin nun Jüdin und lasse meinen Sohn beschneiden?

Ja. In meinem Übertrittskurs spielte die Beschneidung eine zentrale Rolle und uns wurde vermittelt: Sie ist das Zeichen des Bundes und wir lernten auch kennen, wie der Ritus vollzogen wird. Ich muss allerdings sagen, dass es doch etwas anderes ist, wenn man die rituelle Beschneidung dann live erlebt.

Schwarz-weiß Fotografie zeigt einen Tisch vor einem Fenster mit einer Babyschale, links davon ein Stuhl

Vor der Beschneidungsfeier: der Stuhl des Paten und die Babyschale mit Yair. Foto: Birgit Glatzel, Veröffentlichung mit Genehmigung der Künstlerin

Die Brit Mila deines Sohnes war also die erste rituelle Beschneidungsfeier in deinem Leben?

Ja. Aber auch Avishay, der schon mehrere Feiern miterlebt hatte, hat den Akt der Beschneidung seines Sohnes anders empfunden. Er stand ja auch direkt daneben und fing anschließend an, über das Thema noch einmal grundsätzlich nachzudenken. Er hat viel dazu gelesen und recherchiert. Inzwischen gibt es ja viele kritische Stimmen in Israel gegenüber der Beschneidung und Avishay gehört nun zu ihnen.

Zurück zu der Zeit davor: War für euch beide klar, dass ihr eine rituelle Beschneidung vollziehen wollt?

Ja – allerdings war uns wichtig, einen Mohel zu finden, der auch Arzt ist. Yair war ja eine Frühgeburt und wir mussten erst einmal warten, bis er genügend Gewicht hat, um ihn beschneiden zu lassen. Deshalb war es mir besonders wichtig, dass jemand die Situation auch medizinisch einschätzen kann.

Wie lange musstet ihr warten?

Etwa zwei Wochen. Es gibt da so eine Art Minimalgewicht, das ein Baby haben muss, bevor es beschnitten werden kann und dieses hatte Yair nach zwei Wochen erreicht. Die gesamte Familie von Avishay hat damals darauf gewartet, dass es so weit ist, und der Vater rief uns täglich an. Mich hat das damals ziemlich gestresst, weil ich das Gefühl hatte, dass es gar nicht um mein Wohlbefinden oder das von Yair geht, sondern nur darum, dass dieser jetzt so schnell wie möglich zunehmen soll, damit das Fest stattfinden kann. Das war ein wirklich großer Druck.

Schwarz-weiß Fotografie zeigt mehrere Menschen, die um einen Mann herumstehen, der ein Baby auf dem Schoß hat

Unmittelbar vor der Beschneidung durch den Mohel. Yair liegt auf dem Schoß seines Paten, Vater und Großonkel sehen zu. Foto: Birgit Naomi Glatzel, Veröffentlichung mit Genehmigung der Künstlerin

Und wo hat die rituelle Beschneidung dann stattgefunden? Im Krankenhaus oder bei euch zuhause?

Dadurch dass wir nicht geheiratet haben, wurde die Beschneidungsfeier als eine große Familienfeier begangen, für die Avishay und sein Vater extra einen Ort gesucht und angemietet haben. Wir haben die Situation dann allerdings insofern etwas unkonventionell gestaltet, als die ganze Zeit Balkanmusik lief. Im Endeffekt war es für die meisten Mitglieder von Avishays Familie und für unsere Freunde vor allem ein großes Essen. Es kamen etwa 80-100 Leute.

Und wie ging es dir während der Feier?

Ich habe mich damals an der Kamera festgehalten. Ich hatte mir das schon vorher überlegt: Ich beobachte das Ganze durch die Kamera und bin auf diese Art und Weise dabei, habe aber auch eine gewisse Distanz. Häufig sind die Mütter ja gar nicht unmittelbar dabei – viele Frauen fanden es dementsprechend auch erstaunlich, dass ich das unbedingt wollte. Ich war währenddessen dann allerdings wie benebelt und erst danach dachte ich: war das jetzt heftig. Die Realität der Beschneidung ist echt etwas anderes als das, was man vorher über das Ritual weiß oder sich in Filmen ansehen kann. Vielleicht wollte ich mich vorher auch nicht mit dieser Realität beschäftigen, weil ich dann in tausend Konflikte gekommen wäre.

Was hast du mit den Fotos gemacht. Hast du ein Album erstellt? Wo hast du sie aufbewahrt?

Ich habe die Fotos ja mit einer Rolleiflex aufgenommen und sie dann eingescannt. Sie sind nun in einem Ordner in meinem Computer, aber es gibt kein eigens erstelltes Album.

Schwarz-weiß Fotografie zeigt mehrere Menschen, die um einen Mann herumstehen, der ein Baby auf dem Schoß hat

Großvater und Vater blicken auf den Mohel, der Urgroßonkel auf das Kind. Foto: Birgit Naomi Glatzel, Veröffentlichung mit Genehmigung der Künstlerin

Heißt das, dass das Thema für dich noch nicht wirklich abgeschlossen ist, weil die Fragen erst im Nachhinein kamen?

Ja, die kamen erst danach. Zum Beispiel die Frage, ob Yair jetzt wohl traumatisiert sein könnte. Oder auch: was hier eigentlich passiert ist? Für mich war es immer sehr wichtig, dass Yair durch die Beschneidung nicht anders ist, als andere Jungs in Israel – auch wenn er eine deutsche Mutter hat.

Würdest du denn, falls du noch einmal einen Sohn bekommen solltest, diesen ebenfalls beschneiden lassen?

Das kann ich nicht wirklich sagen, weil ich nicht in der Situation bin. Wahrscheinlich schon – aber im Krankenhaus.

Das Gespräch führte Mirjam Wenzel, Medien

Schwarz-weiß Fotografie mit einem Kleinkind in einem Gitterbett

Yair (ca. 4 Monate alt). Foto: Birgit Naomi Glatzel, Veröffentlichung mit Genehmigung der Künstlerin

Zitierempfehlung:

Mirjam Wenzel (2015), „Die Fragen kamen erst im Nachhinein“. Ein Gespräch über eine rituelle Beschneidung, die gemischte Gefühle auslöste.
URL: www.jmberlin.de/node/6573

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