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Ab 23. August 2020 präsentiert die vollständig neu gestaltete Dauer­ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Bis dahin bleibt das Jüdische Museum Berlin wegen Umbaus geschlossen.

Haut ab!

Haltungen zur rituellen Beschneidung

Die Beschneidung von Jungen ist ein jahrtausendealtes Ritual. Laut Statistik ist ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung aus unterschiedlichen Gründen beschnitten.

Mit der Ausstellung Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung gab das Jüdische Museum Berlin teils überraschende Einblicke in die Bedeutung dieses Rituals, über dessen religiöse und kulturhistorische Hintergründe wenig bekannt ist.

Ausstellung bereits beendet

Ort

Altbau 1. OG

Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin

Trailer zur Ausstellung Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung, Film: Robert Loebel, Sound: Julian Terbuyken; Jüdisches Museum Berlin

Ouvertüre

Der Ausstellung war ein Skulpturenreigen vorangestellt, der die Frage nach dem Körper des Anderen stellte: Aufgegriffen wurden dort sowohl außereuropäische Körperzeichen als auch archaische Reminiszenzen an die Beschneidung im Alten Orient – etwa in Form der Standfigur Snofru-nefer, eines ägyptischen Hofbeamten aus der 5. Dynastie (ca. 2400 v. u. Z.).
Zu sehen war auch die hyperrealistische Skulptur Murray von Evan Penny (1998) und damit ein Verweis auf die Körperbilder der Gegenwart: Wie 70 Prozent aller US-Amerikaner ist diese Figur beschnitten.

Round Table Trialog

Ausgehend vom jüdischen Konzept des Bundesschlusses, der über ein Körperzeichen besiegelt wird, beleuchtete die Ausstellung das Thema auch aus islamischer und christlicher Perspektive. Sie zeigte die Wurzeln des Rituals im Bund Abrahams mit Gott und untersuchte das Thema von der Beschneidung Jesu bis hin zu populärkulturellen Spuren in US-amerikanischen TV-Serien. Dabei kamen auch antisemitische und islamophobe Haltungen zur Sprache, die weit in die Vergangenheit weisen.

Judentum

Die Brit Mila, das rituelle Entfernen der Vorhaut am achten Lebenstag, ist eines der wichtigsten religiösen Gebote im Judentum. Die Ausstellung beleuchtete Gesetz und Brauchtum nicht nur mit Objekten, die zum Ritus selbst gehören, sondern auch mit solchen, die dessen Widerhall in Kunst und materieller Kultur zeigen.

Unter den mehr als 60 Objekten und Kunstwerken aus internationalen Sammlungen war auch eine Beschneidungsbank aus Deutschland von etwa 1750, die sonst in unserer Dauerausstellung zu sehen ist. Sie spielt auch in der folgenden Animation eine zentrale Rolle:

Ausstellungsplakat

Ausstellungsplakat mit dem Kampagnenmotiv; Jüdisches Museum Berlin, Gestaltung: www.buerominimal.de

Weitere Informationen zu dieser Beschneidungsbank finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Islam

In der islamischen Gemeinschaft ist die Beschneidung gleichsam Pflicht und Glaubenstradition. Obwohl das Ritual im Koran nicht explizit erwähnt wird, gilt es als Prophetentradition in der Nachfolge Ibrahims und wird festlich begangen.

Die historischen Darstellungen und Objekte von Beschneidungsfesten, die in der Ausstellung zu sehen waren, zeugen von einer Vielfalt an Festtagstraditionen und deren Fortwirken bis in die Gegenwart.

Das traditionelle türkische Karagöz-Schattentheater war im Osmanischen Reich fester Bestandteil des Unterhaltungsprogramms bei Beschneidungsfeierlichkeiten. Hier sieht man Figuren aus Die Beschneidung, oder: Des Verwundeten Erfreuung des Karagöz-Meisters Emin Senyer und Ensemble aus Istanbul, das 2015 im Jüdischen Museum Berlin aufgeführt wurde; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Christentum

Auch in der christlichen Ikonografie spielt die Rezeption des Beschneidungsrituals eine bedeutende Rolle. Beschneidungsszenen wie etwa diejenige von Peter Paul Rubens verdeutlichen, dass die »jüdische Geburt« Jesu und dessen Namensgebung am Tag der Beschneidung als Fest dargestellt und so auch innerhalb des Kirchenjahrs begangen wurden.

Die Ausstellung thematisierte aber auch die antijudaistischen Motive in den christlichen Bilderwelten, die sich bis hin zu den Darstellungen von Ritualmordbeschuldigungen verfolgen lassen.

Die Beschneidung Christi (Modello), Peter Paul Rubens, Genua, ca. 1605, Öl auf Leinwand; Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Beschneidungsdebatte 2012

2012 erklärte das Landgericht Köln die rituell begründete Knabenbeschneidung zur »einfachen Körperverletzung«. Das Urteil löste in Deutschland eine Debatte über das Ritual der Beschneidung aus, die international rezipiert wurde. Im letzen Raum der Ausstellung wurde diese Debatte aufgegriffen und das kontrovers diskutierte Thema in Dokumentationen, Filmclips und Interviews mal ernst, mal ironisch kommentiert.

Ansteckbutton mit der Aufschrift »Haut ab! Kippa auf!«, gelbe Schrift auf blauem Hintergrund

Dieser Button stammt von der Kundgebung Auf Messers Schneide. Religionsfreiheit. Juden, Muslime, Christen für Toleranz & Menschenrechte am 9. September 2012 auf dem Bebel-Platz in Berlin; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Informationen zur Ausstellung im Überblick

  • Wann

    24. Okt 2014 bis 1. Mär 2015

  • Wo

    Altbau 1. OG
    Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin
    Zum Lageplan

Partner
Logo: Wall AG
Medienpartner
Logo: ZITTY Logo: Yorck Kinogruppe Logo: taz.die tageszeitung Logo: chrismon. Das evangelische Magazin

Blick hinter die Kulissen: Beiträge zur Ausstellung „Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung“ (9)

Beiträge zur Ausstellung „Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung“

Die Blogbeiträge unserer Mitarbeiter*innen, die im Rahmen der Ausstellung Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung entstanden sind, können Sie nun hier auf unserer Website lesen.

Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung

Martina Lüdicke über die Entscheidung, den Fragen zum Thema Beschneidung in der Ausstellung Die ganze Wahrheit eine eigene Ausstellung zu widmen

Über Zugehörigkeiten und familiäre Kontroversen

Mirjam Wenzel im Gespräch mit Signe und Darrell über die Beschneidung und darüber, welche Rolle für sie die jüdische Tradition bei der Erziehung ihrer Kinder spielt

„Abhauen wollte ich nie“

Alice Lanzke im Gespräch mit Rabbiner David Goldberg über seine Reaktionen auf eine Anzeige gegen ihn als Beschneider wegen „gefährlicher Körper­verletzung“

„Die Fragen kamen erst im Nachhinein“

Mirjam Wenzel im Gespräch mit Naomi, die zum Judentum übergetreten ist und deren Sohn nach traditionellem Ritus beschnitten wurde.

Davids Beschneidung

Alice Lanzke erzählt, was heute noch über die Geschichte von Davids Beschneidung im Alter von 22 Jahren herauszufinden war.

Im Hamsterrad der Argumentation

Andy Simanowitz berichtet über hartnäckige Fragen und Argumentationsspiralen als Guide in der Ausstellung.

„Teil von etwas Ganzem“

Über die Selbstverständlichkeit der Beschneidung sprach Alice Lanzke mit Amitay und Meital aus Israel.

Eine Beschneidung für den Familienfrieden

Ein Interview von Alice Lanzke mit einer muslimischen Mutter über die Frage: Soll der vierjährige Sohn beschnitten werden?

„Es wäre aber in diesem Falle die beste Lösung, wenn ein Mädel käme.“

Jörg Waßmer findet im Nachlass von Fritz Wachsner Interessantes zur innerjüdischen Beschneidungsdebatte.