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Über Zugehörigkeiten und familiäre Kontroversen

Ein Gespräch über eine Beschneidung, die nicht stattfand

Signe und Darrell sind seit Langem ein Paar. Sie haben sich in den USA kennen­gelernt, leben seit 15 Jahren in Berlin und haben mittlerweile zwei Töchter und einen Sohn. Signe stammt mütterlicher­seits aus einer amerikanisch-jüdischen Familie, ihr Vater kommt aus einer deutsch-evangelischen; Darrell ist 100 % Nord­amerikaner – in seiner Familie gibt es puritanische Pastoren, Unitarian Ministers, Mormonen, katholische Befreiungs­theologen, liberale Muslime, säkulare Juden. Ich habe mich mit den beiden über die Beschneidung unterhalten und darüber, welche Rolle für sie die jüdische Tradition bei der Erziehung ihrer Kinder spielt.

Ihr habt zuerst eine Tochter und dann Zwillinge bekommen, von denen einer ein Junge ist. Hat euch die Frage, ob ihr euren Sohn beschneiden lassen wollt, während der Schwanger­schaft sehr beschäftigt?

Signe: Als ich erfahren habe, dass einer der Zwillinge ein Junge wird, war mein erster Gedanke: „Oh Mist – jetzt muss ich mich der Beschneidungs­frage stellen!“ Das Thema war – ist noch – für mich eher ambivalent. Wir haben ein paar Mal ernsthaft darüber gesprochen.

Darrell: Ich habe in Erinnerung, dass es kein großes Thema war – zumindest nicht zwischen uns und für mich. Hätte Signe auf einer Beschneidung bestanden, so hätte ich mich eventuell auch überreden lassen. Denn ich bin ja auch beschnitten worden. Das war für mich, oder eher für meine Eltern, keine religiöse Frage. Es war einfach die medizinische Norm in den USA. In Deutschland ist Beschneidung heute aber nicht die Norm.

Signe: Ich hatte nachgefragt, ob jemand unmittelbar nach der Geburt im Kranken­haus eine Beschneidung durchführen könnte und es stellte sich heraus, dass das nicht angeboten wird. Ich habe mir daher mehrere Adressen von Fachärzten besorgt, die eine Beschneidung innerhalb von acht Tagen durchführen.

Es war für dich also klar, dass die Beschneidung – auch wenn sie ohne Ritual vollzogen würde – dennoch am achten Tag stattfinden sollte?

Signe: Wenn, dann richtig. Das hat aber auch den praktischen Grund, dass man die Beschneidung innerhalb von acht Tagen ohne Betäubung durchführen kann.

Säugling, der Mittel- und Ringerfinger spreizt

Noch bevor die Beschneidungs­frage endgültig geklärt ist, übt der Sohn schon einmal die passende Geste …; Foto: privat

Schwarz-Weiß-Druck, der dreimal den Priestergruß vor einem Davidstern zeigt

…die priesterliche Geste des Segens beim Gottesdienst.
Vignette von Ephraim Moses Lilien; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jörg Waßmer

Was hat dann schließlich den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, es nicht zu tun?

Darrell: „If it ain’t broke, don’t fix it“ („was nicht kaputt ist, soll man auch nicht reparieren“). Die Beschneidung wäre ein chirurgischer Eingriff gewesen, der durch keinen gesund­heitlichen Umstand notwendig gemacht wurde. Also lieber es lassen.

Signe: Man muss schon ein starkes religiöses Gefühl haben, um das anders zu empfinden. Ich habe mich selbst gefragt, ob ich wirklich irreversibel entscheiden kann, dass mein Sohn das Zeichen der Zugehörigkeit zum Judentum tragen soll – und wenn nicht, warum nicht? Aber wir können unseren Kindern letztendlich keine Zugehörigkeit zu einer Religions­gemeinschaft vorgaukeln, wenn wir sie selber nicht leben. Andererseits ist mir auch klar, dass wir damit unsere eigene Wurzel­losigkeit an sie weitergeben.

Und wie habt ihr euch gefühlt, nachdem ihr euch gegen die Beschneidung entschieden hattet und der achte Tag vorbei war?

Signe: Ich war, ehrlich gesagt, sehr glücklich darüber. Nicht zuletzt auch, weil ich irgendwie das unerklärliche – und feministisch schwer zu recht­fertigende! – Gefühl hatte, dass ein Vater in einer gewissen Weise eine größere Souveränität über den Körper seines Sohnes hat als die Mutter, zumindest, was dies betrifft. Wenn ich auf die Beschneidung bestanden hätte, hätte ich in diese Beziehung interveniert.

Darrell: Meine Mutter war aufgrund der Vater-Sohn-Beziehung für die Beschneidung – sie ist nicht jüdisch, fand es aber sehr wichtig, dass der Junge so wie sein Vater aussieht und nicht anders. Aber dieser Grund hat mich nicht überzeugt. Ich meine, er hat auch blonde Haare – was viel schlimmer ist! Ich habe die Entscheidung nicht bereut.

Signe: Ich auch nicht. Aber ich muss zugeben – bei jedem Windel­wechseln fand ich es komisch, dass er nicht beschnitten ist!

Zurück zur Identitäts­frage: Wenn ihr nicht entschieden genug sagen konntet, dass euer Sohn das Zeichen des Bundes tragen und der jüdischen Gemeinschaft angehören soll, was sagt ihr ihm jetzt, wenn er fragt: „Bin ich Jude? Bin ich Christ“?

Signe: Ach, weißt Du – ich arbeite im Jüdischen Museum, unsere kleine Tochter spielt die Maria im Krippen­spiel der Kita, wir zünden Chanukka­lichter an und marschieren im Laternen­umzug mit. Am 9. November haben wir die Menschen getroffen, die die Stolper­steine in unserer Straße geputzt haben. Da hat mich meine ältere Tochter zum ersten Mal gefragt: „Hätten sie dich eigentlich auch ermordet?“ – und wir haben sehr lange über Krieg und verschiedene Arten von Hass gesprochen. Das beschäftigt sie mit ihren sechs Jahren gerade sehr. Ich glaube, die Identität unserer Kinder wird über ganz andere Fragen verhandelt werden, als wir im Vorhinein planen können.

Darrell: Wir versuchen immer, ausgeliehene Identitäten in Frage zu stellen. Die Umgebung in der Schule wird diese aber bestimmt stärken, wir fangen mit den Diskussionen im Grunde erst an.

Signe: Das stimmt – aber sollte unser Sohn mit 13 Jahren eine Bar Mizwa haben wollen, dann wird er uns bestimmt hassen!

Das Gespräch mit Signe und Darrell führte Mirjam Wenzel, Medien

Schwarz-weiß Zeichnung eines Mannes, der die Hand zum Gruß hebt, die Finger sind zwischen Mittel- und Ringfinger gespreizt.

… oder den vulkanischen Gruß; Jüdisches Museum Berlin, Zeichnung: Miriam und Naomi Lubrich

Zitierempfehlung:

Mirjam Wenzel (2014), Über Zugehörigkeiten und familiäre Kontroversen. Ein Gespräch über eine Beschneidung, die nicht stattfand.
URL: www.jmberlin.de/node/6593

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