Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung

„Haut ab!“ als Follow-up der Ausstellung „Die ganze Wahrheit“

Martina Lüdicke

Vor über einem Jahr endete am Jüdischen Museum die Ausstellung mit dem Titel Die ganze Wahrheit…was Sie schon immer über Juden wissen wollten. Übrig blieben – neben regen Diskussionen und leeren Schau­kästen – Tausende pink­farbener Post-its. Besucher*innen hatten ihre Fragen, Kommentare und Eindrücke nach dem Ausstellungs­besuch an eine Beton­wand geklebt und dem Museum hinter­lassen.

Entstanden war eine Art analoges Face­book, das über die Ausstellungs­inhalte hinausging. Besucher*innen kommentierten sich gegenseitig und warfen neue Fragen auf: zur Geschichte der Juden in Deutschland, zum Nahost­konflikt, zum Verhältnis von Christen­tum und Judentum und immer wieder zum Thema Beschneidung. Zu diesem Zeit­punkt hatte das Jüdische Museum Berlin schon beschlossen, dem brisanten Thema nicht nur einen weiteren Beitrag in der Serie „Frage des Monats“, sondern eine ganze Ausstellung zu widmen.

Wir erinnern uns: Im Mai 2012 hatte ein Kölner Land­gericht ein umstrittenes Urteil gefällt und die rituelle Beschneidung von Jungen durch einen Arzt als Körper­verletzung im Sinne des Strafgesetz­buches erklärt. Die richterliche Entscheidung löste eine breite öffentliche Debatte aus: Was bedeutet Religions­freiheit? Wer entscheidet über das Kindes­wohl? Wie viel Differenz erträgt eine säkulare Gesellschaft? Wer ist das Wir und wer das Ihr?

Wand voller rosa Notizzettel

Fragemauer, Ausstellung Die ganze Wahrheit; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Thomas Valentin Harb

Nahaufnahme einer grauen Wand mit beschrifteten rosa Notizzetteln

Fragen und Kommentare zur Beschneidung; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Martina Lüdicke

In unserer neuen Ausstellung Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung setzen wir an diesem Punkt an und beleuchten – aus der Perspektive der drei monotheistischen Religionen – die Frage nach der Bedeutung des Beschneidungs­rituals. Wir tun das mit den Mitteln kultur­historischer Ausstellungen: mit Gemälden, Skulpturen, Fotografien, mit Ritual- und Alltags­gegenständen sowie einer ganzen Reihe von Film­ausschnitten.

In Vorbereitung auf die Ausstellung haben wir uns die Post-its mit Fragen zur Beschneidung noch einmal angesehen. Warum die Beschneidung in der jüdischen Tradition von zentraler Bedeutung ist, erfahren Sie ab dem 23. Oktober 2014 in unseren Ausstellungs­räumen. Die Frage, warum Prinz Charles beschnitten ist, bleibt allerdings unbeantwortet.

Martina Lüdicke, Wechselausstellungen

Zitierempfehlung: 
Martina Lüdicke (2014), Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung. „Haut ab!“ als Follow-up der Ausstellung „Die ganze Wahrheit“.
URL: www.jmberlin.de/node/6427
Blick hinter die Kulissen (7) Beiträge zur Ausstellung „Die ganze Wahrheit“ Alle anzeigen

Beiträge zur Ausstellung „Die ganze Wahrheit“

Welche Hürden es vor Eröffnung der Ausstellung Die ganze Wahrheit (2013) zu nehmen galt, wie es sich als Jüdin in einer Vitrine der Ausstellung anfühlte, wie Besucher*innen reagierten, was aus der Ausstellung weiteres erwuchs ...

Strapazen einer Wahrheitssucherin

Michal Friedlander über den Countdown vor der Ausstellungseröffnung

Ask the Rabbi

Martina Lüdicke über die Dreharbeiten zur Filminstallation in der Ausstellung Die ganze Wahrheit

In der Vitrine

Olga Mannheimer über ihre Erfahrung als sprechendes „Ausstellungsobjekt“ in Die ganze Wahrheit

Von Wagner bis zum Wetter

Signe Rossbach über ihre zwei Stunden als lebendiges Ausstellungsstück in der Ausstellung Die ganze Wahrheit

Konversion & Kontroverse

Naomi Lubrich über die Konjunktur des Themas und über religiöse Loyalität

Die ganze Wahrheit: ein immerwährendes Gespräch

Guide Marc Wrasse über seinen Blick auf die Ausstellung und was sie bei Besucher*innen auslöst

Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung

Martina Lüdicke über die Entscheidung den Fragen zum Thema Beschneidung eine eigene Ausstellung zu widmen

Haut ab!

Haltungen zur rituellen Beschneidung

Ausstellung

– 2014/15 –
Weiterlesen