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Auf dem Weg in eine poetisch-politische Utopie

Else Lasker-Schüler, Durch die Wüste Sinai, um 1935, Ankauf, 2006

Eine Gruppe bunt gekleideter Menschen geht mit weit ausladenden Schritten von rechts nach links durchs Bild. „Durch die Wüste Sinai“, so die Unterschrift. Doch sie wandern nicht ziellos. Eher marschieren sie. Kräftige Striche und leuchtende Farben verbinden die Gouache mit der Formensprache des Expressionismus, die Staffelung der Figuren verrät Einflüsse altägyptischer Kunst.

Else Lasker-Schüler schuf diese Zeichnung um 1935. Zu dieser Zeit schrieb sie auch an ihrem Prosatext Hebräerland, in dem sie die Eindrücke ihrer ersten Palästinareise verarbeitete. Im April 1937 erschien der Band bei Dr. Oprecht & Helbing in Zürich mit acht Zeichnungen und einer Umschlagzeichnung der Autorin. Viele der Bilder sind Straßenszenen. Doch sind sie, wie auch der Text, poetische Deutungen des Erlebten.

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler (Elberfeld 1869–1945 Jerusalem) ist eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Moderne. Ihr zeichnerisches Werk bildete mit dem dichterischen stets eine Einheit, doch erst in jüngerer Zeit hat es größere Aufmerksamkeit erfahren.

Sie war Teil der künstlerischen Avantgarde und setzte sich zeitlebens mit biblischen, jüdischen und orientalischen Motiven auseinander. Auch die kulturzionistischen Intellektuellen wurden schon um 1900 auf ihre Gedichte aufmerksam.

Nachdem sie 1933 in Berlin auf der Straße misshandelt worden war, floh sie nach Zürich. Von dort aus unternahm sie 1934 und 1937 Reisen nach Palästina. Bei ihrer dritten Reise im Sommer 1939 verhinderten der Kriegsbeginn und die Verweigerung eines Visums die Rückkehr in die Schweiz. 1945 starb sie in Jerusalem.

Die im Fließtext beschriebene Zeichnung

Else Lasker-Schüler, Durch die Wüste Sinai, um 1935, Bleistift, Kreiden, Gouache, collagierte Metallfolie, 243 x 173 mm, handschriftlich bezeichnet unten: „Durch die Wüste Sinai“, signiert unten rechts: „Else Lasker-Schüler“; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2006/103/0, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu dieser Zeichnung finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

„Ich war im Bibellande, das nicht von dieser Welt!“ (Hebräerland, S. 106)

„Ich kam von der Wüste aus“

Else Lasker-Schüler wählte im Frühjahr 1934 selbst den Weg „durch die Wüste Sinai“ nach Palästina. Während der übliche Weg über die Adria nach Haifa führte, reiste Sie über Genua und Alexandria. „Wüste, nur Wüste um uns, Wüste, weiche, gelbliche Stille!“, beschrieb sie in Hebräerland die Bahnfahrt über die Halbinsel Sinai. Doch auch jenseits der landschaftlichen Faszination wollte sie den biblischen Weg durch die Wüste Sinai „trotz der großen Anstrengung (…) nicht unterlassen und ungewagt wissen“.

Nach etwa zwei Monaten kehrte sie in die Schweiz zurück. Dort entstanden während eines fast dreijährigen Arbeitsprozesses der Text und die Illustrationen des Buches, nach ihren eigenen Worten „am Tisch vor meines Zürcher Raums kleinem Fensterchen, doch – mit morgenländischen Augen. Ich war im Bibellande, das nicht von dieser Welt!“

Mit dem Verkauf von weiteren Zeichnungen, darunter auch Durch die Wüste Sinai, trug sie zu ihrem Lebensunterhalt bei. Die Komposition der Zeichnung ähnelt Zeichnungen, die im Buch erschienen, etwa dem Frontispiz „Die Kolonisten am Sabbattag in Jerusalem“, einer Gruppe Pioniere mit dem Zitat „Gesegnet ist die Erde, die uns viel Brot gibt“ oder einem Bettler inmitten von Passanten auf der Jerusalemer Jaffa Road.

Aufgeschlagenes Buch mit Titelei und einer Zeichnung von sechs Menschen, ähnlich gekleidet wie bei dem im Fließtext beschriebenen Bild „Durch die Wüste Sinai“

Die Erstausgabe von Else Lasker-Schülers Hebräerland erschien 1937; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

„Jeder Gast, der in diese Stadt kommt, wechselt sein Kleid mit der Weihe des Gewands“ (Hebräerland, S. 10)

„Die Weihe des Gewands“

In kräftigen Farben zeichnete Else Lasker-Schüler die orientalisch anmutenden gestreiften Jacken und farbig gemusterte Hosen der „Wanderer“. Auf ihren Köpfen tragen manche einen roten Fez, andere eine Kufiya mit schwarzer Kordel. Sind hier also Araber dargestellt? Vielleicht. Else Lasker-Schüler teilte die Faszination für das Orientalische mit vielen Künstler*innen der Moderne. Doch auch unter den jüdischen Pionieren war damals die arabische Kufiya nicht unüblich und viele, vor allem orientalische Juden trugen nach osmanischer Tradition den Fez.

Erst in den folgenden Jahren bekamen diese Kopfbedeckungen durch die arabische Unabhängigkeitsbewegung eine politische Bedeutung: Der Fez stand nun für die ehemalige türkische Kolonialmacht und die Großgrundbesitzer, die Kufiya hingegen für die einheimischen arabischen Bauern. Doch sind es gerade diese Unterscheidungen, die Else Lasker-Schüler in Text und Bild poetisch unterläuft.

„Man kann die Züge dieser Zwillingsstämme kaum mehr unterscheiden, sie verflochten sich, mit der Zeiten gleicher Sonne Flachs gewebt, vom selben Wehen der Meere bespühlt.“ (Hebräerland, S. 79)

„Palästina ist nicht von dieser Welt“

Else Lasker-Schüler ist nicht blind für die Realität im Land. Sie erwähnt die Pogrome von 1929, die Überfälle auf Kibbutzim und eine Demonstration für die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge aus Europa. Doch sie besteht dabei auf ihrer genuin künstlerischen Perspektive:

„Der Künstler trägt die Zeit nicht zwischen zwei Deckel gelegt, bei sich an einer Kette; er richtet sich nach dem Zeiger des Universums, weiß darum immer, was die Urkuckucksur geschlagen!“ (Hebräerland, S. 113)

Zudem erhebt sie die Wirklichkeit Palästinas über alles Irdische:

„Palästina ist mit keinem Lande der Erde zu vergleichen. Palästina ist nicht ganz von dieser Welt, grenzt schon ans Jenseits und ist wie die Himmelswelt nicht zeitlich und räumlich zu ermessen.“ (Hebräerland, S. 14)

„Es ziemt sich nicht, hier im Heiligen Lande Zwietracht zu säen.“

Aus dieser künstlerischen Haltung entwirft sie die politisch-poetische Utopie einer auf gegenseitigem Respekt gründenden multi-religiösen, multi-ethnischen Gesellschaft. Es geht ihr um ein Gemeinwesen, das nicht dem Modell des europäischen Nationalstaats folgt, insbesondere nicht der seit dem Ersten Weltkrieg vorherrschenden, ethnisch homogenen Form:

„Man bewegt sich keineswegs zwischen einzelnen Menschen in den Hängen und Gängen Zions, aber zwischen Völkern!“ (Hebräerland, S. 13)

Hier gehen „Jude und Christ, Mohammedaner und Buddhist Hand in Hand. Das heißt, ein jeder begegnet dem Nächsten mit Verantwortung. Es ziemt sich nicht, hier im Heiligen Lande Zwietracht zu säen.“

Später schloss Elsa Lasker-Schüler sich, wie Martin Buber, Hugo Bergmann und Ernst Simon, die sie schon im Hebräerland erwähnte, dem Brit Schalom (Friedensbund) an, der eine bi-nationale Staatsidee vertrat. „Sie glaubt nicht an [einen] jüdischen Staat“, notierte Werner Kraft ein Gespräch mit ihr. Die Juden „seien das „Salz“ oder der „Zimmet“ und die könnten nicht für sich existieren.“

Else Lasker-Schüler begründete ihre politische Haltung mit einem poetisch-religiös-historischen Konzept jüdischer Existenz, deren diasporischen Charakter sie ins „Hebräerland“ zu retten versuchte.

Inka Bertz, Kuratorin für Bildende Kunst

Quellen

Nicht anderweitig ausgewiesene Zitate in diesem Text stammen aus: Elsa Lasker-Schüler, Hebräerland, Zürich 1937.

Die Aussage von Werner Kraft ist zitiert nach Astrid Schmetterling, „Das ist direkt ein Diebstahl an den Kunsthistorikern“. Else Lasker-Schülers bildnerisches Werk im kunsthistorischen Kontext, in: Ricarda Dick im Auftrag des Jüdischen Museums Frankfurt am Main (Hg.): Else Lasker-Schüler. Die Bilder, Frankfurt am Main 2010, S. 183.

Zitierempfehlung:

Inka Bertz (2021), Auf dem Weg in eine poetisch-politische Utopie. Else Lasker-Schüler, Durch die Wüste Sinai, um 1935, Ankauf, 2006 .
URL: www.jmberlin.de/node/8355

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