Direkt zum Inhalt

Der Besuch des Museums ist nur mit einem Zeitfenster-Ticket möglich, das Sie in unserem Online-Shop erhalten.

Ein Konzert in der Baracke

Konzertankündigung, Internierungslager Onchan, Isle of Man, 1941, Schenkung von Anne Marx in liebevoller Erinnerung an ihren Mann Carl Theodore, 2013

Handschriftliche und gezeichnete Konzertankündigung

Die handschriftliche und gezeichnete Konzertankündigung; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

Eine mediterrane Idylle und die An­kündigung für ein „Konzert in der Baracke“ mit Werken für Violine und Klavier von Mozart und Bach. Nichts in dieser An­kündigung lässt auf den Veranstaltungs­ort schließen: das Internierungs­lager Onchan auf der Isle of Man. Dort waren von Juni 1940 bis Juli 1941 rund 1.500 Männer von der britischen Regierung als feindliche Ausländer festgesetzt, die meisten von ihnen jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Die Biografien der drei in der An­kündigung genannten Personen hätten unter­schiedlicher nicht sein können.

Dr. Willy Salomon

Dr. Willy Salomon, geboren 1891, war Pianist, Komponist, Lehrer, Musikjournalist, Professor an Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt und ein begnadeter Klavierbegleiter, der häufig an der Frankfurter Oper auftrat, wo er auch dirigierte. Salomon ging nach der Macht­ergreifung der Nationalsozialisten nach Paris. Nach der Besetzung der Stadt durch die deutsche Armee im Frühjahr 1940 wurde er nach Buchen­wald deportiert. Wie durch ein Wunder konnte er dank der Bemühungen des Verlobten seiner Schwester entkommen und sich nach England durch­schlagen, wo er kurz nach seiner Ankunft interniert wurde.

Hans Schidloff

Hans Schidloff wurde 1922 in Wien geboren und gelangte im Dezember 1938 zusammen mit seiner Schwester im Rahmen eines Kinder­transports nach England. Er wurde mit 18 Jahren interniert und trat in Onchan zum ersten Mal vor Publikum auf. Bereits in einem früheren Internierungs­lager hatte er Siegmund Nissel und Norbert Brainin kennengelernt, die zeitgleich mit ihm in Onchan waren. Die beiden jungen Männer stammten ebenfalls aus Wien und gründeten 1948 gemeinsam mit Schidloff das Amadeus-Quartett, das in der Folge Welt­ruhm erlangte.

Heinz Edgar Kiewe

Der Künstler, von dem die An­kündigung stammte, war der 1902 in Königsberg geborene Heinz Edgar Kiewe. Er hatte an der Schule Reimann in Berlin studiert und war im März 1933 aus Deutschland nach England aus­gewandert, wo er Art Needlework Industries eröffnete. Zusammen mit dem Künstler und Schriftsteller Jack Bilbo gründete er im Internierungs­lager Onchan die „Volksuniversität“, die Vorträge, Konzerte, Theater­aufführungen, Sprach- und andere Kurse abhielt und dabei auf das enorm breite Wissen und die zahlreichen Talente der Internierten zurückgriff. Kiewe, der noch viele weitere Veranstaltungs­ankündigungen der Volks­universität verfasste, schrieb kurz nach seiner Entlassung, dass „die Internierung eine Erfahrung war, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ich habe mindestens ein Dutzend oder noch mehr Freunde kennengelernt, auf die ich nicht verzichten möchte“1 und bezeichnete später seine Inhaftierung in Onchan als „die beste Zeit meines Lebens“. 2

„Das Konzert am Sonntag war ein Erfolg.“

Zu dem Abend­konzert kamen etwa zweihundert­fünfzig Männer. In einem Brief, den Hans Schidloff kurz darauf an seinen Vor­mund schrieb, bemerkte der junge Geiger: „Das Konzert am Sonntag war ein Erfolg. Der Bach lief sehr gut. Ich gehe jetzt mit Prof. Salomon die Sonate von César Franck durch.“3 Und in einem kurzen Artikel in der Lager­zeitung Onchan Pioneer, der eine Woche nach dem Konzert unter der Über­schrift „Musik im Internierungslager“ erschien, notierte Willy Salomon: „Wir hatten kurz die Gelegenheit, den jungen Geiger Brainin zu bewundern, dessen Platz nun der viel­ver­sprechende Schidloff einnimmt.“ Hellsichtig fügte er hinzu: „Ich bin überzeugt, dass die Künstler, die wir hier erlebt haben, das musikalische Leben in diesem Land sehr bereichern könnten.“4

Die Konzert­ankündigung ist eines von fast zwei­hundert Dokumenten rund um die Volks­universität des Internierungs­lagers Onchan, die Carl Theodore Marx, der als jüdischer Flüchtling aus Frankfurt in Onchan interniert wurde und ehren­amtlich als Sekretär der Volks­universität fungierte, gesammelt und auf­bewahrt hat. Seine Erben schenkten sie 2013 dem Jüdischen Museum Berlin zusammen mit zahlreichen Familien­unterlagen.

Aubrey Pomerance, Archivleiter


  1. Onchan Pioneer, no. 45 (6 July 1941), 4. ↩︎

  2. Rachel Dickson, “From Onchan to Oxford – An Émigré Journey, Heinz Edgar Kiewe,” in Ark of Civilization: Refugee Scholars and Oxford University 1930–1945, ed. Sally Crawford et. al. (London and New York: Oxford University Press, 2017), 284–301, here: 289. ↩︎

  3. Daniel Snowman, The Amadeus Quartet: The Men and the Music (London: Robson Books, 1981), 20. ↩︎

  4. Onchan Pioneer, no. 21 (19 January 1941), 1. ↩︎

Zitierempfehlung:

Aubrey Pomerance (2021), Ein Konzert in der Baracke. Konzertankündigung, Internierungslager Onchan, Isle of Man, 1941, Schenkung von Anne Marx in liebevoller Erinnerung an ihren Mann Carl Theodore, 2013.
URL: www.jmberlin.de/node/8243

Teilen, Newsletter, Feedback