Rede zur Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz 2018

Museumsdirektor Peter Schäfer über die Aufgaben eines Jüdischen Museums heute

Sehr geehrte Frau Klatten,
sehr geehrter Herr Grossman, liebe Frau Grossman,
sehr geehrter Herr Bundesminister Maas,
sehr geehrter Herr Professor Rosa,
sehr geehrter, lieber Herr Gauck, liebe Frau Schadt,
Exzellenzen,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister, lieber Herr Müller,
sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Schuster,
sehr geehrte Frau Staatsministerin, liebe Frau Grütters,
lieber Mike Blumenthal,
liebe Freunde und Förderer des Museums,
Gäste aus aller Welt,
meine Damen und Herren,

ich habe wieder das Privileg, Sie heute Abend sehr herzlich zur diesjährigen Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin begrüßen zu dürfen und nachher die Preise zu übergeben.

Wir verleihen den Preis heute an die Unternehmerin Susanne Klatten und an den israelischen Schriftsteller David Grossman. Beide werden gleich von den beiden Laudatoren ausführlich gewürdigt werden, und ich möchte nur so viel sagen: Sie, liebe Frau Klatten, fördern mit Ihrer SKala Initiative in großem Maßstab und mit großem Erfolg gemeinnützige Organisationen, die sich durch ihr gesellschaftliches Engagement auszeichnen, unter anderem in den Bereichen »Inklusion und Teilhabe« sowie »Kompetenz- und Engagementsförderung« – Bereiche, denen auch wir im Museum, in der Akademie, in unseren Bildungsangeboten und nicht zuletzt auch in unserem neu entstehenden Kindermuseum besonders verpflichtet sind. Wir danken Ihnen, liebe Frau Klatten, dass Sie sich entschieden haben, den Preis anzunehmen.

Sie, David Grossman, sind ein vielfach geehrter und ausgezeichneter Autor von Weltrang. Und Sie sind ein Autor, der nicht im Elfenbeinturm lebt, sondern der aktiv und mit großem ethischen Gewicht in die brennenden gesellschaftlichen Debatten seines Landes eingreift. Für beides, lieber David Grossman, verleihen wir Ihnen unseren Preis für Verständigung und Toleranz, und wir freuen uns, dass auch Sie den Preis angenommen haben.

Meine Damen und Herren, ich kann einen Abend wie den unseren mit der Verleihung eines Preises für Verständigung und Toleranz nicht eröffnen, ohne an den schrecklichen Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh zu erinnern. Elf Menschen sind in der Tree-of-Life-Synagoge ermordet worden, nur deswegen, weil sie Juden sind.

Die Ereignisse in Pittsburgh und der 80. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 veranlassen mich, nicht einfach in der üblichen Routine dieser Gala fortzufahren, sondern erneut über die Aufgaben eines Jüdischen Museums in der deutschen Gesellschaft heute nachzudenken. Das Jüdische Museum Berlin ist zuallererst ein Museum, und zwar ein Museum für die Geschichte, Religion und Kultur des deutschen oder besser aschkenasischen Judentums – mit allem, was dazugehört. Aber das Jüdische Museum hat sich von Anfang an als ein Museum mit einem gesellschaftlichen Auftrag verstanden, in seinen Ausstellungen, in seinen Bildungsprogrammen, in seiner Akademie und bald auch in seinem Kindermuseum. Dieser Auftrag gilt den aktuellen gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit: alter und neuer Antisemitismus, Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft, Migration, Inklusion. Und diese Themen sind nicht säuberlich zu trennen und verschiedenen Gruppen der Gesellschaft zuzuordnen, sondern sie sind eng miteinander verwoben.

Eine sinnvolle Bekämpfung des Antisemitismus kann sich nicht auf ritualisierte Bekenntnisse zum jüdischen Leben in Deutschland und zum Existenzrecht des Staates Israel beschränken, sie muss viel tiefer reichen, weil auch Antisemitismus viel tiefer reicht. Der Antisemitismus beginnt nicht, wie viele meinen, mit dem Christentum, sondern er entstand in der vorchristlichen griechisch-römischen Antike. Seine Wurzel ist Menschenverachtung und Menschenfeindschaft, die Behauptung, dass die Juden, weil sie Juden sind, nicht zur zivilisierten griechisch-römischen Ökumene gehören und deswegen ausgegrenzt, isoliert und, wenn nichts anderes hilft, vernichtet werden müssen. Dies ist der rote Faden, der sich durch die ganze Geschichte des Antisemitismus hindurch bis in die Gegenwart zieht. Antisemitismus ist Ausdruck einer aus dem Gleichgewicht geratenen Gesellschaft. Er gedeiht in einer Gesellschaft, die ausgrenzt, die vorschreiben will, wer dazugehört und wer nicht, in einer misanthropischen, xenophoben, homophoben und intoleranten Gesellschaft.

Nur, wer diese Zusammenhänge sieht, begreift die Tragweite der Aufgabe, Antisemitismus zu bekämpfen. Begreift auch, warum er jetzt wieder sein hässliches Haupt erhebt und warum er nicht mit der Wiederholung stereotyper Formeln erledigt ist. Natürlich richtet sich der Antisemitismus gegen Juden, aber er kann nur dann erfolgreich bekämpft werden, wenn er an seiner menschen- und minderheitenverachtenden Wurzel gepackt wird. Dies ist die Leitlinie, die unser Programm in allen Bereichen des Museums bestimmt, warum wir Gespräche mit noch lebenden Zeitzeugen der NS-Herrschaft führen, warum wir in der Akademie einen Themenbereich »Migration und Diversität« und ein »Jüdisch-Islamisches Forum« haben, warum wir über Antisemitismus in der islamischen Einwanderungsgesellschaft sprechen und warum wir auch eine internationale Konferenz zu Islamophobie veranstaltet haben.

Diese Breite des Programms wurde durch die visionäre Kraft Michael Blumenthals auf den Weg gebracht. Wir vertreten sie weiterhin mit aller Entschiedenheit, denn die Spaltung der Gesellschaft ist offensichtlicher geworden, die Probleme haben sich zugespitzt. Dabei sind wir nicht so naiv zu glauben, dass wir Lösungen für alle die Probleme bereithalten, die ich eben angesprochen habe. Wir bieten keine Lösungen an, wir sind auch nicht Partei in politischen Streitfragen. Wir stellen uns als Forum für offene, gerade auch kontroverse Diskussionen zur Verfügung, wir vermitteln, wir helfen, Probleme zu formulieren, zu verstehen und auszuhalten – in ihrer ganzen Tragweite, und auch da, wo es schmerzt. In unseren Ausstellungen und Diskussionsforen wollen wir keine Meinungen aufzwingen, sondern unseren Besucherinnen und Besuchern helfen, Themen und Probleme, die uns alle angehen, in ihrer Komplexität zu begreifen, das Bewusstsein für gesellschaftliche Entwicklungen zu schärfen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Darauf kommt es an, und dafür stehen auch die beiden Träger unseres Preises für Verständigung und Toleranz 2018.

Sie, liebe Gäste des heutigen Abends, sind unsere Weggefährten und Unterstützer, manche von Ihnen schon von Anfang an. Sie helfen uns bei der Umsetzung unserer vielfältigen Programme. Ich möchte mich dafür bei Ihnen bedanken und Sie auch weiterhin um Ihr Wohlwollen, Ihre Unterstützung und Ihre konstruktive Kritik bitten. Wir brauchen Sie mehr denn je.

Ich danke Ihnen.

Peter Schäfer

Direktor Peter Schäfer vor dem Libeskind-Bau des Jüdischen Museums Berlin

Peter Schäfer vor dem Libeskind-Bau des Jüdischen Museums Berlin; Foto: picture alliance/dpa

Zitierempfehlung: 
Peter Schäfer (2018), Rede zur Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz 2018. Museumsdirektor Peter Schäfer über die Aufgaben eines Jüdischen Museums heute.
URL: www.jmberlin.de/node/5899