Jewish Power

Was ist eigentlich jüdische Musik?

Die Gruppe Amichai beim Jewrovision Song Contest in Frankfurt

Fabian Schnedler

Für die Ausstellung A wie Jüdisch bin ich der Frage nachgegangen, was jüdische Musik ausmacht. Meine Recherchen führten mich von synagogaler Musik über Klezmer bis zum deutschen Rap. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an jüdische Musik in Deutschland denken? Klezmer? Arnold Schönberg? Synagogale Musik? Auf meiner Assoziations-Liste stand Rap, ehrlich gesagt, an letzter Stelle.

Aber was ist eigentlich jüdische Musik? Mit dieser Frage eng verbunden ist eine zweite, nämlich: Was ist jüdisch? Die Antworten auf beide Fragen sind vielfältig. So wie Jüdischsein nicht nur religiös, sondern auch kulturell, politisch, national und noch anders verstanden werden kann, existieren auch verschiedenste Definitionen von „jüdischer Musik“. Woran lässt sich das Jüdische eines Musikstücks festmachen, wenn es sich nicht um Musik im religiösen Kontext handelt? Ist es die Sprache, die zum Beispiel ein Lied jüdisch macht? Das Thema oder der Titel? Gibt es musikalische Aspekte wie bestimmte Tonfolgen, Phrasierungen oder Instrumentierungen, die uns Zuhörer*innen deutlich machen: Das ist jüdische Musik? Und schließlich stellt sich die Frage nach der Identität der Künstler*innen: Ist Musik von Jüdinnen und Juden auch immer jüdische Musik? Und können Nichtjuden jüdische Musik komponieren? Spätestens jetzt finden wir uns bei einer Variation der Ausgangs­frage wieder: Wer ist eigentlich jüdisch?

Prompt ergibt sich eine unangenehme Nähe zur anti­semitischen Replik auf unsere erste Frage: „Die Musik eines Juden ist jüdisch.“ Oft waren es gerade Nichtjuden, die sich darüber Gedanken machten, was jüdische Musik ausmache – allerdings mit dem erklärten Ziel, die als „jüdisch“ markierte Musik aus der „deutschen“ Musik­tradition auszuschließen. Am bekanntesten ist in diesem Zusammen­hang sicher Richard Wagner mit seinem 1850 erschienenen antisemitischen Pamphlet Das Judenthum in der Musik. Um aktuelle Antworten auf die Frage „Was ist jüdische Musik?“ zu erhalten, befragten Schüler*innen der Refik-Veseli-Schule, mit denen wir die Ausstellung zusammen erarbeiteten, und ich jüdische Musiker*innen. Wir führten Gespräche mit verschiedenen Künstler*innen, deren Musik von Jazz über Klezmer bis hin zu kantoralem Gesang und Hip-Hop reichte. Auch Sharon Suliman und Ben Salomo waren unter den Musiker*innen.

Ben Salomo, bekannt geworden durch die Veranstaltung „Rap am Mittwoch“, versteht seine Musik in erster Linie als Rap, in den seine jüdische Identität einfließt. Seine Songs und unser Gespräch drehen sich um die Wider­stände, die er als migrantischer und jüdischer Jugendlicher in Berlin überwinden musste, um seinen Weg zu gehen, die Heimat, die er im Hip-Hop als Szenekultur gefunden hat und um Rap als Ausdrucks­form. Und wir sprechen über Gott als spirituelle Kraft, die Menschen verbinden kann und nicht trennen sollte, denn Ben Salomo versteht sich als religiöser Mensch.

Der Rapper Ben Salomo und die Rapperin Sharon Suliman

Ben Salomo und Sharon Suliman; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Stephan Pramme

Mit bürgerlichem Namen heißt der Rapper Jonathan Kalmanovich, er wurde 1977 im süd­israelischen Rechovot geboren. Im Alter von dreieinhalb Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland und wuchs in Berlin-Schöneberg auf. Er erzählt, dass er von anderen Kindern ausgegrenzt wurde und dass auch viele seiner Freund*innen diskriminiert wurden, weil sie jüdisch waren. Ben Salomo mochte das nicht hinnehmen. Vorbilder fand er im anti-rassistischen amerikanischen Rap. Im Interview erklärt er uns, wie er mit seiner Musik zu einer Position der Selbst­ermächtigung fand:

„Ihr alle kennt den Slogan ‚Black Power‘, oder? ‚Black Power‘ bedeutete: Wir Schwarzen wollen uns nicht mehr unterdrücken lassen, wir wollen gleiche Rechte. Und so war es meine Entscheidung, meine Identität mit Rap rauszubringen. Im Prinzip ‚Jewish Power‘.“

Unser Treffen im April 2018 fällt mitten in die Debatte um die umstrittene Echo-Verleihung an die Rapper Farid Bang und Kollegah. Wir diskutieren darüber, ob es Grenzen des Sagbaren in der Kunst und speziell im Rap geben sollte. Für sich selbst hat Ben Salomo klare Regeln definiert: keine Nazi-Sprache, kein N-Wort, keine rassistischen Lines. Und im Umgang mit Diskriminierungen zählt für ihn die Möglichkeit der Verteidigung. Er bringt ein Beispiel aus einem Battle-Rap, einem Wett­bewerb, in dem zwei Gegner gegeneinander antreten, sich mit Wort­kunst selbst überzeichnen und das Gegenüber diffamieren:

„Zu mir hat einer mal gesagt: Bam, bam, bam, du gehörst zu den Doofen! Am Ende landest du wieder im Ofen! Und meine Antwort war: Pass mal auf, wie ich dich ausbomb‘, hier ist der erste Jude, der aus dem Ofen wieder rauskommt! Und der Typ hat mir danach die Hand gegeben, mich umarmt, denn das ist Battle-Rap. Das ist der sportliche Aspekt, dass wir hinterher miteinander lachen können.“

Anders verhalte es sich, wenn ein Rapper wie zum Beispiel Kollegah im Studio Alben produzierte, in denen Juden stereotyp negativ dargestellt werden. Die Songs werden millionen­fach gehört – ohne dass die Gegen­stimme eine Chance hätte. Aber alles hat seine Grenzen: In 20 Jahren in der Rap-Szene hat Ben Salomo zu viel Diskriminierung gegen sich und gegen andere erlebt, auf, aber vor allem hinter der Bühne. Mit der Veranstaltung „Rap am Mittwoch“ hörte er im April 2018 aus Protest auf, aus der Szene zog er sich zurück.

Für die Rapperin Sharon Suliman ist ihre jüdische Identität kein Thema in ihrer Musik. Sie versteckt nicht, dass sie Jüdin ist, tritt aber zugleich nicht explizit als „jüdische Rapperin“ auf. Jüdisch zu sein ist für sie eine persönliche Sache, vor allem eine Familien­sache. Zum Thema Rap und Diskriminierungen kann Sharon dennoch eine eigene Geschichte erzählen: Darüber, was es heißt, in der Szene als Frau diskriminiert zu werden. Mit Hip-Hop-Kultur ist Sharon in Pforzheim großgeworden. Rap, Basketball und Gameboy-Spielen gehörten zu ihrer Sozialisation. Der Druck auf Mädchen, sich schon mit 12 oder 13 einem sehr oberflächlichen Schönheits­ideal anzupassen, hat sich ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verstärkt; und gegen diesen Wandel will Sharon – zum Beispiel in ihrem Song Butterfly Effect – ansingen. Doch nach wie vor werde sie im Rap-Business immer wieder schief angesehen und bei Battle-Raps oder Auftritten oft unterschätzt. Nach den Acts kämen die Zuhörer*innen zu ihr und sagten: „Ey, cool, dass du das machst – als Frau!“, und sie frage sich immer: „Wo ist da der Unterschied?“ Sharon lässt sich nicht beirren; für sich und ihre Zuhörer*innen formuliert sie ihr Motto so: „Folge deinem Herzen und hab’ keine Angst du selbst zu sein.“

Die Rapperin Sharon Suliman

Sharon Suliman, geboren 1997, Rapperin und Songwriterin: „Folge deinem Herzen und hab’ keine Angst du selbst zu sein.“ Jüdisches Museum Berlin, Foto: Stephan Pramme

Auf die gesamte Gesellschaft bezogen: Wie verändern die Vorstellungen über „Juden“ die Wahrnehmung und Selbst­wahrnehmung jüdischer Musiker*innen? Die Ausstellung A wie Jüdisch versucht diesen Überlegungen Raum zu geben. Die Interviews mit Sharon Suliman und Ben Salomo und vier weitere Stimmen von Musiker*innen zur Frage „Was ist jüdisch an deiner Musik?“ sind dort zu hören.

Eine Playlist mit einer Band­breite von Rap- und Popmusik jüdischer Künstler*innen in Deutschland lädt Besucher*innen ein, nachzuhören, wie jüdische Musik zu Beginn des 21. Jahrhunderts klingen kann. In den deutschen, hebräischen, russischen, jiddischen und englischen Titeln findet sich eine Vielzahl von Themen und Musik­stilen. Wir laden Sie ein, hier unsere Jewish Music Playlist zu hören und einen eigenen Eindruck davon zu gewinnen, was jüdische Musik sein kann, aber nicht sein muss.

Zitierempfehlung: 
Fabian Schnedler (2019), Jewish Power. Was ist eigentlich jüdische Musik?.
URL: www.jmberlin.de/node/6303