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Kunstwerke für Kinder

Tom Seidmann-Freud, Eser sichot li-jeladim (Kleine Märchen), Jerusalem 1923, Ankauf, 2005

Zeichnung eines Hasen und Mädchens mit Kleid, langem Schleier und Blumenkranz unter einem Regenbogen

Tom Seidmann-Freuds Illustration zum Märchen Kallato shel ben ha-arnavet (Häsichenbraut); Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. BIB/154418/0

Eltern der Stadt Tel Aviv-Jaffa erhalten seit 2008 als Begrüßungsgeschenk für ihre neugeborenen Kinder ein Bilderbuch mit acht Illustrationen von Tom Seidmann-Freud zu Kindergedichten von Chaim Nachman Bialik. Die Bildtafeln stammen aus unterschiedlichen Schaffensphasen der Künstlerin, einige wurden hier erstmals veröffentlicht und stammen aus dem Nachlass der Tochter Aviva Harari, geborene Angela Seidmann. Auch das 1923 erschienene hebräische Märchenbuch in unserer Sammlung ist aus einer Zusammenarbeit von Tom Seidmann-Freud und Chaim Nachman Bialik entstanden.

Tom Seidmann-Freud

Tom Seidmann-Freuds Werk hatte Ende der 1920er Jahre in Deutschland und in vielen Teilen Europas Verbreitung gefunden. Eine solche Popularität erreichte kaum eine andere Illustratorin dieser Zeit mit ihren Büchern.

Die Künstlerin wurde am 17. November 1892 als Martha Gertrud Freud in Wien geboren. Ihre Mutter Mizi (Marie) war eine Schwester Sigmund Freuds. Den Vornamen Tom nahm sie mit fünfzehn Jahren an. Schon früh entdeckten die Eltern ihre künstlerische Begabung im Zeichnen und förderten sie. Sie begleitete neunzehnjährig ihren Vater nach England, um in London Kunst zu studieren. Dort entstanden ihre ersten beiden Bilderbücher, die stark vom Jugendstil beeinflusst waren. 1914 erschien ihr Baby Liederbuch, mit dem sie erste Erfolge feierte.

Nach dem Ersten Weltkrieg lebte sie zeitweilig in München bei ihrer Schwester Lilly, wo sie die Bekanntschaft mit dem Philosophen Gershom Scholem und dem Schriftsteller Shmuel Josef Agnon machte. Die politischen Unruhen der Räterepublik machten den Umzug nach Berlin erforderlich. Dort lernte Tom Yankel Seidmann kennen, den sie 1921 heiratete. Beide schlossen Bekanntschaft mit dem schon damals sehr bekannten Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Chaim Nachman Bialik (1873–1934).

Tom Seidmann-Freud

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Bilderbücher auf Hebräisch

Bialik plante gemeinsam mit Yankel Seidmann die Herausgabe von sechs Bilderbüchern von Tom Seidmann-Freud auch in hebräischer Sprache im Ophir Verlag, einer Berliner Filiale des Moriah Verlages aus Odessa. Darunter auch ihr bereits 1921 im Ludwigsburger Verlag bei O. und M. Hausser erschienenes Buch Kleine Märchen. Es wird als „Kinderbuch des Jahres“ beworben.

Nur drei Ausgaben wurden realisiert, unter anderem wegen Bialiks Übersiedlung nach Palästina im Jahr 1924. Als hebräischsprachige Ausgaben erschienen Eser sichot li-jeladim (Kleine Märchen), Sefer ha-dewarim (Das Buch der Dinge) mit Kindergedichten von Chaim Nachman Bialik und Massa ha-dag (Die Fischreise).

Zeichnung: Am Stamm eines mit Kleidern behängten Baums lehnen zwei Jungen mit Brötchen und Brezeln in der Hand oder neben sich, im Vordergrund ein Fluss mit Ente und Fischen

Tom Seidmann-Freuds Illustration zum Märchen Gan-Eden ha-tahton (Schlaraffenland); Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. BIB/154418/0

Neue Illustrationen, neuer Stil

Für die hebräische und zeitgleich russischsprachige Ausgabe der Kleinen Märchen entwarf Tom Seidmann-Freud neue Illustrationen. Sind sie in der deutschen Ausgabe noch stark vom Jugendstil geprägt, so findet sich hier die Formensprache der neuen Sachlichkeit, der Avantgarde, des Bauhauses. Die Formen sind klar umrissen. Ohne Zierrat, linear und mit wenigen Details zeichnet sie das Wesentliche.

Im Vordergrund steht immer das Kind in seiner Beziehung zu den Dingen, den Tieren, der Natur. Die Farbigkeit, die sie durch ihre große Fertigkeit des Aquarellierens erzeugt, ist in diesen Ausgaben von einer außerordentlichen Druckqualität. Künstlerin und Verleger haben den Anspruch, Kunstwerke für Kinder zu schaffen und möchten ihnen die Schönheit der hebräischen Sprache, deren große Kenner und Verehrer sie sind, vermitteln.

Zeichnung zweier Kinder: Eins sitzt vor einem Fass mit vielen Löchern, aus denen Wasser strömt, eines schwingt eine Axt zu einem Baum, all das scheint unter Wasser stattzufinden, da Wellen und Fische durch die Luft schwimmen

Tom Seidmann-Freuds Illustration zum Märchen Bat ha-Mayim (Die Wassernixe); Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. BIB/154418/0

Kleine Märchen für kleine Kinder

In dem Buch Eser sichot li-jeladim al pi Andersen, Grim we-acherim im ziurim meet Tom Seidman-Froid (wörtlich übersetzt: Zehn Geschichten für Kinder nach Andersen, Grimm und anderen mit Zeichnungen von Tom Seidmann-Freud) ist ein Märchen von Hans Christian Andersen („Prinzessin auf der Erbse“) und eines von Ludwig Bechstein („Das Schlaraffenland“). Alle anderen stammen von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm und sind zu Teilen weniger bekannt. Möglicherweise sind sie ausgewählt worden, weil es recht kurze Märchen sind. Kleine Märchen für kleine Kinder, die erst mit diesen Geschichten vertraut gemacht werden sollen. Sie umfassen kaum mehr als eine Seite, und das Erzählte ist leicht verständlich.

Weltweite Verbreitung

Später erschienen im Verlag von Herbert Stuffer Tom Seidmann-Freuds Spiel- und Rechenfibeln, von Walter Benjamin so geschätzt und verehrt. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie befanden sich im Gepäck derer, die nach Palästina auswanderten oder wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihre Heimat verlassen mussten, und verbreiteten sich, wenn auch nur in kleiner Zahl, auf der ganzen Welt.
Im Jahr 2005 konnte die Bibliothek des Jüdischen Museums Berlin diese Ausgabe erwerben.

Ulrike Sonnemann, Leiterin Bibliothek

Eser sichot li-jeladim

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