Ein verzweifelter Brief an den Sohn in Schweden

Blick ins Depot

Am 6. November 1941 schrieben die Eheleute Paul (1886–1943) und Sophie Berliner (1893–1943) einen Brief an ihren in Stockholm lebenden Sohn Gert. Einen Brief voller Sorge und Ungewissheit. Einen Brief, der die Lage der Eltern schonungslos darlegt, dessen Worte aber, wie auf den ersten Blick erkennbar ist, stark zensiert wurden.

Brief mit geschwärzten Abschnitten (Ausschnitt)

Brief von Paul und Sophie Berliner an ihren Sohn Gert in Schweden (Ausschnitt); Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Gert Berliner, Foto: Jens Ziehe

»Wir werden dir noch jeden 3ten Tag schreiben«

Der Kontext dieser Zensur ist eindeutig: Zwei Wochen vor Verfassen des Briefs hatte die erste Deportation von Jüd*innen aus Berlin stattgefunden, vermutlich standen Paul und Sophie Berliner auf einer Transportliste. »So lange wir noch hier sind, werden wir dir noch jeden 3ten Tag schreiben.« Neun Tage später konnten sie dem Sohn vorerst Entwarnung geben: »Wir sind zurückgestellt.«

Letztes Lebenszeichen

Das Ehepaar Berliner hatte im Juli 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, ihren 15-jährigen Sohn mit einem Kindertransport nach Schweden geschickt. Sie retteten ihm so das Leben. Während der folgenden Monate und Jahre konnten sie den Briefkontakt aufrechterhalten, da Schweden als neutraler Staat nicht am Krieg beteiligt war. Die letzte Mitteilung von Paul und Sophie Berliner stammt vom Februar 1943.

Kindertransport

Zwischen November 1938 und September 1939 konnten über 10.000 jüdische Kinder aus dem nationalsozialistischen Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei nach Großbritannien ausreisen. Die meisten dieser Kinder sahen ihre Eltern nie wieder, oft waren sie die einzigen aus ihren Familien, die die Schoa überlebten.

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Brief mit geschwärzten Abschnitten

Brief von Paul und Sophie Berliner an ihren Sohn Gert in Schweden; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Gert Berliner, Foto: Jens Ziehe

Zeit der Ungewissheit

Über das Schicksal seiner Eltern blieb Gert Berliner lange im Ungewissen. Eine von ihm im April 1944 nach Theresienstadt gesandte Postkarte mit adressierter Antwortkarte erhielt er mit dem Vermerk »Nur gewöhnliche Sendungen zugelassen« zurück. Paul und Sophie Berliner waren schon ein Jahr zuvor, im Mai 1943, von Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden.

KZ Theresienstadt

Das Konzentrationslager Theresienstadt in der damals vom Deutschen Reich besetzten Tschechoslowakei war von 1941 bis 1945 ein Sammel- und Durchgangslager zunächst vor allem für tschechische Jüd*innen. Nach der Wannseekonferenz wurden seit 1942 auch alte oder als prominent geltende Jüd*innen aus Deutschland und anderen besetzten europäischen Ländern in das Lager deportiert. In der NS-Propaganda wurde Theresienstadt zum »Altersghetto« verklärt und während einer kurzen Phase als angebliche »jüdische Mustersiedlung« verschiedenen ausländischen Besucher*innen vorgeführt.

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KZ Auschwitz

Das Konzentrationslager Auschwitz war von 1940 bis 1945 ein nationalsozialistischer Lagerkomplex im vom Deutschen Reich besetzen Polen. Er bestand aus dem Stammlager Auschwitz, dem Vernichtungslager Birkenau, dem Arbeitslager Monowitz und ca. 50 weiteren Außenlagern.

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Brief mit geschwärzten Abschnitten

Rückseite des Briefes von Paul und Sophie Berliner an ihren Sohn Gert in Schweden; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Gert Berliner, Foto: Jens Ziehe

Auswanderung in die USA

Gert Berliner wanderte 1947 von Schweden in die USA aus. Er wurde Maler, Filmemacher und Fotograf.

Titel Brief von Paul und Sophie Berliner an ihren Sohn Gert in Schweden
Sammlungsgebiet Archiv
Ort und Datierung Berlin 6. November 1941
Material Tinte auf Papier
Maße 29 x 20,50 cm
Creditline Schenkung von Gert Berliner
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Archiv

Stöbern Sie online in ausgewählten Archiv­beständen vom 18. Jahrhundert bis in die Nachkriegs­zeit: Private und offizielle Dokumente erzählen vom Leben als Wander­geselle im 19. Jahrhundert, käuflichen Schutz­rechten in der Frühen Neuzeit oder verzweifelten Emigrations­bemühungen während des National­sozialismus.

Adoptionsvertrag Gloeden und Loevy

Schon ein jüdisch klingender Name konnte Anlass für Diskriminierungen sein. Daher ließen sich die Geschwister Erich und Ursula Loevy 1918 von dem Gymnasialprofessor und Familienfreund Bernhard Gloeden adoptieren.

Ein verzweifelter Brief an den Sohn

»So lange wir noch hier sind, werden wir dir noch jeden 3ten Tag schreiben.«, schrieben Paul und Sophie Berliner am 6. November 1941 an ihren in Stockholm lebenden Sohn Gert.

»Dienstausweis!« von Martin Riesenburger

Mit einem provisorischen Dokument wird Martin Riesenburger im Februar 1953 bescheinigt, dass er als Rabbiner für die Seelsorge in Ost-Berliner Gefängnissen zuständig ist.

Get von Siegfried Leopold für seine Frau Resi

Nach jüdischem Recht wird die Annullierung einer Ehe erst durch die Anfertigung eines Scheidebriefs und seine Aushändigung durch den Ehemann an seine Gattin gültig.

Karteikarten der Britischen Armee

Tausende deutsche Emigranten kämpfen im Zweiten Weltkrieg in der Britischen Armee gegen Deutschland. Für den Fall der Gefangennahme mussten sie ihre Namen ändern, dokumentiert auf diesen Karteikarten.

Ledermäppchen von Frieda Neuber

Kurz vor ihrer Deportation nach Theresienstadt übergab Frieda Neuber ihrer Nichte ein Ledermäppchen. Die darin enthaltenen Briefe dokumentieren ihre verzweifelten Bemühungen um eine Auswanderung.

Memmelsdorfer Genisa

Im Februar 2002 fiel während der Renovierung eines Hauses bei der Öffnung der Deckenfächer ein Leinensack mit Papieren und persönlichen Gegenständen herunter. Das Haus hatte sich von 1775 bis 1939 in jüdischem Besitz befunden.

Rot-Kreuz-Brief an Emmy Warschauer

Der Nachrichtendienst der Hilfsorganisation bot nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Emigrant*innen die Möglichkeit, Kontakt mit Verwandten in Deutschland aufzunehmen. So erhielt Emmy Warschauer ein Lebenszeichen ihrer Tochter.

Schutzbrief für die Jüd*innen in Ichenhausen

Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Aufenthalts- und Gewerberechte von Jüd*innen in den deutschen Territorien in Schutzbriefen geregelt, die käuflich erworben werden mussten.

Wanderbuch von Leopold Willstätter

Von 1836 bis 1843 war Leopold Willstätter als Wandergeselle in Südwestdeutschland und Frankreich unterwegs. Das Wanderbuch mit einer genauen Personenbeschreibung diente dem Schuhmacher auch als Ausweis.

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