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Nach einer wahren Geschichte

Ein Interview mit dem Künstler Typex zu seiner Graphic Novel Moische über Moses Mendelssohn

Typex lebt als Illustrator, Comic­zeichner und Maler in Amsterdam. Comics zeichnet er seit seiner Jugend, internationale Berühmtheit erlangte er 2013 mit seiner Rembrandt-Biografie. 2018 erschien der Band Andy – A Factual Fairytale über das Leben Andy Warhols. Moses Mendelssohn, der bedeutende jüdische Aufklärer, ist der nächste Star, den Typex im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin (JMB) liebevoll zum Leben erweckt. Wir sprachen mit ihm über die Arbeit als zeichnender Biograf – und darüber, warum ihm Geschichten lieber sind als die Wirklichkeit.

„Was mich bei Moses als erstes überrascht hat, war die Aktualität seiner Ideen.“

Ihre Graphic Novel Moische präsentiert sechs bekannte Anekdoten rund um den berühmten jüdischen Philosophen – und einen ganz neuen Moses Mendelssohn. Was hat Sie dazu bewegt, an der Comic-Ausschreibung des JMB teilzunehmen?

Ich habe ja schon Graphic Novels über das Leben von Andy Warhol und Rembrandt gezeichnet. Und, ehrlich gesagt, hatte ich meinem Verleger schon angekündigt, dass dies meine letzten Biografien wären. Aber für interessante Geschichten bin ich immer zu haben, und wenn das Leben einem so eine Chance bietet, sollte man sie mit beiden Händen ergreifen! Ehe ich mich versah, war ich komplett in die Welt von Moses Mendelssohn eingetaucht.

Ihr Moses Mendelssohn – Moische – ist sehr lebendig, man fühlt sich sofort zu der Figur hingezogen. Wie haben Sie ihn, seine Persönlichkeit so gut kennengelernt?

Wenn ich ein solches Projekt in Angriff nehme, lese ich viel über die Person und vertiefe mich vor allem in Bilder. Bei jemandem wie Rembrandt war das natürlich leichter, weil er so viele Selbstporträts angefertigt hat. Mendelssohn dagegen sieht man nur durch die Augen seiner Zeitgenossen. Aber gibt es einige wichtige Porträts von ihm, darunter ein Bild, das auch in der Ausstellung gezeigt wird. Es ist sehr beeindruckend und lässt viel von seinem Charakter erkennen! So ein Bild war für die damalige Zeit ungewöhnlich, und ich fing langsam an, eine Vorstellung von Moses zu entwickeln.

Schwarz-Weiß-Porträtfoto von typex: ein Mann mit langen Haarender blickt in die Kamera.

Porträt des Künstlers Typex; Foto: Ringel Goslinga

„Er war ein außerordentlich moderner Mann und gleichzeitig voller Güte und Sanftmut!“

Er war ein außerordentlich moderner Mann und gleichzeitig voller Güte und Sanftmut! Das schien wie ein Kontrast zu seinem Aussehen: seinem Buckel, seinem vorspringenden Kinn, der krummen Nase. Er erinnerte mich – das gebe ich nur ungern zu – an eine Art Spaßmacher aus dem Kasperltheater oder an eine Figur aus der Commedia dellʼArte.

Sein Aussehen und natürlich vor allem die Tatsache, dass er Jude war, machte ihn ‒ noch dazu im Preußen jener Zeit ‒ besonders verwundbar. Er muss sehr stark gewesen sein, um das zu ertragen. Für die Graphic Novel brauchte seine Figur also etwas Weiches – keine Schwäche, sondern eine Sache oder Person, die ihm Kraft gibt, einen Ausgleich bietet. Dann sah ich ein Porträt von Fromet, auf dem sie den Eindruck einer überaus selbst­bewussten Frau macht. Das ist genau das Gegengewicht, das Moische benötigt: Sie füllt die Lücken, gleicht seine Defizite aus; Fromet und Moische brauchen einander, und sie bringen im jeweils anderen bestimmte Eigenschaften zum Vorschein. In dem Moment, als ich Fromet gefunden hatte, hatte ich auch Moische im Griff.

Sind Sie und Moische Freunde geworden?

Wie könnte man ihn nicht mögen! Das war in gewisser Weise sogar ein Problem, weil ich nichts romantisieren wollte. Es war beruhigend zu lesen, dass er manchmal auch aufbrausend war, denn man braucht auch eine Reibungsfläche.

Gab es irgendwelche Überraschungen, als Sie an Moische arbeiteten?

Zum Glück nehme ich mir immer die Freiheit, Dinge auch dann noch einzubauen, wenn die Geschichte eigentlich schon fertig ist, deshalb mag ich die meisten Überraschungen! Was mich bei Moses als erstes überrascht hat, war die Aktualität seiner Ideen. Und ich habe mich auch gewundert, dass Medien schon damals eine so große Bedeutung hatten – obwohl das eigentlich nicht weiter erstaunlich sein sollte; so sehr haben sich die Menschen seither nicht verändert! Die Leute sind gemein, und sie werden immer irgendeinen Weg finden, ihre Märchen zu verbreiten. Das wird an der Geschichte des Streits zwischen Mendelssohn und Lavater sehr deutlich.

Cover der Graphic Novel „Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn“, mit Zeichnung Mendelssohn am Schreibtisch, unter dem Tisch ein Äffchen.

Typex: Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn erscheint bei Scratch Books, Amsterdam. 88 Seiten, 24,- €. ISBN 978-9493166-585

Eine Doppelseite aus dem Comic Moische, auf der dargestellt wird, wie Moische von Lavater träumt und von seiner Frau Fromet getröstet werden muss

Aus der Graphic Novel Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn: Moses' Traum von Lavater. Typex, Amsterdam 2022

Wie gehen Sie so ein Projekt, eine Biografie an?

Das Schwierigste daran, eine komplette Lebens­geschichte von der Geburt bis zum Tod zu erzählen, ist, den richtigen Schwerpunkt zu finden. Man liest so viel wie möglich über die Person, und es dauert eine ganze Weile, bis man weiß, wo es hingehen soll, weil man sich zuerst durch die ganzen Informationen durcharbeiten muss. Anders als bei meinen früheren Projekten konnte ich diesmal aber die Anekdoten, die mir das JMB an die Hand gegeben hatte, als Ausgangspunkt verwenden. Das war eine sehr klare Vorgabe und hat die Sache sehr erleichtert.

Bei einer solchen Vorgabe ist auch die Anzahl der Figuren begrenzt. Es ist wie beim Theater: Man hat eine bestimmte Besetzung und muss nun sehen, wie sich die Figuren zueinander verhalten. Und weil es eine Hauptfigur gibt, dient jede andere Figur dazu, diesen Prota­gonisten zu profilieren, entweder als Kontrast, wie es mit Fromet der Fall ist, oder als der Bösewicht, wie bei Lavater. Außerdem gibt es noch Abba Glosk, der ebenfalls ein Gegengewicht zu Moische bildet, weil er ihm sein Gewissen spiegelt. Und obwohl Abba und Moische im selben Boot sitzen, schlagen sie unterschiedliche Richtungen ein. All diese Figuren machen jeweils andere Aspekte von Moisches Charakter deutlich.

Eine der Nebenfiguren ist der ständig betrunkene Abraham Wolff, der als Lehrer in Mendelssohns Haushalt arbeitete. Welche Rolle spielt er?

Wolff ist eine Art Anker für Moische. Wir alle brauchen einen besten Freund, der uns zeigt, wo wir herkommen, und Wolff hat die Ruhe weg. Er schläft zwar die meiste Zeit oder scheint zu schlafen und spielt keine große Rolle, aber eben eine wichtige, kleine. Er ist wie eine Randnotiz zu Moische.

So wie Brendel, bzw. Dorothea, Mendelssohns älteste Tochter.

Genau! Ich fing an, über sie zu lesen und staunte: Sie war exakt das, was ich brauchte! In meinem ersten Entwurf hatte ich ein Kind vorgesehen, einfach ein Kind von Mendelssohn ohne besonderen Charakter. Dann aber wurde mir klar, dass Brendel nicht irgendein Kind ist, sondern eine kleine Proto-Feministin! Das war ein Glücksfall für mich. Ich habe das Kapitel um sie herumgebaut – jedenfalls zum Teil.

Ein Museum ist natürlich verpflichtet, sich in seinen Ausstellungen an die historischen Tatsachen zu halten. Ein künstlerischer Zugang kann dagegen sehr viel freier sein, auch wenn er auf wahren Begeben­heiten beruht. Wie sehr orientieren Sie sich an den historischen Ereignissen rund um Moses Mendelssohn?

Ich nenne Geschichten, die auf wahren Begeben­heiten beruhen, factional stories, „faktionale Geschichten“, und mein Grundsatz ist: Lass die Wirklichkeit einer guten Geschichte nie in die Quere kommen! Mit einer Geschichte möchte man etwas vermitteln, einen Gedanken über eine Figur, eine Person oder was auch immer. Wenn man die Reihenfolge von Ereignissen oder sogar ein Ereignis selbst ein wenig ändern muss, um deutlich zu machen, was man sagen will, dann sollte man das tun! Es ist sowieso eine Illusion zu glauben, man könne die Wirklichkeit reproduzieren – das ist unmöglich. Gerade aus Mendelssohns Epoche haben wir nur Berichte von Zeitgenossen, und diese Berichte sind in jeder Hinsicht sehr bunt und ausgeschmückt. Außerdem kann man eine Geschichte auf Millionen verschiedene Weisen hören. Für mich gibt es da keine objektive Realität.

Comiczeichnung: Moses Mendelssohn kitzelt seine Tochter an der Nase

Ausschnitt aus der Graphic Novel Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn Typex, Amsterdam 2022

„Eine Geschichte ist immer plausibler als die Wirklichkeit.“

Bilder, insbesondere Karikaturen, können schnell zu Konflikten führen. Wie weit darf ein Comic gehen? Haben Sie Sorge, dass Ihr Moische Kontro­versen hervorrufen könnte?

Ein Bild kann nicht schuld an etwas sein, ein Bild ist immer nur das, was der Betrachter daraus macht – es sei denn, es wurde in böser Absicht geschaffen. Mir als Künstler ist das sehr bewusst, und ich versuche allen, die ich zeichne, ein wirklichkeits­getreues Äußeres zu geben, ein Äußeres, das der Person entspricht. Ich halte nichts von einer optischen Gleichmacherei, die aus dem Wunsch entstehen kann, nicht als rassistisch oder was auch immer zu erscheinen. Wir sind nicht alle gleich! Vive la difference! Und im Leben von Moses Mendelssohn spielte sein Aussehen eine entscheidende Rolle. Es gibt sehr viele sehr unterschiedliche Porträts von ihm, zum Beispiel das berühmte Bild mit Lavater und Lessing, auf dem Moses dem damaligen Geschmack nach attraktiv dargestellt wird. Er ist ein sehr schöner Mann, finde ich, und hat sehr viel Schönes und Freundliches an sich, besonders in den Augen. Und trotzdem erinnert er auch an einen Harlekin. Es wäre schlimm, Moische weniger wie er selbst aussehen zu lassen.

Außerdem haben Comics auch immer etwas von Theater: Man muss das Äußere überdeutlich darstellen, damit es auch für die Leute in der letzten Reihe erkennbar ist. Meine Aufgabe ist es also klarzumachen, dass Moses Mendelssohns extremes Aussehen etwas ist, womit er jeden Tag zu kämpfen hat. Und sehen Sie doch mal, wie großartig er das macht!

Er ist witzig. Er lässt sich von seinen körperlichen Beein­trächtigungen nicht herunterziehen. Zum Beispiel in der Szene, in der er nach Potsdam kommt und von den beiden Wachleuten, die ihn befragen, ganz unverhohlen rassistisch behandelt wird: Die beiden sind wirklich furchtbar, aber er lässt sich nicht einen Augenblick lang von ihnen beirren, er macht sich sogar über sie lustig. Sie sind wütend, aber sie können ihm nichts anhaben, weil er unangreifbar ist: Er hat sich schon selbst über sich lustig gemacht, und sie haben keinen Angriffspunkt mehr.

Seite 39 der Graphic Novel Moische, auf der ganzseitig in verschiedenen Episoden die Verwunderung der Figuren über Moisches Einladung in den Palast Friedrichs II ausgedrückt wird

Aus der Graphic Novel Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn: Moses' Ankunft in Potsdam. Typex, 2022

Welche jüdische Persönlichkeit würden Sie gerne als nächste in einer Graphic Novel sehen?

Vielleicht den modernen Komponisten John Zorn? Ja, vielleicht eine Serie mit jüdischen Komponisten!

Sie haben zu drei Persönlich­keiten Biografien geschrieben und gezeichnet: Rembrandt, Warhol und Mendelssohn. Haben diese drei Männer etwas gemeinsam?

Na ja, mich haben sie gemeinsam! Jede Biografie ist auch eine Autobiografie: Die einzige wirkliche Quelle, die man hat, ist die eigene Innenwelt, das persönliche Weltbild und die eigene Art und Weise, Menschen zu betrachten. Wenn man diese biografischen Graphic Novels als Trilogie betrachtet, ist „Moische“ der letzte Teil. Moses Mendelssohn ist der sympathischste von den dreien, und anders als die anderen er hat überhaupt kein Problem damit, seine Gefühle deutlich zu machen, sei es seine Wut oder seine Güte und Liebe.

Falls Sie die Reihe der Biografien doch fortsetzen, wird dann auch eine Frau dabei sein?

Oh, da bittet ein Monster zum Tanz! An wen denken Sie denn? Mir fällt als erstes Dolly Parton ein. Sie ist so groß und in jeder Hinsicht großartig; im Moment wird sie ziemlich idealisiert, aber immer noch in vieler Hinsicht unterschätzt. Das wäre eine interessante Geschichte. Oder vielleicht Beyoncé?

Wir freuen uns darauf und danken für das Interview!

Das Interview führten Marie Naumann und Katharina Wulffius

Zitierempfehlung:

Marie Naumann/Katharina Wulffius (2022), Nach einer wahren Geschichte. Ein Interview mit dem Künstler Typex zu seiner Graphic Novel Moische über Moses Mendelssohn.
URL: www.jmberlin.de/node/8761

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