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Ausschnitt aus einem Ölgemälde: Porträt von Moses Mendelssohn im Halbprofil, die Augen sind auf die Betrachtenden gerichtet, das linke ist durch einen roten Rahmen hervorgehoben

Moses Mendelssohn

Ausführlicher Einblick in Themen der aktuellen Ausstellung „Wir träumten von nichts als Aufklärung“

Das 18. Jahrhundert ist der Anfang vom Ende einer alten Zeit: Menschen­bild, ästhetische Gepflogen­heiten und staatliche Strukturen der Frühen Neuzeit wandeln sich und streben auf die Moderne zu. So wie es bisher war, kann es nicht weitergehen. Natur­katastrophen und Religions­kriege erschüttern Glaubens­sätze. Es stellen sich viele Fragen, die auch im 21. Jahr­hundert noch Relevanz haben:

Wer hat Bleiberecht? Wie redet man mit Anders­denkenden? Wie stoppt man Fake News? Muss man für Gleich­berechtigung die eigene Tradition aufgeben? Schwächt Integration die kulturelle Identität?

Aufklärung – Licht an! – wird zum Programm der Epoche. Doch Hüter*innen religiöser Tradition lassen sich ungern in Frage stellen. An der Macht sind Monarch*innen. Bürger­rechte sind begrenzt; von Menschen­rechten redet vorerst keiner. Aber es kommt etwas in Bewegung.

Moses Mendelssohn reist als Teenager nach Berlin. Mit seinen Freund*innen wird er zum Motor der Berliner Aufklärung, für Jüdinnen*Juden zum Brücken­bauer. Gegen Beton­köpfe und Fakten-Verdreher*innen setzt er auf die Kraft der Vernunft.

Folgen Sie uns durch Mendelssohns Leben und die Debatten seiner Zeit!

  1. Von Dessau nach Berlin
  2. Eine neue öffentliche Debattenkultur
  3. Aufklärung und Verdunklung
  4. Einsatz für die Menschenrechte
  5. Ästhetik und Freundschaft
  6. Zwischen Unsterblichkeit und Fragilität
  7. Mendelssohn als Celebrity

Aktuelle Ausstellung

Vom 14. Apr bis 11. Sep 2022 können Sie sich zum Thema auch die Ausstellung „Wir träumten von nichts als Aufklärung“ – Moses Mendelssohn anschauen!
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Kupferstich mit Stadtansicht von Dessau

Gesamt­ansicht von Dessau über die Mulde, Kupferstich, Zerbst 1710; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März. Dessau ist die Residenzstadt des Fürstentums Anhalt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg reformiert der Fürst sein Land. Jüdinnen*Juden sind Teil der Wirtschaftspolitik.

Von Dessau nach Berlin

Wer in Preußens Residenz einwandert, wird nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Zwischen Dessau und Berlin gibt es Verbindungen – aber auch Streitigkeiten. Preußen braucht nützliche Zuwander*innen. Für Jüdinnen*Juden gilt: Nur Wohlhabende sollen bleiben, nicht die Armen.

Moses, geboren 1729, ist der Jüngste von drei Kindern. Vater Mendel ist Dessaus Synagogendiener und Lehrer. Die Vorfahren der Mutter sind große Gelehrte bis zur 20. Generation. In der Talmudschule des Rabbi Fränkel lernt Moses Tag und Nacht. Er entdeckt die 500 Jahre zuvor entstandenen Texte des jüdischen Philosophen, Rechtsgelehrten und Arztes Maimonides (ca. 1135–1204) und dabei die Lust an der Logik, am freien Denken.

Als David Fränkel zum Ober­rabbiner nach Berlin berufen wird, folgt ihm der 14-jährige Moses. Berlin wird für ihn zum Portal in eine neue Welt. Der Bettel­student erobert sich den Bildungs­kanon und die klassischen und west­europäischen Sprachen.

Wer hat Bleiberecht?

Moses Mendels­sohns Brotberuf als Buch­halter in einer Seiden­fabrik schützt ihn vor Ausweisung. Er gewinnt Freunde bei den Gelehrten. Erste Texte erscheinen anonym, später unter „Moses Mendelssohn“. Seine intellektuelle Karriere erregt Aufsehen. Man bewundert diesen Ausnahme-Juden, den „juif à Berlin“. Der Philosoph wird zu einer Instanz fort­schrittlichen Denkens.

Mit seiner Frau Fromet, einer Hamburger Kaufmanns­tochter, kommt Moses – für seine Zeit durchaus ungewöhnlich – nicht durch Heirats­vermittlung, sondern durch Liebes­heirat zusammen. Sie agieren gemeinsam, eine innige Partner­schaft.

„Bevor ich Sie kennen-gelernt, meine Liebe! war die Einsam­keit ein Garten Eden für mich. Nun mehr wird sie mir unerträglich.“ (Moses an Fromet, Berlin, 24. Oktober 1761)

Schon in den Briefen des Verlobungs­jahres diskutierten sie über Gott und die Welt (mehr über die Braut­briefe auf unserer Website). Sie werden zu Stamm­eltern einer einfluss­reichen Familie.

Bestickter Tora-Vorhang mit Löwen-Wappen, Rosen und hebräischer Schrift

Tora-Vorhang aus Fromets Brautkleid; Jüdisches Museum Berlin, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, Foto: Roman März. Mehr über den Vorhang auf unserer Website ...

Eine neue öffentliche Debatten­kultur

Bürger*innen verschaffen sich Gehör. Jenseits der Fürsten­höfe entsteht eine neue Öffentlichkeit: in Cafés, Gelehrten­clubs und Publikationen. Der Meinungs­austausch überschreitet Landes- und Standes­grenzen. Geistes- und Natur­wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Publizist*innen und Staats­beamte begegnen einander (halb-)öffentlich oder sehr privat. Im Weinlokal „Baumanns­höhle“ und im „Gelehrten Kaffee­haus“ beim Billard­spiel, in der Montags- und der Mittwochs­gesellschaft, in Gärten und Lauben am Rande der Stadt lernt man, sich zu verständigen und debattiert. Im Idealfall zählt das Argument, nicht, wer es vorbringt.

Berliner Mittwochs­gesellschaft

Der 1783 gegründete Zusammen­schluss diverser Personen des öffentlichen Lebens nannte sich auch „Gesellschaft der Freunde der Aufklärung“.
Mehr bei Wikipedia

Zeichnung eines voll besetzten Saals im Kaffeehaus, in dem angeregt diskutiert wird

Freiräume für den neuen Dialog: Saal eines öffentlichen Kaffee­hauses, Feder, Pinsel in Braun (1770); Dresden, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunst­sammlungen, Inventar-Nr.: C 6638 © bpk | Staatliche Kunst­sammlungen Dresden | Herbert Boswank

Mendelssohn wird zu einem Meister des Dialogs. Er schreibt Bücher in Gesprächs­form, als Brief­wechsel. Die andere Ansicht denkt er mit: als Zeitschrifte­nautor, Redakteur und Gast­geber für Debattierer*innen aus unter­schiedlichsten Milieus.

Wie redet man mit Anders­denkenden?

Mendelssohn verteidigt die Meinungs­vielfalt, moderiert den Konsens der Vernünftigen – und erlebt utopische Momente der Verständigung.

„Ich besuche Hrn. Nicolai sehr oft in seinem Garten. (Ich liebe ihn wirklich, theuerster Freund! Und ich glaube, daß unsere Freund­schaft noch dabei gewinnen muß, weil ich in ihm Ihren wahren Freund liebe.) Wir lesen Gedichte; Herr Nicolai liest mir seine eigenen Aus­arbeitungen vor; ich sitze auf meinem kritischen Richter­stuhl, bewundere, lache, billige, tadele, bis der Abend herein­bricht. Dann denken wir noch einmal an Sie, und gehen, mit unsrer heutigen Verpflichtung zufrieden, von einander …“ (Moses Mendelssohn an Gotthold Ephraim Lessing, 2. August 1756)

Aufklärung und Verdunklung

Durch neue Zeitungen und Zeit­schriften erreicht eine verwirrende Informations­flut immer mehr Leute. Oft steht das neue Wissen gegen das alte. Die Wissen­schaft sagt: Vernunft + Erfahrung = Erkenntnis. Die Aufklärer*innen bekämpfen Aber­glauben, Verschwörungs­theorien und Esoterik.

„Wir träumten von nichts als Aufklärung, und glaubten durch das Licht der Vernunft die Gegend so aufgehellt zu haben, daß die Schwärmerey sich gewiß nicht mehr zeigen werde. Allein wie wir sehen, steiget schon, von der andern Seite des Horizonts, die Nacht mit allen ihren Gespenstern wieder empor. Das Fürchterlichste dabey ist, daß das Uebel so thätig, so wirksam ist. Die Schwärmerey thut, und die Vernunft begnügt sich zu sprechen.“ (Moses Mendels­sohn an Johann Georg Zimmer­mann, 1784)

Schwärmerei – ein Kampfbegriff der Aufklärung

Für deutsche Aufklärer*innen wird die „Schwärmerei“ zum Kampf­begriff, der ihre Gegner*innen bezeichnet.

Ursprünglich waren mit „Schwärmern“ im Zeitalter der Reformation (16. Jhd.) deren eigene radikalere Gruppierungen, ihr linker Flügel gemeint, u.a. die Täufer­bewegung. Zur Zeit der Aufklärung wird unter Schwärmerei nicht nur religiöser Fanatismus, sondern das Irrationale, Vernunft- und Wahrheits­feindliche, der Aberglaube, das Esoterische, das krankhaft Abwegige, das Alberne verstanden. Heute rechnete man dazu wohl Verschwörungs­theorien und „alternative Fakten“.

Zugleich gibt es im 18. Jahrhundert Versuche, den synonym gebrauchten, negativ konnotierten Begriff „Enthusiasmus“ positiver zu bewerten und gegen Schwärmerei abzugrenzen. Moses Mendelssohn würdigt den Enthusiasmus in Gedanken vom Ausdruck der Leidenschaften (1762/63), meint aber, dass dieser reguliert werden müsse.

Die Bekämpfung der Schwärmerei durch Spott kritisiert Mendelssohn als untauglich:

„Am Ende giebt der Spott doch keinen Unterricht. Aechte Aufklärung ist es doch wol nicht, wenn die Menschen aus Furcht verspottet zu werden, ihre Albern­heiten zu ver­heimlichen suchen. Sie ziehen als dann höchstens die Maske der gesunden Vernunft vor, spotten wohl selbst mit, wo dieser Modeton herrschet […] Nicht Verspottung, – das einzige Mittel wahre Aufklärung zu befördern, ist Aufklärung. Die Menschen können aus ihren falschen Begriffen und Vo­rurtheilen von Gott und der Vorsehung weder durch Satyre hinausgelacht, noch durch äußere Macht und Ansehen hinausgeschrekt werde. […] So oft ein Jahrhundert sich durch Neigung zur Schwärmerei oder Aberglauben auszeichnet, so ist es Bedürfniß der Zeit.“ (Berlinische Monatsschrift 1785).

Als Lernender erschließt sich Mendelssohn die Welt. Er ist Mathematiker, Meta­physiker, Psychologe, Literatur­wissenschaftler. Das System des Rationalismus bricht er auf für ein komplexes Menschen­bild. Es gibt für ihn zwei Werkzeuge zur Ver­vollkommnung des Menschen:

  • 1. die Fertig­keiten der Alltags­praxis, die Kultur, und
  • 2. die Fähigkeit zur Vernunft, die Aufklärung.

Das Wagnis des Selber-Denkens ist kein Selbst­zweck.

Doch wie stoppt man Fake News? Kann man durch Erziehung alles erreichen?

Gegen Scheu­klappen, mit denen sich Konfessionen und Milieus voneinander abschotten, hilft Bildung – so hoffen die Aufklärer*innen.

„Die Quelle des Uebels kann nicht anders, als durch Aufklärung verstopft werden. Man helle die Gegend auf, so verschwinden die Gespenster. Man ziehe ans Licht, was so gern im Finstern schleichet; bringe alles an den Tag, was man von den Bemühungen, geheimen Verbindungen, Anstalten und Verrichtungen der Schwärmerei in Erfahrung bringen kann: mit Verachtung gegen den Verführer, wo er in seiner Blöße gezeigt werden kann; oder mit Verschonung und ohne Geisel der Satyre gegen den Verführten, der Mitleid, aber nicht Hohn verdient. […] Die Bestimmung des Menschen überhaupt ist: die Vorurtheile nicht zu unterdrükken, sondern sie zu beleuchten.“ (Berlinische Monatsschrift 1785).

Als Übersetzer verbindet Mendelssohn Welten. Seine in vielen Editionen verbreitete Tora-Übertragung bringt jiddisch-sprachigen Kindern und Erwachsenen Hoch­deutsch bei. Sein Kommentar erschließt den Text und schlägt die Brücke zwischen Tradition und modernem Wissen.

Als Berater von Reform­schulen in Dessau und Berlin setzt Mendelssohn auf das Potential kommender Generationen. Kinder sollen beides lernen: traditionell-jüdischen und modern-praktischen Stoff.

Besitzt nur eine Religion die Wahrheit? Soll man konvertieren?

Die Konfrontation mit verschiedenen Konfessionen erschüttert nach dem 30-jährigen Krieg Wahrheits-Monopole. Ein ver­heerendes Erdbeben mit Großbrand und Tsunami am 1. November 1755 in Lissabon fordert bis zu 100.000 Todesopfer und weckt Zweifel an der himmlischen Gerechtigkeit.

Mendelssohn verteidigt klassische Gottes­beweise und die religiösen Gesetze. Als Vermittler zwischen Judentum und deutscher Kultur stellt er sich gegen die Gemeinde­führer: Sie möchten Tradition und Abgrenzung fixieren. Zugleich berät er jüdische Gemeinden bei Konflikten mit der Obrigkeit.

Mendelssohn verbindet natürliche Religion, Offenbarungs­glauben und Philosophie. Für ihn ist der Kern des Judentums identisch mit der universalen Vernunft­religion.

Natürliche Religion

Natürliche Religion oder Vernunft­religion als Begriffe der Aufklärung bezeichnen eine religiöse Welt­anschauung, die unabhängig von den Spezifika konkreter geschicht­licher Religionen ist.
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Gemälde: Zwei Männer in Kleidung des 18. Jahrhunderts sitzen am Tisch und diskutieren, dahinter steht ein weiterer Mann, zur Tür kommt eine Frau mit einem Tablett herein

Moritz Daniel Oppenheim, Lavater und Lessing bei Moses Mendelssohn, Frankfurt am Main/Hanau 1856; Gift of Vernon Stroud, Eva Linker, Gerda Mathan, Ilse Feiger and Irwin Straus in memory of Frederick and Edith Straus, Magnes Collection of Jewish Art and Life, Bancroft Library, UC Berkeley, Foto: 2013 Sibila Savage Photography

Das oben gemalte Treffen zwischen Moses Mendelsssohn und dem Schweizer Theologen Johann Caspar Lavater (1741–1801) hat so nie stattgefunden – wohl aber die theologische Auseinandersetzung. Das Buch vor Lavater auf dem Tisch stammt von Charles Bonnet und behauptet, dass das Christentum die einzig wahre Religion sei. In seiner deutschen Übersetzung fügte Lavater dem Buch eine persönliche Botschaft hinzu, in der er Moses Mendelssohn auffordert, sich vom Judentum loszusagen und taufen zu lassen. Für den Schweizer Theologen ist die Bekehrung der Jüdinnen*Juden zum Christentum die Voraussetzung für die Wiederkunft von Jesus.

Mendelssohn argumentiert: Das Judentum missioniert nicht und beansprucht keine Ausschließlichkeit. Alle, die die grundlegenden Gebote einhalten, haben Anteil an der kommenden Welt und der ewigen Seligkeit. Dieser offene Disput dauert sieben Jahre und strapaziert Mendelssohns ohnehin schwache Konstitution.

Ausführlichere Bildbeschreibung in einem Audio aus unserer JMB App

Mitlesetext: Versuchte Bekehrung

Moses Mendelssohn war schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit. Als erster Jude nahm er gleichberechtigt an den philosophischen Debatten seiner Zeit teil.

Auf dem Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim sitzt er links auf dem Stuhl.

Wer nach Berlin kam, wollte Moses Mendelssohn besuchen und kennenlernen. So auch der Schweizer Theologe Johann Kaspar Lavater, den man rechts im Bild sieht.

Lavater hat ein Buch auf den Tisch gelegt. Er blickt Mendelssohn eindringlich an und greift über den Tisch an seinen Arm. Mendelssohn wirkt nachdenklich, er gibt sich freundlich-distanziert. Der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing, mit dem Mendelssohn eng befreundet war, steht zwischen beiden und beobachtet die Szene mit einiger Skepsis. Aus dem Hintergrund bringt eine Frau, wahrscheinlich Mendelssohns Ehefrau Fromet, ein Tablett mit Tee.

Das Gemälde von Oppenheim ist die freie Ausgestaltung einer Debatte, die in Wirklichkeit nicht im privaten Wohnzimmer, sondern in Briefen, Artikeln und Zeitschriften ausgetragen wurde: Seit Ende der 1760-er-Jahre versuchte Lavater mit großem Eifer, Mendelssohn dazu zu bewegen, sich christlich taufen zu lassen. Obwohl er in seinem Glaubenseifer jahrelang nicht von Mendelssohn abließ, konnte er ihn nicht umstimmen.

Einsatz für die Menschenrechte

In der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776 proklamieren die dreizehn US-Staaten „unveräußerliche Rechte wie die auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“. Zur gleichen Zeit setzt sich Mendelssohn mit preußischen Beamten „für die bürgerliche Verbesserung der Juden“ ein. Jüdinnen*Juden, das unterdrückte, aber auserwählte Volk, sollen Rechte haben wie alle andern, wobei im Verständnis der Zeit hier vor allem an die Rechte von Männern gedacht wird. Alle sollen gleich sein vor dem Gesetz; alle sind unendlich verschieden.

„Betrachtet uns, wo nicht als Brüder und Mitbürger, doch wenigstens als Mitmenschen und Miteinwohner des Landes. Zeiget uns Wege und gebet uns Mittel an die Hand, wie wir bessere Menschen und bessere Miteinwohner werden können, und lasset uns, so viel es Zeit und Umstände erlauben, die Rechte der Menschheit mit genießen.“ (Moses Mendelssohn, Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum, Berlin 1783)

Denn noch verweigert das „General-Reglement für die Juden“ des Königs von Preußen jüdischen Bürger*innen viele Rechte.

General-Reglement für die Juden von 1750

„Wir Friederich, von Gottes Gnaden, König in Preußen, tun kund und verfügen hiermit:

Daß der Juden überhandnehmende Vermehrung nicht nur dem Publico, besonders aber den christlichen Kaufleuten ungemein Schaden zugefügt.

Die außerordentlichen Schutzjuden aber sind nicht befugt ein Kind anzusetzen, noch zu verheiraten.

Fremden Juden soll in unseren Landen sich anzusetzen gar nicht erlaubt sein, außer wenn ein solcher wirklich zehntausend Reichsthaler Vermögen hätte, und selbige ins Land brächte.

Die Juden sollen keine bürgerlichen Handwerke treiben.

Die Juden sollen bei Konfiskation der Waren mit denjenigen nicht handeln, die ihnen verboten.“

Auszüge aus dem Revidierten General-Privilegium und Reglement, vor die Judenschaft im Königreiche Preußen, 17. Apr 1750

Als Friedrich II. Moses Mendelssohn zu sich rufen lässt, muss die Gleichberechtigung endlich kommen. So denken und träumen wohl viele deutsche Jüdinnen*Juden. Das legendäre Treffen beider Männer wird weitererzählt und ausgeschmückt: wie unverblümt Mendelssohn dem größten Preußen­könig geantwortet hat!

Aber der echte Alte Fritz ist ein Judenfeind. Er fördert nur den nützlichen Textil­kaufmann Mendelssohn, seine Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften stoppt er, seiner Familie verweigert er Aufenthalts­garantien. Nach Potsdam zitiert er ihn nur, weil sein Gast Baron Fritsche den berühmten Gelehrten sehen will. Majestät hingegen bleiben unter sich.

Comic-Szene in der Mendelssohn und Friedrich II. einander gegenüber die Köpfe zum Gruß neigen

Die Legende vom Treffen der beiden großen Männer in der Graphic Novel Moische von typex, 2022

Muss man für die Gleichberechtigung seine Traditionen aufgeben?

Menschen­duldung und Toleranz sind ein erster Schritt. Mendelssohn verteidigt die jüdischen Religions­gesetze, denn sie wider­sprechen nicht den staatlichen Gesetzen. Er plädiert für Gewissens­freiheit und für die Trennung von Staat und Religion.

„Schicket euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, welches ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Traget beider Lasten, so gut ihr könnet!“ (Moses Mendelssohn, Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum, Berlin 1783)

Für Toleranz setzt sich auch die Figur Nathan in Lessings Schauspiels Nathan der Weise ein. Schon bei der Uraufführung wird Nathan der Weise mit Mendelssohn identifiziert. Im Gegensatz zur Figur im Stück bedeutet für Mendelssohn Toleranz allerdings nicht die Ununterscheid­barkeit der Religionen.

Büste eines bärtigen Mannes mit Turban aus Marmorimitat auf einem Metallsockel

Büste „Nathan der Weise“ von Adolf Jahn, Berlin 1902; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2002/152/0, Foto: Jens Ziehe

Ästhetik und Freundschaft

Die Idee des „Moral Sense“ kommt nach Deutsch­land: Der Mensch soll vernunft­geleitet dem Gesetz des Herzens folgen.

Das Individuum wird wichtiger. Wer jetzt wahre Beziehungen sucht, sieht in den kalkulierten Kontakten der auf Karriere ausgerichteten Menschen bei Hofe kein Modell mehr für Lebens­qualität. Mendelssohn mit seinem sozialen Talent praktiziert die neue Idee der Freund­schaft in seinem nahen Umfeld und im erweiterten Kreis. Seine Ehe entsteht – unkonventionell – aus einer Liebes­heirat.

Aquarell zweier Männerköpfe im Profil, daneben die in Handschrift: Tiefer, feiner, Schlauer / und eleganter / der Jude. / männlicher, derber, froher / und kühner, / lebendiger / Lessing

Johannes Pfenniger (1765–1825), Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, undatiert, Aquarell; Österreichische Nationalbibliothek Wien

Steuern Gefühle den Verstand oder umgekehrt?

Mendelssohn publiziert Briefe über die Empfindungen. Seine Kunst­theorie analysiert, wie uns Malerei, Musik, Theater im Innersten bewegen. Um Schönheit wahrzunehmen, reicht die Ratio nicht.

Was verstanden die Aufklärer*innen unter „Empfindsamkeit?“

Das deutsche Wort Gefühl war erst im 17. Jahrhundert entstanden. In der ersten Hälfte des 18. Jahr­hunderts sind damit noch Leiden­schaften, Gemüts­bewegungen und Sinnes­wahr­nehmungen gemeint. Noch ist mit solcher gefühls­betonten Erfahrung eher abwertend das Verwirrende und Dunkle verbunden.

In der zweiten Jahrhundert­hälfte erfolgt eine Aufwertung des Begriffs. Das Gefühl, heißt es nun, kann wie die Vernunft und gemeinsam mit ihr dazu beitragen, Schönheit ganz­heitlich zu erkennen. Die Künste sind den Gesetzen und den Aufträgen der Vernunft nicht mehr unter­geordnet; das Gefühl wird zu einem weiteren Kriterium, um sie zu verstehen.

Mendelssohn wird mit seinen Reflexionen zur Wirkungs­ästhetik und Affekten­lehre, mit seiner Analyse des Theaters und Forschungen zur Beschaffen­heit der Seele zum Protagonisten der reflektierten Empfind­samkeit.

„Die Empfindung der Schönheit suchet das Unendliche; das Erhabene reizet uns bloß durch das Unergründliche, das ihm anhänget; die Wollust ekelt uns, so bald sie die Grenzen der Sättigung berühret. Wo wir Schranken sehen, die nicht zu übersteigen sind, da fühlet sich die Einbildungskraft wie in Fessel geschmiedet, und die Himmel selbst scheinen unser Daseyn in gar zu enge Räume einzuschließen: daher wir unsrer Einbildungskraft so gern den freyen Lauf lassen, und die Grenzen des Raumes ins unendliche hinaus setzen.“ (Moses Mendelssohn in Phädon)

In Verruf gerät das Sensorium der Empfind­samkeit, die anfangs noch „Zärtlichkeit“ genannt worden war, schließlich als Mode der „Empfindelei“, und als Sentimentalität. Wo Empfind­samkeit ober­flächlich kultiviert wird, würde man sie heute als Empfindlich­keit und Gefühls­duselei bezeichnen.

Die wichtigste kunst­theoretische Schrift des Jahr­hunderts, Lessings Laokoon-Essay, entsteht aus Diskussionen mit Mendelssohn und Nicolai über Sinnlichkeit und Mitleid, Wirkung und Autonomie von Bild­hauerei und Dichtung.

Anhand seiner Über­setzung des Monologs „Seyn oder Nichtseyn“ und im Brief­wechsel über das Trauer­spiel analysiert Mendelssohn Mitleid und Erhabenheit als Wirkungen im Theater. Kopf oder Bauch, das ist hier die Frage. Das Berliner Hamlet-Gastspiel von J.F. Brockmanns reißt ihn vor Begeisterung „völlig hin“.

Zehn Jahre sitzt Mendels­sohn an seiner Übersetzung der biblischen Psalmen. Einige werden von Zeit­genossen vertont. Musik verbindet Mendelssohns Ansicht nach mit ihrer „Zauber­kraft der Harmonie“:

„Göttliche Tonkunst! Du bist die eintzige, die uns mit allen Arten von Vergnügen überraschet! Welche süsse Verwirrung von Voll­kommenheit, sinnlicher Lust und Schönheit! Die Nach­ahmungen der menschlichen Leiden­schaften; die künstliche Verbindung zwischen den wider­sinnigsten Uebel­lauten: Quellen der Voll­kommenheit! Die leichten Verhältnisse in den Schwingungen: eine Quelle der Schönheit! Die mit allen Saiten harmonische Spannung der nervigten Gefässe: eine Quelle der sinnlichen Lust!“ (Moses Mendelssohn)

Zur Malerei äußert sich Mendelssohn etwa über die „Rose von Huysum“, an der wir ihm zufolge den Geist des Künstlers erkennen, dessen Vollkommen­heit uns mehr Vergnügen bereitet als die bloße Ähnlichkeit der gemalten Blume.

Gemälde eines bunten Blumenstrausses, auf der Tischplatte davor kriecht eine Weinbergschnecke

Jan van Huijsum (1682–1749), Blumenstrauß mit Schnecken, ca. 1724, Öl auf Leinwand; Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen

Zwischen Unsterblichkeit und Fragilität

Ist der homo sapiens eine Maschine? Wie funktioniert das Zusammen­spiel zwischen Körper und Seele? Mendelssohns Best­seller Phaedon oder über die Unsterblich­keit der Seele in drey Gesprächen begegnet den Fragen verun­sicherter Zeit­genoss*innen.

Für Mendelssohn sind alle Menschen von Gott bestimmt: Es gilt, eigene Handicaps zu überwinden. Selbst­vervollkommnung durch Tugend macht glücklich und verändert die Gesell­schaft zum Guten.

Zeichnung: Von allen Seiten bewegen sich verschieden alte und gekleidete Menschen auf einen großen Steinsarg zwischen vier Zypressen zu

Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801), Die Gleichheit aller Stände im Grabe, Berlin, 1770, Radierung; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2021/89/0, Foto: Roman März

Was meint Mendelssohn mit „Tugend“?

In diesem deutschen Wort, das der gewöhnliche Sprach­gebrauch heute eher mit lust­feindlicher Bigotterie verbindet, steckt Tauglich­keit und Tüchtig­keit.

Um heute ent­sprechende positive Begriffe zu finden, müsste man von Power, Energie und (den ökonomisch assoziierten) „Werten“ reden. Die Bedeutungs­verschiebung und Krise des Tugend­begriffs zeigt sich am Ende des 20. Jahr­hunderts auch in der Skepsis gegenüber den sogenannten preußischen, bürgerlichen oder Sekundär­tugenden: Fleiß, Treue, Gehorsam, Disziplin, Ordnungs­liebe etc.

Als klassische Grund­tugenden galten im Altertum Weisheit, Gerechtig­keit, Tapfer­keit und Mäßigung. Bei Aristoteles, der für die abend­ländische christliche Theologie wichtige Grund­lagen legt, führt Tugend zum geglückten Leben, zur Glückseligkeit. Das christliche Mittelalter entwickelte auf dem Hinter­grund der zehn Gebote und der „Selig­preisungen“ in der Berg­predigt Jesu einen Katalog der sieben Tugenden (Demut, Mildtätig­keit, Keuschheit, Geduld, Mäßigung, Wohl­wollen, Fleiß). Als göttliche oder theologische Tugenden kommen Glaube, Hoffnung, Liebe hinzu.

Die Aufklärer*innen interessieren sich – mehr als für „virtutes intellectuales“ – vor allem für die ethischen Tugenden. Manche leiten diese nicht mehr aus der Religion und der Gottes­liebe ab, sondern sehen sie als Effekt der Vorschriften und Gesetze. Tugend besteht aus der Orientierung am Allgemein­wohl, aus Dienst an der Mensch­heit, aus Nächsten­liebe und Beteiligung an der universalen Verbreitung des Glücks.

Mendelssohn sieht das Ziel aller Tugend darin, den eigenen inneren und äußeren Zustand und den des Neben­menschen so sehr zu vervoll­kommnen, wie das möglich ist. Schädliche Neigungen und moralische Uneinsichtigkeit können durch Einübung von tugend­haftem Verhalten überwunden werden.

Woraus besteht der Mensch? Was ist seine Bestimmung? Ist mit dem Tod alles vorbei?

Mendelssohn zufolge beginnt die gott­bestimmte Vervoll­kommnung des Menschen im Mutter­leib und hört mit dem Tod nicht auf. Er sei „zur Unsterblich­keit geschaffen“, könne sich „wahre Zernichtung“ nicht vorstellen.

Aufgeschlagenes Buch mit Titelei und einer Zeichnung von Sokrates, der im Kerker sitzt und einen Totenschädel betrachtet

Mendelssohns Bestseller Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele in drey Gesprächen erscheint in zahl­reichen Über­setzungen und Auflagen: Die von Platon auf­geschriebenen Dialoge des zum Tode verurteilten Sokrates bezieht er auf aktuelle Fragen nach dem Sinn des Lebens, Berlin/Stettin, Nicolai: 1767; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. VII.5. Mende 275

Mendelssohn stottert und hat einen Buckel. Er ist jahrelang nerven­krank, braucht oft Ärzte und Kur­aufenthalte und stirbt mit 56.

Dass in seiner Person Unsterbliches und Fragilität so drastisch verbunden erscheinen, verstört und fasziniert. Wie er seine Erfahrungen von Behinderung und Dis­kriminierung in Brillanz verwandelt: Das trägt bei zur Ausstrahlung seines Lebens­werkes.

Mendelssohn als Celebrity

Das Publikum will neue Ideen nicht nur lesen, sondern seine Autor*innen auch sehen. Eine nie gekannte Zahl von Porträts kursiert. Bilder schaffen Projektionen und bedienen sie.

Welches Image setzt sich durch?

Schon zu Lebezeiten stehen Mendelssohns Darstellungen auf Gemälden, Stichen und Medaillen im Kontrast zu einander. Die erste Miniatur von 1767 zeigt den jungen Bestseller­autor als jüdischen Gelehrten. Die Büste des Hof­bildhauers im letzten Lebens­jahr feiert den neuen Sokrates. Er wirkt mal spirituell, mal charismatisch, mal naturalistisch. Bis zum Superstar Einstein wird kein Jude so oft verewigt.

Welchen Moses hätten Sie denn gern? Auf dem Markt der Rezeptionen suchen alle ihr Spiegel­bild.

Für den Weg in die Zukunft modelliert man sich Held*innen nach Bedarf. Dem Trauerzug Mendels­sohns folgt noch die ganze Jüdische Gemeinde, samt Mitgliedern des Hofes. Bald bilden sich Denkmal-Fraktionen.

Schwächt Integration die kulturelle Identität? Ist jede Brücke gleich ein fauler Kompromiss?

Für Haskala-Aktivist*innen ist Mendelssohn der Aufklärer. Für Neoorthodoxe der Gesetzestreue. Für Schtetl-Bewohner*innen der Tora-Übersetzer. Für Patriot*innen der „Moses der deutschen Juden“.

Die Jubiläums­ausgabe der Gesammelten Schriften beginnt 1929 mit Unterstützung der Nachkommen zum 200. Geburtstag. 1938 vernichtet die Gestapo den gerade erschienenen Band bis auf wenige Exemplare. 2023 soll die seit 1972 fortgesetzte Edition fertiggestellt sein.

In der Zeit nach Mendelssohns Tod polarisiert sich die Haltung zu ihm und seinem Denken. Die Geschichte der Philosophie stellt Mendelssohn als „Popular­philosophen“ in den Schatten von Kant. Für Marx ist dieser Vermittler ein „Seicht­beutel“. Zionist*innen sagen, er sei schuld an der Assimilation. Für Nazis wird er zum Feind­bild.

Vielleicht ist es Zeit für eine neue Bewertung. Wo können wir mit den Fragen unserer Zeit an die Utopie der Aufklärung und deren Dialog­fähigkeiten anknüpfen?

Zitierempfehlung:

Jüdisches Museum Berlin (2022), Moses Mendelssohn. Ausführlicher Einblick in Themen der aktuellen Ausstellung „Wir träumten von nichts als Aufklärung“.
URL: www.jmberlin.de/node/8663

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