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„Ich fühlte mich seit diesem Tag wie eine Neugeborene“

Ein beeindruckendes Dokument aus unserer Sammlung über die Befreiung 1945

Am 8. Mai 2020 jährt sich der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum 75. Mal. Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und damit das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa wurde keineswegs von allen Deutschen unmittelbar als „Befreiung“ erlebt – sei es, dass sie noch in Kriegsgefangenschaft waren oder jetzt erst kamen, sei es, dass sie unter der Niederlage einer Ideologie litten, an die sie geglaubt hatten.

Ganz anders sah dies aus der Perspektive der Verfolgten des Nazi-Regimes aus:

„Ich bin am 1. April in Kaunitz bei Lippstadt von den Amerikanern befreit worden u. fühlte mich seit diesem Tag wie eine Neugeborene, denn ich glaubte nicht bis zur Minute der Befreiung, dass ich lebend davon komme“,

schrieb etwa Irmgard Brill am 21. Mai 1945 in einem Brief an ihren Bruder Walter, dessen Frau Irmgard, deren Kinder und weitere Personen. Denn der Tag der Befreiung setzte auch dem beispiellosen Mord an den europäischen Jüdinnen*Juden ein Ende, den wir heute mit den Begriffen Holocaust oder Schoa bezeichnen. Hatten die Deutschen doch jüdische Männer, Frauen und Kinder aller Länder, die unter ihre Herrschaft kamen, verfolgt, deportiert und zwischen 5,5 und 6,2 Millionen von ihnen systematisch ermordet.

Der zitierte Brief kam 2013 durch eine Schenkung des Neffen der Verfasserin, Ralph Brill, in unsere Sammlung (mehr dazu in einem Beitrag unserer Kuratorin für Fotografie). Er umfasst zehn handgeschriebene Seiten. Darin wird auch deutlich, dass es nicht reichte, die Befreiung zu erleben, um die Verfolgung zu überleben. Viele starben danach noch an den gesundheitlichen Folgen.

Die erste Seite des im Fließtext ausführlich zitierten Briefs

Die erste Seite des Briefs von Irmgard Brill, später Warech (geboren 1923 in Herzebrock, gestorben 2008 in Paris) an ihren Bruder Walter Brill und seine Familie, Frankreich 21. Mai 1945; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/436/1, Schenkung von Ralph Brill, Brill family archives, Foto: Jörg Waßmer

Schwarz-Weiß-Foto: vier lachende Personen an einem gedeckten Esstisch, die Gesichter großteils verschwommen

Familienessen bei Hugo Brill, ganz rechts sitzt die 1923 geborene Irmgard Brill, Herzebrock ca. 1934; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/296/10, Schenkung von Ralph Brill, Brill family archives. Weitere Informationen zu dieser Fotografie finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Die 22-jährige Irmgard hatte diesbezüglich Glück:

„Mir geht es aber jetzt wieder ganz gut. Gesundheitlich habe ich nichts zurück behalten und habe schon über 10 kg wieder zugenommen. Dr lb Vater bemüht sich sehr um Lebensmittel heran zu schaffen um mich gut zu pflegen.

Leider habe ich keine Hoffnung mehr unseren lb Bruno wiederzusehen, nachdem was ich persönlich gesehen habe, was man mit den Menschen gemacht hat.“

„Ich habe die Nr 75911 + ein Dreieck darunter, welches Jude bedeutet jetzt auf meinem Arm.“

Tatsächlich wurde Irmgards und Walters Bruder Bruno 1943 von den Nazis in Sobibór ermordet. Dass viele so wie er nicht überlebt haben, drückt sich auch in der Selbstbezeichnung Überlebender 1945 als „der Rest der Geretteten“ aus. Während viele von ihnen in Deutschland gestrandet waren, aber den Wunsch hegten, das Land so schnell wie möglich zu verlassen, schrieb Irmgard Brill ihren Brief aus Frankreich. Umgekehrt bedauerte sie, aktuell nicht in ihre deutsche Geburtsstadt reisen zu können:

„Leider konnte ich nach der Befreiung nicht nach Herzebrock od. Rheda da ich bei den Franzosen als Französin galt. Da wir in Münster unseren Zug nahmen, habe ich den Friedhof, wo unsere lb. Mutter, so wie unser Haus noch gesehen.

Der lb. Vater hat sich erkundigt ob er zurück nach Deutschland kann. Als Deutsche ist noch nichts zu machen. Vorzüchlich müssen wir noch hier bleiben oder ich selbst muss sehen denn mein früherer Chef + Cheffin haben mich nach Paris eingeladen um mich dort zu erholen, ob ich von dort aus für den lb. Vater etwas tun kann.“

Bevor sie auf ihre aktuelle Situation in Frankreich zu sprechen kommt, erzählt Irmgard aber erst einmal ausführlich und knapp zugleich, was sie von ihrer Verhaftung im Februar 1944 bis zu ihrer Befreiung erlebt hat:

Vernichtungslager Sobibor

Mehr bei Wikipedia

Detailansicht der zweiten Briefseite:

Ein Absatz auf der zweiten Seite des Briefs; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/436/1, Schenkung von Ralph Brill, Brill family archives, Foto: Jörg Waßmer

„Man hat mich am Sonntag morgen den 6. Febr. 44 um 8 ½ Uhr bei meiner Cheffin verhaftet. Von dort aus hat man mich mit einem Auto zu Vaters Wohnung geführt um ihn auch mitzunehmen, aber G. s. D. hatte er eine zweite Wohnung u. so konnte ich sie in die führen in der er nicht war. Von dort aus hat man mich nach Grenoble gebracht, wo 100 bis 120 Verhaftete zusammen kamen.

Nachdem wir einen Tag dort waren, hat man uns in das Sammellager Drancy gebracht. Dort war ich einen Monat u. bin von dort aus mit einem Transport von 1.500 Personen (solch ein Transport ging ca. jede 8-14 Tage) nach Auschwitz in Oberschlesien, zwischen Katowitz u. Krakau [g]ebracht worden.

Bei der Ankunft ist ungefähr mein Schicksal entschieden worden. Leben oder Sterben, denn so wie man aus dem Viehwagen steigt wird man ausgesucht u. das geht alles auf gut Glück: Von uns 1.500 Männer, Frauen + Kindern sind 37 junge Mädchen + 60 junge Männer ins Lager gekommen, alle anderen in die Gaskammer u. nachher ins Crematorium.“

Es gehörte zur Strategie der Vernichtung, die Verfolgten systematisch über ihr Schicksal zu täuschen und sie so in die Maschinerie des Mordens hineinzuziehen. Noch schlimmer empfand die Verfasserin des Briefes die Gaskammer aber für diejenigen, die schon wussten, was auf sie zukam. Sie fährt nämlich fort:

„Die haben noch Glück, denn sie wissen nicht wohin sie gehen, dagegen die Sch[w]achen + Kranken die im Lager ausgesucht werden wissen von allem u. bleiben noch 3 Tage nach der Aussuchung in eine extra Baracke. Das ist das Schlimmste.“

Alle zehn Seiten des zitierten Briefes, teilweise übereinander liegend

Alle zehn Briefseiten; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/436/1, Schenkung von Ralph Brill, Brill family archives, Foto: Jörg Waßmer

Anschließend beschreibt sie vor allem die vielen Zufälle, ihre körperlichen und erzieherischen Voraussetzungen, eigenes Handeln und das Treffen auf helfende Menschen (auch unter den Tätern), die das Überleben überhaupt ermöglicht haben, an das sie bis zur Minute ihrer Befreiung nicht geglaubt hatte:

„Ich persönlich darf mich in dieser Aussicht nicht beklagen denn ich habe nicht zu viel Schläge bekommen, da der lb. Vater mir schon vorher Bescheid gesagt hat wie man sich verhalten muss. Immer nur die Augen auf.

Zweitens habe ich nicht zuviel von der Kälte gelitten, denn ich habe G. s. d. kein Glied verfroren Drittens hat mir die Feldarbeit nicht zuviel ausgemacht, da ich hier Vater öfters mithalf Land urbar zu machen.

Den ersten Monat, Monat März bis 10 April 44 waren wir in Quarantäne gegen Typhus. Ich habe mit sehr vielen Typhus-Kranken zusammen gelegen (d. heisst wir hatten eine Britsche zu 6 Personen) und habe mich G. s. D. nicht angesteckt. Die Meisten hatten furchtbaren Durchfall u. stellt Euch vor, dass wir nur 2 bis 3 mal Täglich auf einen Eimer gehen konnten und während dieses Monats dort durften wir nur 2x duschen anstatt waschen. Eine Dusche heisst schnell ausziehen, unter die Brause, schnell anziehen. Keine Seife, kein Handtuch, nur 2 Minuten lauwarmes Wasser.

Nach der Quarantäne bin ich in den Kartoffelbunker gekommen. Dieses war die erste Zeit eines der besten Arbeitskomandos, weil man dort Kartoffeln organisieren konnte. Dann habe ich 2 Monate lang Steckrüben geschnitten und später bis Anfang Juli Kartoffeln ausgemacht + eingekellert. Dann habe ich zu arbeiten aufgehört, da ich krank wurde. Während 24 Std. hatte ich sehr hohes Fieber u. war von Samstag bis Dienstag im Revier.“

„Wenn man nur das tat, was erlaubt war, so wäre niemand aus dem Feuer heraus gekommen.“

„Als ich hörte, dass ich nicht mehr in den Kartoffel-Bunker zurück komme, sondern in eine Strickerei war ich überglücklich denn dort wurde man nicht geschlagen, leichte Arbeit + und den ganzen Tag sitzen u. man konnte besser „organisieren“. Das heisst, man stahl Schürzen, Pullover od. andere Sachen und bekam dagegen ca. 1 Pfd. Brot. Es ist sogar soweit gekommen, dass wir Abends nach dem Appel auf den Markt gingen. Dieses war verboten, aber wenn man nur das tat was erlaubt war, so wäre niemand aus dem Feuer heraus gekommen.

Ab Monat Juni gingen immer Transporte nach Deutschland um in Fabriken zu arbeiten u. so bin ich im November 44 durch Zufall nach Lippstadt gekommen. Dort habe ich in einer Munitionsfabrik gearbeitet + hatte den Mann, der mit Kürten bei uns die Maschinen zu besichtigen, als Meister. Er hat mich keine schwere Arbeit machen lassen u. hat mir öfters etwas Brot mit Herzklopfen gegeben. Noch mehrere die Vater kannten. Kürten ist verunglückt als er im Urlaub zuhause war. Er ist vom Zug überfahren worden. Seine Frau hat die Conservenfabrik weiter geführt. Sie hatte Heereslieferung.

Entsinnt Ihr Euch Walter Heller aus Rheda? Er war mein Oberschaarführer. Wenn er einen Moment gefunden hat, wo er mir unbemerkt 2 Worte sagen konnte, so sagte er mir Du siehst noch gut aus, oder Du siehst Deiner Mutter sehr ähnlich. Er fragte was Vater + Ihr Alle macht + sagte mir ein paar Tage bevor man uns evacuierte, dass er gerne mit mir nach Hause gehen möchte + entschuldigte sich dass er geben + Gutes tun konnte. Ab und zu gab er mir 3 Scheiben Brot mit grosser Mühe + Not. Dann den Tag bevor wir befreit sind, zwischen Dellbrück und Kaunitz hat er mir eine grosse Schüssel mit Erbsensuppe gegeben + dann sah ich ihn nicht wieder.“

Als das Arbeitslager in Lippstadt am 30. März 1945 aufgrund der heran­nahenden amerikanischen Truppen geräumt werden musste, schickte man Irmgard mit den verbliebenen Arbeiter*innen auf Fußmarsch in Richtung KZ Bergen-Belsen. Wie sie zu Anfang des Briefes schreibt, wurde der Zug am 1. April 1945 bei Kaunitz von den Amerikanern befreit.

Die achte Seite des im Fließtext zitierten Briefs

Seite 8 des zitierten Briefs; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/436/1, Schenkung von Ralph Brill, Brill family archives, Foto: Jörg Waßmer

In der Gegenwart ihres Briefes angekommen fügt sie noch hinzu:

„Ich habe Euch nicht geschrieben dass ich eine Glatze hatte + tätowiert bin. Ich habe die Nr 75911 + ein Dreieck darunter, welches Jude bedeutet jetzt auf meinem Arm.“

Außerdem bittet sie darum,

„ein paar Sachen zu schicken, denn ich habe nichts mehr da man mir dort alles abgenommen hat + hier alles sehr schwer zu bekommen ist selbst sehr teuer. Ich trage Grösse 44. Schuhgrösse 40. […]
In der Hoffnung dass es Euch allen gut geht. Grüsse und Küsse ich Euch herzlichst
Eure Irmgard
Geb. am 26 Juli 1923 in Herzebrock“

Nach der Lektüre des gesamten Briefes schwingen in dem anfangs erwähnten Gefühl, wie neugeboren zu sein, auch die Anstrengungen mit, die ein solcher erzwungener kompletter Neuanfang nach all den schrecklichen Erfahrungen mit sich gebracht haben muss. Im Vordergrund bleibt bei der noch jungen Irmgard aber Lebenswille und Lebenslust.

Dr. Mirjam Bitter, wissenschaftliche Mitarbeiterin Digital & Publishing

Die zehnte Seite des im Fließtext zitierten Briefs

Die letzte Seite des Briefs von Irmgard Brill an ihren Bruder und dessen Familie, Frankreich 21. Mai 1945; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2013/436/1, Schenkung von Ralph Brill, Brill family archives, Foto: Jörg Waßmer

Zitierempfehlung:

Mirjam Bitter (2020), „Ich fühlte mich seit diesem Tag wie eine Neugeborene“. Ein beeindruckendes Dokument aus unserer Sammlung über die Befreiung 1945.
URL: www.jmberlin.de/node/6979

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