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Abschieds­brief, Tinte auf Papier

Im Archiv des Jüdischen Museums Berlin bewahren wir einen bewegenden Brief auf, den Marianne Joachim am 4. März 1943 an ihre Schwiegereltern schrieb. Noch am selben Tag wurde die junge Frau in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet. Was war geschehen?

Marianne und Heinz Joachim schlossen sich vermutlich 1941 der Widerstandsgruppe um Herbert Baum an. Herbert Baum, ein Jude und Kommunist, scharte seit 1933 Freund*innen und Gleichgesinnte um sich, um Widerstand gegen die nationalsozialistische Politik zu leisten. Am 18. Mai 1942 versuchte die Gruppe, die antisowjetische Ausstellung Das Sowjetparadies im Berliner Lustgarten in Brand zu setzen. Unter den Mitgliedern, die wenig später verhaftet und zum Tode verurteilt wurden, waren auch Marianne und Heinz Joachim.

Aus ihrem Brief erfahren wir, dass es für Marianne Joachim der „schwerste Schicksalsschlag“ war zu erfahren, dass ihr Mann bereits am 18. August 1942 – ebenfalls in Berlin-Plötzensee – hingerichtet worden war. Ihre größte Sorge galt ihren Eltern, Jenny und Georg Prager. Sie wurden im März 1943 nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert und kamen dort ums Leben. Mariannes Schwester Ilse konnte mit einem der letzten Kindertransporte nach England entkommen. Heinz Joachims Vater Alfons starb Ende 1944 im KZ Sachsenhausen. Seine Mutter Anna war nicht jüdischer Herkunft und hat die Zeit des Nationalsozialismus – ebenso wie seine Brüder – deswegen überlebt.

Marianne Joachims Abschiedsbrief wurde dem Jüdischen Museum Berlin von dem Bruder ihres Mannes, Manfred Joachim, als Dauerleihgabe überlassen. Von März bis August 2010 war er in unserer Dauerausstellung zu sehen – eine kurze Zeit für ein solch beeindruckendes Schriftstück.

Wir konnten den Brief leider nur sechs Monate lang zeigen, weil er mit Tinte geschrieben und deshalb empfindlich ist. Tinte ist ein delikates Material. Es soll gut und kontinuierlich aus dem Füllfederhalter fließen. Dazu muss die farbgebende Komponente sehr fein sein und sich gut im Wasser lösen lassen. Daher werden für Tinten statt in Wasser unlöslichen Pigmenten verschiedene, meist synthetisch hergestellte Farbstoffe verwendet. Durch Lichteinfluss wird die chemische Struktur der Farbstoffmoleküle dauerhaft verändert. Bei einer längeren Ausstellungsdauer würde das intensive Tintenblau der Schrift unwiederbringlich mehr und mehr verblassen. Marianne Joachims eindrucksvollen Abschiedsbrief könnten wir dann nur noch schwer lesen.

Maren Krüger, Ausstellungen, und Stephan Lohrengel, Restaurierung

Zitierempfehlung:

Maren Krüger/Stephan Lohrengel (2013), Abschieds­brief, Tinte auf Papier.
URL: www.jmberlin.de/node/6751

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Blick hinter die Kulissen: Anekdoten und spannende Funde bei der Arbeit mit unseren Sammlungen (17)