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Vom 2. bis 30. November bleibt das Jüdische Museum Berlin aufgrund der Corona-Beschränkungen geschlossen.

Alte Fotografie einer Frau in liegender Tanzpose

Lisel Weber in einer Tanzpose, zwischen 1918 und 1923; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung des Vereins Lastoria e.V. Bremen

Aus dem Müll geborgen

Die Fotoalben der Künstlerin Olga Irén Fröhlich

Vor mir sehe ich Moment­aufnahmen eines bewegten Lebens. 511 Augenblicke. Fotografisch festgehalten, auf vier Fotoalben verteilt und sorgfältig nach Themen geordnet. Sie stammen aus dem Nachlass von Olga Irén Fröhlich, einer deutsch-jüdischen Sängerin und Kabarettistin der 1930er bis 1960er Jahre.

Hinter den Fotografien, die ich tagtäglich in den Händen halte, verbergen sich oft interessante und ergreifende Biografien. Die Geschichte der vier Fotoalben und ihrer ehemaligen Besitzerin ist für mich allerdings eine ganz besondere, da sie bewegend und ungewöhnlich zugleich ist.

Leben und Werk

Olga Irén Weber wurde am 9. Januar 1904 in Hamburg als Zweitjüngste von acht Geschwistern geboren. Ihre Familie stammte aus Ungarn und hatte sich, nach einem kurzen Aufenthalt in Breslau, schließlich in Hamburg niedergelassen, wo ihr Vater Carl Weber das Möbelgeschäft Leers und Weber mit gründete. Bereits ihr Bruder Ede und ihre Schwester Lisel waren als Pianist beziehungs­weise als Ausdrucks­tänzerin künstlerisch tätig. Da Olga Irén jedoch in der Firma ihres Vaters arbeiten sollte, besuchte sie zunächst die Handels­schule in Hamburg.
Im Oktober 1922 heiratete sie Alfred Fröhlich und zog mit ihm nach Breslau, wo am 29. November 1923 ihre Tochter Margit geboren wurde, die 1938 mit einem Kinder­transport nach England gelangte.

In den 1920er Jahren begann Fröhlichs Karriere als Kabarett-Künstlerin, genauer als Diseuse. Ihren ersten Auftritt hatte sie bei der Eröffnungs­feier des neuen Hauses der Odd Fellow Lodge in Breslau, wo das Ehepaar Mitglied war. Daraufhin erhielt sie viel positive Resonanz und weitere Engagements folgten. Ab 1927 tourte sie durch ganz Deutschland und trat dabei unter anderem im Varieté Astoria in Bremen und dem Kabarett der Komiker in Berlin auf.

Bereits 1934 flüchtete sie ohne ihre Familie in die Schweiz, wo sie sich jedoch stets nur neun Monate am Stück aufhalten durfte. In der Zwischen­zeit trat sie in Belgien, den Niederlanden, Österreich und Luxemburg auf. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann ging sie schließlich eine Scheinehe mit einem Bieler Hotelier ein, um ein dauerhaftes Aufenthalts­recht in der Schweiz zu erhalten.

Eine Frau steht hinter ihrer Tochter, im Hintergrund ein Bergpanorama

Olga Irén Fröhlich und ihre Tochter Margit in den Bergen, Schweiz zwischen 9. Jul 1938 und 9. Aug 1938; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung des Vereins Lastoria e.V. Bremen

Porträt einer Frau, die sich Spitzenstoff vor ihr Gesicht hält

Porträt von Olga Irén Fröhlich, zwischen 1925 und 1935; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung des Vereins Lastoria e.V. Bremen

Ende der 1940er Jahre ließ sich Fröhlich von ihrem zweiten Ehemann scheiden und zog 1952 nach Bremen. Neben ihren regel­mäßigen Auftritten im Varieté Astoria arbeitete sie in den 1950er und 1960er Jahren auch für die Rundfunk­sender Freies Berlin, RIAS und Radio Bremen. Die künstlerische Leiterin des Astoria, Renate Noack, wurde ihre Lebens­gefährtin und die beiden lebten gemeinsam in einer Wohnung im Ostertor in Bremen. Olga Irén Fröhlich verstarb am 24. Februar 1995 in Bremen.

Künstlerischer Nachlass

Die Fotoalben, die Fröhlichs Leben so anschaulich erzählen, wurden von einem engagierten Bremer Mitbürger aus einem Müll­container geborgen. Ohne seinen Einsatz wären ihre Lebens­zeugnisse heute zerstört. Ob die Fotoalben direkt nach dem Tod Fröhlichs oder erst einige Jahre später entsorgt werden sollten, lässt sich im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist, dass der Finder die Objekte an eine Bekannte weitergab, die sie verwahrte und schließlich dem Bremer Verein Lastoria e.V. schenkte, der sich der Geschichte des Varietés Astoria widmet.

Der Verein begann, über die Grenzen Deutschlands hinweg umfang­reiche Recherchen zu Fröhlichs Werk und Biografie durch­zuführen und schließlich anhand von Publikationen und Online-Beiträgen zu veröffentlichen. Da dem Verein sehr am Erhalt des Erbes Olga Irén Fröhlichs und dessen Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit gelegen ist, entschied er sich 2014, die vier Fotoalben an das Jüdische Museum Berlin zu übergeben. Als ich mit der Inventarisierung begann, waren die Recherche­ergebnisse des Vereins meine wichtigste Informations­quelle.

Porträtserie einer Frau mittleren Alters in maskuliner Frisur und Kleidung

Fotoserie mit acht Porträts von Renate Noack und einem Porträt von Olga Irén Fröhlich in der Mitte, vermutlich Bremen zwischen 1953 und 1960; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung des Vereins Lastoria e.V. Bremen

Neben Büchern, Zeitschriften und Online-Datenbanken sind aber auch die Fotografien selbst eine wichtige Quelle. Ihr Potenzial besteht darin, über biografische Fakten hinaus Aufschluss über soziale Beziehungen und persönliche Erinnerungen der betreffenden Person zu geben. Die Alben von Olga Irén Fröhlich umfassen eine Vielzahl von Aufnahmen ihrer Kolleg*innen und Freund*innen, die ihr aus halb Europa und den USA schrieben. Auf vielen finden sich Widmungen, die Sympathie und Respekt für ihre Person und ihre künstlerische Arbeit ausdrücken:

Olga Irén Fröhlich, der ‚konzentriertesten Kabarettistin', die aber außerdem auch noch ein überraschend angenehmer Mensch ist, in aufrichtigster Zuneigung.

Lastoria e.V.

lastoria-bremen.de

Diese Widmung von Karl Schnog, einem deutsch-jüdischen Schriftsteller und Kabarettisten, ebenso wie die der anderen Kolleg*innen und Freund*innen Fröhlichs sind Zeugnis für die große Anerkennung ihres künstlerischen Schaffens und ihre Bekanntheit innerhalb der Kabarettszene. Doch erst durch die Fotografien wird die Lebens­geschichte Olga Irén Fröhlichs greifbar und lebendig, ihre Biografie verständlich. Eben dies ist es, was private Fotografie leisten kann und was mich bei meiner Arbeit immer wieder aufs Neue fasziniert.

Anna Rosemann, fotografische Sammlung, sucht und findet immer noch neue Informationen zum Leben von Olga Irén Fröhlich.

PS: Mein Dank gilt dem Verein Lastoria e.V. und insbesondere Frau Felsing für die umfangreichen Informationen.

Olga Irén Fröhlich im Interview

Ein Interview mit Olga Irén Fröhlich, welches wenige Monate vor ihrem Tod von Schülern des SZ Neustadt gefilmt wurde, ist über das Landesinstitut für Schule in Bremen erhältlich.
Zur Website des Landesinstituts für Schule in Bremen

Zitierempfehlung:

Anna Rosemann (2015), Aus dem Müll geborgen . Die Fotoalben der Künstlerin Olga Irén Fröhlich .
URL: www.jmberlin.de/node/7567

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