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Moral jenseits der Transzendenz – Judentum, Islam und Atheismus

Dialogische Ringvorlesung: Der Glaube der Anderen – Weltreligionen im Spiegel von Judentum und Islam (mit Video-Mitschnitt)

Die vierte Veranstaltung unserer Ringvorlesung „Der Glaube der Anderen“ widmet sich dem Atheismus und der Frage, inwiefern religionskritische Denkweisen für eine zeitgemäße jüdische und islamische Theologie heute konstruktiv sein können.

Skeptizismus, Unglaube und Zweifel begleiten die Religionen seit ihren Anfängen. In Folge der fortschreitenden Säkularisierung haben sich atheistische und agnostische Überzeugungen jedoch in einem bisher unbekannten Maß in der westlichen Welt verbreitet. Wie reagieren Judentum und Islam darauf?

Mitschnitt verfügbar

Jacques Berlinerblau und Ufuk Topkara diskutieren die Frage, inwiefern religionskritische Denkweisen für eine zeitgemäße jüdische und islamische Theologie heute konstruktiv sein können. Veranstaltung vom 20. April 2020 (auf Deutsch und Englisch); Jüdisches Museum 2020

Als monotheistische Religionen verstehen beide die Negation Gottes als eine Verneinung moralischer Werte. Kann es aber moralische Prinzipien nur unter Rückgriff auf eine Transzendenz geben? Und schließlich wie begegnen das Judentum und der Islam dem von den Atheisten formulieren Anspruch auf Rationalität und Vernunft?

Es diskutieren Jacques Berlinerblau (Georgetown University) und Ufuk Topkara (University of Virginia), Asher Mattern (Eberhard Karls Universität Tübingen) moderiert.

Logo der Ringvorlesung
Porträts von Jacques Berlinerblau und Ufuk Topkara

BU: Jaques Berlinerblau (links), Foto: Rafael Suanes, und Ufuk Topkara, Foto: privat

Jacques Berlinerblau

Jacques Berlinerblau ist Professor für Jewish Civilization und Direktor des Centers for Jewish Civilization an der Georgetown University. Er hat zu einer Vielzahl von wissenschaftlichen Themen publiziert mit Schwerpunkt auf Häresie, Atheismus und Säkularismus. Er ist u.a. Autor von How to be Secular: A Call to Arms for Religious Freedom.

Abstrakt: Wie sich jüdischer Atheismus denken lässt

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem jüdischen Atheismus befindet sich noch im Anfangsstadium, daher gibt es zu diesem Thema nur wenig von Fachkolleg*innen rezensierte Literatur. Das macht es schwierig, ein populäres Axiom zu bestätigen oder überhaupt zu untersuchen, demzufolge Jüdinnen*Juden eine besondere Affinität zur Gottlosigkeit haben.

Die Ziele meines Diskussionsbeitrags für das Jüdische Museum Berlin sind weit gefasst und programmatisch. Zunächst untersuche ich plausible und wichtige Wurzeln bzw. Triebkräfte des jüdischen Atheismus, wobei ich davon ausgehe, dass er so stark ausgeprägt ist, wie manche glauben. Die sich zuweilen überlagernden Wurzeln sind folgende: 1) ein eigentümliches Motiv im jüdischen rabbinischen Denken, das eine intensive Konzentration auf die Tora über und gegen die Konzentration auf den metaphysischen Gott Israels stellt, 2) eine rhetorische Tendenz im frühen Judentum zu spielerischen, nahezu blasphemischen Spekulationen über das Göttliche, 3) eine kollektive Leidensgeschichte, die in der Schoa gipfelte und eine einzigartig jüdische „Theodizee“ hervorruft bzw. eine Erklärung des Leidens im Lichte der angenommenen Güte Gottes, 4) die weit verbreitete Hinwendung osteuropäischer Jüdinnen*Juden des 19. Jahrhunderts zu marxistisch geprägten Weltanschauungen, die das Göttliche ausdrücklich in den Bereich des „Überbaus“, des „Schimären“ usw. verbannten und 5) die historische Skepsis eines „Paria-Volks“ gegenüber offiziellen Gotteserzählungen, wie sie in der europäischen Christenheit anzutreffen waren.

Möglicherweise als Ursache und Wirkung dieses Prozesses können Jüdinnen*Juden religiösen Trost in, um, unter und sogar jenseits von Gott finden, wobei sie gleichzeitig Jüdinnen*Juden bleiben. Das heißt, dass viele Jüdinnen*Juden sich in einem Gefühl der Volkszugehörigkeit und/oder einem Bekenntnis zum Zionismus und/oder dem Eintauchen in die jüdische Kultur als Jüdinnen*Juden bestätigt finden. Dass eine solche Art der Religiosität ausgesprochen jüdisch ist und christliche oder muslimische Traditionalist*innen (sowie viele orthodoxe Jüdinnen*Juden) ausgesprochen verwirrt, ist ein wichtiger Punkt, auf den in der Präsentation hingewiesen werden soll. Mein Beitrag endet mit einem Appell an Wissenschaftler*innen und religiöse Vertreter*innen aller Couleur, eine weniger doktrinäre und wertende Sicht auf den jüdischen Atheismus und verwandte Positionen einzunehmen. Die Bereitschaft, die fließende, komplexe, historisch bedingte und kulturell kreative Natur dieser Form des Judentums zu verstehen, ist ideologischer Ausgangspunkt für ein Studium des jüdischen Atheismus.

Ufuk Topkara

Ufuk Topkara studierte Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Harvard University. Er war Islam-Referent der Evangelischen Akademie Berlin und ist Verfasser des Buches Umrisse einer zeitgemäßen philosophischen Theologie im Islam: Die Verfeinerung des Charakters, in dem er die islamische mit der existentialistischen Philosophie zusammenbringt.

Was, wann, wo?

  • SpracheDie Veranstaltung fand in deutscher und englischer Sprache statt. Jacques Berlinerblau trug auf Englisch vor, Ufuk Topkara auf Deutsch.

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