Generation „koscher light“

Drei Fragen an Alina Gromova

Julia Jürgens
2013 veröffentlichte die Ethnologin Alina Gromova mit Generation „koscher light“ die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten zum Lebensstil junger russischsprachiger Jüdinnen*Juden in Berlin und stellte das Buch am 9. September 2014 im Rahmen der Reihe Neue deutsche Geschichten in der Akademie des Jüdischen Museums Berlin vor.

Vorab – am 8. September 2014 – führte Julia Jürgens ein kurzes Interview mit Alina Gromova und stellte ihr die folgenden drei Fragen:

Julia Jürgens: Alina, Du hast die Stadt als Ausgangspunkt Deiner Untersuchung von russischsprachigen Jüdinnen*Juden in Berlin gewählt – aus den Orten, an denen sie wohnen, sich aufhalten, treffen und feiern, arbeitest Du die unterschiedlichen Auffassungen von Identität, Tradition und Religion heraus, die in dieser Gruppe existieren. Wieso hast Du Dich gerade für diese Raum-Perspektive entschieden?

Alina Gromova: Identität und Tradition sind Begriffe, die oft schwer zu greifen sind, weil sie aus Symbolen, Werten, Wunschprojektionen oder Erinnerungen bestehen. Ein Raum hat dagegen nicht nur eine symbolische, sondern auch eine materielle Seite und ist deshalb viel greifbarer. Für mich sind Räume keine dreidimensionalen Container, die mit Menschen oder Dingen gefüllt werden müssen; vielmehr werden sie durch diese überhaupt erst geschaffen. Die Stadträume sind für mich besonders spannend, weil hier eine große kulturelle und religiöse Vielfalt an einem engen Fleck möglich ist und deshalb an ein und demselben Ort mehrere Räume gleichzeitig entstehen, die von verschiedenen Gruppen konstruiert werden, die sich gegenseitig überlagern und miteinander in Berührung kommen.

Julia Jürgens: Dein Buch beruht auf der ethnologischen Feldforschung, die Du im Rahmen Deiner Dissertation durchgeführt hast: Du hast 15 russischsprachige Jüdinnen*Juden ein Jahr lang durch Ihren Alltag begleitet und Dir ihre bevorzugten Cafés, Treffpunkte, Synagogen und Restaurants zeigen lassen. Auch in den privaten Raum, die Wohnung, haben sie Dir Zutritt gewährt. Inwiefern hat Dir Dein eigener biographischer Hintergrund beim Zugang zum Feld geholfen? Wie hast Du Deine Protagonist*innen gefunden und ihr Vertrauen gewonnen?

Alina Gromova: Bevor ich die Feldforschung angefangen habe, hatte ich außer zu meiner eigenen Familie kaum Kontakte zu anderen russischsprachigen Jüdinnen*Juden. Ich musste mir das „Feld“ also als eine „distanzierte Insiderin“ komplett neu erarbeiten. Ich habe jüdische Gottesdienste, kulturelle Veranstaltungen und Partys besucht und mich dort Gruppen von Menschen angeschlossen, die sich auf Russisch unterhielten. Da ich den kulturellen Hintergrund und die Sprache meiner Protagonist*innen teile, konnte ich mich leicht an ihren Gesprächen beteiligen; wir kennen dieselben Witze, mögen dieselben osteuropäischen Gerichte und haben als Kinder dieselben Filme gesehen. Ich wurde deshalb schnell in die Gruppen aufgenommen und konnte später Menschen leichter für die Teilnahme an meiner Forschung gewinnen.

Porträt einer Frau mit Brille, die lächelt und direkt in die Kamera schaut

Alina Gromova; Judith Metze

Julia Jürgens: Dein Buch trägt den Titel Generation „koscher light“. Kannst Du in ein paar Sätzen erläutern, was diese Generation kennzeichnet?

Alina Gromova: Der Begriff „koscher light“ beschreibt umgangssprachlich einen liberalen Umgang mit den traditionellen jüdischen Speisevorschriften, der Kaschrut. Das bedeutet zum Beispiel, dass jemand zwar Milch und Fleisch nicht zusammen in einem Gericht verwendet, aber beides, Milchiges und Fleischiges, in derselben Pfanne zubereitet und nicht zwei verschiedene Pfannen hat, wie es die jüdische Tradition vorschreibt. Ich habe den Begriff „koscher light“ auf die junge Generation der russischsprachigen Jüdinnen*Juden übertragen, weil sie selbstbewusst und kreativ mit der Tradition und Religion umgehen und diese an ihren urbanen und berlinspezifischen Lebensstil anpassen. Dabei geht es nicht nur um Essen, sondern auch um Kleidung, jüdische Lerntradition oder Partner*innenwahl.

Das Interview führte Julia Jürgens (Akademieprogramm zu Migration und Diversität).

Buchcover

Cover von Generation „koscher light“. Urbane Räume und Praxen junger russischsprachiger Juden in Berlin von Alina Gromova; transcript Verlag

Zitierempfehlung: 
Julia Jürgens (2014), Generation „koscher light“. Drei Fragen an Alina Gromova.
URL: www.jmberlin.de/node/6353
Interviewreihe (12) Neue deutsche Geschichten Alle anzeigen

Neue deutsche Geschichten

Im Rahmen der Reihe Neue deutsche Geschichten laden unsere Kolleg*innen vom Akademieprogramm zu Migration und Diversität seit 2014 regelmäßig Gesprächspartner*innen ins Jüdische Museum ein, um mit ihnen anhand ihrer Biografien Geschichte und Gegenwart Deutschlands als Migrationsgesellschaft zu thematisieren. Fast immer entstehen im Vorfeld dieser Veranstaltungen Interviews, die wir hier für Sie zusammengestellt haben.

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26. Mai 2017
„Diese Repräsentationskluft sollten wir schließen“

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6. Februar 2017
Über ihr Buch Vater unser – Eine Sintifamilie erzählt

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„Von der Langeweile des friedlichen Zusammenlebens“

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6. Juli 2016
“Der Anteil, den Schwarze Soldaten an der Befreiung Deutschlands vom Faschismus hatten, droht in Vergessenheit zu geraten”

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13. Oktober 2015
„Bisher wurde immer über uns gesprochen und geschrieben“

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16. September 2015
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„Anders, aber nicht fremd“

Ahmad Milad Karimi

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„Warum ich gerne Muslim bin und wieso Marlon Brando viel damit zu tun hat“

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8. September 2014
Generation „koscher light“
Junge russischsprachige Jüdinnen*Juden in Berlin

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Kıymet oder:
Eine filmische Hommage an meine Großmutter

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29. Januar 2014
„Neue deutsche Geschichten“