Direkt zum Inhalt

Ab 23. August 2020 präsentiert die vollständig neu gestaltete Dauer­ausstellung jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Bis dahin bleibt das Jüdische Museum Berlin wegen Umbaus geschlossen.

Kontingent­flüchtlinge/russisch­sprachige Einwander*innen

Von 1991 bis 2005 konnten Jüdinnen*Juden und deren Angehörige bzw. Menschen mit jüdischen Vor­fahr*innen aus der Sowjet­union und deren Nachfolge­staaten als sogenannte Kontingent­flüchtlinge nach Deutschland übersiedeln.

Diese Einwanderung russisch­sprachiger Jüdinnen*Juden aus der ehemaligen Sowjet­union bedeutete eine gewaltige Zäsur in der Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland nach 1945. Jüdisch zu sein galt in den Staaten der ehemaligen Sowjet­union als Nationalität, nicht als Religion. Allen Sowjet­bürger*innen war die Ausübung ihrer Religion untersagt, weshalb das religiöse Judentum den meisten russisch­sprachigen Jüdinnen*Juden, die in der Sowjetunion geboren waren, fremd und unbekannt war.

So kamen die Einwander*innen mit dem Eintrag „Jewrej“ im Pass und mit ihrer sowjetischen Version des Judentums im Gepäck nach Deutschland. Damit haben sie die jüdische Gemeinschaft in Deutschland seit den 1990er-Jahren verändert und bereichert: Die Gemeinden erfuhren einen starken Zuwachs, standen aber auch vor großen Heraus­forderungen.

Das Verhältnis zwischen Alt­eingesessenen und Neu­ankömmlingen war nicht ohne Spannung. Beispielweise wurde die Nationalität „Jewrej“ in der Sowjet­union vom Vater auf die Kinder vererbt – anders als nach dem jüdischen Religions­gesetz, wonach die mütterliche Linie für die Weiter­gabe des Judentums zuständig ist. Die Kinder vieler eingewanderter Familien sind sogenannte „Vater­juden“. Dies führt zu Konflikten mit den Jüdischen Gemeinden, die sich an das Religions­gesetz halten.

Hände halten ein Buch mit russischer und hebräischer Schrift darauf

Dieses sehr alte hebräisch-russische Wörter­buch brachte Anatol Benjamin Schapiro mit, um für das Projekt Objekttage seine Migrations­geschichte zu erzählen (mehr erfahren); Jüdisches Museum Berlin, Foto: Stephan Pramme.

Alina Gromova berichtet in diesem Video zur Ausstellung A wie jüdisch u. a. über unter­schiedliche erinnerungs­­kulturelle Perspektiven bei alt­­eingesessenen bzw. aus der ehemaligen Sowjetunion zu­gewanderten Jüdinnen*Juden in Deutschland; Jüdisches Museum Berlin 2020.

Heute sind diejenigen, die als Kinder oder Jugendliche nach Deutschland gekommen oder hier geboren sind, selbst­verständlicher Teil der Gesell­schaft, akademisch gebildet und politisch sowie kulturell engagiert. Vor allem im Bereich der Literatur ist eine Produktivität vor allem jüngerer Autor*innen fest­zustellen, die unter anderem ihre eigenen Migrations­geschichten literarisch verarbeiten und damit die innere Viel­stimmigkeit dieser Gruppe verdeutlichen.

Im Gegensatz zu den Spät­aussiedler*innen aus der ehemaligen Sowjet­union erhielten Kontingent­flüchtlinge nicht automatisch die deutsche Staats­angehörigkeit, konnten diese aber nach bestimmten Fristen beantragen. Sie hatten Anspruch auf eine Arbeits­erlaubnis, Sozial­leistungen und Integrations­hilfen, wie einen kosten­losen Sprachkurs und die Unterstützung bei der Wohnungs­suche.

Mit dem Zuwanderungs­gesetz vom 1. Januar 2005 verlor das Kontingent­flüchtlings­gesetz seine Gültigkeit. 2007 wurde die weitere Aufnahme jüdischer Ein­wander*innen aus der ehemaligen Sowjet­union beschlossen, nun jedoch mit strengeren Auflagen.

„Man nennt mich einen ,Helden der Sowjetunion‘.“ Der 1991 nach Deutschland eingewanderte Lev Agranovich besitzt 28 Orden und Medaillen (mehr erfahren); Jüdisches Museum Berlin, Foto: Stephan Pramme.