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Vom 2. bis 30. November bleibt das Jüdische Museum Berlin aufgrund der Corona-Beschränkungen geschlossen.

Historisches Lernen in der Migrationsgesellschaft

Dokumentation der Arbeitsgruppe

Lernen in der Einwanderungsgesellschaft kann unterschiedliche Ansätze verfolgen. Hierbei hinterfragten wir die Rolle von Lernenden und Lehrenden. Welche Rolle spielen eigene Identifizierungen und das Gefühl von Zugehörigkeit in Lernsituationen? Welche Rolle spielt die Zielgruppe für die Erarbeitung pädagogischer Materialien? Welche Rolle spielt die soziale Position und Zugehörigkeit von Lehrer*innen?

Ausgehend von Erfahrungen in der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz und in der Geschichtswerkstatt des Jüdischen Museums Berlin mit der Refik-Veseli-Schule wurden Vor- und Nachteile diskutiert und Möglichkeiten für das historische Lernen in der Einwanderungsgesellschaft gesucht.

Ulrike Wagner moderierte diese Arbeitsgruppe mit Inputs von

Historisches Lernen in der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz von Dr. Elke Gryglewski

Bevor von »den Jugendlichen mit Migrationshintergrund« gesprochen wird, die angeblich nicht an der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust interessiert sind, ist sinnvoll, sich mit der eigenen Haltung und der der Mehrheitsgesellschaft zum Umgang mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Anhand von zwei Übungen, wurde der Diskurs zum historischen Lernen zu NS und Holocaust in den Blick genommen, um anschließend Überlegungen zu besprechen, die bei historischer Bildung alle Adressaten und Adressatinnen gleichermaßen ansprechen.

Historisches Lernen im Geschichtsunterricht von Selman Erkovan

Historisch-politisches Lernen und vor allem der Geschichtsunterricht finden vor dem Hintergrund von kulturellen Nationsbildungs- sowie Erhaltungsprozessen statt. Die Herausbildung der jeweiligen Identitäten von Individuen, Gesellschaften und Nationalstaaten vollzieht sich somit vor diesem Hintergrund, nach dem Motto: »Wie wir (Deutschen) historisch wurden, was wir heute sind.« Und sie bestimmen, wer historisch zu »uns« heute gehört und wer nicht. Anschließend an diesen Umstand stellt sich die Frage, welche Rolle eigentlich Identitätsbildungsprozesse in der Holocaust Education im sog. Einwanderungszusammenhang in Deutschland spielen? In den letzten Jahren gab es verstärkt Lehr- und Lernkonzepte, die darauf abzielten, Schüler*innen sowie Jugendliche mit sog. Migrationshintergrund »dort abzuholen, wo sie stehen.« Es wurden Lehr- und Lernkonzepte entwickelt, die direkt an ihre (vermeintlichen) kulturellen Identitäten anknüpften, um sie für die Holocaust Education zu gewinnen: Es wurden dezidiert »Muslime«, »Migranten« und insbesondere »Türken« angesprochen. Diese Konzepte haben beachtliches geleistet: Sie haben »Einstiegsvektoren« für Jugendliche zu einer Thematik geöffnet, die ihnen unter Umständen vollkommen verschlossen und »entrückt« waren.

Außerdem haben sie gesellschaftlich dazu beigetragen, Einwanderung als Bereicherung zu begreifen und somit einen nachhaltigen, inklusiven Einstellungswandel mitgestaltet. Und sie stellen bedeutende Beiträge in der Auseinandersetzung mit dem vorhandenen Antisemitismus-Problem dar. Aber dürfen Pädagogik und Didaktik an dieser Stelle stehenbleiben? Müssen wir uns nicht kritisch hinterfragen, um solche Konzepte weiterzuentwickeln? Es stellen sich berechtigte Fragen an diesen Ansätzen:

  • Sind Zielgruppenadressierungen, wie »Türke« oder »Moslem«, überhaupt verwendbare Kategorien in hochglobalisierten, hybrid-kulturellen wie hochheterogenen Milieus, um Schüler*innen für die Thematik Schoa sowie Nationalsozialismus »dort abzuholen, wo sie (angeblich) stehen«?
  • Sind solche Zielgruppenkategorien nicht vielleicht identitär-kollektive Selbstvergewisserungen, um uns wieder »Deutsch« fühlen zu können, nach dem Motto: »Ich bringe dem »Türken« Schoa bei, damit er auch Deutsch wird.«
  • Darf vermeintliche Herkunft zu einer Hilfskategorie in der notwendigen Auseinandersetzung mit gesamtgesellschaftlich stattfindendem Antisemitismus werden?
  • Oder ist dies eher als nicht-intendierter, aber trotzdem gesamtgesellschaftlich vollzogener Fingerzeig zu »dem antisemitischem Moslem« zu verstehen, als ein gesamtgesellschaftlicher Relativierungsversuch für den »nicht-migrantischen« Antisemitismus?

Diese zentralen Fragen sind in Anlehnung an geschichtsdidaktische, rassismuskritische sowie postkoloniale Wissenschaftstheorien heraus entwickelt und diskutiert worden.

Unbewusste diskriminierende Zuschreibungen in historisch-politscher Bildung von Fabian Schnedler

Dort, wo Identitäten verhandelt werden, in der historisch-politischen Bildung, im Geschichtsunterricht oder in der Arbeit zu Diskriminierungen liegen die Fallstricke unbewusster diskriminierender Zuschreibungen oft nicht weit. D.h. dort, wo man eigentlich gegen Ausgrenzung arbeiten will, findet Ausgrenzung und Diskriminierung statt.

Wie kann man gegen Diskriminierungen arbeiten ohne diskriminierende Kategorien zu reproduzieren? Mit welchen Methoden und Ansätzen kann man verhindern, dass eigene diskriminierende Zuschreibungen z.B. bei der Unterrichtsplanung wirkungsmächtig werden? Ich sehe folgende Wege aus der Falle: die Reflexion über eigene Zuschreibungen, die Beteiligung der Schüler*innen (Partizipation) und Wissen über Diskriminierung vermitteln und das Handeln gegen Diskriminierung stärken.

Reflexion eigner Zuschreibungen

  • Reflexion eigener Zuschreibungen möglichst nicht alleine, sondern mit externer Evaluation,
  • Reflexion eigener diskriminierender Zuschreibungsmuster,
  • Reflexion bei der Auswahl der Themen und Materialien,
  • Reflexion der Adressierung der Schüler im Unterricht.

Also, man sollte die eigene Praxis unter dem Gesichtspunkt beobachten (lassen), wo versteckte oder latente Mechanismen der Diskriminierung nicht wahrgenommen werden können.

Partizipation

  • Meinungsbilder und Forschungsinteressen der Schüler innerhalb des Themenfeldes erfragen,
  • Raum für eine selbst gewählte Forschung der Schüler in Projekten ermöglichen,
  • Feedback der Schüler einholen, offene Gesprächskultur möglich machen.

Wissen über Diskriminierungen vermitteln, Handeln gegen Diskriminierungen stärken

  • Schüler*innen ermöglichen, Diskriminierungen auch von sich aus anzusprechen,
  • Raum geben, um über unterschiedliche Zugehörigkeitserfahrungen zu sprechen.

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Tagungsdokumentation: Schule und Museum in der Migrationsgesellschaft (19)

Schule und Museum in der Migrationsgesellschaft

Die einzelnen Panels der Tagung am 13. und 14. Oktober 2014 sind hier dokumentiert.

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Marginalisierte Biografien: Lebensgeschichten von Juden und Roma und Sinti in der Bildungsarbeit

Arbeitsgruppe mit Steffen Jost (Max Mannheimer Studienzentrum, Dachau) und Katharina Obens (Dipl.-Psychologin, Lernkultur – Institut für Bildungsforschung und Evaluation), moderiert von Ulrike Wagner (Universität Leipzig)

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Vielfalt durch Beteiligung

Arbeitsgruppe mit Karin Schreibeis (Serviceagentur Ganztägig Lernen/Deutsche Kinder- und Jugendstiftung) und Sandra Christall (Sozialpädagogin an der Hermann-Hesse-Oberschule, Berlin), moderiert von Andrea Blaneck (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung)

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Biografiearbeit als Beitrag zur kulturellen Öffnung

Arbeitsgruppe mit Franziska Bogdanov (Jüdisches Museum Berlin), Beate Klammt (Bildungsreferentin, ehemals Anne Frank Zentrum), Rainer Brieske (Albrecht-Dürer-Gymnasium, Berlin) und Michael Merbitz (B.-Traven-Oberschule, Berlin), moderiert von Sarah Hiron (Jüdisches Museum Berlin)

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Zwischen Identifikation und Außenwahrnehmung: Was macht Schule aus?

Arbeitsgruppe mit Inputs von Heinrich Meise (Refik-Veseli-Sekundarschule, Berlin), Markus Schega und Dr. Michael Senn (Nürtingen Grundschule, Berlin) und Friedhelm Botsch (Hermann-Hesse-Schule, Berlin), moderiert von Meral El (Jüdisches Museum Berlin)

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»Wir wollen etwas verändern – aber nur in Begleitung!«

Arbeitsgruppe mit einem Input von Andrea Blaneck, moderiert von Marlous Behrendt (beide: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Berlin)

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Differenzfreundlich und diskriminierungskritisch – Anforderungen an Bildungsinstitutionen in der Migrationsgesellschaft

Impulsreferat von Prof. Dr. Paul Mecheril (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) mit anschließendem Gespräch, geleitet von Dr. Anja Durdel (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung)

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Wie können Politik und Gesellschaft die interkulturelle Öffnung von Schulen unterstützen?

Podiumsdiskussion mit Özcan Mutlu (MdB für Bündnis 90/Die Grünen), Evelin Lubig-Fohsel (Landesausschuss für Migration, Diversität und Antidiskriminierung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), André Barth (Ernst-Schering-Oberschule, Berlin) und Dr. Diana Dressel (Jüdisches Museum Berlin), modieriert von Dr. Nkechi Madubuko (Moderatorin und Autorin, Marburg)

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Diversität in der Jugendliteratur

Arbeitsgruppe mit Impulsen von André Barth (Ernst-Schering-Oberschule, Berlin), Ulrich Hipler (B.-Traven-Oberschule, Berlin) und Nina Wilkens (Jüdisches Museum Berlin)

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Historisches Lernen in der Migrationsgesellschaft

Arbeitsgruppe mit Inputs von Dr. Elke Gryglewski (Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin), Selman Erkovan (Bildungsreferent, Berlin) und Fabian Schnedler (Jüdisches Museum Berlin), moderiert von Ulrike Wagner (Universität Leipzig)

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Ausstellungen werden von Museen gemacht, oder?

Arbeitsgruppe mit Petra Zwaka (Jugend Museum Berlin), Silvia Linnenbürger (B.-Traven-Oberschule, Berlin) und Jutta Dücker (Ernst-Schering-Oberschule, Berlin), moderiert von Dr. Diana Dressel (Jüdisches Museum Berlin)

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Möglichkeiten, Herausforderungen und Ansätze zur gelingenden Kooperation zwischen Schulen und Museum

Weltcafé, moderiert von Jutta Weimar (Großgruppenmoderatorin und Prozessbegleiterin, Berlin)

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Annäherung aus drei Perspektiven

Podiumsdiskussion mit Zahide Doğaç (Lehrerin und Interkulturelle Koordinatorin, Hamburg), Ibrahim Gülnar (Mobiles Beratungsteam »Ostkreuz«, Berlin) und Leontine Meijer-van Mensch (Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin), moderiert von Dr. Rosa Fava (Jüdisches Museum Berlin)

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Sensibilisierung für Diversität

Arbeitsgruppe mit Dr. Czarina Wilpert (Eine Welt der Vielfalt e. V.) und Grit Gottschalk (Ernst-Schering-Schule, Berlin), moderiert von Meral El (Jüdisches Museum Berlin)

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Durchgängige Sprachbildung

Arbeitsgruppe mit Input von Lilo Martens (Multiplikatorin für Interkulturelle Bildung und durchgängige Sprachbildung, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Berlin)

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Rassistische Diskriminierung zur Sprache bringen

Arbeitsgruppe, moderiert von Toan Nguyen (Bildungswerkstatt Migration und Gesellschaft e. V. Berlin)

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Antisemitismus in Social Media

Arbeitsgruppe mit Gabriele Rohmann und Martin Gegenheimer (Archiv der Jugendkulturen e. V., Berlin), André Barth (Ernst-Schering-Oberschule, Berlin) und Martina Brandes-Parow (B.-Traven-Oberschule, Berlin), moderiert von Jutta Weimar (Großgruppenmoderatorin und Prozessbegleiterin, Berlin)

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Theaterpädagogik. Methoden und Ansätze für Pädagog*innen in Schule und Museum

Arbeitsgruppe mit Laura Söllner (Theaterpädagogin, Berlin), Anja Scheffer (Schauspielerin und Regisseurin), Heidemarie Link (B.-Traven-Oberschule, Berlin) und Eva Albert (Hermann-Hesse-Schule, Berlin), moderiert von Dr. Diana Dressel (Jüdisches Museum Berlin)

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Film als Methode einer diskriminierungskritischen Pädagogik

Arbeitsgruppe mit Gunnar Meyer (BildungsBausteine gegen Antisemitismus, Berlin) und Vera March-Berg (Refik-Veseli-Schule, Berlin), moderiert von Fabian Schnedler (Jüdisches Museum Berlin)

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Tagungsreflexion

Die Veranstaltung moderierten Dr. Anja Durdel (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung) und Tanja Petersen (Jüdisches Museum Berlin)