Crisálidas (Schmetterlingspuppen)

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Jorge Gil

Die Darstellung durch verschiedene Arten von Puppen ist dem Menschen seit Anbeginn der Geschichte eigen. Schon immer haben wir unsere Sehnsüchte, Ideale und Wünsche auf Puppen projiziert, aber auch unsere Phobien und dunkelsten Ängste auf sie übertragen; oder gar uns selbst in ihnen repräsentiert.

Vielleicht liegt dies daran, dass die Puppe ein Objekt ist, das wir uns in der Kindheit zu eigen machen und emotional aufladen. Vielleicht ist uns Menschen die Puppe deshalb näher als eine Skulptur es jemals sein könnte, mag sie noch so gelungen oder realistisch sein.

Es gibt unzählige Beispiele von Wesen/Puppen, die den Raum der Kindheit verlassen haben und zur Inspiration für Künstler, Schriftsteller, Dichter und Cineasten geworden sind, zu einem wirkungsmächtigen Medium.

Ein besonders eindrückliches Beispiel, das schon viele Künstler in den Bann gezogen und auch mich immer fasziniert hat, ist die Legende vom Golem. Konkret interessiert mich daran die Balance zwischen zwei entgegengesetzten Ideen: der Konstruktion und gleichzeitigen Destruktion eines künstlichen Wesens; die Dualität zwischen der Figur des Helden und des Antihelden, die darin zum Ausdruck kommt.

Wenn wir die Figur des Golem als »künstliches Wesen« oder homo artificialis analysieren, stellen wir fest, dass sie genau an der Grenze zwischen Puppe und Mensch situiert ist. Ich denke diese Dualität gerne als kleinen »Limbus«, in dem alle Vorstellungen in der Schwebe bleiben, in der Balance zwischen manchmal gegensätzlichen, manchmal sich ergänzenden Teilen.

Als ich die Arbeit an der Installation »Crisálidas« aufnahm, war ich mir der Tatsache sehr bewusst, dass diese Dualität in der Natur der Schmetterlingspuppe angelegt ist. Sie ist nichts anderes als ein Übergang zwischen zwei Seinszuständen: dem der Larve und dem des Schmetterlings. Sie ist eine Phase des Wartens, der Ruhe, lässt sich verstehen als ein Moment, in dem man weder ganz lebt noch ganz tot ist; als eine Art Schlaf, ähnlich dem des Prä-Roboters aus Lehm, bevor der Rabbi ihm neues Leben einhaucht, ihn mit einer Beschwörungsformel aktiviert oder deaktiviert.

»Crisálidas« entstand auch dank eines anderen Bezugs: dem zu einem Spielzeug aus meiner Kindheit, einem Stoffpüppchen namens Gusiluz, das in den 1980er Jahren in Spanien produziert wurde. Es handelt sich dabei um einen Wurm mit menschlichen Zügen, dessen Gesicht in der Nacht leuchtete, womit er die gleiche Funktion erfüllte wie die Sorgenpuppen aus Guatemala, die Kindern in den Schlaf verhelfen und ihnen die Angst vor der Dunkelheit nehmen sollen.

Wie der Golem beschützen diese Wächter der Nacht die Wesen in ihrer Umgebung, wenn sie am verletzlichsten sind, und so bewegen auch sie sich in der Sphäre der Dualität, an der Grenze zwischen dem Monströsen und dem Heroischen, dem Belebten und dem Unbelebten, dem Lebendigen und dem Toten.

Jorge Gil ist Künstler und lebt in Spanien. Seine Skulpturen und Installationen greifen verschiedenste Aspekte des Menschseins auf, wie Identität und Individualität, Verletzlichkeit und Verlust und kulminieren so in der Frage, was es eigentlich bedeutet ein Mensch zu sein. Seine Mittel der Darstellung sind dabei vorzugsweise Puppen, Marionetten, Mannequins, Automaten und Silhouetten, die das Subjekt substituieren.

Ansicht der Installation <cite>Crisálidas</cite>

Crisálidas
Jorge Gil, Spanien, 2009
Mischtechnik, Kunstharz, Nylon, Plüsch, 60 x 50 x 35 cm (Einzelteile)

Zitierempfehlung: 
Jorge Gil (2016), Crisálidas (Schmetterlingspuppen). Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4694