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Außer Kontrolle

Kapitel 6 aus dem Ausstellungskatalog GOLEM

Emily D. Bilski

Die Deutung der Golem-Figur hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt, oft als Reaktion auf historische Ereignisse. War es lange Zeit um den Schöpfungsprozess als solchen gegangen, lag seit dem 17. Jahrhundert die Konzentration vor allem darauf, welche praktischen Aufgaben ein Golem übernehmen könnte. Die Quellen, die diese neue Haltung zum Golem belegen, sind zahlreich; sie stehen häufig im Zusammenhang mit der Entwicklung einer modernen Wissenschaft im christlichen Europa. Verschiedenste Golem-Erzählungen entstanden, die sich meist um einen Gelehrten drehen, der seinen Golem zu einem bestimmten Zweck schafft: Als Diener, als Gefährten oder auch als Retter einer jüdischen Gemeinde in Gefahr. Die Golem-Legende wurde für eine jüdische Minderheit, die den Launen der jeweiligen Machthaber ausgesetzt war, zu einem kraftvollen Überlebens-Mythos. Im 20. Jahrhundert trat der Golem in den vielen Geschichten als Retter auf, je nachdem in welcher Situation sich die Juden befanden und welchen Bedrohungen sie ausgesetzt waren. So schrieb Egon Erwin Kisch in einem Brief 1938:

»Du weißt doch, dass ich ein direkter Nachkomme des weisen Rabbi Löw bin, der aus Lehm den Golem modelliert hat und ihm, wenn den Juden Unrecht droht, befahl: Erhebe Dich und gehe! So einen Golem würden wir brauchen, wenn die Nazis auf uns losgehen werden. Ich würde ihm auch befehlen: Erhebe Dich und geh, die Feinde rücken auf mein Prag zu!« (aus: Schmitz, W. et al.: Böhmen am Meer , Chemnitz 1997)

Obwohl Juden in der Geschichte häufig schutzbedürftig waren, blieb die Haltung gegenüber der zerstörerischen Kraft des Golem ambivalent. Diese Ambivalenz spiegelt sich in all jenen Erzählungen, in denen der Golem zu einer Bedrohung für seinen Schöpfer wird und letztendlich Amok läuft: Ist die Macht erst entfesselt, lässt sie sich nicht kontrollieren. Dieses zweischneidige Schwert – der Golem als Beschützer und Zerstörer zugleich – wurde zur geeigneten Metapher für viele der Herausforderungen, mit denen sich die moderne Gesellschaft konfrontiert sah und sieht.

Emily D. Bilski ist Kunsthistorikerin und arbeitet hauptsächlich über die Schnittstelle zwischen Kunst, Kulturgeschichte und jüdischer Erfahrung in der Moderne sowie über zeitgenössische Kunst. Sie arbeitet als Kuratorin und Beraterin von Museen in den USA, Europa und Israel. Für ihre Publikationen Berlin Metropolis: Jews and the New Culture: 1890-1910 (1999) und Jewish Women and Their Salons (2005) gewann sie jeweils den National Jewish Book Award.

Zitierempfehlung:

Emily D. Bilski (2016), Außer Kontrolle. Kapitel 6 aus dem Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4706

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