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Der Golem und Mirjam

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Cathy S. Gelbin

Monstren fungierten seit dem Mittelalter als Warnzeichen gegen die Sünde; in der Neuzeit werden sie zum Symbol der Andersartigkeit. Auch in Wegeners Film verkörpert der Golem multiple Grenzüberschreitungen im Sinne von Ethnizität, Sexualität und Geschlecht. So wie auch andere künstliche Wesen im Film der Weimarer Republik steht der Golem in Wegeners Film für eine alternative Form der Männlichkeit, d. h. für einen »Neuen Mann« als Gegenstück zur sexuell selbstbestimmten »Neuen Frau«, die uns in Mirjam, der Tochter Rabbi Loews, begegnet. Mirjam repräsentiert demzufolge die negativ überzeichnete Figur der jüdischen Femme fatale, die seit der Jahrhundertwende die Stereotype von Frauen und Juden in sich vereinte.

Wegeners Golem selbst verkörpert das ebenfalls um die Jahrhundertwende entstandene Konzept des »Muskeljuden«. Dieser neue jüdische Kämpfertypus, den der Frühzionismus als Gegenbild zum antisemitischen Klischee des feminisierten »Ghettojuden« imaginierte, sollte sein Volk verteidigen können und gleichzeitig das Land urbar machen. Der Typ des schwächlichen »Ghettojuden« wiederum ist in Rabbi Loews Famulus vertreten, der vergebens um Mirjams Gunst buhlt, denn Mirjam hat heimlich mit Junker Florian, einem Christen, angebandelt. Sie verstößt damit einerseits gegen das Verbot der sexuellen Freizügigkeit für die Frau und andererseits gegen das im Zuge des modernen Rassendiskurses neu interpretierte Gebot der Trennung von Christen und Juden. Als der Famulus Florian im Ghetto entdeckt, befiehlt er dem Golem, den Junker zu töten. Im Golem löst dieser Auftrag ein unbezähmbares Begehren aus, das darin mündet, dass er Mirjam überwältigt und verschleppt. Als Mirjam schließlich die Avancen des Famulus erhört, verspricht ihr dieser, ihren Fehltritt zu verzeihen und geheim zu halten. So wird der Golem zum erzählerischen Werkzeug, um die patriarchalische Ordnung und die mit ihr im Film verbundene Trennung zwischen Juden und Christen wiederherzustellen.

Wegeners Bild vom Monster, das die Frau trägt, wird in den rassistisch getönten Hollywooddramen der 1930er Jahre immer wieder aufgegriffen – von Tod Brownings Dracula (1931) bis hin zu Merian C. Coopers und Ernest B. Schoedsacks King Kong (1933). Dieser nachhaltige Einfluss entstand nicht zufällig, denn Wegener machte den Golem und seinen jüdischen Schöpfer zum Sinnbild für die Schöpfungskraft des Mediums Kino, das deutschsprachige Juden stark mit prägten. Wegener, der auch den Golem spielte, war zwar selbst kein Jude, jedoch standen ihm einige jüdische Darsteller zur Seite, etwa Albert Steinrück als Rabbi Loew und Ernst Deutsch als sein Gehilfe. Beide waren, wie auch Wegener, Schauspieler an Max Reinhardts Deutschem Theater. In seinem Aufsatz Von den künstlerischen Möglichkeiten des Wandelbildes (1917) beschrieb Wegener seine Vision vom Film als Kunst der Kameraführung. Die Kamera, so Wegener, sei »[d]er eigentliche Dichter des Films«, dessen Poesie sich im Rhythmus seiner Schwarzweißbilder entfalte. Der Golem, jene »seltsame Steingestalt«, die im Film »stumm und mystisch ihr rein bildhaftes Dasein entfalten konnte« , lässt sich so als Sinnbild für das künstlerische Potenzial des Stummfilms selbst deuten. Ohne Zweifel rührt die anhaltende Faszination von Wegeners Golem gerade aus dieser Verschränkung, mit der der Regisseur das Medium Film durch seine schillernden, ambivalenten jüdischen Figuren feiert.

Cathy S. Gelbin ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin an der University of Manchester und Mitherausgeberin des Leo Baeck Institute Year Book. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der deutsch-jüdischen Kultur ab dem 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung von Fragen nach Geschlecht und Sexualität. Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bilden Darstellungen des Holocaust sowie zeitgenössische deutsch-jüdische Kultur in europäischen und globalen Kontexten. Buchpublikationen sind unter anderem The Golem Returns: From German Romantic Literature to Global Jewish Culture (2011) und Jewish Culture in the Age of Globalisation (mit Sander L. Gilman, 2014). Ihre Monografie Cosmopolitanism and the Jews (ebenfalls mit Sander L. Gilman) erscheint 2017.

Filmstill aus dem Film Der Golem, wie er in die Welt kam: der Golem blick auf eine liegende junge Frau

Der Golem, wie er in die Welt kam (Filmstill: Golem und Mirjam)
Regie: Paul Wegener, Carl Boese
Drehbuch: Paul Wegener, Henrik Galeen, Deutschland, 1920
Fotografie, 24 x 30 cm;
Deutsches Filminstitut, Frankfurt a.M./Nachlass Paul Wegener - Sammlung Kai Möller

Zitierempfehlung:

Cathy S. Gelbin (2016), Der Golem und Mirjam. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4700

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