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Golem, Sprache, Dada

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Emily D. Bilski

Mittelalterliche jüdische Mystiker, so heißt es, arbeiteten stets zusammen, um einen Golem zu schaffen. Diesen Schöpfungsakt spiegelt die Zusammenarbeit von Mark Berghash, Rimma Gerlovina und Valeriy Gerlovin wider. In einer Kombination von Fotografie, konkreter Poesie, Performance und Körperkunst setzten sie vier einzelne Aufnahmen, die jeweils einen mit hebräischen Buchstaben bemalten Teil des menschlichen Körpers zeigen, zu einem lebensgroßen Golem zusammen. Als Gitter angeordnet wie ein Kreuzworträtsel oder eine Scrabble-Tafel, eröffnen die möglichen Lesarten dieser Komposition ein geistreiches, mehrsprachiges Spiel der Worte und Bedeutungen.

Horizontal gelesen, also die mittlere Gitterzeile von rechts nach links, ergibt sich das hebräische Wort emet (אמת) – Wahrheit – und somit eine der Zeichenkombinationen, die dazu dienen sollen, den Golem zu beleben. Die beiden blutroten Buchstaben auf der Hand der Figur fügen sich zu met (מת) – Tod –, und diese Kombination, so heißt es, macht den Golem wieder leblos. Auf der vertikalen Achse des Gitters vervielfältigen sich die Möglichkeiten. Beginnen wir beim großen schwarzen aleph (א), das auf der Brust prangt, und verbinden es mit den beiden Buchstaben auf dem Fußknöchel (דם), so erhalten wir adam (אדם) – »Mann« oder »Mensch«. Die zweite Silbe des Wortes, dam (דם), ist aber zugleich das hebräische Wort für Blut, was wiederum durch rote Farbe akzentuiert wird. Allerdings können wir dieselbe Buchstabenfolge auch als das französische Wort dame, also »Frau«, lesen. Nehmen wir noch den Buchstaben mem (מ) hinzu, der auf den Kopf der Figur gemalt ist, klingt es laut gelesen wie »Madame«.

Dieses Gender-Spiel der Worte entspricht der Vermischung von männlicher und weiblicher Anatomie in der Figur selbst, mit ihrem zarten Frauenkopf über einer behaarten Männerbrust. Zusammengesetzt aus Teilen verschiedener Körper ruft die Gestalt einen der berühmtesten Verwandten des Golem in Erinnerung, Frankensteins Monster, wie es in der Verfilmung von Mary Shelleys Roman dargestellt wurde – auch wenn die Figur von Mark Berghash, Rimma Gerlovina und Valeriy Gerlovin weitaus hübscher ist. Die Größen- und Geschlechtsdiskrepanz der einzelnen Teile gibt ihr den Anschein, sie sei nach der Methode des Cadavre Exquis entstanden, die bei Dadaisten und Surrealisten beliebt war, um kollektive Werke zu schaffen und dabei das rationale Denken zu überlisten. Wir als Betrachter sind ein Teil der Zusammenarbeit, denn indem wir die Buchstabenkombination entschlüsseln, helfen wir, diesen Golem lebendig zu machen.

Emily D. Bilski ist Kunsthistorikerin und arbeitet hauptsächlich über die Schnittstelle zwischen Kunst, Kulturgeschichte und jüdischer Erfahrung in der Moderne sowie über zeitgenössische Kunst. Sie arbeitet als Kuratorin und Beraterin von Museen in den USA, Europa und Israel. Für ihre Publikationen Berlin Metropolis: Jews and the New Culture: 1890-1910 (1999) und Jewish Women and Their Salons (2005) gewann sie jeweils den National Jewish Book Award.

Auf einer Metalltafel sind vier Fotos von Körperteilen montiert, die je mit hebräischen Buchstaben bemalt sind: ein Frauenk

Golem II
Rimma Gerlovina, Mark Berghash, Valeriy Gerlovin, USA, 1987
Chromogene Farbfotografie auf Aluminium, 182,9 x 121,9 x 5,1 cm
Foto: Gerlovina, Berghash, Gerlovin, 1987/The Jewish Museum, New York, S. 49

Zitierempfehlung:

Emily D. Bilski (2016), Golem, Sprache, Dada. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4686

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Kapitel 2 – Jüdische Mystik: Ausgewählte Texte (2)