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Die Belebung der Filmkulisse

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Anna-Carolin Augustin

Häusergiebel züngeln nach oben. Eine wehrhafte Mauer mit bedrohlich scharfen Zinnen hegt sie ein. Im Hintergrund erhebt sich ein märchenhafter Schlossberg. Diese Motive, entwickelt und produziert von Hans Poelzig und Marlene Moeschke, stehen im Zentrum der Skizzen für die heute ikonischen Kulissen des Stummfilms Der Golem, wie er in die Welt kam.

Der Regisseur und Hauptdarsteller des Films, Paul Wegener, hatte zunächst den Architekten Hans Poelzig für das Golem-Filmprojekt gewinnen können, der wiederum kurz darauf in einem Brief begeistert an seine Mitarbeiterin, die Bildhauerin Marlene Moeschke, appellierte: »Jedenfalls ist aus der Sache was zu machen und wie ich glaube, großartig, phantastisch. Aber du mußt helfen.«1 Marlene Moeschke half. Während Poelzig die Ideen für die Architektur der Außenmotive lieferte, entwarf Moeschke Innenmotive, Requisiten und Kostüme des Films und modellierte später zudem die Kulisse. Neben zahlreichen Entwurfsskizzen von Poelzig auf losen Blättern und in Notizbüchern ist auch ein Golem-Skizzenbuch Marlene Moeschkes erhalten. In ihrer expressiven Manier und Motivwahl ähneln die Zeichnungen der beiden Kunstschaffenden einander sehr und erzählen so von deren enger Zusammenarbeit. Insbesondere in Moeschkes Skizzen für den Kaisersaal wird das deutlich: Die Form der lodernden Flammen, die Poelzig für die Häusergiebel verwendet hat, überträgt sie in ein neogotisch-stilisiertes Interieur dynamischer Spitzbögen mit reich verzierten Fialen. Wohl nicht zufällig platzierte sie in ihrem Skizzenbuch neben die Zeichnung eines gotischen Spitzbogens die flüchtige Skizze eines wurzelschlagenden Baumes mit geschwungenem Geäst, denn Marlene Moeschke ließ sich ebenso wie Hans Poelzig vom Organischen, von den Formen der belebten Natur, inspirieren.

Poelzigs und Moeschkes ausdrucksstark-anthropomorphe Formsprache der Kulissengestaltung forderte etablierte Sehgewohnheiten heraus. Sie korrespondierte allerdings mit der Wirkkraft und Modernität des damals noch neuen Mediums Film. Darüber hinaus griff die belebt wirkende Kulisse auch das Thema Animierung und damit ein zentrales Element der Golemlegende selbst auf. Möglicherweise ließen sich Poelzig und Moeschke von dem viel gelesenen Golem-Roman Gustav Meyrinks inspirieren, in dem der Autor das spukhafte Treiben der Häuser des jüdischen Ghettos in Prag beschrieb, die die eigentlichen »Herren der Gasse« und des Nachts am Leben seien.

Die Synthese verschiedener künstlerischer Bereiche bei der Kulissengestaltung von Theater- und Filmproduktionen eröffnete Poelzig und Moeschke die Möglichkeit, ihr Ideal eines Gesamtkunstwerks zu verwirklichen. Das Zusammenwirken von Handwerk und bildender Kunst in diesem Bereich entsprach den Prinzipien moderner Strömungen in der angewandten Kunst, wie sie der Deutsche Werkbund vertrat, dem Poelzig seit 1919 vorstand. Durch die darüber hinaus nahezu unumschränkte gestalterische Freiheit beim Film, die Raum für utopisch-fantastische Entwürfe bot, übte die junge Filmindustrie als modernes Experimentierfeld einen ganz besonderen Reiz aus. So wundert es wenig, dass die innovative Ateliergemeinschaft Poelzig-Moeschke sich für das Medium Film begeisterte und mit Paul Wegener sogar Pläne zum Aufbau eines Bauateliers mit eigenem Filmstudio schmiedete. Zwar folgte für das Künstlerpaar, das im Jahr 1923 heiratete, kein weiteres, vergleichbar erfolgreiches Filmprojekt, aber ein fundamentales Novum konnten die beiden mit der Kulissengestaltung des Golem-Films realisieren: ein weitläufiges und begehbares Filmset, das den Anspruch erheben konnte, ein autonomes Kunstwerk zu sein. Dies trug mit dazu bei, dass Paul Wegeners dritter Golem-Stummfilm zu einem Klassiker der Filmgeschichte wurde.

Anna-Carolin Augustin, Historikerin, ist nach ihrem wissenschaftlichen Volontariat am Jüdischen Museum Berlin als kuratorische Assistenz für die Golem-Ausstellung tätig.


  1. Brief aus Privatnachlass, Hamburg. Zitiert nach: Heike Hambrock, Hans und Marlene Poelzig −Bauen im Geist des Barock: Architekturphantasien, Theaterprojekte und moderner Festbau (1916‒1926), Delmenhorst 2005, S. 71. ↩︎

Skizzenbuch von Marlene Moeschke-Poelzig, offen, mit vier Zeichnungen

Skizzenbuch zu „Der Golem, wie er in die Welt kam“
Marlene Moeschke-Poelzig
Berlin, um 1920
Bleistiftzeichnungen, 21,1 x 13,8 cm
Deutsches Filminstitut, Frankfurt a.M./Nachlass Hans Poelzig - Dauerleihgabe der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für Kunst- und Kulturpflege

Zitierempfehlung:

Anna-Carolin Augustin (2016), Die Belebung der Filmkulisse. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4702

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