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Der Golem mit tanzender Kinderschar

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Karin Harrasser

Im Kapitel über das Ritornell in Gilles Deleuze’ und Félix Guattaris Tausend Plateaus steht gleich zu Beginn dieses: »Für komplizierte Arbeiten wie die Gründung einer Stadt oder die Herstellung eines Golem zieht man einen Kreis, oder besser, man geht wie beim Ringelreihen der Kinder im Kreis herum, man kombiniert rhythmisierte Konsonanten und Vokale, die sowohl den inneren Kräften der Schöpfung wie den unterschiedlichen Teilen eines Organismus entsprechen. Ein Fehler in der Geschwindigkeit, im Rhythmus oder in der Harmonie wäre eine Katastrophe, denn er würde Schöpfer und die Schöpfung zerstören, indem er die Kräfte des Chaos wieder eindringen ließe.«

Den Autoren geht es in diesem Kapitel um die Entwicklung eines Vokabulars, das erlaubt, die komplizierten Dynamiken von Erneuerung und Stabilisierung in der Kunst, aber auch in der Gesellschaft zu fassen.1 Wie – so fragen sie – kommt das Neue in die Welt und wie – das ist vielleicht noch komplizierter – richten wir uns in einer modernen Welt ein, die stärker von Krisen und Umwälzungen geprägt ist als von Traditionen und sich wiederholenden Zyklen. Der wiederkehrende Refrain, das Ritornell, der Ringelreihen, sind Formen, die so viel Sicherheit geben, dass man dazwischen probieren kann, das Neue zu wagen. Ob die Autoren die Filmszene mit dem Golem und den tanzenden Kindern aus Paul Wegeners und Carl Boeses Film vor Augen hatten, ist schwer zu sagen. Was aber ziemlich sicher mitschwingt, ist Paul Hindemiths Kinderoper Wir bauen eine Stadt von 1930. Die Kinder gründen hier eine Stadt, in der es keine Erwachsenen gibt. In der Tradition des Arbeitsliedes werden die Tätigkeiten des Bauens rhythmisiert und musikalisch begleitet: »Gibst du mir Steine, geb ich dir Sand. – Holst du mir Wasser, rühr ich den Kalk.« Hindemiths Kinderoper ist in Anbetracht der im frühen 20. Jahrhundert von vielen erlebten Destruktionskraft des Technischen geradezu rührend naiv, was die Herstellung des Neuen betrifft. Die neue Stadt der Kinder »soll die allerschönste sein« und Einwohner*innen aus aller Welt beherbergen. Der Golem, wie er in die Welt kam inszeniert in allem das Gegenteil: den Horror der Verselbstständigung der menschlichen Schöpfungen, die Bedrohtheit und Verschlossenheit des Ghettos, (konfessionelle) Differenz als unüberbrückbares Problem. Und dennoch, endet der Film nicht auf einer hoffnungsvollen Note, eben weil eine zärtliche Geste – ein kleines Mädchen entfernt aus reiner Neugierde den Stern von der Brust des Golem – eine Wendung herbeiführt? Zumindest scheint die Möglichkeit eines friedlichen Lebens außerhalb des Ghettos und der Kontrollierbarkeit von Technik auf, wenn die Kinder auf und mit dem ruhenden Golem spielen. Mehr Optimismus war 1920 nicht zu haben. Völlig zu Recht.

Karin Harrasser ist Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. In den letzten Jahren hat sie an einer Kultur- und Theoriegeschichte der Prothese gearbeitet. 2014 habilitierte sie sich zu dem Thema »Prothesen. Figuren einer lädierten Moderne«. Gemeinsam mit Elisabeth Timm gibt sie die Zeitschrift für Kulturwissenschaften heraus.


  1. Gilles Deleuze/Felix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1993, S. 423. ↩︎

Filmstill aus dem Film Der Golem, wie er in die Welt kam: 16 Kinder halten an den Händen, Golem schaut zu

Filmstill aus: Der Golem, wie er in die Welt kam; Regie: Paul Wegener/ Carl Boese, Drehbuch: Paul Wegener/Henrik Galeen, Deutschland, 1920; Deutsches Filminsitut Frankfurt a.M./ Nachlass Paul Wegener - Sammlung Kai Möller

Zitierempfehlung:

Karin Harrasser (2016), Der Golem mit tanzender Kinderschar. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4699

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