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Der Golem, der ein gutes Ende nahm

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Emily D. Bilski

Über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten ist Michael David immer wieder auf die Golem-Legende zurückgekommen, als Thema und als Inspiration: mit einer Serie eindrucksvoller und kontroverser Leinwände in Hakenkreuzform, mit Selbstporträts, mit fotografischen Arbeiten und mit Mixed-Media-Werken, die die Grenzen der Malerei ausloten.

Der Gebrauch der Enkaustik – einer Maltechnik, bei der Farbpigmente mit heißem Bienenwachs gemischt werden – wurde zu einem Markenzeichen seiner Kunst. Er sieht in dieser Methode eine Analogie zur legendären Erschaffung des Golems aus Wachs, Erde, Lehm und Feuer. Dabei erwies sich die Enkaustik für den Künstler selbst als Golem: Er vergiftete sich an Gasen, die beim Erhitzungsvorgang entstanden, und war danach teilweise gelähmt. Dank intensiver Reha-Maßnahmen konnte er einige Zeit später wieder malen, doch eine gewisse Beeinträchtigung bleibt. Kunst schaffen kann, ebenso wie Golems schaffen, gefährlich sein, aber Künstler und Golem-Schöpfer lassen sich von dem Risiko nicht abschrecken. Das transzendierende Wesen des Kunstschaffens und der schöpferische Drang von Künstlern ähneln der Sehnsucht nach einer Verbindung mit dem Göttlichen, einer Sehnsucht, die Mystiker antreibt, Golems zu erschaffen. A Cluster of Blessings (»Ein Bündel Segnungen«) verkörpert in seiner Bildlichkeit und in seinem Entstehungsprozess gleichermaßen die transzendenten wie die zerstörerischen Aspekte der Golem-Schöpfung. Den Titel der Arbeit übernahm David aus den Schriften des buddhistischen Lehrers Nichiren Daishonin, der in einem Brief aus dem Jahr 1280 die Erleuchtung als »den Ort des Bündels der Segnungen, wo die Buddhas und Bodhisattvas weilen« beschrieb.

Für den Holzuntergrund des Bildes fügte David ältere Arbeiten neu zusammen. Und um die belebte Oberfläche zu erzeugen, brachte er darauf ein Sammelsurium von Gegenständen an, das zehn Jahre seiner Atelierarbeit widerspiegelt; darunter leere Farbtuben, Tuch- und Kleidungsfetzen, Pinsel und Stiele sowie Blumen, die ihm seine Schülerinnen und Schüler im Lauf eines Jahres aus ihren Gärten mitbrachten. Indem er sie mit Farbe, Wachs und Harz übergoss, vereinte er diese disparaten Bestandteile.

Später setzten der Künstler und einige seiner Freunde das Bild dem Feuer aus, wobei der Brand außer Kontrolle geriet und wie ein Amok laufender Golem das Werk fast verzehrte. Zum Schluss wurde es noch ein Jahr lang in ein Feld gelegt und den Launen der Natur überlassen. Jeder dieser Vorgänge bedeutete eine Verwandlung der Materialien im Dienst der Schaffung eines Kunstwerks, das für David zugleich Golem und Anti-Golem ist und das er als »einen Golem, der ein gutes Ende nahm« bezeichnet.

Die Segnungen, auf die der Titel hinweist, kann man als jene auffassen, die David in den Jahren seiner produktiven Arbeit zukamen, als Künstler, Lehrer und Mentor, unterstützt von einer engagierten Gemeinschaft. Zwar erinnert die versengte Oberfläche des Bildes an den Tod, doch wie bei einem Waldbrand, der den Weg für neue Generationen von Bäumen frei macht, blitzen in den Flecken leuchtender Gelb- und Orangetöne Anzeichen einer Wiedergeburt auf. Thema und Schaffensprozess sind hier vereint. Davids Arbeit ist – wie die Geschichte des Golem – eine leibhaftige Transformation. A Cluster of Blessings wurde aus Materialen erschaffen, die von Feuer und Natur verwandelt wurden, letztlich aber entstand es durch die Hand, das Auge und den Geist des Künstlers.

Emily D. Bilski ist Kunsthistorikerin und arbeitet hauptsächlich über die Schnittstelle zwischen Kunst, Kulturgeschichte und jüdischer Erfahrung in der Moderne sowie über zeitgenössische Kunst. Sie arbeitet als Kuratorin und Beraterin von Museen in den USA, Europa und Israel. Für ihre Publikationen Berlin Metropolis: Jews and the New Culture: 1890-1910 (1999) und Jewish Women and Their Salons (2005) gewann sie jeweils den National Jewish Book Award.

Detail von Michael Davids Kunstwerk A Cluster of Blessings

A Cluster of Blessings
Michael David, USA, 2008–2015
Öl, Wachs, Harz, Erde, Draht, Blumen, Holz, 182,88 x 243,84 cm

Zitierempfehlung:

Emily D. Bilski (2016), Der Golem, der ein gutes Ende nahm. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4695

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