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Golem und ein kleines Mädchen

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Helene Wecker

Ich kenne eine Frau, eine verrückte Frau voller Illusionen, die an die natürliche Weisheit von Kindern glaubt. Für sie sind Kinder Orakel, die in heiliger Unschuld sprechen und handeln, frei von den Fehlern, die sich an uns heften wie eine Lehmschicht, wenn wir älter werden: den Anpassungen und Indoktrinationen, den Mehrdeutigkeiten und Zynismen. Unsere Kinder könnten die ganze Welt in Ordnung bringen, sagt sie, wenn wir sie nur ließen, wenn wir bloß auf sie hören würden. Während sie das sagt, schrillt durch das offene Fenster das Geschrei ihres eigenen Nachwuchses, das neueste Scharmützel in ihrem Krieg.

Natürlich machen wir uns Sorgen um unsere Kinder. Wir fürchten, dass wir *diesmal*, in *dieser* Generation, wirklich zu weit gegangen sind. Die Monster, die wir geschaffen haben, werden unter den Kindern Amok laufen. Also erfinden wir Geschichten, in denen Kinder durch ihre Unschuld, ihre Schuldlosigkeit gerettet werden. Vor langer Zeit schickten wir sie in den Kampf gegen als Großmütter verkleidete geifernde Wölfe und gegen bucklige Hexen in Lebkuchenhäusern. Dann schrieben wir Märchen, in denen sie der Erde selbst entfliehen müssen, die wir, ihre schuldbeladenen Vorgänger, umgestaltet und unterworfen haben – selbstverständlich mit den besten Absichten.

Ich weiß, warum wir diese Geschichten erzählen. Sie haben die Macht, uns zu trösten und sogar einen Weg in die Zukunft zu weisen. Manchmal jedoch kann Eskapismus zu Selbsttäuschung werden, zu einer moralischen Unfähigkeit, die Wahrheit auszusprechen. Die Monster, die wir geschaffen haben, werden nicht durch Unschuld gestürzt. Ich schaue auf meine eigenen Kinder und bete, dass sie gegen die Monster kämpfen und siegen werden. Aber ich frage mich auch, welche Monster sie selbst dabei erschaffen werden.

Helene Wecker ist eine US-amerikanische Schriftstellerin. Sie arbeitete viele Jahre in Kommunikations- und Werbeagenturen und studierte später Kreatives Schreiben an der Columbia University. Ihr erster Roman The Golem and The Jinni erschien 2013. Die Fortsetzung des Romans ist für 2018 geplant.

Filmstill aus dem Film Der Golem, wie er in die Welt kam: kleines Mädchen steht vor dem Golem, reicht ihm Ball

Der Golem, wie er in die Welt kam (Filmstill)
Regie: Paul Wegener/ Carl Boese
Drehbuch: Paul Wegener/Henrik Galeen
Deutschland, 1920
Fotografie, 24 x 30 cm
Deutsches Filminstitut Frankfurt a.M./ Nachlass Paul Wegener - Sammlung Kai Möller

Zitierempfehlung:

Helene Wecker (2016), Golem und ein kleines Mädchen. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4701

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